183. Prousthaikus - "Combray"

Früh schlafen gehen

Halbschlafen - aufwachen

Reisen im Dunkeln.

 

Bald ist Mitternacht

Im Schlaf find ich Kindheitsangst.

Geburt einer Frau

 

Wie Jahre, Welten

Im Schlaf sich um uns drehen

Reise durch Raum, Zeit.

 

Die Reglosigkeit

Des Dings - Reglosigkeit

Des Denkens vor ihm.

 

Körper erinnert

Räume und Zeiten genau

Die längst vergessen.

 

Und alles dreht sich

Narrend warme Kaverne

Das Winterzimmer.

 

Mit schlagendem Herz

Im fremden Zimmer liegen

Komm, Gewohnheit, komm.

 

Mögliche Präsenz:

Tansonville, Balbec, Combray -

Schlafengehen-Qual.

 

Golo, entwirbelt

Setzt Gewohnheit ausser Kraft.

Flucht in Mamans Arm.

 

Grossmutter draussen

Geht kleinschrittig durch den Putsch.

Bathilde! Dein Mann trinkt!

 

Lilien-Zimmer

Lesen, Träumen, Tränen, Lust

Rückzug in Feigheit.

 

Mamans Friedens-Kuss

Ihr Gesicht die Hostie

Absurde Riten!

 

Glockenklang, schüchtern

Formen der Natürlichkeit

Swann kommt durchs Dunkel.

 

Hand zur Stirn führen

Oft doch wenig auf einmal

Das Lorgnon putzen.

 

Wie Hindu-Kastn

Vorstellung der Gesellschaft

Die fixe Stellung.

 

Wahrer Kauz sein

Ein andres Leben leben

Wie Ali Baba.

 

Ein Wesen schaffen

Geschichte infizieren

Beleben damit.

 

Der andern Denken

Füllt körperliche Hülle

Mit Eigenschaften.

 

Verschieden vornehm:

Westenmacher und Tochter

Gemeiner Neffe.

 

Die beiden Tanten:

Hören was dem Höheren

Andrem taub werden.

 

Willst du beneiden?

Sieh stets im Guten Schlechtes

Wirst zufrieden sein.

 

Vor allen essen

Den Gutenachtkuss rauben

Bis ins Bett retten.

 

Kommende Ängste

Auf die mein Geist gerichtet

Gespannte Membran.

 

Wirklich interessant...

Salzkorn Interesse fehlt:

Céline und Flora.

 

Pascales Gedanken

In einer Tageszeitung

Statt im Goldeinband.

 

Im Voraus wählen

Die Stelle auf der Wange

Für Gutenachtkuss.

 

Leichentuch Nachthemd

Die List des Verurteilten

Stösst auf die Sturheit.

 

Dauer-Misstrauen

Bitte - Vorwand für Bitte...

Die armen Eltern!

 

Die Angst um jemand

Der fern von uns sich gefällt:

Für Liebe bestimmt.

 

Fremdes Vergnügen

Und es gibt keine Antwort

Gut, ich warte noch.

 

Mondlicht entwickelt Nacht

Kastanienblatt zittert -

Stille - Hall-Spiegel.

 

Nervöser Impuls.

Strafen für ein Nachgeben...

Jetzt kein Zurück mehr.

 

Swann, früh gealtert

Geste hat sich verloren

Wie seine Liebe.

 

Kerze der Mutter

Ich stürze ihr entgegen...

Kerze des Vaters!

 

Gute Nacht wünsch ich

Ich bin ja kein Nervöser...

Ein Dank unmöglich.

 

Vaters Verhalten

Zufällig und unverdient

Andere Liebe.

 

Die ersten Falten

Und das erste graue Haar

In Mutters Seele.

 

Leichte Lektüren:

Bonbons. Atem des Genies:

Frische Luft und Wind.

 

Unter Kunstschichten

Vulgarität verloren...

Selten noch nützlich.

 

Der erste Roman:

Das Buch als Einzelwesen

Verwirrte Handlung.

 

Meine Mutter liest:

Belebt Prosa mit Gefühl.

Einmalige Nacht.

 

Als sei’s in Combray

Immer sieben Uhr abends.

Ist’s für immer tot?

 

Ein Objekt fing ein

Unsere Vergangenheit...

Finden wir es je?

 

Zeugnis des Getränks:

Anker schleift in der Tiefe...

Suchen? Nein: Schöpfen.

 

Feigheit: ablenkend

Von der schweren Aufgabe...

Nur wiederkäuen.

 

Selbst nach unserm Tod

Tragen Geruch und Geschmack

Den Erinnerungsbau.

 

Ganz Combray entsteht

Mit den Häusern und Gärten

Aus der Teetasse.

