Poetik(en)

Werden eines Gedichts. Poetik

  1. ein gedicht ist arbeit. 
  2. diese arbeit geschieht im moment. das gedicht geschieht selten in der dauer: eine längere bearbeitung vermindert seine kraft. (hier gilt das prinzip der "ersten begegnung": der erste eindruck - im fall des gedichts der erste ausdruck - prägt nicht nur, er stimmt.)
  3. die begegnung mit dem moment findet im wort statt. 
  4. das wort (oder die wörter) ist vor allem (anderen) da: bringt alle parameter für die stimme des gedichts mit sich; ist der stein, der ins rollen bringt. 
  5. in diesem moment geschieht die hereinnahme des äusseren in das innere, denn das wort ist aussen: ein herangetragener und aufgefangener laut oder ein unerwartetes und ansprechendes zeichen. was aussen ist, dringt hinein: plötzliche durchlässigkeit, das ist inspiration. 
  6. in diesem moment der durchlässigkeit werfe ich das innere nach aussen durch das wort. 
  7. treffen die beiden aufeinander, entsteht ein gedicht. 
  8. in diesem moment beginnt die arbeit. ein festhalten des moments einerseits: ich als fotopapier und fixiermittel zugleich. ein erfinden des moments andererseits: vergegenwärtigung des vergangenen.
  9. fotopapier: ich nehme an und auf.
  10. fixiermittel: ich wähle aus und stoppe einen prozess.
  11. eine vergegenwärtigung im einfachen sinn: bereits vergangen, aktiviere ich das eigene erleben noch ein mal. 
  12. weit häufiger aber eine vergegenwärtigung im doppelten sinn: aktiviert der moment eine erinnerung, entsteht diese neu mit aller erfahrung (und einer kraft), die ihr "damals" gefehlt hat (eine doppelbelichtung).
  13. das wort ist dabei hilfe und hindernis. daher die arbeit.
  14. das wort ist dabei mittel und ziel. daher die arbeit.
  15. die arbeit: erzählung und biografie verhindern. 
  16. die arbeit: erfahrung und erleben komprimieren. 
  17. die arbeit: geheimnis und erleben gründen. 
  18. die arbeit: sicherheit und authentizität üben.
  19. die arbeit: durchlässigkeit und kenntlichkeit herstellen für die leserin. 
  20. der neue moment namens gedicht: eben gehörte er noch mir. 
  21. das gedicht aber siegelt den moment, verschliesst ihn mir. 
  22. im gedicht und durch das wort entsteht der initial-moment ein weiteres mal und, wird er zum nicht mehr gestaltbaren und nicht mehr rückholbaren fremd-moment, der mit mir nichts mehr zu tun hat, muss hinausgetragen werden. 
  23. hinausgetragen werden muss der moment namens gedicht, weil er über das wort, das allen gehört, zu dem alle fähig sind, an allen und allem teil hat. 
  24. hinausgetragen werden muss der moment namens gedicht, weil ein produkt entstanden ist, das für andere zum initial-moment werden kann.
  25. hinausgetragen werden muss der moment namens gedicht, weil er im (erarbeiteten) zusammenspiel der wörter (und ja, auch bilder) eine lebensform geworden ist.
  26. „A un moraliste hypochondriaque qui blâme l’artiste de vouloir briller monsieur Songe répond qu’il n’est point d’oeuvre d’art sans le désir de notoriété de son auteur.“ (Robert Pinget, Monsieur Songe)

Erfüllt (aus dem "Konversationslexikon des Dichters")

Erfüllt ist ein Wort 

Das mich gerade sehr

Berücksichtigt: ein zurückgesetzter 

Balkon ohne Gemüse oder Sitzgelegenheit — 

Ein verschmitztes Absinken ins Greisenhaft-

Befreite — ein aberverliebtes Gut 

Der verzückten Einheit mit dir 

In Stille und Plüsch — eine verrückte 

Falte des Glücks — ein Tusche-Strich 

Quer über die Brücke des Zutrauens:

Ein Wort von Kenntnis und Krücken-Müdigkeit:

Geiselhaft von Waggis

Die mich brutal vollstopfen 

Mit den fehlenden Zinsen 

Der Wertschätzung zwischen frischen Eltern — 

Erfüllt ist ein Wort 

Das mich gerade sehr

Berücksichtigt: ein Manko weniger

Das mich zu dir schwemmt. 

