Blog-Archiv März 2014

Das Verschwinden eines Flusses

Die Reuss fliesst in die Aare und verliert ihren Namen.

Die Aare fliesst in den Rhein und verliert ihren Namen.

 

Ich habe nie begreifen können

Weshalb Flüsse ihre Namen verlieren.

 

Ist die Reuss in Luzern der gleiche Fluss wie in Bremgarten?

Die Aare in Bern der gleiche Fluss wie die Aare in Beznau?

 

Das hat nichts mit dem Wasser zu tun

Das mehr oder weniger Dünger und Gifte mit sich trägt

(Mehr oder weniger in seiner Temperatur schwankt)

Noch mit seiner Geschwindigkeit oder seinen Ufern.

 

In meiner Kindheit schämte ich mich für die Reuss

Schämte mich und bewunderte sie:

Sie verschwand ohne Gegenwehr in der Aare…

 

Floss der Rhein durch Basel würde niemand mehr wissen

Dass sein Wasser nur zum Teil sein eigenes ist.

 

Der Lauf der Reuss bestand und besteht weiter

Der Lauf der Reuss führte und führt weiter Wassser

Nicht von der metallgrünen fast silbernen Qualität der Aare in Bern

Nicht von dem teilnahmslosen Schiffergrün des Rheins in Basel -

Ein grauend-diaphanes Spiegel-Grün

Das Grün der Pfandflaschen die wir im Sommer

Im Freibad sammelten für noch mehr Schleckereien -

All das gibt es weiterhin…

Aber schon in Klingnau ist es vergessen und verschwunden.

 

Es schmerzt mich noch heute…

Als sei ein Name eine Sache

Des Neigungswinkels oder der geologischen Verwerfungen

Der Kubikliter und Fliessgeschwindigkeit und der Erosionskraft -

Als sei ein Name eine Frage der

Benennung und in letzter Konsequenz

Ohne Belang - austauschbar und nur

Laut.

 

Die Welt ist ein geschlossenes System wie unsere Blutbahnen

Durch die wieder und wieder das Gleiche

Das Ähnliche fliesst

Das wir Blut nennen…

Von unterschiedlicher Qualität

An unterschiedlichen Stellen

Des Blutlaufs… Hier

Könnten wir es kokoro nennen

Und dort sertse und weiter weg

Sydän…

 

Gaben wir unseren Kindern Namen

Um sie besser festhalten zu können?

Müssten wir nicht die Ufer

Auf den Namen des Flusses taufen?

 

Und selbst die Fluren…

Ihre Namen enden in

Abhängen Waldrändern und Mauerflechten

Wie das rosafarbene Verblühen des Rotdorns

Und der Verlust des ersten Milchzahns -

Die ganze Welt hochgeworfen wie eine Münze

In ihren Namen hilflos und unbestimmt

Namen wie bewegliches Gut und Ballast

Plötzliche Erosionsmale

Andauernde und nagende

Zwiespältigkeit - V-Täler

Vom Fieber verheert

Das wie im Gedicht und

Entgegen dem Griff zum Wörterbuch

Hochquillt in die Moosgrube

Unseres Gedächtnisses

Unseres Verständnisses

Dem alles trotz der Namen

Unentrinnbar unerinnerbar

Und

Unbeschreiblich unbenennbar

Bleiben muss selbst im

Nicht vermittelbaren

Festhalten an einem Vorrang

Der nicht anders als im Unverständnis

Seiner Unerheblichkeit

Münden kann: nie

Werde ich verstehen können

Weshalb Flüsse ihren Namen verlieren

Weshalb und wann Namen

Verschwinden können: nie

Werde ich meine Kindheit

Aufhören zu benennen nach dir

Reuss.

 

Ich bin ein uneigentlicher Mensch

Schreibe ich ein Gedicht, zählt allein die Sprache. Schreibe ich eine Erzählung, zählt allein der Inhalt; mit ihm, Logik und Wahrscheinlichkeit. Doch diese sind mir unbekannt, unnatürlich. Ich denke logisch, ich handle (meist) mit einem Blick auf die Wahrscheinlichkeit oder Nachvollziehbarkeit meiner Taten, aber in mir ist weder Wahrscheinlichkeit noch Logik zuhause. Als sei ich noch ein Kind, in dessen Welt noch alles möglich ist und alles zu gleichen Teilen wahrscheinlich und unwahrscheinlich; und doch handle ich (wieder: meist) „erwachsen“.

