Twitter-Roman oder 1 Satz / Tweet

Er öffnet die Türe, wie man eine Türe öffnet, die in ein Zimmer führt, das man kennt. / Seine vom Alltag getriebene Mimik + Gestik hatte sich vom innern Geschehn gelöst + eine 2. Person geformt. / Diese stiess nun die Türe auf, die sich öffnen liess. / Diese auch rief noch im Öffnen ihren Namen. / Ihr Name verhallte in den Räumen, verhallte ungehört, unbeantwortet. / Unberührt davon hing er seine Jacke auf, verstaute seine Schuhe im Kasten, begann zu pfeifen. / Dass sie schwieg, war ihm nichts Besonderes, es war ihre Ausdrucksform. / In der Küche liess er Wasser laufen, bis es kalt war, beugte sich über die Spüle und trank ohne Glas. / Die sauber aufgeräumte glänzende Küche gefiel ihm nicht. / Sie putzte nur in äusserstem Selbstmitleid. / Meist hatte sie dann einen ganzen Tag auf ein Wort gewartet, das sie „einfach brauchte“. / Sie war ihm dann fremd, aber nicht unbekannt, anders, aber verwandt. / Doch das war eine Lebenslüge, die er noch nicht erkannt hatte. / Er dachte nicht über Lebenslügen nach, alles schien ihm immediat und vor allem offen. / Offen im Ausgang wie im Beginn, aber auch das war sehr unbestimmt. / Im Streit kam es manchmal hoch, wie Mundgeruch blieb es wochenlang. / Bis er sich „wiedergefunden“ hatte, was sie stets belächelte. / Jetzt aber lässt er den Blick schweifen, denkt nichts. / Nichts denken war zwar keine Kunst, aber sehr männlich, fand er. / Er dache nichts und liess die Augen auf dem Kühlschrank ruhen. / Dort hingen wie immer Fetzen Papiers, von Magneten fixiert. / Ihre Gedichte, die sie dort „trocknen“ liess, wie sie das nannte. / Stritten sie sich, meist in der Küche, stellte sie sich schützend davor. / Er liebte es, wie sie so wehrlos etwas Wehrloseres und Unbedrohteres zu retten bemüht war. / Unbedroht, ja – wer von beiden drohte denn? / Alle Ehen sind gleich unglücklich, nur jede auf ihre Weise. / Was er nicht sehen konnte (wollte), sah sie. / Was sie nicht sehen konnte (wollte), sah er. / Er erhob sich und ging auf den Kühlschrank zu, der leise keuchte. / Sorgfältig las er jeden Fetzen, ging dann in die Knie, um den untersten zu entziffern. / Sie sprachen nicht zu ihm. / Er nahm sich ein Bier, - wie er das Zischen liebte beim Öffnen! / Er trank in gierigen Schlücken; man ist immer durstig, pflegte er zu sagen. / Durstig nach mehr, durstig nach Wissen, durstig nach Ruhe, durstig nach Reichtum, durstig nach Sex. / Doch davon verstand er nichts, das war eine Redensart. / Er glaubte inzwischen daran, so oft hatte er es aus ihrem Mund gehört. / Er dachte nicht gerne nach, das stimmte. / Denkt man nach, wusste er, stösst man auf Dinge, die man besser gelassen hätte. / Auf Dinge, die einen nicht reicher noch ärmer machen, aber gewiss verlorener. / Er presste die Büchse zusammen, eine männliche Geste der Überheblichkeit. / Die in Wirklichkeit lediglich Geste war und nicht mehr, Oberfläche und Klang. / Er wedelte mit der Büchse durch die Luft, um sich nicht zu verlieren und ging ins Schlafzimmer, mit den schwarzen Bildern. / Sie hatte sie einmal in einer Ausstellung gesehen, sie liebte das Dunkle, hatte sie gesagt. / Das Dunkle stand ihr vermutlich für das Weiche, das Unnahbar-Erahnbare, wie sie sich ausdrückte. / Er betrachtete das ungemachte Bett und lächelte zufrieden. / Er liebte ungemachte Betten, sie wiesen für ihn auf Hände auf seinem Bauch! / Ja, die Zeit war vorbei, und er grinste gegen die Decke hinauf. / Als er sich nach einer Weile aufrichtete, kam durch das Fenster der orange Schein einer Laterne. / In der Wohnung herrschte absolute Stille, wie auf dem Mond, dachte er. / Jetzt erst wanderte er auf und ab in der Wohnung, auf der Suche nach ihr. / Er hörte den Anrufbeantworter ab, - seine Schwester hatte angerufen, sonst niemand. / Auch so eine gescheiterte Existenz... / Im Haus hörte man das wiederholte Seufzen des Lifts. / Wenn sie weg war, sie – war sie das vorübergehend oder andauernd? / Eine glasklare rhetorische Frage. / Er öffnete das Fenster zur Strasse und genoss die Brandung der Strasse. / Wie hatte Brel geschrien: C’est dur de mourir au printemps, surtout quand on aime les lilas.