Gedichte von September bis Dezember 2014

Aus dem Schreibtagebuch: Sein, wer ich bin

Ich schreibe, weil ich lebe. 

Ich lebe, weil ich schreibe. 

Unterschiedliche Ebenen von Wahrheit… 

Anders gesagt, will ich nicht reden. — 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für mich im mündlichen Ausdruck selbst das wahrhaftig Gemeinte - und fast möchte ich schreiben: das Gemeinteste! -, nicht nur der Ausdruck von Liebe und Zuneigung, sogar einige simple Worte der Freundschaft in meinen Ohren - und nur in meinen, wenn auch potenziell auch in jenen des Zuhörers! - einen sozusagen sofortigen Wertverfall erleidet: weder wahr bleibt noch wirklich gemeint sein kann. Wohlverstanden, ich betone es nochmals: in meinen Ohren…, der Zuhörer mag gehört und verstanden haben, was er vermochte oder wollte… 

Man könnte übertreiben und sagen, dass das hörbare Aussprechen von Wörtern und Sätzen, also mündliche Aussagen in ihrer Unmittelbarkeit und lautlichen Vergänglichkeit für den Ausdruck von Stimmungen und Gefühlen, Zuständen und Feststellungen noch weniger Vertrauen erwecken als die ohnehin unzuverlässigen Wörter, diesen Spiegeln, in die selten jemand hineinblickt. 

Wenn ich etwas sage, erfüllt mich, kaum ist es „raus“, ein Gefühl der Verzweiflung und Scham; eine Scham über die Flucht zurück in Floskeln, deren Leere ich verzweifelt mit Ausdruck zu füllen suche, und eine Verzweiflung über die Flucht nach vorne in ungewohnte Ausdrucksformen, deren Schwere oder besser Schwerfälligkeit ich schamvoll mit Ironie zu heben suche — ich sage nie, was ich wirklich sagen will. 

Aber schenke ich dem geschriebenen Wort wirklich mehr Vertrauen? Es entsteht in meinem Kellerloch, auf der Höhe des Humus sozusagen… Ich lege es auf Augenhöhe (und genauso unmittelbar und plötzlich wie im mündlichen Ausdruck) auf das Papier, wie einen Samen in die Krume oder ein Ei ins Nest, aber im Moment des Lebens oder, schreibe ich schnell und „unter Strom“, des Streuens hat für mich das Wort eine absichtsvolle Präzision aus sich selbst heraus oder (im Falle von Partikeln und Konjunktionen) einen deutlichen Zweck… 

Ich schreibe Zweck, ich schreibe absichtlich… Man ist nie genug misstrauisch!

Denn gerade das ist ja das, was mich im Schreiben leben lässt: Absicht und Zweck sind hier fehl am Platze, denn ich bin kein Verkäufer und kein Politiker…

Oder, um die lange Rede kurz zu machen: im Akt des Schreibens befreie ich mich vom Empfänger, der meine Rede zweckgebunden und beabsichtigt macht. In diesem kurzen Moment bin ich frei, kann ich wahrhaft sein und bin der, der ich grad im Begriffe zu werden bin. —

Noch kürzer liesse sich sagen: auf den Brettern des Papiers bin ich endlich jemand, den anzunehmen ich bereit bin. 

5 Gebete

Gebet 13


Herr ich bin nicht einer

Und habe viele Stimmen.

Das bin ich; ist meines. 

Herr ich bin nicht einer

Entfalte mich in Hymnen

Die vom Klang des Steines. 

Herr ich bin nicht einer

Und habe viele Stimmen. 


Gebet 14


Herr ich bin immer froh

Trotz der Untaten-Last

Die wie Lilien-Blust. 

Herr ich bin immer froh —

Bin ich denn noch bei Trost?

Leicht ist’s auf dem Rost!

Herr ich bin immer froh

Trotz der Untaten-Last. 


Gebet 15


Herr die Wut ist mehr als ich.

Sie ist gut. In ihr ist Tat.

Sie ist Pflug. Sie schafft den Pfad.

Herr die Wut ist mehr als ich.

