Blog-Archiv: Oktober 2013

Altes Liebesgedicht

Es ist nicht einfach

Doch wär’ es einfach

Gäb’s nichts Schönes.

Gäb’s nichts Schönes

Wär’ es öde.

 

Mit dir bin ich icher

Als ohne dich.

Mit dir bin ich glücklicher

Als ohne dich.

Ich bin so öde

Ohne dich.

 

Es ist nicht schwer

Doch manchmal schon

Als Geschenk bescher’

Ich dir Höflichkeitswonn

Und es ist nicht öde.

 

Das ich dir beschwör

Ich mich nach dir verzehr.

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Dichterisch leben

Dichterisch leben: Das Gedicht leben. Eine Arbeit und Aufgabe wie jene des Schienenlegers, der Kassiererin, des Mathematikprofessors, des Poliers, des Müllmanns, der Laborantin, der Testmaus, der Hausfrau, der Kleinkinderzieherin oder Hebamme, der 5. Klässlerin, des Rentners, der Milchbäuerin, des Metzgers, der Drehteilelieferantin, des Bettlers und der Bankerin - nur schreibe ich Gedichte.

 

Gedichte lassen sich nicht bezahlen. Gedichte sind nicht dinglich, obwohl sie manifest und konkret sein können. Gedichte kommen vom Rande her. Gedichte entstehen am Rande. Gedichte sind der Abgrund unserer Gegenwart. Gedichte sind notwendig.

 

Gedichte verdeutlichen, wer wir sind. Gedichte verdeutlichen, wer wir sein könnten. Gedichte verdeutlichen, wer wir sein werden.

 

Gedichte benutzen die Sprache, wie wir sie nicht benutzen: wir brauchen Aussagen; Gedichte kommen mit dem Sagen aus.

 

Ich selbst lebe in der Unmöglichkeit, mich auszudrücken. Aber in den unzähligen Gedichten, die ich jeden Tag zu schreiben oder zu schreiben beginnen bemüht bin, gebe ich meiner Gegenwart - und mit ihr auch eurer Gegenwart - eine Ausdrucksmöglichkeit und eine Vielfalt an sprachlichen Möglichkeiten, die unsere Gegenwart sonst nicht hat.

 

Überhaupt geht es mir eigentlich nur um die Möglichkeiten. Nicht um die Potenzen, die Wahrscheinlichkeiten, die Taten oder Tatsachen, die Fakten: ich schaffe mit Möglichkeiten Tatsachen: jetzt und hier im Gedicht.

 

Heisst das - leben? Es ist eine - meine Möglichkeit. Ich will sie keinesfalls verstreichen lassen.

 

Rinn unterdess, o Leben.

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Vor 12 Jahren in Peredelkino, vor Pasternaks Datscha

Mein erster Besuch in Moskau. Ich rede in letzter Zeit viel von Pasternak, lese auch seine Gedichte öffentlich. Ich fand diese Foto heute unter dem Sofa, wo sie wahrscheinlich hingerutscht war, als der Kleine mit dem Album hantierte.

 
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Wo lebt die Poesie?

I

 

Poesie entsteht dort

Wo das Schöne sich mit dem Hässlichen mischt

Wie der Schweiss mit den Tränen - 

Entsteht dort wo der Schmerz zu Mut wird

Die Wahrheit zum Glauben - 

Die Poesie ist meine

Kirche des Möglichen…

 

Sie lebt von jedem Wort

Das hergestellt für Jähes

Sie lebt in jedem Wort

Wie Karies in den Zähnen

Sie lebt mit jedem Wort

Das als Sichtbeton auf die Rosen eindrischt:

Die Poesie ist meine 

Sichel fürs Tägliche…

 

Sie lebt für jedes Wort

Das durchdringt zu Tauben.

