Gedichte von Juni bis August 2014

Gebet No. 12

Herr die Schreie meiner Kinder sind verklungen

Ihr Hall hat sich in mir verloren

Und Stille schallt in meinen Ohren.

Herr die Schreie meiner Kinder sind verklungen

Fast als seien sie gar niemals durchgedrungen

Ins weite Schiff erfüllt von Erinnerungen.

Herr die Schreie meiner Kinder sind verklungen
Ihr Hall hat sich in mir verloren. 

Nochmals aus dem Schreibtagebuch

Beginne zu verstehen, weshalb man beim Schreiben oft vom „Handwerk“ redet, - was ich bisher immer verleugnet habe, weil mir alles im Begriff der Schöpfung verschmolz. 

Handwerk meint: ist die Erfindung der Geschichte erst einmal geglückt, ist genug Stoff gesammelt oder angehäuft, steht die Sprache und ihre Personalität, ist meine Aufgabe als Schreibender eine des Ausführens. Dann geht es darum, den ersten Schnitten, den ersten Schlägen, den ersten Strichen treu zu bleiben — in aller Redlichkeit und Achtsamkeit, in Kontrolle und Beherrschung. 

Und wieder kann ich Proust zitieren (es ist erstaunlich):

 

Swann täuschte sich nicht in seinem Glauben, dass die Sonate wirklich existiere. Gewiss, in dieser Hinsicht menschlich, gehörte sie dennoch zu einer Ordnung von übernatürlichen Kreaturen, die wir nie gesehen haben, die wir jedoch trotzdem mit Entzücken wieder erkennen, wenn irgend einem Erkunder des Unsichtbaren eine solche zu fangen gelingt und sie aus der göttlichen Welt, zu der er Zugang hat, herbeizubringen versteht, damit sie einige Augenblicke über unserer scheine. Das hat Vinteuil getan für die kleine Phrase. Swann fühlte, dass der Komponist sich mit seinen Musikinstrumenten bemüht hatte, sie zu enthüllen, sie sichtbar zu machen, ihren Zügen mit einer so zärtlichen, vorsichtigen, empfindlichen und so sicheren Hand zu folgen und treu zu bleiben, dass der Ton sich jeden Moment veränderte, entschand, um einen Schatten anzuzeigen, sich wiederbelebte, wenn sie auf der Stecke eine gewagtere Kontur nachzufahren hatte. Und als Zeichen dessen, dass Swann sich nicht täuschte, wenn er an die wirkliche Existenz dieser Phrase glaubte, hätte jeder ein wenig kundige Musikliebhaber sofort den Betrug gemerkt, wenn Vinteuil aus Mangel an Kraft für das Anschauen und Wiedergeben der Formen versucht hätte, indem er hier und da etwas Eigenes hinzugefügt hätte, die Lücken seiner Sehstärke oder die Schwäche seiner Hand zu kaschieren. 

Aus dem Schreibtragebuch

 

Alles liegt in der Schwebe; keine natürliche Fortbewegung, Dynamik. Die Dramatik meines Schreibens ist so pathologisch auf das Detail-Ereignis der Beschreibung konzentriert, dass ein Fortschreiten der Handlung nur zuckend und ruckend, in kleinen Erdbeben geschieht. Die Handlung wird durch äussere Anstösse angetrieben; ebenso die Protagonisten. (Man könnte daraus folgern, dass sich darin meine mir ganz eigene Haltung gegenüber dem Leben spiegelt.) Die Dialoge sind ruckartige, unerzählte, unbeantwortete Frage-und-Antwort-Spiele, die nicht nur nicht befreien (weder den Protagonisten noch den „Erzähler“), sondern vielmehr die Isolation des Protagonisten (und des Lesers) verstärken. 

Vakuum III

Hier ist’s nicht dunkel.

Aus meinen Astloch-Pupillen

Schlüpfen die Falter

Mit ihren bärtigen Schnauzen.

 

Dort oben — Körbe.

Enthalten Sätze und Hüllen

Die ich mir sage

Als ob sie kämen von Lao Tse.

 

Ich höre Stimmen von Käuzen.