 

Gibt’s die Strasse noch?

Anders-farbig als heute

Eintritt ins Jenseits.

 

Tausend Gerüche:

Ein Zimmer entwickelt die Zeit

Gelee und Gebäck.

 

In Lebens-Trägheit

Das Geringste bedeutend...

Monolog als Tat.

 

Blumen-Dämmerung...

Vom Bett die Strasse lesen

Wie Perser-Prinzen.

 

Dunkles Vorzimmer

Münze glitt in beschämte

Ausgestreckte Hand.

 

Françoise fühlt

Dass was sie fühlt auch andern

Interessant ist.

 

Die Vorkommnisse

Des Alltags in der Provinz

Sind welterschütternd.

 

Zeit ist nicht teuer:

Der diese Zeit geschaffen hat

Ist kein Verkäufer.

 

Frau Goupils Besuch:

Bald werden sie heimkommen...

Nicht vor dem Mittag.

 

Ein Unbekannter?!

Grübelnde Beschäftigung

In freine Stunden.

 

Fingerspitzen und

Ärmel der Bäuerinnen

Höhlten den Stein aus.

 

Ach, das Kartenspiel:

Kirchenfenster erglänzen

Vom Pfauenlichtschwanz.

 

Glas-Vergissmeinnicht...

Kirchenschiff ausgebreitet

Siegreich durch Zeiten.

 

Krypta versunken

In merowingischer Nacht.

Fledermausmauern.

 

Die Figur des Turms

Der Schmutzfleck eines Fingers

Menschliches Zeichen.

 

Im Turm nimmt sich wahr

Die Kirche selbst. Existiert

Krähen aussendend.

 

Kirchturm als Stunden-

Gestalt. Krönung und Weihung

Brioche und Kissen.

 

Eines der Dinge

Enthält mehr als ein Wesen

Ein Teil des Lebens.

 

Wie Gottes Finger

Dessen Körper in Menge

Versteckt: der Kirchturm.

 

Ein Stück vom Himmel

Über dem eigenen Kopf

Ist einzig nötig.

 

Die beiden Klassen

Die Zweifler und die Heuchler

Ohne Besuchsrecht.

 

Der Wunsch nach Klage

Nach Bestätigung und nach

Glauben an Zukunft.

 

Von Feld, Zufall, Baum

Frucht des Handels und Meers

Eigenes Genie.

 

Opfergabenvoll

Venustempel der Küche

Gekrönt von Gurren.

 

Die Empire-Bilder

Die erst verachtet und dann

Weil Empire geliebt.

 

Wahl zwischen Stücken

Schwierig wie zwischen Milchreis

Und Schokoladenkrem.

 

Im Treppenhaus noch

Lachen und Frauenstimme.

Dann nur noch Schweigen.

 

Onkels Freundinnen

Ungetraute Witwen und

Falsche Gräfinnen.

 

Einfach ein Mädchen:

Der Schritt zur Kokotte hin

Ist unvorstellbar.

 

Rolle der Frau

Verwandeln die Banalität

In Goldschmiedewerk.

 

Ich lieb die Künstler!

Sie und Elitewesen

Versteh’n uns Frauen...

 

Hirn der anderen

Kein träg und folgsam Gefäss

Für unsre Botschaft.

 

Bürde des Mädchens

Hinterm Symbol verborgen.

Fast nicht mehr schwanger.

 

Caritas’ Gesicht:

Des eiligen Chirurgen...

Furchtlos und tätig.

 

 

Tugend im Gesicht

Findet Ausdruck selten und

Wenn im Gegenteil.

 

Die Kammermusik!

Kammermusik des Sommers!

Essenz des Sommers.

 

Alles regierend:

Der Glaube an den Reichtum

Des Gelesenen.

 

Wesen der Person:

Opak. Der Dichter jedoch

Öffnet sie dem Geist.

 

Hinter den Namen

Der Kameraden ahnt er

Versteckte Juden.

 

Ein richtiger Punk:

Null Bock auf Uhr und Null Bock

Auf den Regenschirm.

 

In der Lektüre

Allein erkennen wir Wandel -

In der Vorstellung.

 

Landschaften im Buch

(Das Traumbild der Frau darin)

Wahrer Teil Natur.

 

Beweglicher Käfig:

Nach aussen streben und nur

Inneres hören.

 

Die Kavallerie!

Jähes Bergbach-Hochwasser

In Sommerstille.

 

Es geht nur wer will

Im Fall der Revolution;

Nicht wie im Kriegsfall.

 

Ein sinnfreier Vers...!

Das Alter da man noch glaubt

Was man benannt hat.

 

In einer Freundschaft

Zählt nicht die Kraft der Seele.

