Blog-Archiv für Dezember 2011

23. Viertelstundgedicht

Nachdenken

Über die Berechtigung

Meiner Wörter

Über die Beständigkeit

Meiner Sätze

Über die Transposition

Meines Denkens

(Vielleicht auch meines Fühlens

Wobei ich mir dessen nicht sicher sein kann

Seiner ungerechtfertigten Unbeständigkeit wegen).

Unsere Hände

Paraphrasiere ich

Drehen auch

An den Transmissionsriemen

Der Wirklichkeit –

Doch wie mit unseren Aussagen?

Kann es denn gelingen

Sie als Taten wirken zu lassen

Sie im Sinne einer Transfusion

Rein und ehrlich und spielerisch

Zu transmittieren

So auch

Dass dabei

Die Transformation die sie beinhalten

Gelesen wird und wiederum

Eine Zustandsänderung bewirkt

(Bewirken kann)

Nicht nur im Leser

Auch im Gedicht?

 

(Basel, 19.12.11)

 

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22. Viertelstundgedicht

Essenzen. Gelbe Jacke.

Am Bord züngelt

Verkrustet von Gülle

Unkraut. Die Stiele schwanken

In den Böen. Schmatzender Weg.

Gehen. Maultierkruppe

Gedanken. Von hinten

Zwischen den Füssen

Zeitungen. Essenzen:

Ohren hören nicht

Füsse gehen nicht mehr

Nase voller

Prärie-Bitter. Gehen.

Hinter mir

Die wir mehrere sind

Die Einsamkeit

Die Gesellschaft.

Die herkömmlichen Formen vergilben.

Die Geduld an meiner Seite.

Schwer lastet

Wie eine Kamera auf der Schulter

Die eigene Welt.

 

(Basel, 14.12.11)

 

Hommage an Bela Tarr, siehe Auszug aus Satantango, http://www.youtube.com/watch?v=wA2APi0cTYY

 

 

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Unbewusstes schreibt

Seit längerer Zeit ist mein Thema eigentlich - oder seien wir genauer, mein Ziel, die Stimmen anderer (nicht meine) in die Gedichte hineinzuholen. Vor kurzem fasste ich den Entschluss, - was ich bereits einmal in einem Altar versucht habe, den Sie hier lesen können (4. Teil), - Texte im Gedicht zu paraphrasieren. Damit meine ich, dass ich so getreu wie möglich, aber zwischen den Zeilen lesend, wiedergebe, was ich verstehe. 

Eben lese ich eine Seite aus Prousts "A l'ombre des jeunes filles en fleur", die ich gerne in eine Proust-Zehrung verarbeiten möchte, und dabei fällt mir auf, dass ich mit den Proust-Zehrungen eigentlich die komplexeste Form dieses Projektes vor mir habe: als hätte mein erst vor kurzem formulierter Wille nach dem obigen Ziel bereits vor seiner Bewusstwerdung sich Bahn gebrochen.

Da bin ich dann nicht weit entfernt, an die quasi-metaphysischen Wege der "inneren Stimme" oder des "inneren Weges", den Breton vermutlich (wenn ich ihn richtig verstehe) vertrat, zu glauben. 

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Viertelstundgedicht XX

Ehrlichkeit lebt

Vom Ausdruck

Einfachster Art.

Viele Wörter aber

Die meisten

Sagen zu viel

Rassel hinterdrein

Mit dem Müll

Ganzer Literaturen.

Wäre man ehrlich

Bestünden Gedichte

Aus wenigen fremden Wörtern

Die man gesucht

Während Tagen

Die man abgehorcht

Während Stunden –

Fakir-Taten

Asketische Monologe.

Die Wörter aber wollen nicht

Ehrlichkeit

Sondern

Gesellschaft.

Ameisenbau Gedicht

Turibulum Gedicht.

 

(Basel, 11.12.11)

 

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Viertelstundgedicht XIX

Fehlgeburt Tag.

Sinnen von Müdigkeit

Beschwert. Ohne Staunen die Hände

Derer erfassen und lenken fast das Leben.

Flug des Worts

Flosse schlagend

Die Dünung der unverlierbaren

Echtheit

Die pfützenhaft im Mondschein

Tümpelt. Das Blas meiner Seele

Stiebt buschig

Und verweht

In die Breite.