Cuir véritable

Es schält mich: 

Die Hörner aus den Taschen

Jetzt und gestochen

Löcher in den Lampenschirm 

Unter dessen Kokolores lange genug

 

Einzig ist das All-

Tagsgeschwader von

Entsorgung zwischen den Zeilen:

Verdammte Scheisse im Gleichfall

Überall in rascher Folge wie

Bremsen und sonst Gefleuch

Keine Schwalben nein keine — 

 

Ich aale mich und schabe 

Am Ekzem der Teuerung:

Uriah —  winde mich durchs Öhr 

Deiner Aufmerksamkeit 

Gut geölt und nackt 

 

Und in Nächten im Stall 

Vor der Auslieferung

(Jeder Motor ein Schlächter)

Schnaube ich meine Wut

In den After der Nächsten —

 

Und im Morgen getrieben 

Die Rampe hinauf guten Mutes: 

Und niemand quiekt: 

Frische Luft macht keine Rampensau —

Olympioniken 

Die ihre Pflicht tun

 

Es schält mich: 

So lange warten und dann

Die kleine Rampe hinauf —

Die Winterluft ist dünn wie

Das Häutchen der Milch.

 

Kurz an die Schwalben denken

Die so fern sind gute Gefährten

 

Und der Herr ist nicht Licht

Verdammte Schleimbeutel 

Ihr Leser sondern das Fell

Das ihr euch über die Ohren zieht. 

Der nächste Tag

Es gibt nicht den nächsten Tag.

Deine Brust mag sich heben –

Ein grünes Sicherheitsnetz überm Gerüst –

Doch nicht das schwerlippige Schild der Zeit.

 

Es gibt nicht den nächsten Tag.

Er ist nicht einmal im toten Winkel.

Aus Deckeln hörst du das Rauschen der Abwässere –

Und um elf beginnen die Kirchentürme ihren Ruf.

Deine Zunge ist schwer wie ein Mühlstein.

 

Es gibt nicht den nächsten Tag.

 

Kalt sind die Stangen des Gerüsts. 

Ernte und Schrift

Auf den Fingern die Marge

Mit Beeren-Schnalzen und 

In den Haaren die Profite 

Des Solitärs. Die Verträge 

Rühren ihre Haken in den Backen

Um und die Hefe der Verluste

Terminiert die Schwellung der Lüge. 

 

Der rührige Anstand erhebt sich 

Mit gebieterischer Schüchternheit 

Und spricht dem Aufstand der

Bis zur Wildheit keuschen

Praktiker-Schwadronen 

Mit der nötigen Lässlichkeit

 

Ernte und Schrift ab. 

Turnstunde II

Ungeschenkte Puppengesten

Arretierte Wendungen

Ägyptische Sprünge — 

Harte Zeiten für Balken. 

 

Die Halle brüllt. Das Lachen wird

Jetzt gestanden. Hier fliegt nichts.

Das keine Fortbewegung. Das it

Stante pede. Der Balken ist nicht das Problem.

 

Die Füsse löffeln das Holz. 

Im Gebrüll der Halle dieser Körper

An der Luft angemacht. Die Verse

Oder das Brett das Magnet

 

Genug für jedes Kunststück?

Aber die Streicheleinheiten für 

Hart geprüfte Balken wie Blitzlichter

Durch das Gebrüll der Halle — gehalten

 

Wie ein gestopfter Kauz im Kinderzimmer. 

