Blog-Archiv für Mai 2011

Wieder mal

... ein neues Gedicht online, hier in der Rubrik "Neueste Gedichte".

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Kapitel 3 der Haikulehre online!

Die Rede kann es nicht gestalten,

Das Schweigen kann es nicht durchdringen - 

 

Aber eine Einführung ist allemal wertvoll. Gute Lektüre!

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Es gibt Kunst V

Es gibt Kunst, die wie eine Made im Fleisch ihrer neueren Vergangenheit steckt (denn die Gegenwart ist ein Problem für Grammatiker), und darin herumreisst und herumbeisst (nagt, sagen die Feinde der Kunst), zerrt und zersetzt, auch vor Knochen zurückscheut, - da sie etwas will, eine Zustandsänderung begehrt, nenne ich sie die utopische. Eine andere wieder, ebenso verbreitet und vermutlich vom gewöhnlichen Kunstgänger, dem Kunst näher bei der Unterhaltung logieren sollte, sogar respektertiertere, ist jene, die sich ebenso einnistet in der nahen oder auch ferneren Vergangenheit, doch nicht wie eine Made, sondern eher wie eine Katze auf der Ofenbank, wie sie in unseren Kindermärchen vorkommt, sie ist evokativ und pittoresk, - ich nenne sie daher die nostalgische, eine Kunst, die nicht notwendigerweise modern ist.

Ich schreibe „nicht notwendigerweise“: eine solche Kunst wäre jedoch modern, wenn es ihr gelänge , im Beschrieb, in der Schilderung, der Abbildung, in der (Um-) Gestaltung, kurz in der Behandlung der Form, eine Veränderung in uns hervorzurufen. Modern insofern, als sie damit uns zum Nachdenken, zum „Spinnen“ verführte. Und in diesem Spinnen kann sehr viel geschehen, - wenn es aufrichtig geschieht.

Iwan Bunin scheint so einer Kunst sehr nahe zu kommen. Auf den ersten Augenblick bietet sich sein Stil (diese genaue, klassisch-zurückhaltende Beschreibung, die doch voller Emphase in jedem Satz und Adjektiv ist) und seine Thematik (das Leben des Provinzadels vor der Revolution) geradezu an für Parodien und Nachäffungen. – Ich kann mir gut vorstellen, eine Geschichte zu beginnen: „An diesem Abend fuhr Sergej Iljitsch in gereizter Stimmung durch das dezemberliche Schneetreiben ins „Prag“, aus dem ihm die Klänge der Zigeunermusik entgegen stoben wie die leichten Küsse der Tänzerinnen des Bolschoi in einem Entr’acte...“ – Beim genaueren Hinschauen – und nach einer ersten Ermüdung über die immer wiederkehrenden Protagonisten oder Typen – stellt man jedoch fest, dass es hier keineswegs um die Zeit oder die Gesellschaft geht (das Leben er Bauern kommt darin nur in Andeutungen vor), sondern um den Ausdruck, um die Form. Bunin konkoktiert in seinen Romanen und Erzählungen einen ganz eigenen Sud an Poesie, den er gemein hat mit den andern Poeten des 19. Jahrhunderts, und es ist dieser Sud, dieses feine Distillat, Turgenjew überhöhend, das verändernd oder modulierend auf uns einwirkt. Es sind dies Sätze wie jener letzte aus seiner Gesichte „Oratorium“: „Je heisser und strahlender der Brand der Sonne, desto kälter ist der Luftzug aus dem dunklen Fenster.“ – Diese Kunst, wenn auch durchaus zurecht als „rückwärtsgewandt“ kritisiert oder kritisierbar, wenn auch durchaus nicht ganz heimisch geworden im eigenen Jahrhundert (Bunin schreibt seine letzten Geschichten in den 40er-Jahren, als fast 50 Jahre „später“), kann wohl als verwandt gelten im Geiste mit dem Ansatz eines George oder Hoffmannsthal (fin de siècle in der Mitte des Jahrhunderts sozusagen): ganz auf Stimmung aufgebaut und abgestellt, soll sie durch diese einen andern Zustand herbeiführen und ist darin letztlich doch modern.

 

(17.05. 2011)

 

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Es gibt Kunst IV

Es gibt Kunst, die sich engagiert nennt, sich politisch und sozial einzumischen bemüht ist, die in jeder ihrer Aktionen, Performances oder Inszenierungen den Bezug zur Gegenwart sucht und ihn selbst da herzustellen weiss, wo er gar nicht hingehört, eine Kunst, die sich zeitgemäss heisst, aber ein wenig an die Sozialistendiskurse im Russland des 19. Jahrhunderts erinnert, also letztlich ein Anachronismus trotz ihrer Gegenwärtigkeit ist. Dieser Kunst fehlt es nicht an Menschlichkeit, ohne die kein Engagement glaubhaft sein kann. Ganz anders kann es sein mit einer andern Form der Kunst, die in nichts engagiert sein will, aber in all ihrer Menschlichkeit und Formkraft – ja, die erstere Kunst hat meist keine Formkraft, will sie nicht haben, da ihre Aussage nicht verstellt sein soll, - in all ihrer unverhüllten und fast ein wenig naiven Wärme weitaus engagierter wirkt, nämlich wahrhaft aufklärerisch. Als vollkommste Ausprägung letzterer Richtung wird mir immer Ozu Yasujiro gelten. In seinen Filmen, insbesondere in seinen Spätwerken, die alle um ein gleiches Ensemble und eine gleiche Thematik kreisen, eigentlich Variationen übers Altwerden, das Ablösen von den Kindern, den Mädchen hauptsächlich, sind, - in seinen Filmen gelingt es ihm, durch einen gleichbleibenden, zur Vollendung getriebenen Stil (die Korridore geben Perspektiven frei, die Interieurs werden aus dem Sitzen gefilmt, manchmal Einstellungen wie in klassischen holländischen Stilleben) und eine scheinbar einfache, windungslose Story einen Sog zu entwickeln, der uns mehr lehrt, als alle engagierten Künstler zusammen: die gesellschaftlichen Veränderungen, die (gänzlich amerikanisierte) Arbeitswelt und die Stellung der Frau darin und in der Gesellschaft, die Verwestlichung oder Amerikanisierung unseres Lebens, die Ängste und aus der Erinnerung gespeisten Sehnsüchte der Menschen – gebadet sozusagen in einer Liebe zum Menschen, die nicht ohne Ironie ist, ja diese benötigt, - selbst ein Prolet, der sich sehnsüchtig herbeiwünscht (Ende 50er Jahre), Japan hätte den Krieg gewonnen, und sich in seiner Stammbar die Hymne der Marine vorspielen lässt, selbst er ist nicht verachtenswert, - wir verstehen ihn, ohne ihn schon zu bemitleiden. Und dies ist letztlich die Essenz von Ozus Filmschaffen, wie ich sie heute, im jetzigen Moment begreife: eine minimalistische Kunst, die aber gerade in ihrem Minimalismus überaus kunstvoll ist, die uns den Menschen verstehen lehrt, uns lehrt, ihn so anzunehmen wie er ist (scheint?) oder geworden ist. Das ist engagierte Kunst, sie allein wird uns in Aktion und Bewegung setzen. (Und immer wieder, auch hier bei Ozu, - alle grosse Kunst arbeitet eigentlich nur an einem Roman, Bild oder Film, den sie bemüht ist, so viele Male durchzuführen, bis es „stimmt“ – aber es „stimmt“ nie ganz, - so entsteht eine weitere Variante und noch eine...)

 

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