Hier bin ich nage

Am Stein als Extremophiler.

Wenn ich nur stürbe!

 

Ich schreib in himmlische Flöze

Nur mit dem Spaten.

Du blickst: Sirenen erfüllen
Mich mit Gefunkel.

Einmal einen Satz sagen

Einmal einen Satz sagen wie

Ich brauche meine Freiheit. 

Meine. Freiheit. Schiere Unmöglichkeit 

Dieses Satzes. Ich bin vierzig. 

Will heissen die Kindheit liegt vor mir.

Wieder. Vor. Mir. Scheuheit

Bindet uns in diese Umstände

Korrektur band mich in diese Umstände

Und wir bandagieren unsere 

Eigenen Erwartungen

Mehr noch unsere eigenen 

Vorstellungen von dem 

Was uns zu erwarten hätte

Da draussen jenseits der

Schaukeln geraubten Küsse verratenen Freunde und 

Gerade diesseits der schwellenden Brüste und Klöppel

Mit ungestümem Gleichmut und veränderungsloser Gleichzeitigkeit

Mit Sicherheiten und Wägbarkeiten.

Scheuheit und noch etwas. 

 

Die Feigheit beginnt da wo du vergisst

Dass du selbst über alles nachdenken kannst

Und das bereits Gedachte und in meinem Fall

Gesagte annimmst als gehörte es 

Zu einem Code d’honneur 

Gewisse Fakten 

Die als Fiktion gelten

Nicht auszusprechen

Weil sie als Fiktion gelten 

Beginnt da wo du auf der geplatzten Lippe deines Lebens

Noch Salzreste findest die dich an den See erinnern

An dem du mit geschlossenen Augen

Und mit offenen Türen entlang gehst. 

 

Es gab einen Moment 

Den ich verpasst habe

Als die Mädchen noch lachten und

Einem nachrannten weil man ihnen

Die Mütze vom Haar gerissen hatte

Und ich erinnere mich gut an diesen März

Und das Mädchen stürzte sich wild lachend und keuchend auf mich

Und war schwer schwerer als ich dachte

Und wir fielen auf den schwarzen Boden

Der noch mit Kieseln bestreut war

Und ich riss mir davon die linke Wange auf beim Fall

Kiesel gruben sich unter meine Haut

Und es gab jenen anderen Moment

Als man sie im Schwimmbad erblickte

Wie aus den Versandkatalogen und Revuen

Die ich auf der Toilette durchblätterte

Ohne zu wissen was genau ich fühlte oder zu fühlen hätte

Als man sie erblickte und nur noch Schrecken empfand

Ob dieser ausgiebigen und defensiven Schönheit…

Auf dieser Ebene zwischen diesen beiden Momenten

Die nur ein Spalt ist im Bewusstsein oder in der Wahrnehmung

Aber ein Abgrund im Handeln und ein Sprung in der Zeit

Und es waren die gleichen Mädchen

Und wir waren die gleichen Jungen

Auf dieser Ebene steht immer noch

Unbestimmt und zwinkernd 

Der Wetterhahn des Alltags

Den wir ja wir aufgerichtet haben dort

Als könnten wir uns nach ihm richten.

 

Waren wir nicht alle einmal wie die

Die nach Westen zogen

Einfach nach Westen zogen

Auf dem Oregon-Trail

Obwohl wir uns fühlten wie die Cherokee

Auf ihrem Tränentrail?

 

Einmal einen solchen Satz sagen wie

Alles ist möglich. Ich sage ihn nochmals

Alles ist möglich. Denn ich möchte so sehr

Nach Oregon. Ich bin gar nicht 

Erwachsen. Ich kennen alle Vorstellungen

Die wie Verbände uns hemmen

Alle Erwartungen die wie ein zu weites Gelände

Vor uns liegen und uns nachdenklich stimmen. 