Die Figuren, die ich zeichne in einer Geschichte, haben keine Individualität; ich selbst spreche ihnen als erster alle Individualität ab. Das kann mit dem mangelnden Vertrauen in die eigene Wirklichkeitsbindung, in die eigene Erfindungsgabe zusammenhängen…

Es ist mir ein seltsames Schweben eigen. Wenn man Freunde oder Bekannte fragte, würden sie wahrscheinlich behaupten, ich habe ganz klar die oder jene Ansichten und äusserte sie auch deutlich. Einer aber, denke ich, würde sicherlich bemerkt haben, dass viele meiner Äusserungen komisch und indirekt, merkwürdig verklausuliert sind; vor allem, wenn sie spontan sind.

Dieses Schweben trage ich ins Gedicht. Dort kann es sein, dort gibt es das Jein, das ich in mir habe. Das Deutliche kann dort ins Wort treten - über die ungefüge, unregelmässige und schmutzige Türschwelle, die ich bin. Dort allein, im Gedicht, findet dieses Schweben, diese ewige Veränderung Ruhe, ist das Uneigentliche zuhause.

Seit meiner Jugend aber träume ich von einer eigenen Welt, in der, was mir wahrscheinlich und logisch - natürlich ist, es auch sein kann. Einer Welt, die in nichts hinter der Glaubwürdigkeit der realen Welt zurücksteht, aber sich nur in Ansätzen, in diesem mir eigenen Schweben noch daran orientiert.

Ja, Wahrscheinlichkeit hat mit Wahrnehmung zu tun. In der Wahrnehmung spielen sich zwei Prozesse ab: ich lese den Sinn heraus, von dem ich annehmen kann, dass er allen erkenntlich ist, die gewöhnliche Welt mit ihren gewohnten Handlungsweisen und Verhaltensmustern, und ich verstehe es; dennoch gibt es immer noch den - eigentlichen Sinn dahinter, der unmittelbar, durch meine erste Natur (wie Pascal sagen würde) wahrgenommen wird, nicht im Lesen, sondern im Erkennen.

Vielleicht fällt mir das Erzählen deshalb so schwer, weil ich ein uneigentlicher Mensch bin, dem der Vergleich, das Bild näher ist als das Gemeinte, Gegenwärtige oder Gegenständliche selbst. Die eigentliche Welt ist mir uneigentlich, und die uneigentliche eigentlich. Wird es der uneigentlichen je gelingen, eigen, authentisch und wahr zu sein, - wäre es möglich, dass mein Bild eines Baumes nicht gar so weit von dem Bild eines Baumes anderer Menschen abwiche?

Ist je von Auschwitz zu viel geredet worden?

Von meinem 5. (oder 6.?) Samstag der Poesie wird mir vor allem jene letzte Lesung in der Elisabethenanlage in Erinnerung bleiben, als ich mitten im Gedicht von Richard Exner über Auschwitz von einer etwa 50-jährigen, verlebten Frau attackiert wurde. Sie trat sehr nahe an mich heran und begann, heftig auf mich einzureden. Sie habe jetzt endlich genug von Auschwitz und den Juden, das wisse man ja jetzt. Es gebe hunderte andere Vorfälle, die nicht erwähnt würden, man solle mal an die Millionen von Schwarzen in Afrika denken, und die hätten ja nicht einmal Gräber gekriegt! 

 

Ich war zuerst perplex, wehrte mit dem Satz ab, "ich lese Gedichte, keine Politik", aber die Frau redete noch ein Weilchen weiter. Ich verstand und verstand nicht. Ja, um Auschwitz weiss man, und um andere Massentötungen nicht oder weniger; ich bin jedoch sicher, dass man die Frau (und andere weit "normalere" Bürger dieses Landes und Europas) auch mit Gedichten über Katyn oder über Stalins Massendeportationen nicht hätte begeistern oder zufrieden stellen können.

 

Und hier beginnt die poetologische Überlegung: die Poesie muss auch und vor allem in moderner, nach-Holocaust-Zeit immer wieder mit Schönheit und Wahrheit an diesen Urunglücken des vergangenen Jahrhunderts, ja der Menschheit insgesamt arbeiten und schreiben. Genauso, wie sie auch die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki nicht vergessen lassen darf. Daran, so bin ich überzeugt, misst sich ihre Modernität. 