Sie ist weit. Sie hüpft wie Flut. 

Hast bereitet du die Glut?

Herr die Wut ist mehr als ich. 

Sie ist gut. In ihr ist Tat. 


Gebet 16


Herr ich bin nicht tief —

Im flachen Gefäss

Ist höher die Welle. 

Herr ich bin nicht tief. 

So niedrig die Schwelle!

Und doch mir gemäss!

Herr ich bin nicht tief:

Ein flaches Gefäss. 


Gebet 17


Herr da ist mein Ross

Und dort ist mein Zaum.

Ich hab nur Verdruss.

Herr da ist mein Ross — 

Im Auge den Traum

Und vor sich den Tross.

Herr da ist mein Ross

Und dort ist mein Zaum. 

Aus dem Schreibtagebuch: nicht beschreiben, benennen!

Alles ist Fachsprache. Willst du etwas nicht nur beschreiben, sondern es im Wort erfassen, es benennen, bist du hilflos: es fehlt dir der Wortschatz. Überall lauern so Wortfallen; ohnmächtig suchst du in deinen Wörterbüchern und findest nichts. Als gäbe es keine Wörter für alle diese Gegenstände, für alle diese Körperteile; aber du kannst die Wörter dafür nicht erfinden, du wüsstest nicht einmal, wo beginnen.

Die Wohnung (Traum 7)

Dieses Haus gibt es nicht wirklich.

Das rede ich mir ein

Jedes Mal

Wenn es an dieser belebten Strasse

In meinem Traum steht — 

Mit seinen eingeworfenen Fenstern

Dem blinden Erdgeschoss

Dem seitlichen Eingang

In der Schlucht eines Ehgrabens…

Es steht immer in einem anderen Land

In dem ich noch nie war und vermutlich auch nie sein werde

Denn es gibt dieses Land nicht wirklich

Das nehme ich an

Jedes Mal 

Wenn das Haus an dieser immer anders belebten Strasse 

In meinem Traum steht —

Manchmal ist die Treppe hinauf in den ersten Stock

Eine Aussentreppe wie in manchen Berner Bauernhäusern

Ein andermal ist sie

Wie eine Leiter innen an der Mauer entlang

Die von Schimmel ganz schweissig ist

Und man weiss nicht genau

Ob man auf- oder absteigt 

… Und wer ist denn hier jetzt man?…

Die Wohnung…

Wenn man von einer Wohnung überhaupt sprechen kann

Es ist auf den ersten Blick mehr ein ehemaliger Schankraum

Mit einem parallel zur Strasse verlaufenden Tresen

Der die ganze Breite des Raums einnimmt.