Die Ränder der Schablonen dieser Welt sind bläulich abgefahren

Die Tiefen der Schubladen dieser Welt sind gräulich angefüllt

Und wir sollen die Ränder den Amerikanern überlassen 

Oder ganz einfach den andern und in der wogenden Mitte

Mit den andern Bisons brüllen wir sollen den andern 

Die es nicht gibt ein Mythos sind sie diese anderen

Alle sitzen sie in der vagen Mitte gut ich gebe zu

Manchen ist die Achse gebrochen oder sie haben den Wundbrand

Aber nochmals wir sollen den andern 

Den Schritt an den Saum der Wirklichkeit 

Erlauben und uns mit der fadenscheinigen Socke des Alltags 

Zufrieden geben die man ja nicht sieht im Schuh drin?

 

Alles ist möglich heisst nicht

Alles ist erlaubt. Aber erlaubt ist

Was möglich ist und vieles ist

Möglich wenn man nicht mehr 

In den Schubladen wühlt und nicht mehr

An den Schablonen leckt als seien es 

Briefmarken. Meine Freiheit

Heisst nicht Flucht und doch

Haben wir verlernt den Staub 

Von den Füssen zu schütteln

Freunde. Die Kindheit ist nicht mehr

Gestern. Die Jugend ist schnell

Wie ein Regentropfen verspritzt

Obwohl wir eine mächtige Sintflut 

Gewesen sein müssen alle zusammen. 

 

Ich komme mir ein wenig wie

Der verfluchte Feigenbaum vor:
Woher weiss er noch dass er ein Feigenbaum ist?

Epilog zum Zyklus "Vakuum"

Ich brauch

Dich. Bist Blase

Und Rauch.

Ich emphase

 

Dich. Bist Blase

Und trugst mich

Mit Emphase

Und schufst mich.

 

Du trugst mich

Schwarz im Haar

Und schufst mich

Gleich Gefahr.

 

Schwarz im Haar

Und Rauch

Gleich Gefahr.
Ich brauch…

Vakuum IV

Ich habe schon lange nicht mehr gesprochen

Vermutlich noch nie. Es ist auch unmöglich

So zu sprechen: die Handgelenke irgendwie

Hasenartig angewinkelt und mit dem Kopf

Verständnisvoll die Horizontale auslotend.

 

Und hebe ich meine Augen voller Befürchtungen

Sitzt du mir immer noch oder schon wieder

Gegenüber und wartest auf ein Wort von mir

Das weder Zitat noch Wasser auf die Mühlen mehr sein kann.

Die Jute der Sandsäcke hat die Wangen blutig gekratzt.

 

Sitzt du mir mit deinen Robbenaugen

Und deinem steilen Kinn gegenüber und

Ich picke die Brosamen der Vergebung auf sie sind wie

Kiesel und wische mir den Schweiss von der Scheibe

Und verschmiere die Pollenpaste darauf nur noch mehr.

 

Und ich blicke in dein Bergsteigergesicht. 

Ich habe lange nicht mehr gesprochen und jetzt

Gebe ich dir mein Schweigen wie eine Wiese.

An diesem kühlen Morgen hebe ich den Arm und
Rieche darunter. Ich bin schon nicht mehr menschlich…

Vakuum

Nichts entweicht. Schlängeln.

Gedränge: eng wie Haut.

Nah-dies-nah

Hilft auch kein Verhängen. 

Die Winde zischen wie Ventile.

 

- Sie hält die Spannung hoch und denkt darüber nach. 

- Du musst ihr die Zeit lassen.

- Hat sie mir denn die Zeit gelassen?

- Sie muss dich erlernen.

- Das ist doch eine verdammte Freakshow!

- Sie ist 40, vergiss das nicht.

- Reflections outside the Buckingham Palace, my ass!

 

Die Nussreife wie Hände

Gefaltet: ist nicht heute?

Die Reife als Vorstellung eines Räderwerks

Vom innern Aug und von innerer Uhr exkrementiert.

Hier kauere ich im Gebüsch, warmbackig. 

 

- Dort war sie weniger ausgeglichen: Auf den Boden gehockt und Sitzstreik. Sie sei müde. Heim wolle sie.

- So grosszügig wie sie ist, so egoistisch kann sie manchmal sein.

 

La mondiale du huis clos!

Der Teufel steckt in den Dichtungen.