 

II

 

Poesie ist Beschneidung

Poesie ist Entscheidung

Poesie ist Schmerz

Poesie ist Ausscheidung

Poesie ist Entleibung

Poesie ist Nerz

 

Poesie ist Infarkt

Poesie ist Jahrmarkt

Poesie ist Insult

Poesie ist erstarkt

Poesie ist entsargt

Poesie ist Unschuld

 

Poesie ist Berserk

Poesie ist Bergwerk

Poesie ist Gneist

Poesie ist Nährwert

Poesie ist Kerbwerk

Poesie ist Geist

 

Poesie ist Kotzen

Poesie ist Kosten

Poesie ist Bersten

Poesie ist Stutzen

Poesie ist Nutzen

Poesie ist Trester

 

III

 

Von Michel Butor geht die Legende, er gehe durch Genfs Strassen in einem weiten Overall, einem Handwerker- oder Mechaniker-Overall, dessen viele Taschen voller Bücher seien - gehe in einem Kleidungsstück also, das die Bücher in das tägliche Leben holt, weil sie am eigenen Körper wie zusätzliche Glieder getragen werden können. 

Vor einigen Jahren habe ich begriffen, dass ich nur eines sein kann und sein werde: ein Dichter - und stehe zu diesem Wort mit dem magischen, leicht megalomanischen und verführerischen Klang. Ich sagte mir, ich will nicht nur Dichter sein: ich will dichterisch leben - oder eben: poetisch leben.

Wie Butor will ich das Gedichtetragen, das Gedichtevortragen, das Gedichteschreiben, das Gedichtebetreiben - leben

Wenn ich sage: dichterisch leben, dann meine ich eben nicht den Elfenbeinturm oder den hohen Stil oder sonst eine schwülstige, weltabgewandte Form der Literatur - ich meine eine ganz alltägliche Haltung: wie ein Schienenleger, eine Kassiererin, ein Mathematikprofessor, ein Polier, ein Müllmann, ein Laborant, eine Testmaus, eine Hausfrau, eine Kleinkinderzieherin oder Hebamme, eine 5. Klässlerin, wie ein Rentner, ein Milchbauer, ein Metzger, ein Drehteilelieferant, ein Bettler und ein Banker - nur schreibe ich Gedichte. Das ist nicht nur meine Arbeit, und ich bin mir nicht nur der Gabe bewusst (auch das ein hohes Wort, gewiss), weder schäme ich mich ihrer noch werde ich darüber hochmütig, denn sie ist - mehr als Arbeit: ist Lebens-Aufgabe. 

Rinn unterdess, o Leben. 

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Der 2. "Samstag der Poesie"

Gestern habe ich erfolgreich meinen 2. "Samstag der Poesie" durchgeführt. Dabei habe ich rund 13 x in den Strassen von Basel mein rundes Dutzend Gedichte (wovon zwei eigene, den "Torso meiner Frau" und "Fabrik") gelesen. 

Es war ein sehr schönes Erlebnis, wie schon das erste Mal vor einem Monat. Ich hatte am Anfang ziemlich Angst, aber diese hat sich eigentlich gleich beim ersten Wort der "Definition der Dichtkunst" von Boris Pasternak gelegt. 

Ich habe wieder viele "Eiler" gesehen und bin erneut über ihre Hast und Zeitlosigkeit erschrocken. Ich verstehe sehr wohl, dass man an einem Samstag dringende Besorgungen zu erledigen haben kann, aber muss man deshalb so gebückt und unterworfen gehen?! 

Wieder waren es die Männer, Rentner und Kinder, die am ehesten Zeit fürs Zuhören hatten. Die Frauen nicht, die haben etwas vor; ausser die älteren Semester. 

Ich suche immer noch meine Lieblingsplätze. An einigen lese ich einfach, um dem Lärm, der Hast demonstrativ etwas entgegen zu setzen, an andern, weil mir die Platzanlage gefällt und an wieder andern ist die Akustik spannend (so unter dem Atrium im Dach des neuene Messebaus, wo man in stillen Momenten, wenn gerade kein Tram fährt, seinen Stimme heller als sie ist zurückhallen hören kann).