Die Strenge der Mundwinkel glänzt

Violett ungeschmertz überm 90-Gradwinkel der Arme.

 

Das Lachen überm Balken ist die Übung. 

"Moderne" Lyrik. Eine Gegen-Poetik

 

Und wenn ich heute meinen Facebook- Account öffne, erscheinen zwischen Weltuntergangsnachrichten kleine Kunstwerke, welche mein Leben bereichern, mich erden und mich lächeln lassen. (Steffi Seitz, auf http://www.huffingtonpost.de/steffi-seitz/lyrik-im-21-jahrhundert_b_10959786.html)

 

Es ist eine merkwürdige Sache mit der Lyrik, mit den Gedichten. Obwohl selbst Lyriker, verstehe ich sehr wohl die Bedenkenträger, die da unter Lyrik Gefühlsduseligkeit und Weltabgewandtheit, ja vielleicht sogar Esoterik vermuten - irgendetwas Verschwörerisch-Blumenhaft-Meditatives. Die Bedenkenträger, denen man ein Gedicht in die Hand gibt oder schenkt, die verlegen lächeln und antworten: Oh, danke, das werde ich dann in einer ruhigen Minute lesen. Und die ruhige Minute kommt nie - nicht in unserer leistungsorientierten, gerätegelenkten und sofortigen Welt. 

Und der Lyriker sind viele! Menschen ganz unterschiedlichen Alters, mit und ohne Lebenserfahrung - obwohl „Lebenserfahrung“ in unserer mitteleuropäischen Welt inzwischen ja eine Sache ist, die vielen nicht mehr widerfährt, weil sie ereignislos-behütete Leben leben. All diese Menschen haben über die Lyrik, über das „Dichten“ (das viele so oft - allzu oft - im Mund oder unter der Feder führen) ein wenig von sich selbst entdeckt, die eigenen Gefühle verkosten gelernt, das Reden von sich erprobt, wurden also in gewisser Weise ermächtigt. 

Ja, Ermächtigung - der moderne Mensch ist nicht (mehr) ermächtigt, er hält sich nur noch für ermächtigt, lässt sich aber längst von anderen Gegebenheiten steuern, von anderen Wirklichkeiten prägen und beeinflussen. Die Ermächtigung, die wir Menschen des 21. Jahrhunderts erleben, ist eine Ermächtigung zum Konsum, zur Ablenkung und zur Zerstreuung. Nur ja nicht mit sich selbst konfrontiert werden, nur ja nicht in der berühmten Pascal’schen Kammer allein eingeschlossen sein! 

Die Lyrikerin, der Lyriker des 21. Jahrhunderts glaubt an die Möglichkeit einer Befreiung aus Hamsterrad und Einkaufszentrum-Glückseligkeit. Er glaubt auch an eine unmittelbare Befreiung durch sein Schreiben, eine Art „self fulfilling prophecy“: über das Schreiben weiss er sich ausgelöst aus dieser Sklaverei der Moderne. Ihre oder seine Gedichte sind Akte der Befreiung. (So redet auch Steffi Seitz im vorangestellten Zitat von „erden und lächeln lassen“: einen Zwischenhalt in der Hektik der vermeintlichen Realität.)

Diese Akte der Befreiung haben aber eine Ähnlichkeit mit der Welt und der Zeit, in der wir leben. Sie wollen Ausschliesslichkeit und „Sofortigkeit“: sie glauben an die Worte, die da stehen, an ihre Richtigkeit, an ihre Relevanz, an ihre Resonanz. Die Lyrikerin und der Lyriker müssen das - da stimme ich schon zu: Glauben sie nicht daran, dass sich letztlich doch was sagen lässt über sich und die Welt, haben sie nichts mehr zu sagen. 