Flatterjahn auf Silver Johns

Schulter. Die Mutter aller Kriege

Findet im Streben nach Metall statt.

 

- Jeder nennt jene Ideen klar, die den gleichen Grad an Verwirrung aufweisen wie die seinen. 

- Das ist Proust, oder?

- Hm-hm.

- Trifft den Punkt. 

- Nicht wirklich, aber verpasst der Chose ein schönes Mäntelchen.

- Jeder nennt jenes Leben depro, das den gleichen Grad an Heiterkeit aufweist wie das seine. 

 

Ein anderer bricht immer die Brücken ab.

Wir nähern uns Herbsten an. Ernst

Ist die Hölle! Die Scheiben verklebt

Von der Fliegenscheisse der Blicke und der Ideen-Spucke.

Die Reinigung erfolgt klinisch geprüft und automatisch. 

 

- Er will nicht mehr.

- Kann er denn noch?

- Wenn er voll ist.

- Dann bringt er’s noch?

- Bis zur ersten Feuchte.

- Und dann steht er auf dem Schlauch?
- Stumm wie ein Grab.

Aus: Wirrwarr-Poem

Heute gegen zwei Uhr morgens hatte ich einen Traum, von dem ich aufgewacht bin.

Einer dieser Träume, von denen wir ahnen, dass sie unser Wesen, unser Eigenstes erfassen und ausdrücken.

Ein Traum voller brutaler Sexualität oder sexueller Brutalität,

Ich könnte nicht sagen, was darin brutaler war als die Sexualität oder sexueller als die Brutalität.

Im Zimmer war es dunkel, ich war schweissüberströmt und

Bekreuzigte mich, wie ich das nach solchen Träumen immer tue, betete ein Vaterunser,

Ohne Ruhe finden zu können. 

Mein Glied schmerzte vor Steifheit.

Alles, was ich denken konnte, 

War geschlechtlich,

Schwellend-weich und

Schrecklich rosa. 

Ich versuchte, mich mit nochmaligem Beten zu beruhigen. 

Ohne Erfolg.

Kein Spritzer des Traums war mehr übrig. 

Ich wusste, ich hatte etwas Fürchterliches getan. 

Nicht geträumt, getan. 

In dieser Nacht demütigte mich mein Glied, es definierte mich.

Ich gleich es. 

Ich befriedigte mich selbst. 

Dann konnte ich wenigstens einschlafen, aber mein Ständer war noch drei Stunden später noch nicht erschlafft, als ich erneut erwachte. 

Was nur kann ich geträumt haben?

Hatte ich meine Tochter vergewaltigt?

Hatte mich ein ausserirdisches Wesen geschändet?

Hatte mich meine erste Liebe erstmals überhaupt geküsst?

Hatte ich mit meiner besten Freundin geschlafen?

War ich endlich zu der Frau geworden, von der ich träume?

Weiss der Geier.

Doch muss ich davon erzählen

Erneut eine Zitrone auspressen

Die schon andere gedrückt haben und wie sie
Auf ihre desinfizierende Wirkung hoffen…

Zürich

Wie aufgespritzte

Lippen umfasst sie

Den See.

Wie die Karrosserie von

Limousinen blinken ihre

Flüsse.

Wie Krokodilleder-

Taschen blähen sich ihre

Fassaden.

Wie Dollarnoten

Grünen ihre

Wiesen.

Wie die Highheels

Einer reichen Ophelia recken sich ihre

Schwäne. 

Wie die Glätte von Boulevard-

Schlagzeilen ihre

Gesichter. 

Wie die Türkishaare

Des flutenden Hahnenfusses ihre

Gedanken. 

Und wie gedämpfte

Beilagen gutbürgerlicher Küche warten

Die Weiden und Eichen und
Zedern. 

Hafenkran-Wettbewerb des Zürcher Literaturhauses

Wie ich Ende letzter Woche erfahren habe, bin ich einer der drei Gewinner des vom Zürcher Literaturhaus ausgeschriebenen Schreibwettbewerbs zum Thema "Hafenkran", dem grossen kulturpolitischen Wellenschlager der letzten Zeit. 

