Blog-Archiv April 2014

Apologie der Xanthippe

Der Mann arbeitet nichts heisst

Er verdient nichts während ich

Kind um Kind rauszerre

Aus fremden Frauen.

Sein Geschwätz hilft jenen

Die nicht denken — 

Allen. Mir nicht. Ich

Ziehe Gören gross

An deren Rauszerrung ich nicht beteiligt war

Wasche seine ständig verschmutzten und in Unachtsamkeit an den Marktständen zerrissenen Umhänge

Und ziehe nächtens

Im Schatten seines Schnarchens

Neue Unfrager heraus

Aus den fruchtbaren Frauen

Deren Männer von ihm

Denken geheissen werden.

Dächten sie

Was würde aus ihm?

Was würde aus mir?

Da sie aber nicht 

Denken sondern nur ergiessen

Kann ich ihn ernähren —

Froh um seine Unwirksamkeit

Die fast Nutzlosigkeit zu heissen ist.

Er denkt und ich dulde —

Wie lange schon

Wie lange noch

Dulde ich sein Denken

Wäre es nicht an der Zeit

Ihn seines Denkens zu entheben

Mich meines Zürnens und Schreiens

Damit er lerne

Dass die Leute nicht denken

Weil sie arbeiten und arbeiten

Um nicht denken zu müssen

Und wiederum

Arbeiten heisst Geld verdienen

Für Versicherungen Häuser Kinder Kleider Ferien und Schminke —

Und die eine oder andere Komödie

Die sie noch besser ablenkt vom Denken

Und zur Prokreation anregt

Die ihn letztlich ernährt.

Ich bin die erste Stoikerin

Das sollte ab sofort jeder wissen —

Ich erdulde ein Denken

Das nichts anderes verdient als
Den Schierlingsbecher. 

Arena der Wörter

Singen der Vögel. Über Wiesen

Huscht das Eichhörnchen. Lärm des Fahrzeugs:

Junge baggert. Pollengelb stiebt der

Sand in den Morgen.

 

Sitze im Türkis-Schatten. Wörter

Fallen drehenden Tanzes in den Sand

Wo sie fest sich umklammern: wartend.

Bald schon ist Mittag.

 

Während es wieder still im Park wird

Lecken Wörter sich ihre Wunden

Blau und körnig, umkreisen sich in

Nachmittags-Zirkeln.

 

Gegen drei Uhr bevölkern Mütter

Voller Fürsorge gackernd Bänke…

Wort verstummt. Wir tragen in Schuhen
Sand in den Abend. 

11. Gebet

Herr nur Kinder können lieben.

Wir andern wiegen auf und ab.

Beschmieren bald Gesicht fürs Grab.

Herr nur Kinder können lieben

Und lassen bald Gesicht herab

Ziehen Zielen vor Belieben. 

Herr nur Kinder können lieben.
Wir andern liegen schwer von Farb. 

Am Anfang war der Sand

Am Anfang war der Sand.

Der Junge baggert Wege.

Ich sitz bei ihm am Rand

Und sage „hm“ zur Rede

 

Die nie verstummt und grab

So tief ich kann ein Nest

Für Riesenechsen. Hab

In mir die Wörter fest

 

Am Heft und pflege Kant

Und heb aus Leibeskräften

Wie Kinder Berg aus Sand.

 

Am Ende bleibt nur Sand

In Schuhen. Und in Heften
Der Vers davon als Pfand. 

Gedanken zu Knausgard

Obwohl ich nicht Knausgards Meinung bin, 

1) dass alles Fiktive, Erfundene ohne Wert ist, weil es in einem konstanten Abstand zur Wirklichkeit steht und

2) in das Gleiche, in die Gleichheit mündet, 

ist dieses Buch - und vermutlich das ganze Epos - ungeheuer gut und wichtig. 