Der Raum selbst ist mit Matten ausgelegt

Mit Reismatten oder sonnengebleichten Teppichen

Die immer aussehen wie abgezogene Häute oder trockengelegter Sumpf

Und während durch die Fenster

Das Geräusch der Strasse dringt

Mit ihrem Rumpeln und Pumpeln

Dem Kreischen der Tram und der Klageweiber und der Vogelhändler

— Und ich darf nicht vergessen zu sagen

Dass die Fensterscheiben einige Male auch 

Mit Zeitungsfetzen oder Packpapier zugeklebt 

Oder aber ganz aus Milchglas sind

Und nur von aussen zerschlagen aussehen

Und dann das Licht durch sie fällt durch diese ausgeschlagenen Scheiben

Wie durch Oberlichter und auch der Lärm 

Eine befremdliche Harmlosigkeit erhält

Wie von oben einfallendem Mondlicht —

Während der Raum also vom Klang erschüttert wird

Trete ich ein in ihn

Vorsichtig und wachsam

Als trete jemand in seine eigene linke Herzkammer

Und ich sehe vorm innern Auge die Kritzeleien auf den Säulen des Eingangs

Toni Kaufmann du Vollidiot

Oder

Toni Kaufmann steck dir deinen Besen doch in den Arsch

Und schüttle abwehrend den Kopf…

Aber…

Diese Wohnung ist anders

Immer ist diese Wohnung anders

Vielleicht ist es ja auch keine Wohnung

Vielleicht ist es ein Gebetsraum

Vielleicht ist es ein Archiv oder eine Apotheke

Und ich glaube von fern das Rattern der Züge zu hören

Wie damals im Schatten des Finanzministeriums

Dieses weissen Wals dessen Amberkopf halb in die Seine ragt

In meinem überheizten Zimmerchen 

Das auf die Gleise des Gare du Nord hinausgab

Und die Lautersprecherdurchsagen

So heisst es in meinem Traum

Die Lautersprecherdurchsagen sagen

Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt und informieren Sie die Bahnhofpolizei über herrenlose Gepäckstücke Regenschirme und Melonen…

Ja diese Wohnung

Gibt es nicht wirklich

Rede ich mir ein

Aber es kitzelt mich 

Im Hals wie kurz vorm Weinen

Das ist eine Spinnenhaut erkläre ich meinem Sohn während ich über diese Wohnung nachdenke die Spinne schlüpft aus ihrer Haut weil sie wächst aber er versteht es nicht er kennt nur das aus dem Ei schlüpfen… - 

Diese Wohnung ist wie

Kleine Gesten zwischen Liebenden

Der zufällig-planmässige Weg einer Ameise

Das gleichzeitige Gähnen eines alten Paars

Und ist bewohnt…

Wessen Wohnung ist es denn?

Und dann während mich vieles erinnert und alles befremdet

Sehe ich in einem Winkel einen schwarzen Körper liegen

In einer pompeiischen Stellung

Und höre den Chor der Fliegen um die Amphore mit Lilien

Und ich strecke die Hand aus

Mit trockenem Mund strecke ich die Hand aus

Wie ein Kind das die Kellerstiege hinunterkommt

Hinunter in den erdigen Geruch der Ewigkeit 

In das langsam huschende Füsseln der Asseln

Zu den alten Lappen der Spinnweben

Die wie abgeflatterte Signalwimpel an allen Ecken und Ende hängen und zittern

Obwohl ich mich zu atmen hüte

Und ich strecke die Hand aus

Und da liegst du 

Schwarz wie Lava

Und mit wie ein Auge geweitetem Schritt

Deine Vagina wie eine knospende Kartoffel auf den Hurden 

Streckst du mir deinen silbernen Kitzler entgegen

Gross wie das Stümmelchen des Erstgeborenen. 

Und hier bin ich nun

Und hier bin ich nun:

Wie die Dornen der Rose

Abwärts gerichtet. 

Ein einziges

Starres

Glotzen.

Von oben

Von der Leiter meiner Gegenwart

Sehe ich dich

Laufen

Immer wieder 

Ihm zu laufen

Mit fliegenden Haaren

Lachend wie eine Möwe

Mit ausgestreckten Händen

Auf ihn zu

Laufen

Und ich kann wie damals

Meinen Blick nicht davon abwenden… 

Und gleich darauf

Kaum hatte er dich aufgefangen

Und seine Blicke trafen meine Blicke

Über deine Schulter hinweg

Sehe ich 

Von hier wo ich nun bin

Mit meinen Ader-Augen

Diesen Instrumenten zur Weitung der Wunde

Die Höhlung deines Gaumens

Und nicht meine Zunge ist es

Die darin spielt wie Leviathan

Ein Geschrei wie Kies

Prasselt daraus und spritzt

Bis in mein Herz

Das noch jetzt

Leise rasselt

Von dem Splitt dieses Schreis

Und von hier

An diesem steilen Gestade der Zeit

Über das ich krieche 

Und wende ich den Kopf

Sehe ich seine Augen immer noch 

Wie Steinschleuderschlingen

Und deinen Mund der dieses Gesicht zerreisst

Zu einer Vulva der Ohnmacht —

Herrgott!

Weshalb wende ich den Kopf

Weshalb schaue ich hinunter

Als sei ich Orpheus?

Mit einer Geste des Schmerzes 

Zerschneiden die Dornen mir

Im Aufstieg die Kleider…

Was für ein Klageweib bin ich

Geworden! Und meine Stimme

Hat nichts von deinem Lachen

Bewahrt das wie Schneeflocken

Zu mir heraufschellt. 

