"Fantasie ist ungesund"

Vor bald 10 Jahren, in einem anderen Beruf, in einem anderen Leben, hatte ich regelmässig - alle 1 bis 2 Monate - Magenverstimmungen. Ich nannte sie "psychotische Magendarmgrippe". Ich war ein bis zwei Tage "ausser Gefecht", ich kotzte mir alles aus dem Magen und aus der Seele, was ich gegessen hatte und schlucken hatte müssen.

 

Das Leben schlug mir buchstäblich auf den Magen. Mein Körper solidarisierte sich mit meiner Seele, wenn du so willst.

 

Ich weiss noch, wie ich die Kloschüssel umarmt habe in diesen Nächten, meist in der Morgenfrühe. Es waren schöne Momente. Momente der Erheiterung, der Befreiung.

 

Natürlich - als Mensch, der schreibt - habe ich versucht, dies auszudrücken. Damals schrieb ich noch "Verse", dachte in Metren und Reimen. Davon habe ich mich heute vollständig und Gottseidank befreit. Das waren Hindernisse, Einschränkungen. Eines meiner Gedichte, das nach so einem "Anfall" entstanden ist, will ich hier anführen. Es ist inspiriert von Pasternaks grossartigem Gedicht "Definition der Dichtung". Auch das übrigens etwas, was ich heute nur noch sehr selten tue: ganze Gedichte als Inspiration heranziehen… Aber ich will hier nicht über meine poetische Entwicklung reden, das kann ein andermal geschehen… Immerhin ist dieses Gedicht mehr als 10 Jahre alt…

 

Fantasie

 

Das ist – ein Bedürfnis nach frischer Luft.

Das ist – erste Gase aus andern Sphären.

Das ist – wie bei Fallsucht die Nerven-Kluft.

Das ist – tief im Darmkanal werkeln Scheren.

 

Das ist – eine Flutwelle stürmt herbei.

Das ist – grüne Sterne verkünden Taumel.

Das ist – plötzlich gurgelt und dringet, hei!

Der schönste Belkanto aus meinem Gaumen!

 

Und wie die kalte Kloschüssel ich umarme,

Und schweiss-zitternd Magensaft aus mir belle,

Bereits lächelnd speichelig mich erbarme,

Da kommt mir Erweckungserlebnishelle:

 

Wie Bahm sagte, alles ist aussen, nichts

Bleibt drin: Zum Verenden die Taube kriecht

Heran, legt vor Haustüren sich. Genarrt

Seid Ihr, raus muss alles das, Herr Descartes!

 

Ich begann zu begreifen, wie nahe Krankheit mit der schöpferischen Tätigkeit verwandt ist. Wiederum steht mir hier natürlich Dostojewski Pate.

 

Und ich möchte - gerade in diesen Pandemie-Zeiten - auf keinen Fall das körperliche und seelische Leiden von wirklichen Kranken oder von schwer oder unheilbar erkrankten Menschen klein reden oder gar Gott behüte! auf eine Vergeistigung des Leidens (im Sinne von: dadurch wirst du ein besserer Mensch, besinnst dich auf den wahren Sinn des Lebens, etc.) hinarbeiten. Nein, das ist mir fern. Ich stand selbst schon am Rande des Lebens, da ist kein Zuckerschlecken. Nein danke. Aber ich wage mich gerade sehr gerne auf die äussersten Äste des Zumut- und Sagbaren hinaus…

 

Doch zum Beispiel an Fieber zu zittern und schwitzen, das ist für mich der Inbegriff von schöpferischem Prozess. Du könntest also sagen, eine milde Grippe ist genau wie die Fantasie.

 

Ein Zustand der Erregung, ein Zustand der inneren Abwehr: Nur nicht darüber nachdenken, was wäre, würdest du dein Leben wirklich ändern, schlimmer noch: als müsstest du dein Leben wirklich von Grund auf ändern!

 

Zeit meines Lebens wurde ich als "Träumer", als (wie meine Tochter sagt) "Freak" bezeichnet und behandelt. (Oh, über die Schmerzen darüber bin ich schon längst hinüber: in dem Moment, wo du die Fremdbezeichnung annimmst und sie für dich positiv denkst, bist du längst schon dem  überlegen, der dir ein negatives Bild zuschreibt…) Von meinen Eltern über meine Lehrer*innen über meine Freund*innen bis hin zu meiner Frau, meinen Kindern - dass der Füglister ein wenig "komisch im Kopf" ist, das ist doch nun mal ein harter Fakt.

 

"Zu viel Fantasie ist ungesund", das ist so ein Spruch, den ich nur allzu oft gehört habe. Ich habe dem immer entgegen gehalten, was meine Oma selig immer gesagt hat: "Einbildung ist auch eine Bildung".