 

Es zeigt einerseits (und entkräftet so die eigene Theorie), dass das Persönliche, vermeintlich Eigene / Idiosynkratische eben gerade nur in das Gleiche, will heissen: das allen Gleiche münden kann. Andererseits (ebenfalls als Entkräftung seiner eigenen Theorie) macht es deutlich, wie wichtig das Erzählerische, das Kontinuum des Erzählerischen ist, und als solches eben: das Erfinden, das Weiter-Kreativbleiben. 

 

Denn, seien wir ehrlich, jeder Akt des Beschreibens oder Erzählens ist ein Akt der Schöpfung, und jeder Akt der Schöpfung ist ein Akt der Erfindung, so empirisch und fundamental er in der eigenen, spezifischen Erfahrung und im Selbst-Erlebnis verankert sein mag. 

 

Dass ich mich in Knausgards Figur fast gänzlich wieder erkenne, ist für mich nur ein weiteres Zeichen seiner Fähigkeit, besonderes verallgemeinern zu können und der allgemeinen Gleichheit oder wenigstens Ähnlichkeit männlicher Lebensläufe in unserer Zeit. 

Harry Bardins Strassenmärchen (1981)

Gestern mit meinem Jungen dieses sowjetische Kleinod entdeckt. Anrührend und wahr / echt. Wird mich durch das Jahr begleiten, während ich über meinem autofreien Roman schreibe. Danke, Garry!

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Traum Nummer 4

Eine Wiese

Weder Geschöpf noch Schöpfer —

Eine Un-

Eine Entatmung -

Ringe in einem Moorteich

Von aufsteigenden Gasen

Geworfen auf Fläche

Zäh-träge

Öl der Nacht —

 

Und wieder diese Wiese

Immer diese Wiese!

 

Verzerrtes Abbild auf einer Blase…

Unsicher aufgespannt

Auf konvexer Leinwand

Von einem Puls erzitternd

Der aus einer Zeit und durch einen Raum heranrollt

Die weder hiesig noch ennet —

 

Wo aber bist du?

Wo aber bin ich?

 

Nur diese Wiese

Die weder vor noch hinter deinem Elternhaus liegt

Wie eine Schneise

Durch die Perspektive

Durch die Wahrnehmung gelegt —

Wie grüne Fliesen

Gebreitet über den wurmreichen Rasen

Wimmelnd von Auswurf

Gewissenhaft haargenau und ungeschlacht

Inmitten der Wiese der Stein

Wie ein Steissbein —

Die Nase eines Begehrens

Die in das Réduit des Weinbrands

Reicht und riecht

An den Bergseen deiner Augen

(Auch sie sind nicht zu sehen) —

Unter den schwarzen Flügeln eines Strands…

 

Ein Stammeln und Einwand

Aus dem Haus im Rücken

Und in meiner Hand blüht

Eine Fahrradklingel —

Wie grüne Fliesen

Über die vergiessen

Die Deutewörter ihr Blut:

Gelbe Pollentropfenfäden…

 

Gezeugt aus allen Wiesen

Wie die erste Wiese —

Meine früheste Wiese

Mein Stein gleich einem

Einzelnen Wirbel

Auf dem Rücken meiner Liebe

Dem letzten Wirbel

Während du nirgends bist

Während ich nirgends bin

In dieser Kammer der Vorstellung

In der sich das Rasengrün

Breit gemacht und festgesetzt hat

In der mir vorgestellt wird die Welt

In der zu leben uns

Allein nicht möglich —

Ein unpersönliches Exerzitium in Rasengrün

Das im Flug die Nacht verklebt und langsam abgelöst wird

Von anderen

Unbelebteren Wiesen

Verheissungsfernen Wiesen

Mit Trampelpfaden Schieferplatten und Glatzen

Vergessenen Spielzeugen verscharrten bleich keimenden Kastanien und Flaschendeckeln

Bedeckt von ihm Sturm heruntergeschlagenen Ästen…

 