Sie finden meinen Text "Tulpen, Kräne, Muscheln" finden Sie hier. 

Abendstimmung: Das Schiff

Das Schiff heisst

Della Pietà.

Es fährt den Fluss

Hinauf und hinunter -

Einen Kilometer flussauf

Einen Kilometer flussab —

Röhrt und klatscht

Und die Wellen

Schlagen hart

An die Ufer

Auf dem Enten

Ruhen.

In dem Moment

Da der Motor leiser wird und

Fast verstummt

Ist die Wasseroberfläche

Wieder glatt. Dann

Heult der Motor wieder auf.

Die Enten lassen sich

Ins neblige Uferwasser

Gleiten.

Zusammenfassung

Doch ist’s ein Kampf

Wahr sein und offen

Allen ein Krampf

Wollen nicht hoffen…

 

Wahr sein und offen!

Wort ist ein Ding:

Wollen nicht hoffen

Dass ich schon sing…

 

Wort ist ein Ding!

Niemand kann’s hassen

Dass ich schon sing

Floskel-belassen

 

Niemand kanns hassen

Doch ist’s ein Kampf

Floskel-belassen

Allen ein Krampf.

Zwei Lautmeldungen!

Lange wieder war es still um die "Lautmeldungen". Jetzt aber kommen gleich zwei Lautmeldungen online. 

 

1) Klopstocks "Zürchersee" als Hommage an meinen deutschen Lieblingsdichter

2) Tomas Salamuns Gedicht aus dem Zyklus "Aber das sind Ausnahmen", das sich einen modernen Jesus imaginiert

mehr lesen

Nochmals Klopstock

Dass ein Gedicht für mich erschüttern, nicht einfach nur rühren, nicht einfach nur Sympathie bewirken soll — diese lächelnde Zustimmung, die alles nicht ganz Unangenehme, einigermassen Brauchbares und nicht ganz Berauschendes in uns auslöst, oder diese freudige Erwartung, die aller Unterhaltung innewohnt, die nur Versprechen und nicht auch Verheissung ist —, dass ein Gedicht zu einem deutlichen Ja oder Nein, zu einer instinktiven Reaktion und einer Verschiebung von Massstäben und Werten, einer potenziellen Änderung des Lebens führen soll, auch dies liegt an Klopstock.

Nur

Jede Entscheidung ist Entwendung

Kippenwurf. Meine roten Säcke

Blähen sich mit all den Sachen

Die selbst ich für nötig halte.

 

Heute gibt’s nicht: Null Verwendung:

Lippendienst. Nutzen bringt nur Zwecke!

Leben wir denn durch die Sachen

Die selbst ich für nötig halte?

 

Schaffen doch nur in der Schändung

Bleibendes! Gecken die sich strecken…

Während ich mich bück für Sachen

Die selbst ich für nötig halte.

 

Jede Entscheidung ist Entsendung

Klippensprung. Niemand will sich hecken.

Stosse Karren voller Sachen

Die selbst ich für nötig halte.

Klopstockisch

Wie gut ist es, dass Entwicklungen nie versiegelt bleiben, sondern immer wieder erbrochen werden.

In der erneuten Beschäftigung mit Klopstock, den ich seit meiner Studienzeit, seit meiner ersten Interpretation seiner Ode „An Fanny“, die damals schon (und um wie viel mehr heute, im „reifen Mannesalter“, da alles Vergangene mit jedem Schritt ins Alter und Sterben schwerer und wirkmächtiger wird!) meine eigene unglückliche Gymnasten-Liebe vorspiegelte, allerdings in nicht gänzlich unverständlicher, aber doch nachvollziehbarer religiöser Überhöhung, seit jener Zeit also liebe, und nach jahrelanger Einstaubung im Akt des eigenen Schreibens, zeigt es sich, dass sein Siegel, das auf meiner Lyrik aufgeprägt ist, erstaunlich und begeisternd (ein Wort, das sich bei Klopstock aufdrängt!) dauerhaft ist.