Renovation

Ich stehe auf — 

Diesen Vulkan will ich

Einhegen und einrüsten.

Er soll bei mir wohnen. 

Ich will das Haus für ihn sein.


Seine Wolke soll der Strand sein

An dem meine Blicke sich brechen.

Sein Feuer soll die Sprache sein

Aus der meine Wörter zehren. 


Um ihn werde ich

Ein Gerüst errichten.

Ich länge meinen Hals 

Und senke meinen Kopf in mein Herz

In den warmen Sand meines Herzens. SELA


Um mich her 

Fliegt die Asche:

Schnee der Wut.

Ich bin aufgestanden und oben

Auf dem Gerüst sehe ich 

Wie die Zacken einer Bergkette

Die Verhärtungen meiner Weichteile. 


Das Gerüst erzittert.

Die Halswirbel knacken.

Diesen Vulkan will ich bewohnen. 

Er wird mein Haus sein. SELA


Bis

Unter der lauen Asche

Im Kessel des Herzens

Spriesst 

Ein Strauss:

Eisige Kenntnis und 

Heisseste Sendung.


Dann werde ich 

Wieder

Aufstehen

Oben auf dem Gerüst

Den Kopf erheben 

Wie einen Spaten und ihn

Von der Wirbelkette lassen

Dass er die Umzäunung sichere. 


Die Wolke des Vulkans wird sich

Auf mich senken wie ein Hut.

Das Feuer des Vulkans wird dann

Aus meinen Wörtern schlagen wie Regen. SELA


Ich stehe auf —

Ungeschädigt stehe ich auf und

Richte mich an den Pigmenten 

Deiner Haut auf und häufe

Deine Poren auf. Wie ein Kran

Drehe ich mich über dir

Herz und keine Regung bleibt verborgen

In deinem Dickicht am Hag. 

Die Farbe ist noch nicht trocken

Auf meiner Wut und die Mischer

Mischen noch den Beton

Für meine Antwort. 


Nichts ist zu sehen — schaumbedeckt

Der Krug meines Gaumens. Schöpfe ihn ab!

Nichts ist zu hören — Dämmerung liegt

Überm offenen Gipfel des Vulkans. Zünde ihn an!


Und nichts wird dem gleichen

Was ich bin. Aufgerichtet

Wie ein Gerüst und zitternd

Werde ich behausen

Rein wie die Asche

Ein Herz voller Senfkörner

Und das Harte 

Tripper oder Hämorrhoiden 

Wird aussen wohnen 

Wortlos mit den Händen am Gitter rütteln

Und mit den Zähnen wie Zungen schnalzen. 

Boxer!

Ich bin ein Boxer

Im Ernst jetzt

Ich habs im Eingeweide

Hier hier und hier

Ich beginne mit kleinen 

Kurzen tastenden Schlägen

Die den Leser heranlocken

Memmenhafte Schläge wenn man so will

Zeh an Zeh stehen wir dann tänzelnd

Wie zwei Hunde die sich beschnuppern

Und er wischt mir mit einem linken Haken ans rechte Ohr

Ein einziges Dröhnen in der Birne

Und ich senke 

Nur kurz

Meine Deckung und da

Kommt auch schon der Uppercut

Und schleudert mein Hirn 

Wie einen offenen Gulaschtopf

Auf meine Schulterblätter

Ich trippele taumelnd weg und weiter

Und er dringt auf mich ein

Zeh an Zeh

Und ich vergesse jede Rücksicht

Und bearbeite seine Nieren

Mit Schlägen wie Löffel

Denn jetzt brennt’s in mir 

Es ist wie Kotzen

Einfach mit den Armen

Mein letzter Punch hebt ihn von den Brettern und

Ich sehe das feine Rinnsal an seinem Kinn

Und er umklammert mich

Rasselnd keuchend

Wie eine Kuh

Rutscht an meinem Nacken herum 

Es ist schwer ihn von mir zu stossen

Verdammt glitschiger Aal fauche ich

Und rücke ihn in die Banden

Bevor ich aushole 

Sein Kopf fliegt verformt wie ein Wal am Strand bis ans Schlüsselbein hinüber und zurück