Doch unter ihnen fliesst weiter

Dieses Rasengrün wie Flügel

Schwer von diesem Öl

Das sich ansammelt

Aus allen Träumen von dir

Die immer Träume von mir

Vor allem aber Träume

Von uns bleiben werden —

 

Atmende und atemlose Wiese

Zu wenig Schöpfer für diese Welt

Zu wenig Geschöpf von dieser Welt…

 

Ein Doch und Wider

Ein loser Zwitter

Ein Opfer-Widder

Die ich für uns träume

Ein Tank von Wiesen

In den immer wieder geschlagen wird

Ein Loch wie ein Docht in der Nacht.

Rückblick auf den März: Portfolio, Haikus und anderes

1.) Das inzwischen 13. Portfolio, das meine Gedichte des vergangenen Monats März zusammenfasst; es ist unter www.faime.ch/portfolio verfügbar.

 

2.) Die erste "Best of"-Sammlung meiner Gedichte. Sie versammelt 12 der besten Gedichte, die ich zwischen dem März 2013 und dem Februar 2014 über mein Portfolio publiziert habe. Es ist ebenfalls in der Portfolio-Rubrik herunterzuladen.

 

3.) Eine Abhandlung über das Verfassen eines Haikus, die ich Rolf Zöllig widme. Ausgehend von einem auf der GV der Pro Lyrica am 29. März geschriebenen Haiku versuche ich den Prozess seiner Entstehung und einige Prinzipien der Kunst eines Haijin, eines Haiku-Dichters, darzustellen. Dieser Text ist in der Haiku-Rubrik dieser Webseite online zu lesen oder herunterzuladen.

 

Und last but not least:

 

Vergesst bitte nicht, hin und wieder auch das Lyrik-Glossar der Pro Lyrica anzuklicken (http://www.prolyrica.ch/lyrik-glossar), für das ich jede Woche neue Einträge verfasse. Hin und wieder schreibt auch mein Berliner Dichterfreund Jörg Wiedemann dafür Beiträge, wie z.B. der äusserst unterhaltsame und gewitzte Eintrag zum Theme „Poeta doctus“.

 

Und wenn wir schon bei der „Schweizerischen Lyrischen Gesellschaft“ Pro Lyrica sind, bin ich seit dem 29. März stolzes Vorstandsmitglied derselben. Ich freue mich schon auf meine aktive Tätigkeit in diesem Gremium und danke allen Mitgliedern der Pro Lyrica für ihr Vertrauen.

Tagesgedicht mit "Als"

Ein milchig-verwaschener Morgen

Als wäre Sommer - nichts

Übrig von dem Zutrauen

Das warm pochte in den Schläfen

Und als ich auf den Balkon hinaustrete

Bläst der Wind kalt an meine nackte Brust.

 

Als der Wuschelkopf meines Jungen

Die Treppe hinaufkriecht wie jeden Morgen

Muss ich lächeln und fahre ihm durchs Haar

Wie jeden Morgen. Das dumpfe Wummern

Das meinen Schlaf erschüttert und mir 

eine Ausrede für den Auszug aus dem Ehebett geliefert hat

Ist noch da - irgendwo auf dem Dach

Oder in der Wand ein Ventilatormotor. 

 

Wir sind wie versehrt

Hier mitten im Leben

Als hätten wir seit dem ersten Kuss 

Geschlafen und fänden uns in einer Welt

Die Sehnsüchte und Wünsche nicht kennt

Nicht mehr zurecht

Da unsere eigene Welt uns über unsere Wünsche und Sehnsüchte

Getäuscht hat: als hätten wir je

In der gleichen Welt gelebt…

 

Meine Frau geht und ich

Beginne einen weiteren Tag 

Zu zweit: mein Sohn und ich - 

Und hin und wieder der rosa Elefant

Der meine Tochter ist… Später

Als ich die Toiletten und das Bad putze

Spielt der Junge und eine Wärme 

Schleicht sich an: Ohnmachts- und Heldenschreie

Mischen sich mit 

Fahrzeuggeräuschen und Feuerwehrsirenen

Schlachtlärm mit Todesverzweiflung

Es wird verhaftet 

Geschossen und geschlachtet.