Am schönsten war das Lesen oben im Spalenberg. Dort hatte ich sogar ein richtiges Publikum; eine junge Frau hat sogar das ganze "Programm" durchgehört. Danke ihr! Dort habe ich auch die meisten Gedichte verteilt: ich verteile ab sofort jenen, die zwei Gedichte anhören aus ihrer Hast heraus, ein Couvert mit einem meiner Gedichte darin... Eine ältere französische Dame hat mir sogar ein Gedicht vorgetragen (auf französisch), das ich dann noch suchen muss, wahrscheinlich von Victor Hugo. Danke auch ihr. 

Das hat mir gezeigt, dass Lyrik (oder eben: Poesie, obwohl ich ja gerade diese Bezeichnung nicht mag, sie ist mir zu schwächlich, zu verzärtelt) eine Stelle in der Gesellschaft hat / haben kann. Dass es doch noch Leute gibt, die "jeden Tag ein Gedicht" lesen, wie mir eine Frau gesagt hat. Das ermuntert, weiter zu machen. Ein junges Mädchen z.B. ist am Münsterberg umgekehrt und kam zu mir hin, um zu fragen, ob das wirklich die "Inventur" (Günter Eich) sei, die ich eben gelesen habe. 

Und die lustigste Lesung gab ich gestern einem Jungen hinter den Beinen seines Vaters, ich kauerte mich der Deutlichkeit halber hin und las ihm "Es chunnt en Riiter über d Brugg"... Und sogar auf dem allzu weiten Theaterplatz hatte ich gegen Ende des Programms einen jungen Zuhörer, der sich bei mir bedankt hat, schön wie der junge Delon. 

Allen also: Danke fürs Zuhören und bis am 30. November! Hoffentlich ist dann auch wieder ein solches schönes, warmes Sonnenwetter. Aber das ist nicht wichtig: Lyrik blüht auch in Schnee und Hagel auf. 

Aber eigentlich möchte ich gleich nächsten Samstag wieder hinaus und lesen. Vielleicht mache ich das auch, aber nur am Spalenberg? Wer weiss!

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Ein erfüllter Traum

(für Sylvana)

 

Nachdem ich dich umarmt

Und gleich nochmals umarmt hatte

In diesem kleinen Zurücktreten nach einer Umarmung

Fragtest du so

Dass die Frage eine Aussage war

Dann hast du also wirklich deinen Traum verwirklicht

Und bevor ein erster Konsonant sich an meinem Gaumen abschlagen konnte:

Ich gratuliere dir!

Das freut mich so für dich!

 

Ich umarmte dich gleich noch einmal

Und diesmal war die Umarmung eine Schutzgeste…

 

Denn ich der ich

Niemals die Aussage erreiche

Immer die Stimme am Ende der Sätze hebe -

Fast hätte ich gefragt

Was für einen Traum du meintest…

 

Du hast mir die Frage erspart:

Du lebst jetzt für deine Gedichte…

 

Dann redeten wir von anderem…

Und deine Aussage sank in mir hinunter

Wie die Münze auf den Grund…

 

Heute aber

Erkannte ich in diesem ratlosen Erstaunen

Das mich wie ein Schrecken ergriffen hatte

Zu Unrecht ergriffen hatte -

Doch wie sehr glaubt jeder

Seine Träume seien unvollendete Lebenslügen! -

Erkenne ich und bin bereit

Sie anzunehmen

Die ausgesprochene Wahrheit

Scheu wie ein nacktes Erdwesen.

 

Jemand der mich annimmt für das

Was ich bin und für das

Was ich möglicherweise wäre

Hat einen solchen Vorsprung vor mir

Dass er nur auf Unglauben stossen kann…

 

Die eigenen Träume hält man für

Unmöglicher als die der andern.

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Andante (aus dem Prolog zum Körper-Zyklus)

Die Zeit zahnt:

Gemeinschaft des Abgeschöpften

Mit jenem das gespannt ist

Über unsern Köpfen.

In Lauf-Bahn

Vereinsamt das Arg-Gewöhnte

Gefangen im gemässigt

Erlaubten das bekannt ist.