 

Aber zurück zum Thema Krankheit. Krankheit, habe ich mit Susan Sontag gelernt, ist immer auch Metapher: sie steht  - in den Augen der (vermeintlich?) Gesunden zuerst und später vielleicht sogar in den Augen der wirklich Kranken - immer für etwas anderes. Für etwas anderes, das entweder nicht in den "courant normal" passt oder aber schlicht nicht "erkannt" werden kann. So ist - wie Sontag darlegt - die Krankheit immer ein Symptom für etwas tiefer Liegendes, Fehlerhaftes: für allzu grosses Begehren (Tuberkulose) oder für ein "In-sich-hineinfressen" und für eine sorgenvolle Trägheit (Krebs).

 

Für mich hat Krankheit mit der Erkenntnis zu tun. Schon für Dostojewski war der Moment des Fallens eines Epileptikers ein Moment der maximalen Lebensbewusstheit, der Lebenserkennung; auch wenn der Kranke sich häufig danach an nichts Erkanntes oder "Gewusstes" mehr erinnern kann. Deshalb auch ist für mich der Moment des Schreibens ein sprichwörtlich "kranker Moment": nicht nur tust du etwas, dessen Sinn den meisten Menschen unklar bleibt und bleiben wird, mehr noch bist du in diesem Moment "nicht nutzbar" für Wirtschaft und Mitmenschen. Du tust etwas Widersinniges, etwas "Nicht-Normales": du setzt dich von der Umgebung ab, isolierst dich (wie wir alle jetzt gerade) und gehst in dich und in die Sprache ein. Es ist wie Fieber, und danach bist du neu wie noch nie, wenn auch schwach und erschöpft.

Zwei Schüsse, Brüssel im Juli 1873

Als von Proust durch und durch geprägter Leser und Denker sind für mich einige Fakten zum Schreiben gegeben:

  • Nur aus dir kann es kommen: Von meiner ersten bewussten und durchdachten Lese-Erfahrung mit C.F. Ramuz - ich war etwa 14, 15 Jahre alt - stammt die Erkenntnis, dass ein Stoff aus mir selbst kommen soll; er muss nicht meine Erfahrung oder meine Erlebnisse wiederspiegeln, sollte aber von mir verstanden und nach-erlebt sein. Das bedeutet sowohl eine Einengung als auch eine Befreiung mit Bezug auf die Stoffwahl:
    • Erzähle nicht von dir: Befreie dich von deiner eigenen Geschichte, finde deine Geschichte in der Geschichte eines/einer anderen. Verwandle dich ihr oder ihm an.
    • Erzähle nur von dir: Alles, was du schreibst, muss von dir sein. Alles, was du auszudrücken versuchst, sollte in dir einen Grund, einen Ursprung finden.
  • Innere Recherche: Das Recherchieren hat mir nie gefallen; vielleicht bin ich dafür einfach zu faul. Tatsachen und Fakten sammeln, Personen interviewen, Sachbücher lesen: zu viel des Aufwands, so scheint mir selbst heute noch. Auch wenn ich inzwischen regelmässig Fakten recherchiere und aus Sachbüchern Informationen zusammentrage. - Wichtiger scheint und schien mir die Recherche auf "innere Richtigkeit" und "Stimmigkeit" des Erzählten, Gedichteten. Will heissen, in allen Darstellungen, Beschreibungen etc. genau und konkret zu arbeiten, nicht im Ungefähren (in Gedichten mit Hülsenwörtern, in Erzählungen mit unklaren oder unerklärlichen Plotverläufen), sondern ganz und gar "durchdacht". Das nenne ich bei mir "innere Recherche".
  • Wut oder Zorn ist Öl ins Feuer, Demütigung erhebt: Das liegt vielleicht daran, dass ich in meinen beeinflussbarsten Jahren Dostojewski gelesen habe. Darin habe ich "erfahren" (denn lesen verleiht genauso Erfahrung wie eigenes Erleben), was für ein Treiber und Motor die Demütigung und die Wut (über Ungerechtigkeit, über Lebensumstände, etc.) sind. - Im eigenen Leben ist mir vor allem in den letzten Jahren klar geworden, wie wichtig solche erniedrigende und wütend, durchaus auch verrückt machende Ereignisse sind: nur daran - so scheint es mir - lässt sich gut, will heissen in einem Sinne des heilsamen Wachsens, reifen. Diese beiden Emotionen oder Emotionszustände - denn gottseidank dauern Emotionen nur in den seltenen Fällen von Depression oder anderen psychischen Krankheiten länger an - weiss ich seit Anfang zu nutzen; ich werde niemals auf sie verzichten, denn sie gehören zu mir wie die Farbe meiner Augen!

 

Hin und wieder triffst du auf Ereignisse, die dich treffen und faszinieren. Sie sind dir nicht geschehen, aber sie sprechen direkt zu dir.

So bin ich vorgestern Abend bei der Lektüre der Korrespondenz Arthur Rimbauds auf den berühmten Vorfall vom 10. Juli 1873 gestossen, 14.00 Uhr in Brüssel. - Als Liebhaber von Rimbauds Gedichten und Prosatexten sowie als Kenner seiner wichtigsten Lebensumstände war mir dieses Ereignis zwar bekannt.