Und dann starren wir uns an

Mit geplatzten Lippen

Und zuschwellenden Augen

Aus unseren Cornern heraus 

Und ich weiss

Dass mein Eingeweide jetzt

Wie der Motor einer Bolide röhrend

Angesprungen ist und dass auf das Eingeweide jetzt

Verlass ist und ich springe auf

Dem Leser entgegen

Bereit für 10 Runden

Und pfeife auf Technik

Beinarbeit und Finten

Verlasse mich ganz 

Auf die Stamina 

Meines Worts. 


Ich stehe auf 

Schwinge meine beiden Wörter aneinander 

Dem werde ich es zeigen.

Die ganze Wut... - Schreibtagebuch

Die ganze Wut, zu der du fähig bist, die ganze Bitternis, Bosheit und Brutalität, in ein Gedicht legen — so, dass man es nicht sieht, aber fühlt: schwer und bedrückend, fast nicht auszuhalten, ein Magengeschwür im Gedicht.

Nicht hören

Du willst es nicht hören.

Nicht nochmals. Und überhaupt

Das ganze Selbstdarstellungs-

Ding! Du kannst es nicht

Hören. Nochmals wäre

Das Ende. Doch das sage ich dir:

Das Atmen des Gegenübers

Dringt wie Teppichklopfen

Rasch und kurz

Bis an dein Ohr. 

Höher fast schon biergelb sprühend

Und du sagst

Prustend

Ringt das Warten um die Arten

Mit Basedow’schen Augen

Von ergänzten und

Gänzlichen Aufgaben —

Alles eine Sache der 

Eigenherdung und Eingemeindung. 

Nicht nochmals kann es geschehen

Dass hinter dem Plastik der Platitüden

Den Armen auf dem Rücken

Den eröffneten Drüsen

Die Schulterblätter sich

Rotierend lösen. 

Störe mich nicht. Die Darstellung dessen

Was in mir klopft

Wie das Aufheulen eines zurückgeschobenen Stuhls

Nimmt alles

Was auf die Haut des Ranzens passt

Über den Scharten 

Die meine Beschläge geschlagen

Mit in die Keller der Eigenheit.

Du kannst hören weder

Die Eigenwerbung

Die im Gaumen der Wörter platzt

Noch die simpeln wenigen Takte

Aus Ehrlichkeit und Strenge. Du bist

Wie die Luft

Die aus den Schildern der Ventilatoren

Sauer und fade

Stammt. Alles

Was in dich tropft

Wie das Aufbäumen eines zurückgezogenen Kalkvorhangs

Ist hier drin. Die Glocke am Hals des Tiers

Klingt weil seine

Hörner es nicht können. 

Du kannst nicht länger

Bis an das Tor

Meiner Gegenwart 

Horchen! Ich bin eines Vaters Geist

Hinterm Schädel der Intentionen.

Stimmt alles? Küss mich jetzt

Auf die Stirn

Wo es schmerzt: 

In die Falte 

Die sich öffnet

Wenn ich dich 

Sehe. Und ziehe nicht

Am Reissverschluss 

Unseres Rendez-vous. 

Solitudepark

Das ist ein Tag an dem

Baselbieter Väter ihre Kabrios mit ihren Söhnen und ihrer tauben Wildheit füllen

Und im Fahrtaumel von einem Leben als Henry Fonda träumen

Für das ihnen bisher der Mut gefehlt hat

Und was weiss ich wohin fahren

Einfach wohin — 

Der Technik zuliebe dem Getriebe und dem offenen Verdeck

Das ist Freiheit sagen sie sich

Während ihre Frauen zuhause in Stöckelschuhen Terrinnen in sauberen Schürzen zubereiten…