 

Poesie ist für viele heute zum süssen Gesäusel verkommen; sie soll es für viele auch bleiben. In einem meiner Gedichte vergleiche ich die Poesie mit Kotzen: Regelmässig höre ich dann die Bemerkung, das sei unschön oder das gefalle nicht. Ich antworte, wenn ich gerade bereit zu Ehrlichkeit bin und nicht micht entschuldigen will - weil das ja auch vorkommt, als Dichter will man ja auch gefallen! -, dass der Prozess des Schreibens durchaus mit dem Kotzen zu vergleichen sei. Und das eigentliche Kotzen, über der Kloschüssel vollführt, betrachte ich immer noch als eine grundlegend kathartische Erfahrung des Menschseins...

 

Ja, Poesie hat schön zu sein. Da bin ich einverstanden. Aber ein Gedicht ist, wie das Exner so unglaublich prägnant und erschreckend auf den Punkt bringt, "wie ein Massengrab", das "Raum und Zeit" spart. Und in dieser lautlichen, klanglichen, vielleicht auch bildlichen Schönheit muss Poesie dennoch die Hässlichkeit und Verwerflichkeit, die Verwerfungen und Biederkeiten, die Untaten und Untoten gegenwärtig halten. Poesie ist eben auch: Memento mori, Mahnmal des Menschen - ganz im Sinne der Fastenzeit: Bedenke, dass du sterblich bist und zu Staub zurückkehren wirst. Und das, ja das gebe ich zu, das schmerzt. Aber ist es nicht ein schöner Schmerz, wenn man sich über die eigene Sterblichkeit für einen kurzen, eleganten Vers schwingen kann?

 

Das will ich doch meinen. 

Gebet No. 10

Herr ein abgeschlagenes Glied bin ich

So beschnitten ist mein Herz von sich…

Abgewürgte Impulse… Lack ist ab…

Herr ein abgeschlagenes Glied bin ich

Halde voller Dinge die’s nie gab

Schorf bedeckt wie Staub Tapeten-Ich

Herr ein abgeschlagenes Glied bin ich

So gegürtet ist mein Herz von sich.

Rhapsodisch schreiben

Ich entdecke die Rhapsodie. Eine Form des Gesangs, der in losen Versen, in direkten Ausrufen, gelegentlichen Reimen und plötzlichen Kehrtwenden ein Thema umkreist. Alles bleibt in der metaphorischen, indirekten Andeutung. Die Sprache schwankt zwischen Alltag und hohem Stil. Nichts ist ihr Fremd, vom Anus bis zum Janus wirbelt sie alles durcheinander. Lässt den Hörer zurück, befremdet und verwirrt. Ahnt er nicht etwas oder meint er noch? Das Wissen durch rhapsodisches Dichten entsteht unmittelbar-allegorisch und uneigentlich-konkret: wer Uneigentliches für möglich hält und Allegorisches für mittelbar, wird eine Blume öffnen, die einen langen Abgang hat.

Alles retten!

Mein 5. Samstag der Poesie liegt schon eine Weile zurück. Aber ein Ausspruch eines Zuhörers - denn entgegen der Erwartung, auch meiner, gibt es tatsächlich, und manchmal an den "unmöglichsten" Stellen, Zuhörer! -, der mir nicht mehr aus dem Gedächtnis will, stammt aus einem Gedicht von Neruda, das ich noch nicht gesucht habe: Die Poesie wird die Welt retten. 

Und dieser Ausspruch stimmt inzwischen so sehr überein mit meiner eigenen Erfahrung! Denn "die Menschen" lieben die Poesie, was immer man sonst sagen und denken hören kann; genauso wie der Glaube noch nicht ganz erstorben ist... Wie vielen ist das "gesungene" Wort der Lyrik (siehe meinen Eintrag auf dem Lyrik-Glossar von Pro Lyrica!) doch noch mehr wert als die Ersatznahrung von Konsum und Hollywood. 

Das bestärkt mich in meinem Enthusiasmus, weiter und weiter zu schreiben - und eigentlich ist dabei unwesentlich, wie mein Erfolg dabei ist (Verlag oder nicht, z.B.): wichtig ist die Tat des Worts!

Ah, und der nächste Samstag der Poesie ist in einer Woche, am 22. März!

Fastnacht

Die schmale Hand des Glücks

Verstreut auf Wegen

Den Gluten-Regen

In dem das Pfand entrückt -

 

Das Leben all der Buckel

Verrückt in Eden

Von Asche-Mahden

In denen krähen Gockel -

 

Das falsche Kinn der Larven

Als Leumund-Gabe

Für Erden-Naben

Durch die erklingen Harfen -

 

Die Herde voller Wüter

Zerpflückt im Trabe

Die Phrasen-Nebel

In die gesät die Hüter.