Und doch fehlt da etwas. Es genügt nicht, sich den Seelenkummer oder das Weltenelend von der Brust zu schreiben. Es genügt nicht, einen allzumenschlichen Zustand nochmals allzumenschlich zu umschreiben und das Risiko von Gemeinplätzen einzugehen. Es genügt nicht, in all der Rosenumkränztheit sich der inneren Welt zuzuwenden, dem leidenden, fühlenden Ego - denn darum geht es in unserer Welt weitestgehend nur noch. Es genügt nicht, sich „frei zu schreiben“. Das ist dann nur noch eine Form von (Lebens-) Therapie: die berühmte heilende Kraft des Wortes: „ich schreibe, weil es mir gut tut“. 

Man verstehe mich recht: auch ich schreibe immer wieder, weil ich „was los werden muss“, weil mich „was bedrückt“. Doch sind dies dann selten Gedichte, die ich auch in zehn Jahren noch zu meinen besten zählen werde. Nicht, weil sie persönlich wären - ganz im Gegenteil: sie sind voller Gemeinplätze und Metaphern, die weder wirklich sagen/ausdrücken, was ich „empfand“ - abgesehen davon, dass dieses „Empfinden“ in seiner Sofortigkeit immer ungewiss und unsicher ist -, noch realiter umsetzen, wohin ich wollte. Doch zum „Umsetzen“ später.

Die Lyrik boomt, das ist sicher so und liegt sicher ebenso an der Welt und Gesellschaft, in der wie leben. Doch die Lyrik hat  ein Image-Problem (als ob uns das noch gefehlt hätte!). Dieses Image-Problem hat  seinen Grund gerade in der Art und Weise, wie Lyrik meist betrieben wird - und wie ich sie hieroben zu beschreiben versucht habe. Denn wenn Lyrik für „Gefühle“ stehen soll, für einen „Akt der Befreiung“ im eigentlich ganz und gar Privaten, wenn sie interindividuell nachvollziehbar sein soll wie ein Zeitungsartikel - kann sie nicht mehr wirken.

Wenn ich als Lektor arbeite (und ich tue das immer im Sinne der Autorin, des Autors), stehe ich häufig vor einem Dilemma, das mir Freude und Schmerz bereitet. Freude, weil hier jemand etwas Alt-Neues auszudrücken versucht (Liebe, Trennungsschmerz, Abschiednehmen, Freude über den Frühling und allgemein über die Jahreszeiten); Schmerz, weil es in einer Form daherkommt, die klischierter nicht sein könnte. 

Denn das muss doch mal gesagt werden (jetzt schreibe ich mir etwas vom Herzen): Ja, die meisten Lyrikerinnen reimen; ja, die meisten Lyriker lieben die Inversion in ihren Versen; ja, die meisten Lyrikerinnen neigen zu adjektiven Ergüssen; ja, die meisten Lyriker suhlen sich geradezu in Gemeinplätzen.

Als Lektor und als Leser will ich jedoch nichts davon hören! Als Leser und Lektor will ich endlich, endlich einmal von der Brutalität eines Gedichts mit neuen Metaphern überfahren werden. Als Leser und Lektor will ich endlich, endlich einmal von der Schlichtheit und Strenge der Sprache geteert werden. Als Lektor und Leser will ich endlich, endlich einmal von der Sprache selbst hören, und nicht von der Lyrikerin, dem Lyriker. Als Lektor und Leser will ich endlich, endlich einmal von einer Wendung, einer Floskel, einer Metapher tödlich verwundet werden wie der Heilige Martin mit seinen Pfeilen. 

Ja, die Lyrik muss mehr wirken: denken wir an all die grossen Gedichte, die uns nicht mehr losgelassen haben, seit wir sie gehört haben (Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört, hungernd hysterisch nackt). 

