Blog-Archiv für November 2013

Das 130. Viertelstundgedicht

Wenn das Lächeln zu einer Floskel wird

Wie die Frage nach dem Befinden

Gibt es nur noch eines:

Du musst dein Leben ändern.

 

Diese Versteinerung der Konvention

In deinem Gesicht ist Zeichen

Der Versteinerung der Invention.

 

Lasse dich nicht bannen

In die Form deiner Vergangenheit

Lasse dich nicht einzonen

Ins Areal des Denkens der andern.

Zone dich um und

Schmelze dahin.

 

Schon Kinder lernen das Lächeln auf Vorschrift.

 

Ich habe Freunde

Die niemals lächeln

Und kaum mehr scherzen -

Sie sind mir die Aufrichtigsten

Sie sind mir die Geliebteten.

 

Und wie mit dem Lächeln

So mit den Wörtern.

Lass dich nicht in die Pflicht nehmen -

Sie sind nicht vernunftbegabt

Auch wenn du schon oft nahe daran warst

Dies zu glauben: Du bist es.

 

Lass dich nicht in die Pflicht nehmen

Sei kein Bürger

Trage keinen Kittel mit Aufschrift

Opfere die eigenen nicht länger

Den Werten der andern:

Sei der Mensch

Zu dem du berufen wurdest.

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Jeder Trottel... - Aus dem Englischen

Jeder Trottel schafft’s in den Ozean hinein

Aber es braucht eine Göttin

Um aus einem herauszukommen.

Was für Ozeane gilt gilt natürlich auch

Für Labyrinthe und Gedichte. Wenn du zu schwimmen beginnst

Durch Brandungs-Rhythmen und durch den Seetang der Metaphern

Musst du ein guter Schwimmer sein oder eine geborene Göttin

Um aus ihnen herauszukommen.

Schau nur die Seeotter an die wild wippen

Da draußen in der Mitte des Gedichts

Sie schauen so eifrig und ruhig aus beim Spielen da draußen wo das Wasser sich kaum noch bewegt

Du könntest wohl durch all die Wellen und Felsen zu ihnen hinauskommen

In die Mitte des Gedichts und sie berühren

Doch wenn du es im gesegneten Wasser lange genug versucht hast

Genug um wieder zurück zu wollen

Dann erst beginnt der Spaß:

Außer du bist ein Seeotter oder ein Dichter oder etwas Übernatürliches

Wirst du ertrinken mein Lieber wirst ertrinken.

Jeder Grieche kann dich in ein Labyrinth hineinbringen

Aber es braucht einen Helden um aus einem herauszufinden.

Was für ein Labyrinth gilt gilt natürlich auch

Für die Liebe und die Erinnerung. Wenn du dich zu erinnern beginnst.

 

(Jack Spicer)

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Die beiden Mauern. Thema

Die beiden Mauern sind Friedhofsmauern. Der Raum wie die Zeit, die sie umschliessen, gehört ihnen nicht - sie gehören weder zu diesem Raum noch zu dieser Zeit.

Das sind wir, diese beiden Mauern: umfriedend den Raum der Familie. Darin wird gelebt und gestorben. Es ist ein Raum von einer gewissen Hektik, eine Zeit von einer gewissen Enge.

Unser Bemühen konzentriert sich inzwischen nur noch auf das Umhegen, auf das Begrenzen. Aber das ist eine Lüge: wir sind fallende Steine in einer Bemühung, sich zu erreichen - am Ende des Bogens, den wir um den Raum und die Zeit zu ziehen bemüht sind.

Nein, wir werden uns nicht mehr erreichen. Das Tor ist offen oder geschlossen; es ist unsere Hürde, die uns nicht zu überwinden gelehrt wurde. Die letzte Front, die letzte Fron, die wir zu bewältigen haben: dieses Tor niederreissen.

Aber keiner von uns beiden Mauern bemüht sich darum. Hier geht es nur noch um den Bestand oder um das Bröckeln. Fühlst du, wie das Bröckeln mich aufhält? Ist das Bröckeln gar eine Geste hin zu dir? Ein Stein um Stein Hinüberzerfall zu Dir? Du hingegen siehst noch sehr beständig aus.

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Die beiden Mauern

Die beiden Mauern beginnen

An der Kirche.

Sie scheiden aussen von innen

Und umringen:

 

Die bleichen Steine bewachsen

Von den Flechten.

Die leichten Tiere durchrascheln

Das Gerechte.

 

Doch ihnen liegt

Das Tor im Weg:

Ein Bogen „nun?!“

 

Und aussen liegt

Der krumme Weg

Ungehegt und stumm.

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Gebet No. 7

Wie kannst du Herr mich Sünder denn lieben?

Ich selbst bin wie ein fliegender Baum

Der ungewollte Frucht brachte und Lieder…

Wie kannst du Herr mich Sünder denn lieben?

Ich falle stehend und wate im Schaum

Der eignen Schuld - schwächstes der Glieder…

Wie kannst du Herr mich Sünder denn lieben?

Ich selbst verzeih mir Luftigem kaum…

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Widerstand

Ich widerstehe

Dem bekannten Wort

Dem blossen Staunen

Dem bekleideten Gefühl -

Ich liefere nicht freiwillig ab

Den Zehnten der Hoffnung.

 

Ich widerstehe

Dem folgsamen Reim

Den blassen Launen

Dem beschreibenden Kalkül -

Ich nehme nicht freiwillig teil

Am Sabbath des Defizits.

 

Dies ist mein Ja-Wort.

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