 

Und ich denke 

Auf dem Weg in die Bibliothek 

Als mein Junge eine Biene gerettet hat

Aus dem Brunnen bei der IBZ

So schiebe ich meine Welt vor mir her

Den ganzen Tag: was soll ich nur tun?

 

Ich werde sie nicht los - 

Als könnte die echte Welt sie auslöschen! -

Und ihre Wertosigkeit leuchtet mir nicht ein…

Genau wie die Werthaltigkeit deses bleichen Tags

Mich an das Maulwurfsgesicht Oswald Grübels gemahnt

Das nicht leuchtet wie dieser Tag - 

Ich trage sie mit Leichtigkeit mit mir

Diese Welt 

Diese botschaftslose Welt

Ein Fötus und doch

Voll ausgewachsen

Amöbisch und doch 

Wie in Stein gemeisselt

Mit einer Leichtigkeit 

In den Augen dieses Tags

Als wüchse mir am Kinn ein Pickel

Als mehrten sich die Warzen auf meinen spröden Handflächen…

 

Ich werde sie nicht los

Weil es sie nicht gibt

Hier mitten im Leben

In sich gekrümmt 

Wächst sie weiter

 

Lauwarm wie die Sonne heute. 

10 Thesen

Du bist die Wand

Auf die meine Gedichte

Als Menetekel-Schattenwurf

Fallen. - Sie sind Hände

Die nicht zum Greifen

Sondern für Zeichen

Geschaffen sind. - 

Erwartest du Absicht

Muss ich dich enttäuschen. - 

Der Vorsatz hinter meiner Wand

Ist grösser als dein Verständnis

Und leicht überklingen die Ketten

Seinen Laut. - Im Dunkeln

Kannst du nicht spiegeln

Noch durchscheinen und die Mühe

Mit der ich Zeichen finde und werfe

Zeichnet sich in ihnen nicht ab. -

Du bist niemand im Schweigen

Das für mich beredt ist. -

Die Fassungslosigkeit über meine Rede

Entspricht der Fassungslosigkeit der Rede. - 

Der Laut prallt ab und kehrt

Wie zur Fledermaus zurück: 

 

Du bist noch da…

 

Ja?

Weitere Geheimnisse über die Leere und Fülle

Die Leere entleert von ihrer Leere ist die Fülle

Die Leere erfüllt von ihrer Leere ist die Leere

Die Leere erfüllt von ihrer Fülle ist die Leere

Die Fülle erfüllt von ihrer Fülle ist die Leere

Die Fülle entleert von ihrer Fülle ist die Fülle

Die Fülle entleert von ihrer Leere ist die Fülle

Die Leere entleert von ihrer Fülle ist die Leere

Die Fülle erfüllt von ihrer Fülle ist die Fülle

Die Fülle erfüllt von ihrer Leere ist die Leere

Die Leere erfüllt von ihrer Leere ist die Fülle

Die Leere entleert von ihrer Fülle ist die Fülle

Die Fülle erfüllt von ihrer Leere ist die Fülle

Die Fülle entleert von ihrer Leere ist die Leere

Die Leere erfüllt von ihrer Fülle ist die Fülle

Die Fülle entleert von ihrer Fülle ist die Fülle

Die Fülle erfüllt von ihrer Fülle ist die Leere

Die Leere entleert von ihrer Leere ist die Leere

Ist die leere Fülle

Die leere Fülle entleert von ihrer vollen Leere

Erfüllt von ihrer leeren Leere und entleert

Von ihrer leeren Leere entleert von ihrer Fülle

In voller Leere

 

(Eigene Übersetzung des Originalgedichts von Gherasim Luca)