Ja, die Lyrik muss mehr wollen: mit jedem Gedicht muss der Lyriker, die Lyrikerin noch weiter hinaus in die unerforschten Grenzgebiete der Sprache oder des Sagens, an die „final frontier“ des Sprachraums vorstossen. Es muss ihr und ihm ein Wollen, ein Müssen sein, das Gedicht wie einen Nagel in die Wand der Wirklichkeit zu treiben, die uns umschliesst. (Und das kann man jetzt gerne für „Esoterik“ halten!)

Denn im „Umsetzen“ einer Idee oder eines Gedankens liegt die eigentliche Lyrik. Nicht im (Her-) Zeigen und Aussprechen, sondern im Aufzeigen und in der Entfremdung liegt die Kraft guter moderner Lyrik, wenn alle die traditionelle Schlacke von Adjektiven und Reimen und Inversionen und Gemeinplätzen abgelegt sind: entstehen Gedichte, die der Lyrikerin selbst fremd sind; entstehen Gedichte, die dem Lyriker Furcht einflössen. 

Das aber ist ein Ziel, das sich nicht mit Zielorientierung verträgt. Womit ich wieder an den Anfang meiner Tirade zurückkomme: die Bedenkenträger, von denen ich dort sprach, all unsere besten Freunde, die unser Schreiben belächeln als ein Hobby, eine Schrulle oder was noch, diese Bedenkenträger haben ein Anrecht auf solche Gedichte, die über die Autorin selbst hinauswachsen, eben: mehr sind. Als Lyrikerinnen aber dürfen wir ihr rational-weltliches Argument nach Verständlichkeit und nach Inhalten nicht (niemals) ernst nehmen: Lyrik ist nicht Zweckware, Lyrik ist nicht Gebrauchsgut.

Oh, sie darf und kann gefallen und schmecken, aber sie sollte nicht auf billige Unterhaltung aus sein, auf unmittelbare Befriedigung unserer „Erdungs“-Wünsche, auf eine direkte Streicheleinheit für unsere „Seelen“. Lyrik mit Zukunft, könnte man diese Tirade zuspitzend beenden, muss sein wie ein schreckliches Bild aus einer Kriegsregion (dem Ich oder dem Wir, dem Ihr oder dem Du), das uns nicht mehr los lässt; muss sein wie ein Einblick in einen blutigen Operationssaal, auf dem zufälligerweise ein Regenschirm auf eine Nähmaschine trifft; muss sein wie ein spasmischer Körper im Schmerz oder in der Lust. 

 

Nach Sibirien!

Die Gemeinplätze deines Albtraums 

Sauber und willig — viele haben dran schon geschabt

Mit ihren Pantoffeln und viele haben sie genossen

Mit ihren Lederzungen — der Albtraum selbst 

Niemals stubenrein und selbst dein Stubenreim

Domestiziert ihn nicht: überlebe erst einmal

Die eigene schnelle Bereitschaft und

Den eigenen Dreck der sich 

Verfangen verfängt und verfangen wird

In den Haaren deiner Gosche — der Albtraum 

Lebt von dem Willen zur Sauberkeit und von der

Werbenden Billigkeit — so lange bis du

Du selbst ihn sagst

Mit Worten aus Stacheldraht

Willig wie hervorquellende Därme 

Sauber wie ein Fusspilz — mit Worten

Wie Oger-Zahnstocher und über die 

Gemeinplätze wird niemals niemand 

Mehr gehen: Pantoffeln werden 

In die Wüste geschickt und die Reime

Nach Sibirien. 

Das Weltall ist ein öder Ort

Heulend stossen wir aus

Nicht anders als Fakire

Blut schiesst aus unsere Schoss

Den ungedemütigten Wind.

 

Und im Moment der Schwerelosigkeit

Aufgeblasen wie das Glas des Himmels

In der schon verzischenden Hitze

Bricht die Spitze unserer Veilchen-Eier. 

 

Heulend stossen wir ab

Nicht anders als Echsen

Die Lehmgeburten auf Asphalt

 

Die unumstülpten Worte. 