 

Doch in der Korrespondenz (herausgegeben von Jean-Jacques Lefrère, erschienen bei Matthes & Seitz Berlin) werden nun alle dazugehörigen Schriftstücke aufgeführt: Protokolle, Gerichtsverhandlungen, Zeugenaussagen, Arztzeugnisse, etc. Das belebt das Ereignis vielseitig, es engagiert dich aber auch persönlich: du musst dich einfühlen, mitdenken, die verschiedenen Stimmen einordnen, priorisieren, etc. - Kurz: der Traum jedes Historikers, der (besonders als Mittelalterhistoriker!) aussergewöhnlich gerne Quellen findet und interpretiert…

 

Die Grundrisse dieses Ereignisses, das mich jetzt - mehr noch als die gestrig geschilderte Stimme - zum Schreiben ruft, sind folgende:

  • Rimbaud und Verlaine leben fast ein Jahr gemeinsam in London. Es kommt zu einem Streit. Es ist unklar, was der Grund für den Streit ist. Biografen vermuten die Eifersucht Verlaines.
  • Verlaine flüchtet nach Brüssel (als Teilnehmer des Aufstands der Kommune 1871, nach dem Deutsch-Französischen Krieg, ist er ein politischer Flüchtling und kann nicht nach Paris zurückkehren), wo er seine von ihm getrennt lebende Frau mit einer Selbstmorddrohung zu sich zu rufen versucht: Kommst du nicht, bringe ich mich um.
  • Alarmiert von diesen Signalen, reist die Verlaines Mutter ebenfalls nach Brüssel. Sie hat übrigens die beiden Bohémiens die ganze Zeit finanziell über Wasser gehalten. Sowohl die Mutter wie die Ehegattin sind gegen Rimbaud eingestellt; sie betrachten die Beziehung als eine Liebes-, ergo "Päderasten"-Beziehung.
  • Verlaine ruft - Rimbauds Darstellung ist da glaubwürdiger - den erst 19-jährigen Rimbaud aus London zurück. Es findet keine wirkliche Versöhnung statt. Rimbaud, der nicht politisch verfolgt ist, will zurück nach Paris.
  • Betrunken und umnebelt, kauft sich Verlaine eine Pistole und schiesst im Vollrausch oder im Affekt (das bleibt unklar) zweimal auf seinen Freund, verwundet ihn aber nur leicht am rechten Handgelenk. Verlaines Mutter und er selbst begleiten den Verwundeten ins Spital.
  • Verlaines Mutter - ich stelle mir vor, sie will den "bösen Engel", wie sich Rimbaud oft selbst bezeichnet, schnellstmöglich los werden - leiht Rimbaud 20 Francs. Gemeinsam begleiten sie und ihr Sohn den jungen Mann zum Bahnhof.
  • Dabei sieht es in den Augen Rimbauds plötzlich so aus, als wolle Verlaine nochmals die Pistole zücken und auf ihn schiessen. Er macht kehrt und läuft zu einem Polizisten.
  • Dies setzt den ganzen Prozess erst in Gang. Verlaine wird im Anschluss des Prozesses zu zwei Jahren Haft verurteilt. (Dass dieser Prozess ihn verändert hätte, lässt sich kaum annehmen; seine Gedichte wurden vielleicht religiös angehaucht, aber Tobsuchts-Anfälle und Verblendung begleitete ihn, soweit ich das sehen kann, bis an sein Lebensende.
  • Rimbaud kehrte daraufhin nach Frankreich zurück. Dort hat er vermutlich seine "Saison en enfer" beendet. Er wird noch ungefähr ein Jahr lyrisch tätig sein und dann für immer "verstummen".

 

Diese Geschichte bietet so viele Deutungs- und Sinnlücken, dass sie sich sozusagen dringlich der Interpretation anbietet. Für mich drängt sich eine Novelle auf, um diesen Stoff zu verarbeiten.

 

Ich fühle mich persönlich getroffen von:

  • Der Schwierigkeit einer Liebesbeziehung (mit Altersunterschied in diesem Fall) in finanzieller Notlage und gegen die herrschenden Vorurteile der Gesellschaft und Zeit
  • Der verdreherischen Art von Verlaine und seiner Mutter
  • Der für einmal unglaublich ruhig-rationalen und fast empathisch reagierenden Mutter von Rimbaud (die in der Mehrheit der sehr männlichen Rimbaudforschung meistens als Monster dargestellt wird, als herzlose und machtgierige Person)
  • Der Ungerechtigkeit, die im Laufe des Prozesses beiden Handelnden widerfährt
  • Der Spannung zwischen zwei Dichtern, obwohl nicht klar ist, wie sehr die beiden sich verstanden haben in Punkte Poetik.

 

 

Sollte es also tatsächlich dazu kommen, dass ich die gestern skizzierte Stimme nochmals in die Wüste rufen lasse (oder in den Wald), nochmals Ablenkung davon suchen, ausweiche und mich an eine andere Story mache - ich werde in beiden Fällen die drei fundamentalen Punkte, die ich eingangs geschildert habe, notwendigerweise zu beachten haben.