Gleichzeitig wird deutlich, wie notwendig die Eröffnung dieses Siegel, seine Zerstörung geworden ist. Erst im Aufbrechen dieses Siegels, in der Einsicht in die Botschaft, die sich hinter ihm verbirgt, eröffne ich mir eine enthemmtere, eine aktivere Umsetzung des nicht nur Bewahrten, sondern bereits unbewusst Praktizierten.

Was Klopstock mir (auch unbewusst) vermittelt hat:

-.- die Neigung zu rhetorischer Überhöhung, zum Hohen Stil,

-.- der manchmal übermächtige Hang zu Partizipien,

-.- die Substantivierung der Infitive,

-.- die Häufung von „empfindenden“ Adjektiven und

-.- die Suche nach einer im Bild gefangenen, aber deutlichen Bewegung, sowohl im Verb, als auch im Adjektiv,

Und vieles andere, das mir erst langsam bewusst wird, gehört für mich unumkehrbar und unvermeidlich zur Modernität der Lyrik, hat seine Kraft sicherlich bis in das Fin de siècle hinein entfaltet, um dann in der absurden Abstraktheit postmoderner Lyrik unkenntliche Urständ zu feiern, und ist in meiner Lyrik bisher nur in Ansätzen ausgespielt und durchgespielt worden.

Diese Einsicht ruft nach einer Erneuerung meiner Poetik, und kann nur durch meine Prosa-Efforts bereichert werden, deren Rhythmisierung ebenfalls ganz und gar klopstockisch ist.

Am Ende

Am Ende meines Slamauftritts gestern Abend im Hinterhof, ich stand bereits wieder, aber mit weichen Knien, an der Bar, trat ein Mann aus dem Publikum, älter als der Altersdurchschnitt, genau wie ich, also ungefähr 40 oder leicht drüber, zu mir heran und sagte mit viel Gewissheit und Wohlwollen in der Stimme, Sie sollten sich vorher überlegen, für was für ein Publikum Sie Ihre Texte lesen, denn die gehören nicht hierher. 

 

Ich hatte mich gerade über meine erste 10 (Bestnote) gefreut, die natürlich als beste Note (wie auch die schlechteste Note) weg gestrichen wurde, - aber trotzdem, immerhin, hiess das für mich, es gibt jemand im Publikum, der meinen schwierigen Text von den Orangen und den Silberfischen sehr gemocht hatte - und lächelte den Mann an und sagte (sinngemäss), ich überlege mir nicht, was ich lese und für welches Publikum, eine dümmliche Antwort, für die ich mich hätte ohrfeigen mögen, aber sie war draussen, und der Mann meinte darauf, jetzt ganz und gar (für meine Ohren) im Oberlehrerton - und ich danke ihm trotzdem für die Anteilnahme! -, und er siezte mich weiterhin, das habe ich nicht geträumt durch den sich langsam ausdehnenden Biernebel und die Hitze hindurch, er sagte, Sie sollten vorher jeweils hinkommen und ein wenig schauen, wer überhaupt so da ist, vermutlich wollte er mich auf eine unbestimmte Art und Weise trösten, als hätte ich mich entblösst, verletzt, was weiss ich, dabei habe ich nur einen schwierigen, aber wortkräftigen Text gelesen, und ich konnte ihm in meinem Zustand, auf diesem lärmigen und windigen Dach und glücklich darüber, dass ich das Mikrophon nicht verschluckt hatte, nicht zusammen gebrochen oder sonst einer schlimmen Tsetsefliegen-Attacke mitten auf den Brettern, die die Welt bedeuten, erlegen war, doch nicht wirklich diesem gutmeinenden gleichaltrigen ernsthaften und offensichtlich klugen Menschen sagen, dass es mir gerade darum ging, in egal welches Publikum schwierige, wirklich poetische Texte hineinzutragen, hineinzublaffen, hineinzustammeln, vor einem wackelnden Mikrophon, das in seiner metallischen Süsse das Versprechen von Spucke und bitterem Whisky verhiess, Texte, deren enggeknotete Wortansätze und unerwarteten Metaphern im pursten Gegensatz zur leicht verständlichen, kabarettistisch gekonnt und pointiert vorgetragenen Alltags- und Autobiografie-Glosse meiner Mitslammer standen und stehen, denn für mich gibt es keine Limite in der Anwendung von Texten, alle Texte können überall und jederzeit Anwendung finden und die Welt retten, wie Pablo Neruda gesagt haben soll, vermutlich in einem seiner überflüssigen und schwülstigen hochhackig-stolzierende Liebesgedichte eines verschwitzten, bierbäuchigen Machos, nein, für mich geht es nur darum, die Wörter in all ihrer Unverständlichkeit, Unhinterfragtheit und Uneigentlichkeit in die Menschen hinauszusagen, hinauszuwagen, einen Moment den Spalt unserer Wirklchkeitsmauern oder -Leinwände aufzublenden, in ihn hineinzulangen wie in das Staunen eines Kindes, und vielleicht habe ich bei diesem meinem unbekannten Ratgeber und bei jener lieben Seele, die mir wider Erwarten die Bestnote erteilt hat, wer weiss, letztlich gerade dies bewirkt.