Undeutlich murmelt der Strom

Aus dem meine Wörter stammten

Nichts erhebt sich

Newtons Apfel fällt donnernd

In den Schoss der Besinnung –

Es scheppert in den Kulissen

Der Statist

Wirklichkeit. Vollkommen

Allein

Erstreckt sich das Gelände

Einer Liebesnacht

Ohne Samen.

Ich spucke aus

Spucke auf die

Die sich fügen

Ehe sich meine Lider

Senken über den eignen Willen.

Verstümmelt

Liegt in der Brandung

Die Gräte einer Geschichte.

Ich lüge

Ein letztes Mal

Und behaupte

Dass Leben dies

Nicht war, nicht ist –

Und doch

Altern wir.

Kiemengaben

Zieht es durchs Gesicht.

Ach dunkler ist’s noch

Als hier. Nichts leuchtet.

 

(Basel, 08.12.11)

 

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Viertelstundgedicht XVIII

Ein Verlangen

Den Shirakawa-Pass zu sehen.

Das Gras der Schlachtfelder –

Schopf der Zeit. Auf in den Norden!

Und die Pilger-Hotte

Voll des Nötigen

Lastend auf den Schultern –

Selbst jetzt schleppe ich

All dieses Beschwerliche,

Beschwerend mich mit den Dingen

Des Lebens, der Wirklichkeit.

Im Nebel der Pässe

Verschwinden. Verschwinden

Im Staub der Karren.

Ein Verlangen

In Zeit und Raum

Aufzugehen

Gleich dem allgegenwärtigen

Wind. Die Schuhe schadhaft

Die Hüften schmerzen.

Und unten

Das Nebelmeer.

Umhüllend Städte Wälder Tempel.

Von fern der Ruf einer Glocke.

Mit einem Wort

Endlich entfliehen

Dieser flüchtigen Welt.

 

(Basel, 06.12.11)

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Viertelstundgedicht XVII

Immer gilt es

Zu schaffen

Zu wachen –

Ohne Unterlass.

Immer gilt es

Sich zu waschen

Im schaffen

Im wachen –

Ohne Unterlass –

Um neu da zu sein

Für ein ähnliches

Anderes Dasein.

Immer gilt es

Neue Hürden

Alte Sünden

Im schaffen

Im wachen –

ohne Unterlass –

Zu durchschreiten

Zu überspringen...

Die Kinder mit ihrer Rechenschwäche

Die Wohnung mit ihren Staubwirbelecken

Die Küche mit den Schäl- und Essensresten

Der neu gewachsene Acker des morgendlichen Gesichts

Die Liebe zur eigenen fremden Frau

Die langsame Rosenkranz-Mühle eines jungen Gedichts

Immer gilt es

Zu wachsen

Im Schaffen

Im Wachen –

Ohne Nachlassen.

Immer gilt es

Den Mittelpunkt zu halten

Den Brennpunkt zu wahren

Im Schaffen

Im Wachen –

Ohne Nachlass –

Um mit stetem Tropfen

Den Stein des eigenen Wesens

Zu spalten, zu spalten

Den Fels der eignen Trägheit

Das Scheit vorm eigenen Auge.

Immer gilt es

Das Schaffen

Das Wachen

Zu bewachen

Zu erschaffen

Damit im Ende

Ich dastehe in meiner ganzen Potenz

Ein Parteimitglied der Partei der institutionalisierten Revolution

Denn der Stein den ich wälze

Rollt eher hinunter

Denn hinauf. Und die Zeit

Dreh ich nicht zurück.

 

(Basel, 04.12.11)

 

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Viertelstundgedicht XVI

Der Zug rollt durch den Morgen, Menschenwiege.

Verdünnt bereits im Gespräch das Leben

Gackernde Damen, gurrende Herren

Gerichtet Wort und Aug und Sinn

Auf den Schein, auf das Immediate –

Nichts ruht, nichts ist in sich.

Sie spielen auf dem Anakoluth

Wie Orpheus auf seiner Leier:

Lügend mit grosser Wahrhaftigkeit

Stein zähmend und Tür und Gras

Mit Approximationen

Die sie noch weiter entfernen

Vom Nebensächlichen

Das in die Ruhe führt.