“ / Er wartete auf etwas, einen Theatercoup, eine Gewohntheit oder Gewöhnlichkeit, einen Nuklearvorfall. / Zitterten seine Hände – hatte sie begonnen zu zittern? / Weshalb zitterten sie so, und so plötzlich? / Faustmachen half nichts, dann bebten seine Unterarme. / War sie gegangen oder war sie gegangen worden? / Worden, das war für sie der wichtigste Zustand des Lebens: man dachte ohne eigene Handlung. / War sie verschwunden, verschollen (ihr Lieblingswort)? / Niemand konnte ihm antworten und ganz Europa teilte sein Erstaunen. / Auch hier: er war ganz durchtränkt mit ihren Sprüchen und Zitaten. / Er begann die Schränke zu kontrollieren. / Diese waren intakt und voller Chaos. / (Zog sie sich an – dies in raren Momenten der „Veräusserung“, - flogen im Zimmer Kleidungsstücke in allen Richtungen.) / Ihre unzähligen Perlen-Ketten, die sie sammelte, lagen in einer Ecke des Zimmers, ineinander verschlungen. / Weshalb erschien ihm jetzt alles so voller Erinnerungen? / Weshalb schien ihm jetzt alles so endgültig? / Es war wie ein Fluch, er konnte sich nicht befreien von diesen Déjà-vus. / Hatte sie wirklich die Kraft gehabt, ihn zu verlassen. / Kraft, das war nicht ein Begriff, der ihr entsprach – Biegsamkeit, ja. / Er holte sich den Hörer des Telefons und wählte die Nummer ihres Vaters. / Dieser hatte sich immer, auch für ihn, als Refugium der Ruhe und Sinnlosigkeit bezeichnet. / Als einen Ort, an dem alle Obligationen von einem abfielen wie Blütenblätter. / Ein Knacken in der Leitung. / Ja? – Hallo, ich bin es, ist sie bei dir? / Abgehauen, was, die junge Dame?, fragte die heisere, warme Stimme am andern Ende. / Man konnte sein Grinsen plastisch fühlen. / Du bist gefangen in Dir, sagte der Alte, du bist ein Mann, du musst Frau werden. / Was das jetzt wohl heissen sollte? / Er brach in Lachen aus und spürte Tränen quellen. / Der Vater hustete in die Leitung und sagte dann: Wahrscheinlich schlüpft sie endlich. / Schlüpfen? Könnt ihr nicht mit gewöhnlichen Wörtern operieren? / Wir wollen jetzt nicht über Gewöhnlichkeit reden, mein Sohn. / Es ist schlimm genug, dass du darin verstrickt bist, mümmelte der Alte. / Er versuchte ihn sich vorzustellen, wie er bei sich, im Ohrensessel versunken, wächsern die Tage verbrachte. / Er räusperte sich und fragte erneut: Wo ist sie? Hat sie dir was gesagt? / Seit wann sagt sie uns Männern etwas? / Der Alte hustete lachend, lachte hustend. / Ohne sich zu verabschieden, legte er den Hörer auf. / Es war immer so: brauchte man wirklich Hilfe, verschwor sich alles gegen einen. / Er bewegte sich zum Kühlschrank, - fast schien es ihm, nur um sein Licht angehen und leuchten zu sehen. / Er entnahm ihm nichts. / Daraus kam der süssliche penetrante Geruch ihres Lieblingskäses au Calvados. / Nochmals betrachtete er die bezettelte Tür des Kühlschranks. / Er entdeckte einen Zettel, der ganz in roter Tinte beschrieben war. / Er war ihm vorher nicht aufgefallen, aber war er vorher schon dagehangen? / Er konnte entziffern: Man verreist nicht. – Nehmen wir die hiesigen Wege wieder auf, beladen mit meiner Sünde - / Dann hatte sie Reimpaare zu notieren begonnen. / Liebe – Bünde, Gründe – künde, Säle – Pfähle, Rasten – chassten. / Worte, Worte, Worte, brummte er, das war ihre Welt. / Auf der Hinterseite des Fetzens war notiert: Gehen heisst Ankommen, danke für die Gesellschaft, der ich dich enthebe. / Er musste einen Lachkrampf unterdrücken und zerriss das Blatt. / Unklar, ob das ihn meinte, ungewiss, ob das eine Aussage war. / New-Age-Weisheiten – wenn sie schlechter Laune war, konnte sie wie Lennon reden. / Er dachte an die Pfirsiche ihrer Brüste, an die Sommervogel-Haut ihrer Lenden. / Er erinnerte sich ihres feinen Singens beim Teebrühen, ihres morgendlichen Handstandes. / Nein, man verreist nicht, und selbst dann bleibt man domiziliert. / Und Seladier, fügte eine Stimme hinzu in ihm. / Er drehte sich langsam um, als stehe jemand in seinem Rücken. / Die offene Türe, dunkel hinaus in den Flur, schien wie ein geblähtes Segel. / Da klingelte das Telefon, das er sich in die rechte Hosentasche gesteckt hatte. / Er zuckte zusammen in einem fast kindlichen Reflex. / Der Apparat entfiel seinen Händen, glitschig und leicht. / Da lag er, auf dem Küchenboden, und plärrte weiblich „Hallo? Hallo?