Zur Fastenzeit: nicht leiden - lachen

Zero

Der Tod ist ein Meister

Aus der Luft. 

Ein Schwager des Daumens.

Die Gruft der Wolken

Ist der Turm

Aus dem die Sprache entfällt

Ist der Sturm

Der das Siegel erbricht. 

 

Lies nur die Unzahl

Und die Verrenkung der Buchstaben - 

Die Auskugelung

Die Ausangelung. 

Sieh hin… Mottenflug…

Kissen im Himmel - 

Knall und Puff.

Ist es nicht süss?

 

Kaa tanzt für die Affen - 

Noch nicht lange ist’s her.

Engelsleiber zucken.

Der Flug des Untiers 

Ins Unhier: Schrift

Und Zeichen im Gewebe 

Von Zeit und Vorstellung.

In den Lücken atmet

Satan staubig und rund. 

 

Die Hitze des Sturzes!

Das Wachs schmilzt.

 

Sieh das Blatt

Es krümmt sich

Wie eine Hand

Die sich schliesst

Und erhebt sich

Vom Atem des Windes. 

Es fliegt. - Es schneit!

 

Der Satan betet auf

Vergessenen Teppichen.

 

Ausgebreitet über Kansas’ weite Ebenen

Insektizid-Sprühnebel. 

 

Meister aus der Luft

Lies in verwirrten Extremitäten

Sieh in versiegelter Schrift

In deinem biegsamen Schatten

Letzte Zahl und erstes Wort. 

 

Wikipedia-Artikel zum Rei-sen: http://de.wikipedia.org/wiki/Mitsubishi_A6M

Schreibtagebuch: Lyriker und Prosaiker

 

Die Sprunghaftigkeit, die Unvorhersehbarkeit (nahe an der Willkür) des kindlichen Erzählens fasziniert mich deshalb, weil ich selbst in Sprüngen denke und schreibe. Das Fragmentarische, das mir so liegt, das Nicht-Chronologische und Nonlineare, das in ständiger Digression wurzelt, - man könnte es auch „Unbestand“ oder „Zentrumslosigkeit“ nennen, - dieses zerfetzte und zerfetzende Erzählen ist der Grund meiner Lyrik. - Ein Prosaiker flieht nicht: ein Prosaiker bringt alle Geduld auf, eine kenntliche, geradlinige, nachvollziehbare Spur zu hinterlassen. Ein Prosaiker zieht eine Erzählung in all ihren Facetten durch, erzählt ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit, er geht den ganzen Weg einer Geschichte. Ein Lyriker meidet keine Durststrecke, um seine Sprünge möglichst kraftvoll umsetzen zu können - in den Lücken, die sich daraus ergeben, hofft er, liegt der Sinn seiner Schrift. Ein Prosaiker meidet keine Durststrecke, um seine Linie fortzuspinnen. Ich habe mich oft gefragt, wie Spinnen einen Faden vom Ende des Raums zum andern oder manchmal sogar von einem Laternenpfahl zum andern (über die Strasse hinweg!) ziehen können… Der Prosaiker klettert hinunter, hinüber und wieder hinauf (mit dem Risiko, überfahren oder vertreten zu werden), der Lyriker wartet einen günstigen Wind ab (mit dem Risiko, von einer Schwalbe im Flug geschnappt zu werden)… - Natürlich ist das sträflicher dualistischer Idealismus und Unsinn. Ein McCarthy ist das beste Beispiel, dass eine Geschichte in Fragmenten und Bruchstücken erzählt werden kann, der sogar Poesie und Philosophie nicht unmöglich sind (Die Strasse); dass diese Erzählform von der Welt und der Weltsicht bzw. dem Erleben der Protagonisten bedingt sind, macht diesen Ansatz nur noch glaubwürdiger… 

Neues 12. Portfolio veröffentlicht

Ein Jahr nun schon betreibe ich das kostenlose Ebook-Format des Portfolios. Ich bin sehr stolz, dass heute das 12. davon erstellt und publiziert werden konnte. Ich werde in den nächsten Tagen die 12 besten Gedichte aus den 12. Ausgaben vorstellen und als Quartbuch zur Verfügung stellen. 

 

Apropos Buch: ab sofort können Sie meinen ersten Sonettenkranz als Quartbuch bestellen und auch über Paypal bezahlen... Es kostet auch nicht die Welt: nur 5 Franken inklusive Versandkosten...