Nein: Anstand und Form.

 

Plötzlich hebt die Flut

Bis jetzt verborgen ins Licht

Einen Perlensatz.

 

Murmeln der Schönheit

Unterm Kräuseln des Textes.

Dann - Explosion.

 

Das Reich der Wahrheit

Fällt mit dem Leben zusammen!

Verlorener Sohn...

 

"Bezaubernder Geist"

Aussagen über die Kunst:

Ironie als Wahrheit?

 

Wann aber würd’ er

Endlich ernsthaft aussprechen

Was er selbst dachte?

 

Fräulein Swann badet

Im Element der Präsenz:

Hat Bergotte als Freund!

 

Von einem Wesen

Zugang zum Traum erhoffen:

Anfang der Liebe.

 

Das Vichy-Wasser

Und sein Schicksal im Körper...

Das ist ein Problem!

 

Meine Grossmutter:

"Das Gegenteil der andern"

"Ziemlich durchgeknallt"...

 

Künstler in Kirche:

Das Hässlichste ist ihm Wert

Mehr als klares Licht.

 

Etymologie:

Schaumschlägerei für Tanten

Die schnell ermüden.

 

Gilbert und Charles

Eine Lokalgeschichte

Voll Glauben und Mord.

 

Vom Kirchturm oben

Sind sonst getrennte Dinge

Endlich verbunden.

 

Grosszügig gegen

Die Reichen. Für die Armen

Neid und Berechnung.

 

Einzig Wichtiges:

Ob Frau Goupil rechtzeitig

Zur Erhebung kam.

 

Leben weniger

Grausam als unsre Träume:

Käm’ Octave wieder...!

 

Was für Barbaren!

Mysterien des Samstags:

Stoff für ein Epos!

 

Wie Kopfbewegung

Eines zerstreuten Mädchens:

Die Weissdorn-Blüten.

 

An- und abschwellender

Wie gesprenkelter Geruch

Die Weissdorn-Blüten.

 

Mondschein-Spaziergang

Vaters Orientierungssinn

Die Lindenbäume.

 

Im Lebens-Train-Train

Erwartung des Geschehens

Das alles ändert.

 

Frühe Chicorées

Spezialomeletten

Unverdiente Steaks!

 

Wunsch-Kataklysmen:

Aufscheuchend aus der Ruhe

In dem Selbstgespräch.

 

Zeitvertrieb Bosheit

Und wachsame Eifersucht:

Kämmerchen-Leben!

 

Die Provinz-Dame

Entwickelt Hof-Rituale

Mit der Dienerin.

 

Legrandins Haltung...

Wie ein Gruss in die Ferne

Zu Marionetten.

 

Spargeln wandeln sich

In Meeres-Kreaturen -

Regenbogen-Duft...

 

Köchin verrichtet

Ihre Arbeit unter Flüchen

Auf die Zutaten.

 

Mitgefühl entsteht

Wenn das Leiden der andern

Sehr weit weg geschieht.

 

Den eigenen Platz

Und die eigene Rolle

Wahren - als Täter.

 

Mensch als ein träges

Und mechanisches Spielzeug

Des weltlichen Glücks.

 

Ein Augenzwinkern

Warm vulgär und liebevoll

In dem Eisgesicht.

 

Die eine Handlung

Die wahren Charakter zeigt

Löst nur Zweifel aus.

 

Hinter den Worten

Der Ablehnung und Stille

Steht die Gefallsucht.

 

Doppelte Person:

Was sichtbar allen das bleibt

Unsichtbar uns selbst.

 

Undurchsichtigkeit

Des Schaffens der Vorstellung

Schafft Kausalität.

 

Das schöne Schwatzen

Von Meer, Wolken, Farbtönen

Kaschiert einen Snob.

 

Kunst des Ausweichens -

Direkt ins Poetische

Führt sie Praktische.

 

Poetische Freude

Des Spaziergangs gefolgt von

Freude am Essen.

 

Nie ist man sicher

Geht man in Richtung Guermantes

Wann man zurückkehrt.

 

Die zwei Richtungen:

Zwei geschlossene Gläser

Voll Nachmittags-Gelée.

 

Der Garten bewacht

Von den Blüten des Flieders -

Persischen Huris.

 

Ein Stohkorb beim Teich

Angelschnur und Korkschwimmer

Und ein Vogel singt.

 

Wie die Melodie

Die nicht zu ergründen ist:

Der Duft des Weissdorns.

 

Die Klatschmohnblüten -

Einzeln noch verkünden sie

Das Meer von Weizen.

 

Gourmandise des Kinds

Blüten- wie Biscuit-Farben

Natur weiss darum.

 

Mädchen in Allee

Blond-rotes Haar und Augen

Azurn oder schwarz?