Das ist ein Tag an dem

Ich diese Frau wieder sehe

Mit ihrem von einer rothaarigen Welle daher getragenen Albinogesicht

Diese Frau die mir schon damals wie Gift in die Adern gefahren ist als ich sie

Vor zwei oder drei Jahren hier getroffen habe

Und mein Junge spielt auch heute noch

An diesem Tag im späten Oktober 

Der so viel vom Sommer behalten hat dass man sich zu glauben berechtigt fühlt

Er sei der Sündenfall eines Süchtigen

Und so sehen die Leute heute ja aus

Mein Junge ist auch heute noch gleich wie damals

Eine Art naiver gutherziger hitziger und wehrloser Freak

Der alle mit seinem Spiel und seinen Ideen in den Bann zieht

Bis auf die paar Jungs die es nicht lassen können uns gutmütige

Und selbst im Zorn noch zu jeglicher Anwendung von Gewalt  oder Körperlichkeit zu bewegen sind sodass ich

Wie eine fauchende durchnässte Katze in den Sandkasten einfalle

Um ihn zu retten und diese Frau sitzt wieder dort auf dem Mäuerchen

Vorgebeugt ihrem Albinokind helfend dessen rotumkraustes Gesicht

Vor lauter Vorsicht eine krabbenhafte Gestalt angenommen hat

Und die Stimme dieser Frau in ihren kunstvollen Schlabberjeans und dem Ledergilet über einer verwaschenen rosafarbenen Bluse

Dringt mit dem Kitzeln eines Insekts in meine Ohren die unmittelbar mit meinem Glied verbunden scheinen

Aber damals

An jenem Tag im frühen März

Da man vor lauter Klammheit kaum von Frühling zu sprechen gewagt hätte

Vor drei Jahren oder zwei

War ihre Erscheinung wie ein langsamer Stromschlag

Wie das Auszucken eines Fisches am Trockenen durch meine feucht durchkühlten Glieder eingedrungen

Und ich sah sie zuerst von hinten die einzelnen Rückenwirbel wie Knöpfe durch die weisse Bluse gedrückt

Ihre Hüften zierlich wie ein Eibenstamm — 

Und ich zückte wie immer nach dem Einspielen mit dem Buben meine Pfeife — 

Hatte gerade einen neuen Tabak hineingestopft

Der mit einem bitteren und wilden Beerengeruch meinen Gaumen imprägnierte 

Was sich anfühlt wie

Das Abschleifen von Dielen

Und ich sog gierig und viel zu hastig an meiner Pfeife dass sich der Pfeifenkopf in meiner linken Hand schnell wie ein Glutstück anfühlte

Und ich muss schnell in einen Zustand der fröhlichen Benebeltheit und Entrückung verfallen sein

Mit kreisrunden kreisenden Gedanken im Kopf und wirren eifrigen Wörtern im Heft

Und habe mich an ihre Seite gesetzt

Sie hatte ihre Hochhaken ausgezogen und ihre blauen Adern leuchteten auf dem Rist ihrer schneeweissen Füsse mit der Perlenreihe ihrer weiss lackierten Zehen —

Ihr Mädchen war wie sie

Ein rothaariger Albino —

Und wir begannen eines dieser belanglos-bedeutsamen Gespräche

Wie sie Eltern überall am Rand der Sandkastenarena führen können

Doch fühlte ich bald

An jedem Tag im frühen März

Der von einem feinsten Nebelgetröpfel wie getränkt war so

Dass man niemals an einen Frühling und noch viel weniger

An einen Herbst überhaupt zu denken gewagt hätte

Und der doch wie ein Kiesel im Schuh alles schon bedeutete

Und nicht wie dieser Tag der nochmals viel verspricht und doch in einer kalten nieseligen Nacht endet

Und der Mond im Morgen wie eine umgekippte irdene Schale gehangen hat

Fühlte ich ein dumpfes Hämmern in meinen Lenden und in meinem schweren schwebenden Kopf der an meinem Hals zu zerren begonnen hatte