Einer jungen Dichterin

Eine Art ausgestreckter Bauch

Und logischerweise blindlings losgerannt

Mit einem gefühligen Schlachtruf

Und der Unvermitteltheit geschenkt

Was verdaut gehört: Inspiration!

Mit mehrfach gebrochenem Nasenbein

Und Veilchen überall am Körper

Wie in den Eigenheimgärtchen

Von Merenschwand bis Hersberg

Die alten röhrenden Reime gehängt

An mit Nikefüsse mit Tennissocken

Einfach möglichst Direktschuss aus dem 

Sympathicus — eine Art Hexenkarren der 

 

Dichtung mit all der Säure des Wohlstandsmagens. 

Auf die Schliche kommen VII (Heim)

Keine Heimlichkeiten mehr — 

Der Friede war nicht umsonst.

In den tiefen Trümmern und selbst

In den Spitälern des Militärs

Und kein Versprechen mehr

Von besseren alten Zeiten.

 

Oh wie das glüht! Innen

Ist äusserer als aussen —

Aus dem tiefen Staat 

Mit seinen Warnnetzen

Und aus den Zahnreihen

Jenseits der Glienicker Brücke

Und den Schwaden des Grills

Beim FC Babenberg lässt sich

Ein schleichender Treck lesen:

 

Oh wie das glüht unter den Füssen 

Und im Mund: ein Heim

Für jene mit Schaum vorm Mund

Und strahlenbreiten Sohlen

Aber kein Denkmal für die Helden

An denen Hochzeitspaare

Sich küssend inszenieren oder 

Für den Tanz der Tauben.

 

Oh wie das glüht

Wie das Trillern

 

Eines Morgenvogels…

Auf die Schliche kommen II

Das ist schlicht:
Trotz des Rasens
Und seines Geflügels
Die Wut über die Scheidung 
Oder die Unvereinbarkeit der Gemüter
Und ihren Dieselgeschmack
In einem einzigen Akkord
Als wäre sie ein wort
Unablässig sinken lassen — 
Ein Schleppanker oder
Eine Bremse aufgestiegen
Aus dem strengen Dung des Rasens.

Und so diese verklebte Wut
In aller Einfachheit tief verscharren
Ohne eine Wunde zu hinterlassen — 
Auf dass die Sommergräser
Wankten in der Brise 
Wie eben nur Sommergräser
Wanken.

Auf die Schliche kommen

Wie ein Korallenwurf

Im heiteren Himmel

Schleicht sich die rückende

Rechte Hand ein

Bis zwischen die Beine

Und reisst auf was

Einzig und elend

Ausgeweidet gehört.

 

All die mühelose Sieche

Krallt sich ein letztes Mal

In den Speichelfluss

Während das Wasser

Brennend übers offene Gewebe

Schäumt — einzig und elend

Gebückt und fluchend

Aufschrei 

Ob der schneidenden Schönheit

Die wässrig und gelb

Sich mischt mit dem Werk.

 

Das genügte. Eine rechte

Rückende Hand - Schabenschmal

Zwischen das Klammern und Pressen

Gefahren aus heiterem Himmel.

 

Ein Handwurf von Korallen

Mit genügend steinernen Zungenspitzen

Aufzuspüren die Kunstgriffe

Aus Gewohnheit und Kleinmut

Zu enthemmen gekommen

 

Mit der Kompetenz einer Rasierklinge. 

Handreichung für einen Dichter

Es reicht. Der Russ

Legt seine blühenden Hände

In den Schoss und sein Fett

Schmiert dort jede Wiederholung:

 

Aufsteht in Unablässigkeiten

Handreichung zum Wort

Das gut eingelassen

Als Halterungsknopf

Nicht das Bittere trägt:

 

Die bekömmlichere Wiederholung

Und die Lässigkeit des Machbaren.