Auf sich zentriert in der Höhle der Früh

Durch die Wagen gleiten

Gelangen sie nur in die weiten Vorhallen

Des seichten Immerwieder

Zur hiesigen Grotte des Hiesigen.

Die Zunge schmerzte, wirklich.

 

(Im Zug, 02.12.11)

 

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Herumgebaut

Habe ein wenig herumgebaut an der Navigationsstruktur der Seite. Ist jetzt auf das Wesentlichere reduziert, mein Schreiben. 

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Viertelstundgedicht XV

Nacht. Ein Tag vorbei,

Nur Tat und nicht Sinn.

Da! Im Auge Spinnweb!

Süss die Müdigkeit, lockend.

Ich lausche, aus Stein.

Ich höre, wie der Buddha wankt:

Die Tannen lassen die Nadeln.

Die Zunge, auf andre forschend, wartet sie,

Wörter wägend.

Unparteiisch

Streicht die Zeit die Segel,

Stockend stille ich die Stille

Blutend, die hütet eine Art Erinnerung,

Weder Körper noch Geist

Weisend aus

Die fremden Partikel Leben

Wahrer als das eigne schlaffe Kerngehäuse.

Ah, die Angst vor dem Schlaf

Morgens beginnend –

Klebrig spannt sich ein Netz durch die Zeit

Auffangend das

Was die Gewerkschaft den Wörtern

Verbietet zu tragen. Draussen Wind

Verschiebend die Strassen und Blätter, durch die Nacht.

 

(Basel, 30.11.11)

 

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Viertelstundgedicht XIV

Die Zahlen schöpfen das Nichts.

Null sind

Der gelenkige Willen

Das zu befreiende Denken

Die schaffende Dichtung.

Ist es so?

Dunst steigt auf aus Kleefeldern.

Ein Trockenbaum am Weltrand,

Hohl die Früchte, allein steht er, -

Beginnt hier die Wirklichkeit?

Der Aeropag hektorisiert die Freiheit.

Alle sind wir markiert vom Strahl des Gottes.

Das Nichts – ein Schneefeld,

Aus exakten Formen entstanden

Und doch nur

Ein Haufen weiss –

Braune Strassenränder, nass.

Fieber aber

Unzahm

Unwahr

Unklar

Rächt sich leicht und immer

Mit gelbem Honig

Der aus wenigen Wörtern

Eitert.

Ich hoffe,

Er möge stetig füllen

Dies Gefäss der Wirklichkeit

Damit die Regeln der Schöpfung

Ungleich werden

In einer grindigen Überschwemmung.

Und unser Gesang – Archë.

 

(Basel, 30.11.11)

 

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Neustes Viertelstundgedicht

Niemand weiss, was blüht.

Verfrüht ist der Wille

Verführt in dem Warten

Das noch nicht Erspürte

Das noch nicht Erspähte

Schlangentanz um Worte.

Ich kreise das Kreiselnde ein

In einem Zögern

Stammend aus der Rast.

Wer führte mich weiter? Die Spuren

Einer Wahl sind meist

Tief von den Fuhren eines Wunschs.

Geharrt, gekarrt, gescharrt, genarrt.

Gebührt nicht auch

Dem Unflat, der ungeraten,

Ein Mal, ein Mahl, ein Stall, ein Pfahl?

Erde rieselt aus den Falten des Mantels

Ich entblösse Phrase um Phrase

(Marie voll der Gnaden).

Leib, Leib der Gabe –

Begnadet ist Gesang der Raben.

Krokus gähnt im Kargen.

 

(Basel, 28.11.11)

 

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Viertelstundgedicht XII

Das Gedicht ist eine innere Wunde.

Nicht verborgen wie der Menschen Motive –

Verschlossen. Verschlossen

Blutet sie in mir, Organe wimmern.

Sie bläht sich, von Seinsberechtigung geschwellt

Lustvoll. Lustvoll

Ergebe ich mich, die Liebsten sind Schemen

Oder Schablonen, verbergen Widerreden

In ihrem Ja. In ihrem Ja

Verrostet die Scheide der Wörter, versiegt

Meine Fruchtbarkeit, verhärtet

Immer wieder. Immer wieder

Der saugende Laut des Papiers,

Und blau fliesst mein Blut.

 

(Basel, 27.11.11)

 

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