IRRE oder Die Launen eines Gedichts

Behändige

Was dich bändigt:

Sandbänke und Unterspülungen.

Dein Griff hindert

Die Wendung. Führe Kühlung

Dem Mütchen zu: krumen-nah

Und doch nicht da

Erwägst du Inseln

(Irre Kapseln)

In inständiger Innervation

Und Kehraus des Unwirsch-Guten —

Nimm dich in die Hand — du

Arzneimittelschrank des Bögelns.

Du legst dir ein Geschirr an

Das nicht von hier. Flirren

Eines Bogens: kretine Krusten

Säumen die Kreten über die gespannt deine

Batteriebetriebene Ohnmacht —

Geweisselte Wand

Hinter der du das zu vermuten gelernt hast

Was dich zu versuchen reizt

Bewertete Irrsal

Deren Kurs du zu beeinflussen gelernt hast

Ohne ihn äffend eine Spur zu ändern —

Geisseltierchen und Irrlichter

Die dem Ahnen bahnen

(Rotes Rinnsal)

Fahrtenfurten zu

Inseln aus Brisen und Binsen…

 

Lauf! Sommerregen…

Fluten haben Humus geleckt

Und die Friedensglocke schwankt tonlos im Gust

Und dein Gesicht

Schön wie die Ottobraunstrasse

Schön wie die Meretoppenheimerstrasse

Löst sich auf in meinem —

Lauf unbedacht auf Würde

Im Rücken

Die galoppierenden Wellblechhütten Harares — du

Die pochenden Opernbreschen Rimbauds — ich

(Und lange nicht zum letzten Mal!)

Und vor uns

Die Unmittelbarkeit fallenden Wassers

Halb Rutsche

Halb Peitsche —

Ein Lauf ohne Blick auf

Würde und Werden —

 

Aus Irrsal und Wirrnis

Wachs und Horn:

Mutterknochen des Materiellen

Der im Staub noch atmet…

Kreta ist nicht fern

Kreta ist nie fern…

Und die trotz allen Handels

Und trotz allen Handelns

Depletierten Vorratskammern der Plether

Trotzen weder der Geradlinigkeit

Semitischer Erzählung

Noch der abgebrochenen Prophetenrede

Wiederkehrender Geschehnisse und Gedächtnisse

Indogermanischen Erfahrens…

 

Habt ihr das Geräusch des Wassers gehört?

Frosch oder Ikarus?

Kennt ihr den Wert

Eines Froschgesangs?

Kennt ihr den Wert

Eines ikarischen Gesangs?

Hat nur Ikarus

Und der Frosch kaum

Würde?