“ / Keuchend bückte er sich und sagte mit erstickter Stimme: „Ja?“ / „Bist du gerannt, Markus?“, sagte die Frauenstimme; es war keine Frage. / „Nein...“, brachte er hervor, „wer sind sie?“ / Ah, - ein klares Lachen, - du erinnerst dich nicht an meine Stimme? / Er stand mitten in der Küche, schweissüberströmt. / Patricia?, fragte er mit seiner zitternden Stimme. / Ja, Markus; wieder dieses klare ehrliche Lachen. / Seine Schwester? / Kannst du sprechen, fragte die Stimme. / Er schluckt etwas hinunter, das ihn am Sprechen hindert. / Die eigene Souveränität wiedererlagen! / Das Sprechen ist ein Akt des Willens, sagte die Stimme. / Er krächzte ins Telefon: Du bist nicht Patricia. / Ich kenne ihre Stimme nicht. / Niemand kennt die Stimme der andern, Markus. / Noch so eine vollkommen nichtssagende schön klingende Platitüde, und er hinge auf. / Ich kann sprechen, flüsterte er. / Bist du allein? / Ich bin mit mir, fiel ihm ein. / Aber er sagte nur, ich glaube, ja. / Er fühlt sich merkwürdigerweise befreit. / Als habe er Ballast abgeworfen. / Er beginnt zu kichern. / Das Kichern zeigt ihm selbst, dass er der Realität abhanden zu kommen droht. / Meine Frau flieht flatternd in die französischen Abschiede, hört er sich sagen. / Sie hat mich ausgehalten, und das sagt ja alles. / Hat sie dir was hinterlassen ausser deiner Verwilderung und deiner Verstörung?, fragt die Stimme. / Er schwieg lange, die Zeit rauschte in der Muschel und in seiner Brust. / Er dachte an die Tauben im Park mit ihren Tänzen und ihrem Kreiseln. / Niemand hatte ihm gesagt, dass ein Verlust berauschen konnte. / Der Fall der Bastille, sagte die Stimme, als läse sie seine Gedanken. / Nach langem Schweigen sagte er leise: Was wollen Sie eigentlich? / Das Kichern, darauf knackte es in der Leitung, dann der Summton. / Er liess sich auf einen der Stühle sinken. / Das Gefühl eines verwehten Rausches liess ihn frierend die Achseln zucken. / Er stützte kurz den Kopf die Hände. / Ihm war speiübel, aber daran war er inzwischen gewohnt. / Die Hektik seines Lebens, die sich (für ihn) wohltuend von ihrem abhob... / Was tun? / Was tun? / Hatte er jemand, den er um Hilfe bitten könnte? / Die einzigen Freunde, wenn man sie als solche bezeichnen konnte, waren auf einem andern Kontinent. / Figürlich gesprochen. / Fast instinktiv wählte er die Nummer seiner Schwester. / Niemand zuhause. / Legte sich in ihm da nicht etwas, das seinen schrecklichen Kopf gehoben hatte? / Er war müde, so müde. / Er wacht auf dem Küchenboden auf, die Sonne bescheint seine nackten Füsse. / Wer zum Teufel hatte ihm denn die Socken ausgezogen? / In der Anfangszeit ihrer Liebe hatte sie ihm ironischerweise die Schuhe ausgezogen. / Die Füsse gewaschen. / Der Schweiss rinnt ihm im Nacken, kaum hat er sich aufgesetzt. / Wann vermisst man einen Menschen? / Wann beginnt der Schmerz? / Er dachte an die unmittelbare Ordnung der Dinge, die nicht seiner Ordnung entsprach. / Die Sorgenfreiheit der Dinge, weshalb fühlte er sie nur schmerzhaft? / Ah – waren sie denn Wesen, konnten sie fühlen? / Es ist in ihm, sie seien belebter als die Tiere, die Menschen. / Was entsprach denn ihm, wenn selbst die Kleider nur übergestreift blieben? / Und schon waren die Sonnenflecken weitergewandert an der Wand. / Er musste dem entweichen, was in ihm am Fliessen, am Fliessen blieb. / Er musste etwas fassen. / Er holte tief Atem und bewegte sich in Richtung Garderobe. / In den Mantelfalten die Kälte der Nacht. / Er zog ihren weiten lederknarrenden Mantel über und ging, barfuss. / Liess er die Türe offen? / Er liess die Türe offen, wie offene Arme, erhaltend. / Auf der Strasse waren der Lärm, die Leute, die Lachen, die Gesichter. / Er wundert sich über alles, das ihn nicht mehr betrifft. / Und nichts betrifft ihn. / leise summt er das Rabenlied. / Von Mahler, glaubt er bei sich, aber das spielt keine Rolle. / Dann sang er: Es schrien die Raben vom Dach. / Das kalte Licht schwebte von Bäumen und Fenstern hinunter. / Zu seinen Füssen rasselt feucht das Kies. / Ein Eilen ist nicht vonnöten. / Was er braucht, ist die zündende Menge. / An der Menge sich anzünden, wie an einer Zunge.

 

Stand: 5. Januar 2012