 

Und manchmal im Schwadenwurf

Der unbekömmlicheren Gifte

Verklingt das Hämmern und Schnappen der Rädchen:

Und aus den gelockerten Kronen quillt

Der rote Saft des Müssens heraus

 

In all seiner erregenden Bitterkeit. 

Forttragen!

Alles nicht wahr!

Ein Gaumenspiel und du

Tauber als die Gegenstände.

Immer dieses Ansetzen in 

Vollkommener Verlegenheit!

 

Auch im ernsteren einfachen Ansehen.

Das Gelump auf der Gepäckablage

Fast gleich farbig — wie Zungen 

Teilweise überhängend. Und wieder 

Ein Spott und eine Gaumelei.

 

Alles nicht wahr!

Die Beschreibung spottet deiner —

Eingeschlafen bereits bevor

Richtig aufgeweckt — aufgeweckt.

Immer die Angeln als Zaumzeug…

 

Und wenn du dann 

Einmal motorisch korrekt

Wie ein Mensch bist:

Trage dir

Die beschriebenen Austragungsorte

Einfach und spöttisch 

 

In die Prosa fort. 

Hommage an Thomas Kunst

Ich sehe nur noch nur noch die Schleimtruhen und die Zebrafelder.
Wäre dieser Wechsel nicht
Wäre ich längst schon woanders
Oder gestorben. Ohne Ziel allerdings.
Die habe ich wie leergesaugte Krapfen
Hinter den angereicherten Kerben
Den Maseratistämmen vergeben.
Tunke aber weiterhin
Meine Fuhrwerke regelmässig
In den Schleim der wie denkenden Leiber
Die ich nicht vollspritzen werde
Mit dem grauen Botox einer losgelassenen
Karpfenherde. Schleimtrunken und doch
Aus klinischer Durchführung bestehende
Felderwechsel als wäre die Seezunge
Eine Art vorgezogene Stille aus Schlaf-
Und Salzpastillen. Was du angehst
Muss ich ja immer wieder verdeutlichen
Ist mehr ein Fuhrwerk mit halb ausgestorbenen
Indigenen Volksgruppen in Zelten
In der Ebene zwischen dort
Wo die Herden ziehen wie in Alkohol getauchte Vorhangkordeln 
Und hier wo die immer noch unausgespienen 
Groupies der Bäcker die Konfitüren öffnen.

Scheibenwischerei, industriell

Das Betreiben von Scheibenwischerei

Oder die vorgängige Abzahlung von

Versvergütungsschreiben sind Massnahmen

Ersten Grades gegen äquatoriale

Und vor allem auktoriale Ansprüche

Aus Breitengraden der Wurstelei oder

Zöpfedreherei: die Absendung 

Zeilengefallener Sprüche eine geeignete 

Antwort auf Kollatoralschäden

Am Seitenwagen der Träumerei

Und die stimmlose Aufschäumung

Unrichtiger Tonlagen und Rhythmus 

Überstimmt das Zeichen aus Anstand

Und Rechtmässigkeit in der Leere

Der Informations-Urflut. Das Betreiben

Einer Anlage von Massenversierungswalküren

Kann nicht länger verzögert werden —

Dies ist die Mutter aller Meringues:

Der Zucker des Worts aufschwungen

Mit dem Eiweiss des Heims

Und all das industriell —

Ein durch die Wut potenzierte

Massenverschlagwortete versangereicherte

 

Methangas-Zentrifuge der Wirklichkeit. 

Abgelehnte Belehrung

Genau sein und sagen

Wie Millimeterpapier

Genau bündig 

Mit der Aufmerksamkeit

Die als Geschenk zu verstehen

Wäre — und nicht so viel 

Wagen: nur grad das aussagen

Was ansteht und nicht

Alles zugleich — immer aber

Meiden die Schmerzgrenzen.

 

Das Sagen ist keine Fabrik:

Ist Buchhaltung von I-Tüpfelchen.

