Verzweiflung

Ein Wunsch verschlossen

Für die Zeit des Unwollens oder

Den Anstandspickel aus Zahlungen und

Lügentrümmel. Ich kann nicht 

Vom Vergnügen und den Tagen reden:

Eine Jugend der Fülle kriecht

Den Rereferenznummern auf den Leim.

 

Ich plane nichts. Die Wucherungen fortgeschrieben

In handwerklich hergestellten Eiern

Unterm fruchtbaren Hacken der Schreibmaschinen. 

Ein Trumm Wolken bricht hinunter

Aus der Schwellung der Nacht. 

 

Kein Wunder mahnt mich alles

An die Wunder der Regenmärsche

Und die schlagenden Argumente 

Meines zerrissenen Zelts. 

Ich will ja nur die Güte der Ergebung

Prüfen im Taumel der Entbehrung. 

 

Die Fülle des Mankos ist auch

Einer wehrhaften währschaften Lüge näher

Als jede noch so gespenstische Herzverlötung. 

Werden eines Gedichts. Poetik

  1. ein gedicht ist arbeit. 
  2. diese arbeit geschieht im moment. das gedicht geschieht selten in der dauer: eine längere bearbeitung vermindert seine kraft. (hier gilt das prinzip der "ersten begegnung": der erste eindruck - im fall des gedichts der erste ausdruck - prägt nicht nur, er stimmt.)
  3. die begegnung mit dem moment findet im wort statt. 
  4. das wort (oder die wörter) ist vor allem (anderen) da: bringt alle parameter für die stimme des gedichts mit sich; ist der stein, der ins rollen bringt. 
  5. in diesem moment geschieht die hereinnahme des äusseren in das innere, denn das wort ist aussen: ein herangetragener und aufgefangener laut oder ein unerwartetes und ansprechendes zeichen. was aussen ist, dringt hinein: plötzliche durchlässigkeit, das ist inspiration. 
  6. in diesem moment der durchlässigkeit werfe ich das innere nach aussen durch das wort. 
  7. treffen die beiden aufeinander, entsteht ein gedicht. 
  8. in diesem moment beginnt die arbeit. ein festhalten des moments einerseits: ich als fotopapier und fixiermittel zugleich. ein erfinden des moments andererseits: vergegenwärtigung des vergangenen.
  9. fotopapier: ich nehme an und auf.
  10. fixiermittel: ich wähle aus und stoppe einen prozess.
  11. eine vergegenwärtigung im einfachen sinn: bereits vergangen, aktiviere ich das eigene erleben noch ein mal. 
  12. weit häufiger aber eine vergegenwärtigung im doppelten sinn: aktiviert der moment eine erinnerung, entsteht diese neu mit aller erfahrung (und einer kraft), die ihr "damals" gefehlt hat (eine doppelbelichtung).
  13. das wort ist dabei hilfe und hindernis. daher die arbeit.
  14. das wort ist dabei mittel und ziel. daher die arbeit.
  15. die arbeit: erzählung und biografie verhindern. 
  16. die arbeit: erfahrung und erleben komprimieren. 
  17. die arbeit: geheimnis und erleben gründen. 
  18. die arbeit: sicherheit und authentizität üben.
  19. die arbeit: durchlässigkeit und kenntlichkeit herstellen für die leserin. 
  20. der neue moment namens gedicht: eben gehörte er noch mir. 
  21. das gedicht aber siegelt den moment, verschliesst ihn mir. 
  22. im gedicht und durch das wort entsteht der initial-moment ein weiteres mal und, wird er zum nicht mehr gestaltbaren und nicht mehr rückholbaren fremd-moment, der mit mir nichts mehr zu tun hat, muss hinausgetragen werden. 
  23. hinausgetragen werden muss der moment namens gedicht, weil er über das wort, das allen gehört, zu dem alle fähig sind, an allen und allem teil hat. 
  24. hinausgetragen werden muss der moment namens gedicht, weil ein produkt entstanden ist, das für andere zum initial-moment werden kann.
  25. hinausgetragen werden muss der moment namens gedicht, weil er im (erarbeiteten) zusammenspiel der wörter (und ja, auch bilder) eine lebensform geworden ist.
  26. „A un moraliste hypochondriaque qui blâme l’artiste de vouloir briller monsieur Songe répond qu’il n’est point d’oeuvre d’art sans le désir de notoriété de son auteur.“ (Robert Pinget, Monsieur Songe)

Rollen der Köpfe