 

Die Sandbänke wachsen:

Es wird Sommer…

Auf den Fensterbänken

Der Saharastaub

Und in den Gestern hängen

Den Abziehbildchen gleich und den Blattknoten ähnlich

Dringend und engend

Die letzten Hasenpfoten

Kommerzieller Umnutzung —

 

Immer noch träume ich

Von diesem kutschenreinen Saal

Von diesem milchtropfenden Gaul

Von diesem unzeitigen Mahl

Von diesem ungefallenen Pfahl —

Wie eine tönerne Tatze

Schlägt dieser Traum

An die Glocke der Entrinnung

Und währenddessen

Wächst in mir

Der umgedrehte Pelz eines Igels

Und vor dem Schnauben des Gauls

Der selten ist wie ein weisser Rabe

Wirbelt auf der Nebel

Zu galaktischen Blattern…

 

Ich sehe es

Ich sehe es

Wie durch den Boden einer Flasche

Bevor sie kreischend aufsetzt auf dem Strand

Sehe ich es

Und in die Reglosigkeit unserer Leben fällt

Als schöbe das Nebelhorn das Schiff voran

Die Fliegenklatsche der Liebe…

Ja

Ich habe es gesehen

Sehe es noch

Wie durch das Mass einer Hand und ihre leuchtenden Fingerkuppen hinweg

Die Kruppe der unausweichlichen

Unabwendbaren

Unverwindbaren

Unumwendbaren

Baren Füsse der Tatsachen

Weggewischt

 

Und da hinein

Schwing ich

Die Fessel der

Verheutigung.

Was ist

Was ist denn?

Kannst du noch sagen

Was gut ist

Was bejaht

Ohne es

Und

Trotz deiner Freiheit

Freiheit zur Wahl

Umzuwenden —

Die Glätte und Rundung der Vokale

Zu versteifen und aufzurauen

Bis zum stumpfen Laut —

Musst du das Heute denn

Häuten und seine Haut

Nach aussen gewandt

Der Vergangenheit entgegen

Halten?

Ist es denn Wagnis

Die Zahl auf der Münze

Für die Figur darauf

Aufzugeben

Da sie doch

Wenn auch abgewandt

Bleibt?

Was ist’s denn

Das dich in die Arme

Von Einsamkeit und Verzicht treibt?

Schickst du nicht

Die Suche statt der Flucht

Vor?

Entwendest du dich

Der Zukunft?

 

Du sagst

Die Ewigkeit ist im Heute

Zusammengeschnurrt

Wie eine Hundeleine

In der Hand des Herrn…

 

Ich sage

Erinnerst du dich

Wie wir aus dem Fluss steigen wollten

Und du die Dornen und Nesseln scheutest

Die seine Ufer bewachsen…

Liessest dich treiben

Bis zum Kiesstrand

Viel weiter unten

Trotz deines Wadenkrampfs…

 

Du aber sagst

Selten ist das Herz geworden

Das ich mit meinen Kindern gefüllt

Das ich meinen Kindern mitgeteilt

Das ich meinen Kindern fälle.

Sehnsucht

Hinter Scheunen und Ställen

Hinter Garagen und Industriemehrzweckhallen

Unter Hochstrassen und Traktorauffahrten

Auf Autobahnraststätten

An Abhängen von Ufer-Serpentinen

Auf abgezäuntem mit Busch und Kraut überwachsenen und Baustangen markiertem Gelände

Auf abendlichen Baustellen und nächtlichen Bushaltestellen

In den Hecken von Autobahnabfahrten

In den kleinen Nachtigallen-Wäldchen am Stadtrand von Catanzaro

In den Reusen nach der Flut und in den Rechen kleinerer Wasserkraftwerke nach der Schneeschmelze

In den Gepäckwagen der Obdachlosen

In pubertären Kinderzimmern

In den Auslagen osteuropäischer Kioske  —

Die Sehnsucht nach Inventar:
Aufzählen — Tief aufzählen!

Aus dem Schreibtagebuch: Roman-Sog

Der Roman saugt alles auf; von dir bleibt nichts übrig. Er ist unersättlich — deine Begabung dient ihm nur; du wirst ihm Werkzeug — hast du am Anfang noch glauben können, du erfändest die Geschichte oder ihre Figuren, beherrschen sie bald schon deine Vorstellungskraft, und lenkt die Geschichte sich selbst: durch dich. (Ich hielt das bisher immer für romantisches Geschwafel…) — Und in seinem Sog verschwinden all meine Illusionen über die Gedichte, die ich noch zu schreiben hätte…