 

Der Name Gilberte

Flog an mir vorbei wie ein

Tropfen der Person.

 

Charme des Namens

Eines rotblonden Mädchens

Mit dumpfen Blicken.

 

Namens-Beschwörung:

In andern ihn auslösen:

Äussrer Widerhall.

 

Abschied vom Weissdorn:

"Über alle Vergnügen

Werd’ ich euch lieben!"

 

Weite Ebene

Ein Flutwind glättet das Korn

Wie ihr Botschafter.

 

Unter seinem Dach

Lässt er so eine Frau zu -

Sie machen Musik...

 

Die Fakten dringen

Nicht ein in die Glaubens-Welt

Sind nicht ihr Ursprung.

 

Der Gesellschafts-Mensch

Findet in Schmach der andern

Selbstliebe-Anlass.

 

Wie die Zugvögel!

Regentropfen-Verhalten...

Ach, ein Nachzügler!

 

Ach wie französisch

Die Kirche mit Aposteln

Wie in Françoises Geist.

 

Heiligen-Skulptur

Wie das Bauernmädchen hier

Unter dem Vordach.

 

Und Françoises Furcht

Vor Verdacht und Wutanfall

War doch nur - Liebe.

 

In einem Buche

Hätte mich ihre Trauer

Sicher getroffen.

 

Zwischen dem Eindruck

Und der Form seines Ausdrucks

Missklang: Husch, husch, husch!

 

Die ersehnte Frau

Vom Zauber der Natur die

Vom Reiz der Frau wächst.

 

Die erträumte Frau

Ein Produkt des Terroirs

Wie Farn und Muschel.

 

Dinge wie gemalt

Ah vergebliche Bitte

Um Bauernmädchen!

 

Dass eigne Wünsche

Ausserhalb meiner real

Glaubte ich nicht mehr.

 

Tod eines Vaters

Ohne Vollendung des Werks

Durch seine Tochter.

 

Sie sucht weit weg

Von ihrer wahren Natur

Nach schmutzigem Wort.

 

Porträt des Vaters

Dient als eine Ikone

Seiner Entweihung.

 

Lohn der Vaterschaft

Im Nachvollzug der Gesten

Raub der Vaterschaft.

 

Nicht das Böse war’s

An dem sie sich vergnügte;

Die Lust schien böse.

 

Für den Spaziergang

In Richtung Guermantes braucht’s

Sicheres Wetter.

 

Mein Gedächtnis

Gräbt Gestalt der Strasse aus;

Stellt sie wieder her.

 

Unter dem Strohhut

Und dem Nussbaum ein Fischer

Namenlos-bekannt.

 

Ufer der Vivonne:

Herden von Butterblumen...

Seerose pendelt...

 

Die Wasserrose

Pendelt zwischen den Ufern:

Neurotische Flucht...

 

Die Wasserrosen...

Hier und da eine allein

Erdbeer-Errötung.

 

Festlicher Himmel

Der Wolke müssiger Gang

Der Sprung des Karpfen.

 

Nie bis zur Quelle

Nie bis Guermantes gelangt...

Ein Name als Schwamm...

 

Gräfin von Guermantes

Fischte Forellen mit mir

Einen ganzen Tag...

 

Macht meines Vaters

Werde mich heilen davon

Kein Genie zu sein.

 

Grosse Enttäuschung:

Die Nase - blaue Augen...

Das ist sie - nur das?

 

In Form einer Frau

Willkürlich hineingepresst

Nicht kolorierbar...

 

Ihr Blick trifft mich...

Stimmt sie dem Herumstreunen

Ihrer Augen zu?

 

Dieser Veilchen-Blick

Da er niemand kannte galt

Allen besonders.

 

Nie werd ich schreiben...

Die Dinge wie Gefässe

Von mir zu öffnen.

 

Eindrücke sinken

Mit Duft und Form wie Blumen

Im Zimmer in mich.

 

Bergend-entziehend:

Kirchtürme von Martinville:

Eigner Gedanke!

 

Ohne zu denken

Dass ein Bild aus Wörtern stammt

Schrieb ich es nieder.

 

Das Leben - Abfolge

Glücklicher Nachmittage...

Bald sind wir zuhaus!

Mein Herz beginnt zu schlagen...

Tuschezeichnung der Schatten!

 

Stunde der Wahrheit

Da Maman mich verliesse -

Auch das: Guermantes!

 

Denn weil ich glaubte

An diese Ding und Wesen -

Freuen nur sie mich.

 

Das Land der Kindheit

Ist von einer Eigenheit

Die ganz meine ist.

 

Nächtliche Gestalt

Des Zimmers vom Licht-Finger

Nochmals korrigiert.