Die Hast wohnt

Im Argwohn.

 

Gesichts-Aas:

Der Wein schafft dem Abgeschabten

Den Janus der entbrannt ist

In den Vasen-Wangen.

Was pauschal

Wie Leinsam’ am Rad - : genabtes

Erlangen im aufsässig

Vertrauten das gewandt ist.

Die Zahl thront

Im Bar-Lohn.

 

Der Raum plant:

Der Schein rahmt die Aufgeknöpften

Mit jenem das gespannt ist

In die Taten-Zangen.

In dem Saal

Die Seilschaft hat Hochgelüpftes

Gehangen als verlässlich

Ertaubtes das gesandt ist.

Der Rost-Sporn

Im Nahtod.

 

Der Mondfrass:

Der Leim haftet Eingewabtem

Wie Jauch’ an die verwandt ist

Mit Basen-Angern.

Was kausal

Gemeinsam an Tat - : Enttrabtes

Einfangen in dem sträflich

Erlaubten was gebannt ist.

Und bald rollt

Die Lore.

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Heiterkeit

Auch in Auschwitz

Lachten Menschen

(Und nicht nur Deutsche)

 

Und die Gesichter der Jugendlichen

Bleiben nur kurz starr

Und entspannen sich schnell wieder

 

Das Lachen erklingt

Vor dem Krematorium

Wie Sonnenflecken im Gras

 

Auch in Birkenau

Wächst Gras und Busch und Löwenzahn

Wie immer schon

 

Und die Stufen in den Blöcken

Lächeln geduldig zu den Schritten

Der Besucher

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Fotografien der Wiener Lesung

Ausnahmsweise hier einmal keine Gedichte, sondern Fotografien, mit Dank an Herrn Wiggli, der den Abend am 6. Oktober fotografisch festgehalten hat. Auf dem Applausbild (halb beim Verneigen) sind zu sehen von links nach rechts: Angelika Stumvoll, Oliver Füglister, Jörg Wiedemann, Ingritt Sachse, Gertraud Wiggli-von Löwenich und die Organisatorin des Abends, Michaela Didyk. Nochmals herzlichen Dank, Michaela!

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D Sterne falled

Wenn i dra tänke

Dass im Verschränke

Vo de Liecht-Bändel im Falle

Us em Abe es Ufe wird

Es neige hii zum Ufer

Es Ufschnälle vo de Schnalle

Luuter Strich und Fäde

Wie Chinderschnädere

Aber tüüf une halled

Doch no en liebi Stimm

Wo liislig seid

Es isch nid schlimm

S gar nid eso schlimm

Dass d chalt hesch

Hie usse und im Tänke

Do drvoo – vo dr Schnalle

Und der Falle – vom Beschränke

Ufs verknäuelete Bild vo de Sterne

Fallt mer ii dass im Irrgarte

Nid s Irre zellt aber s Warte.

 

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Das Spirituelle in unserer Welt

Das Spirituelle muss seinen Platz in der Welt haben. Die Musik ist nicht für den Tanz da, die Sprache nicht für die Kommunikation, die Gemälde nicht für das Auge: alles muss ein Verweis, ein Fingerzeig, ein Aufforderung sein zum Geistigen. Gewiss, der Mensch lässt sich nicht zum Geistigen zwingen; unsere Aufgabe ist es, die Wahlmöglichkeit zu verdeutlichen und ihn mit durch die Kraft unserer Kunst und Kunstfertigkeit in die Richtung zu drehen, in die er zu gehen hätte. Diese Elektroschock-Kunst („La beauté sera convulsive ou ne sera pas“, Breton) kann nichts mehr tun als dies, konnte es nie anders: der Anstoss muss genügen, der Anruf („Du musst dein Leben ändern“, La Cour) muss in seiner Dringlichkeit die Möglichkeit eröffnen, diesen Pfad allen Zwängen zum Trotz gehen zu wollen. (Fast hätte ich von einem Angebot gesprochen: handelt es sich doch um eine Einladung!)

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