Wir waren auf merkwürdige Bahnen gekommen

Lag es an ihrem unglaublich raffinierten Händen 

Und ihrer sagenhaft willkürlichen Genauigkeit in jeder Geste oder daran

Dass ich uns allmählich eingenebelt hatte

Und ich hatte Tage danach noch einen sturmen Kopf und Dünnschiss

Ihre Hand lag auf meinem Oberschenkel und meine auf ihrem knochigen blossen Knie

Bis wir merkten dass unsere Kinder nicht mehr spielten sondern uns anstarrten

Wie man Ausserirdische anglotzt

Voller Unglauben und Hoffnung —

Nahmen Zunge und Lippen wieder zu uns und

Brachen in Lachen aus —

Ich tastete nach meiner Pfeife 

Die den Kindern längst als Schaufel diente

Und sie richtete ihre Haare — 

Und heute an diesem Tag

Trafen meine Blicke sie wie Hagelkörner

Und sie strich sich nervös durchs Haar als verfingen sich die Hagelkörner darin wie gefrorene Sahne 

Und erwiderte die Blicke nicht: 

Sie stillte ihr zweites Kind und lächelte wie eine Fruchtbarkeitsgöttin darüber hinweg in eine Honigferne —

Ihre ganze Gestalt glich einem zu lange gegangenen Teig der bereits wieder in sich zusammenzufallen begann

In säuerlichem Seufzen

Herbstlich in jedem Sinn und erst

Als ich meine Pfeife herausklaubte und zu füllen anfing

Wandte sie den Blick zu mir

Aber nichts war mehr gleich

Bis auf unsere beiden Kinder 

Die immer noch miteinander spielten

Im Schatten meines Rauchs und ihrer metallischen Stimme —

Und ihr Lächeln war eines

Das die ganze Wildheit des Lebens zusammenfasste

Ohr ihr weder die Alltäglichkeit noch die Wunderlichkeit zu nehmen

Nein nichts war mehr gleich 

Und als ich den Jungen in seinen Anhänger fixierte und mein rechtes Bein über den Sattel schwang

Stand sie auf und schritt in ihren schweren Schuhen zu mir und blieb stehen

Hob die Hand die nur mit einem Faden am Handgelenk hängen konnte und strich mir die grauen Locken aus der Stirn und ich

Erkannte ihre Krähenfüsse

Als könnt ich sie ändern

Stauen und dämmen zu Mäandern — 

Am Rheinufer schlenderten die Sonntagsfamilien wie für den Winter präparierte Rosenstöcke 

Mit Chassis-Gesichtern und kleinen redundanten Wörtern — 

Und ich dachte 

An jenen Märztag

Der von diesem 

Unternehmungslustigen

Oktobertag…

Der es wie ein 40-jähriger 

Nochmals wissen will

Das Abseitslaufen und 

Das Ausbrechen 

In all seiner 

Aufgeschlossenheit 

Und Bereitschaft…

Aufgeht 

Wie ein Kater —

Schreibtagebuch vom 27. Oktober 2014

Du wirst nach der Absicht hinter einem Text gefragt. Du antwortest, da sei keine Absicht dahinter. 

Du meinst, was du sagst. 

Wenn es Absicht gibt, dann ist sie im Schreiben entstanden. Du willst nur schreiben. Du schreibst, das ist Absicht genug. 

Du bist keiner, der auf dem Silbertablett Geschichten präsentiert. 

Du sehnst dich nach einer Sprache, die nicht mehr zeigt, nach einer Sprache, die ist, nach einer dinglichen Sprache. 

Deshalb vielleicht schreibst du: die Dinge in Sprache bannen. Mehr willst du nicht. 

Und weil du die Menschen nicht verstehst, - und hier baust du an deinem eigenen Mythos, deiner eigenen kleinen Lüge, würde man dir erwidern -, kannst du auch keine Menschen beschreiben. 

Absicht ist für dich ein Ekelwort wie Sinn. Darum geht es dir nicht. Du willst keine Absicht, du willst keinen Sinn. 

Du willst dieses Schweben in der Sprache. Das willst du allein. Den Zustand, nicht das Ergebnis. Und manchmal erlebt das ein Leser über deinen Text, wenn er genauso gestimmt ist wie du, genauso schwingt. 

Aber auch das ist wahrscheinlich nur Selbst- und Lebenslüge: jeder Schreiber will geliebt werden. Du willst es nicht? Kannst du nicht auch mit- und fürs Parkett spielen?

