Die ersten 100 Haikus

Winter

1. Bäume wie Gitter

Auf dem Asphalt entstehen

Eiskontinente

2.Bäume wie Schuppen

Die Hänge wie Fischrücken

Das Land voll Samen

3.Farbloser Morgen

Bäume rücken zusammen

Im raureifen Land

4.Alles schwindet doch

Wie der Schnee und Eisklumpen

Bei meinen Gingkos

5.Samstags streiten wir

Hungrige Enten am See

Im Hals klumpt sich Brot

6.Wäsche im Estrich

Der Raum ist feucht und eiskalt

Wie unser Leben

7.Der Schnee im Morgen

Feines Pulver des Lichtes

Zerstörende Schritte.

8. Im Morgen liegt Schnee

Trauerbänder der Strasse

Abends fällt Regen

9. Schnell fällt Wort um Wort

Wangen in Rede erhitzt

Kühlend fällt Regen

10. Vorm Haus Lampenschein

Wie bleich ist die Dämmerung

Träume folgen mir...

11. Ah die Bergkämme!

Wie sie zudringlich werden

In der Dämmerung!

12. Nacht vorm Zugfenster

Dein und der andern Gesicht

Durchbohrt von Lichtern

13. In der Industrie:

Das Heulen der Autobahn...

Fern schwebt weiss der Berg

14. Im Bahnhofswartesaal:

Kichern quillt aus den Mädchen.

Im Zug das Husten

15. Der blaue Morgen:

Im Atmen verschmilzt die Nacht

Der Raureif dauert

16. Orangene Sonne!

In den Bäumen überm Haus

Wippen die Nester

17. Ein erster Triller!

Die vogellosen Bäume –

Kein Ast bewegt sich

18. Schwatzen des Kindes

Wir gehen durch Reifnebel

Sie singt ein Liedchen.

19. Der dichte Nebel

Leuchtet aus sich und zeichnet

Mit Reif die Bäume

20. Dunkler Kanal flieht

Gesäumt von Reifnetzen

In nahen Nebel

21. Mag entgleiten uns

Das Leben im Alltag:

Unsre Liebe bleibt.

22. Drausen bellt ein Hund

Kalte Luft fliesst durchs Fenster

Ich belle im Klo.

23. Im frühen Morgen

Kinderfüsse im Gesicht

Und kalten Luftzug.

24. Aus Nebel fällt Schnee

Ich seh’s und denke ans Küssen

Im Fallen des Schnees.

25. Gehsteige glänzen!

Unter ihrem nassen Glanz

Erahnbar das Eis.

26. Aus der Nacht heraus

Der Fluss in dunkler Gestalt

Fliesst im weissen Saum.

27. Weites weisses Fell

Bäumen säumen einen Bach

Mann mit seinem Hund.

28. Gülle scheckt das Feld

Beim Fluss ein wirrer Holzstoss

Umschlungener Baum.

29. Nacht ist’s, ich lese

Der Kühlschrank keucht + murmelt

Im Glas glänzt Portwein

30. Die Katzen jaulen

Strassenlaternen schaukeln

Gelb glänzt der Asphalt

31. Naher Alpenfuss

In Bäumen sitzen Raben

Lautlos wie Puppen

32. Steh im Schein des Lichts

Den Hüttenlärm im Rücken

Weit und breit kein Freund.

33. Vergängliches Licht:

Dem Kitzeln von Wimpern gleich

Im Wintermorgen

34. Der Nebel hängt tief

Der kahle Hang wird zum Berg

Der Wasserfall fehlt.

35. Ein Kind schreit und heult

Menschen stehen abwesend

Zug fährt kreissend ein

36. Der Dampf des Bades

Das Mädchen will noch schlafen

Draussen grauer Tag.

37. Durch den harten Schnee

Die Stäbe vieler Bäume

Ragen aus Buckeln

38. Kein Schimmer vom Tag

Erneute Alltagsgesten

Denken an Morgen...

39. Was für ein Schneesturm!

Unter der Brücke Rinder

An einer Raufe.

40. Die Zähne schmerzen

Flocken in Aug und Kragen

Ein winselnder Hund.

41. Die Hecken im Wind

Sie krümmen und biegen sich

Wieder und wieder.

42. Durch Wolken das Licht

Rote Stoppeln im Schneefeld

Ach, schales Leben...

43. Wir tauschen Wörter

Unsere Schritte knirschen

Kind rennt hin und her.

44. Berge verhangen

Ihre gestreiften Füsse

Rabe im Geäst

45. Fahrt aus dem Tunnel:

Gelber Schnee und brauner Bach

Fassaden des Dorfs

46. Ein Rabe im Flug:

Wie sein Gefieder zittert!

Unter ihm die Lachen.

47. Die grauen Stämme!

Braun schwemmt der Bach die Ufer

Fetzen weiss im Wald

48. Wenn ich nur schriebe!

Die Schmutzspuren im Fenster

Einem Bergkamm gleich.

49. Ein Sonntag am See

Was wird aus unsern Kindern

Auf dem Karrussell?