Weshalb bist du besser als andere? Ja, jetzt schweigst du. Recht hast du. 

Der Rest (Hamlet)

Mit den Bewegungen

Die ich gewagt und vermocht

Verbleibe ich. 

Wenige — eine Kollektion aus

Präzision und Zufall.

Eingeklemmt zwischen 

Ehgraben und Augenliner

Aussenständen und Ehekrise.

Ein verquerer Haufen 

Aus Vaseline und Wasserköpfen.

Die Wüste durchquert 

In diesem ehrlich

Konstellierten Seesack.

Einige wenige markante

Knochen im Viehgatter.

Ich raufe mir die Haare.

Die wenigen Bewegungen

Sind allen durchsichtig:

Konsterniert und vertiert

Schnappe ich nach Luft

Die wie ein Schneeball 

Meine Lungen füllt. 


Du hast dich doch

Gut erhalten

Sagen manche.

Ja konserviert

Antworte ich. 

Das kommt davon

Dringt ihre Stimme durch die Membrane

Das kommt davon

Wenn man

Die Kröten im Hals

Zu Worten macht 

Und umgekehrt. 


Die letzten Bewegungen

Unterm Schutz der Wirklichkeit

Werden allein

Der Bedeutungserweiterung 

Dienen. 

Empfehlungen (an einen Schweizer und an Schweizer Erzähler)

Du musst nicht hinausgehen:

Du bist ein Schweizer. Vergiss es nicht.

Du bist nicht wirklich. Du hast die Gicht:

Du kennst doch nur die Nähen!


Du musst nicht noch mehr flehen:

Du bist ein Schweizer. Vergiss es nicht. 

Du bist beweglich. Begrenz dich nicht. 

Du kannst überall nähen. 


Herrgott! Vergiss es! Lass dich doch fort!

Besitzest niemals das Eigne - trenn dich -

Die Frauenröcke dort wehen!


Und aufgebrochen der Schweizer Hort

In Floskeln-Schonung. Geh jetzt endlich!

Spürst du nicht auch hier Wehen?

Meine 33 neuen Freunde!

Die fabulösen 33 Bände des Grimm-Wörterbuchs: meine neuen Partner beim Schreiben
Die fabulösen 33 Bände des Grimm-Wörterbuchs: meine neuen Partner beim Schreiben

Die Erzählstimme wechseln

Die Erzählstimme wechseln: lange in einer sehr genauen, aber porösen Art schreiben, die nicht zu viel von allem will oder gar kann, eine Stimme führen, die ununterbrochen wachsam ist, die jeder Abweichung ausweicht, weil sie eine Lüge ist, und dann mit einem Hüftschwung der Wörter hinüberwechseln in die andere Wagenspur, wo die Wörter rinnen und springen, und keines mehr wiegt als das nächste oder das vorhergegangene, weil ihnen alle die ähnliche und verräterische Kraft innewohnt, jene Kraft des Erzählens, das nicht evoziert, sondern beschreibt. Und trotz dieses Verrats an der vorhergegangenen Stimme glücklich sein, befreit, sich lockern und hüpfen, bevor man sich wieder der Strenge und Schlichtheit übergibt. 

14 Dinge, die man sich weder verdienen kann noch muss

Die Vertrautheit des eignen Kindes

Und die Liebe der eignen Eltern

Und die Zuneigung dieses Freundes

Und die Träume die nicht altern


Die Erleichterung durch das Pinkeln

Und die Schönheit der Frauen-Waden

Und das Wachsen des Krauts in Winkeln

Horizonte die immer faden… 


Das Vergehen der Zeit

Die Gesichter im Denner

Das Harren des Baums am Rain


Das Gespräch mit dem Penner

Und der plötzliche Fall des Reims

Und die Leichtherzigkeit. 

346. Tagesgedicht: Fenstersturz

Atmen

Anderthalb oder zweimal

Noch atmen

 

Atmen

In der beschleunigten Luft

Zwischen Schreien

 

Atem

Stockt. Den Duft des Misthaufens

Atmen. 

 

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