50. Verwischte Felder

Nieseln vermischt mit Nebel

Böser Gesichter

51. Das Kind noch bettwarm

Du bringst mich in die Krippe

Mama geht schaffen

52. Betäubt vom Traum ich

Vom Nebel geschnürt der Hügel

Schnell schwindet alles

53. Die Vögel lärmen!

Bald schon verstummt ihr Schrei’n

8 Uhr: sie singen

54. Zwei Farben des Sees:

Türkis lockt glitzernd blaut er

Am Hang die Bräune

55. Am Ufer des Sees

Wärme schon und Kälte noch

Wechseln auf der Haut

56. Rauschen der Menge

Klimatisierter Luftzug

Aus den Mäulern Stank

57. Vom Strom steigt Nebel

Denke an meine Kindheit...

Würmer winden sich

58. Ich mache Ordnung

Unablässiger Regen

Gehe hin und her

59. Reissendes Wasser

Die zuckenden Astspitzen

Weiss pendeln Fetzen

60. Nur noch ein Tropfen

Wie bei den alten Herren

Seltene Wörter

Nächtens schreit das Kind

Draussen rollen die Züge

Das Kind kriegt Wickel

61. Wie schnell sie ziehen!

Wolken im flachen Himmel

Knospen wie Tropfen...

 

Frühling

 

62. Vorgartenkrokus

Im Hauseingang Farbstifte

Auf Strassen Tauben

63. Wie dunkel es wird!

Vom Schnee glänzen die Äste

Die schwarzen Strassen...

64. Fleischige Knospen

Blüten gleich neben Blüten

Noch ist der Wald braun

65. Am Bahndamm entlang

Krumme Äste Goldregen

Lachen auf Feldern

66. Die leeren Strassen

Huschen zwischen den Rädern

Ein grauer Marder!

67. Was für Gesichter!

Neutral und voll Hemmungen

Kabisköpfe halt...

68. Grelles grünes Feld

Goldregen dunkler Acker

Und Hochstrassen

69. An blossen Ästen

Die Kastanien knospen

Richten sich auf.

Gleich Ast-Eiern

Die Kastanienknospen

Wachsen nach oben

70. Eier an Ästen:

Die Kastanienknospen

Wachsen nach oben.

Einige sind aufgebrochen

Starr-klebrig mit braunem Rand.

71. Fissierter Morgen:

Fremdes punktuelles Grün

An dunklen Ästen.

72. Zwei verschiedne Grün

Stamm-Efeu und Astknospen

Am Ufersteilhang

73. Hinterm Hügel dort

Der sich leicht im Walde wölbt

Sinkt der Wald ins Tal?

74. Selbst Hecken grünen

Der Kirschbaum verliert sein Weiss

Hellgrau scheint der Wald

75. Graue Halle Wald

Knöpfe an Ästen Büschen

Wie viele Falten

76. Faulende Eicheln

Decken das wenige Grün

Zwischen Stamm und Busch

77. Kind sammelt Blüten

Fahle und grüne Glocken

Im felsreichen Wald

78. Fleckige Strassen

Billige Luft nach Regen

Schwerer Waldnebel

79. Fensterkreuz wandert

Ruhig atmet meine Frau

Tropfen des Regens

80. Löwenzahnwiesen

Ein Schwan schläft auf der Strasse

Am Bord die Enten

81. Das Land ist jetzt grün

Die braunen Rebenhänge

Rapsfeldergleissen

82. Schwung der Hochstrassen

Unten der Lauf eines Bachs

Krautvolle Wüste

83. Duft von frischem Gras

Brückengeländer schimmern

Lichtgrauer Himmel

84. Der trübe Himmel

Unentwegt gurrt die Taube

Die Tannen blühen

85. Stehen am Ufer

Platanen tragen Knoten

Wald im Rücken rauscht

86. Die Betonstrasse

Die braunen Spargelfelder

Drüber die Lerche

87. Strassen-Staubsauger!

Schnaufend saugt das Fahrzeug ein

Die Gingkoblüten

88. Kind schreit in der Nacht

Offenes Fenster Regen rauscht

Ich halte mein Kind

89. Vom Bett sehe ich

Die rote Wolkenwange

Im bleichen Himmel

90. Im frühsten Morgen:

Wolken wie unreiner Schnee

Und blauend am Hang

91. Erhebe mich morgens

Im Sitzen noch und blinzelnd

Die scheuen Wolken

92. Pfützen überall

Hinter dem Ball herrennen

Mit roten Wangen

93. Um fünf Uhr morgens

Fällt das Lied der Amsel hell

Hinein in den Schlaf

94. Zerplatzte Blüte

Aufgesprungen in Kälte

Gelb und doch nicht gelb

95. Im Baum streitet es

Schwalben schiessen um Häuser

Voller Aufregung.

 

Sommer

 

96. Bin wie die Tanne

Die im Hof braun verkümmert

Hell leuchtet Efeu

97. Backsteinfarbnes Licht

Präzise Welterweckung

Gleich dem Vogelflug

98. Le matin m’inspire

Comme une fleur qui se fane

Tout s’endimanche

99. Donnern der Züge

Im Garten hupft die Amsel

Stetig rauscht der Bach

100. Zwischen fünf und sechs

Die Träume sanft wie das Licht

Lauthals die Amsel