Genau sein und sagen heisst

Langsam wachsen 

Kommen und reifen lassen:

Keine Türdichtungen im Autowerk

Keine Akkordleistungen im Textilwerk und

Keine Verbundstoffe für Hermetikpakete oder Gewinde

Für Aufwinde aus dem Ersatzteillager — heisst

Präzise das zu sagen und nicht mehr

Was lange warten muss

Um gut und vorsichtig

Eine punktgenaue Landung 

In die offenen Ohren des Lesers

Hineinzulegen und warm

 

Von dem Tragen an der Hühnerbrust. 

Die Arbeit der Wut

Was zu tun ist

In einem Birkenzweig

Der über den Rücken geschlagen 

Die Weichstellen rechts oder links des Kreuzes trifft

Ein grüner Schweissfilm allein

Tut es nicht: die Wut

Ändert nur die Reihenfolge der Lettern —

Aber auch das ist 

Leichter gesagt als 

Getan: was zu tun ist

In einer schwindelanfälligen Schwärze

Die über die Augen geschlagen

Die Wirrnis in wenigen hellen Punkten konzentriert

Ein Nebelstreifen allein

Tut es nicht: die Wut

Kehrt nur die Leere um — 

Aber auch das ist

Leichter gefühlt als

Gesagt: was zu tun ist

Mit dem Rücken voraus 

In einem Gedicht

In der Pflicht der Muttersprache

Wie ein schwarzer Dunst und

Wie ein heisses Rand-und-Band — 

Vollbracht im Kometenschweif

In deinem Rücken und vor deinen

Mit Blindheit geschlagenen Augen: 

Die Wut ist nur Handlangerin

Für den Ausbruch fernab und lüpft ab

 

Was getan wurde von dem was zu tun ist. 

Vermessung vermischen mit Vermissung (Handreichung)

Eine Vermissung deren Längengrade

Als Fieberkurve über den Globus

Streichen — unsichere Stiftführung und

Baldige Schnittmenge… Durch

Durchstrichene statt unterstrichene Zeitzonen

(Durchkreuzte Horizonte und

Hastige Durchzüge) klingen

Die Stimmen verwaschen und verloren

Hinüber und weder Waage noch Wiege

Können kurieren was im stieren steifen Blick

Der ungelogen schon vorher gezogen

Sich der Messlatte entzogen — eine Vermissung

Jenseits aller Verzeihung und fern

Vom Gedeihen grader Längengrade

Die eingeschmolzen nicht mehr helfen als 

Der Federbolzen des Uhrwerks: 

Eine Vermissung sondergleichen

Vermessen und grenzenlos zugleich. 

Über die Saiten der Distanz streichen

 

Wie über die zarteste Haut eines Menschen. 

Eine Büste

Eine Büste mit verschworenen Zähnen

Blättert Strunk um Strunk um. 

Es windet kein bisschen. Die Szenerie

Macht eine Kurve. Plötzlich

Aber irgendwie gerissen

Fällt das blonde Haar 

Wie Reisig knackend und spröde 

In den öden Büstenmund

Der im Tal unten noch

Von Wäldchen zu Wäldchen

Kaum seiner Herr war und

Faselte… nieselte… 

Verbissen wühlen sich die aufgedeckten

Tiere geblendet vom Marmor 

Tiefer in die lockere Erde zurück… 

Die Büste liest knatternd

Die Wurzelspuren und gelenklosen Finger

Und lächelt mit ihren

 

Wurmweissen gelockten Augen. 

Kauderwelsch

Das kauterisierte Kauderwelsch

Das alle sprechen ist

Allemal besser als

Das verklausulierte Kauderwelsch

Das ihr sprecht!

 

Die Hälfte von dem

Was ihr sagt ist durchdacht 

Die andere Hälfte ist Fliegenscheiss

Auf Akademikerbrillen —

 

 

Eure gehörnten Saumseligkeiten

Heissen euch Spürspuren

Und sind doch nur Biestigkeiten

Des gesunden Menschenverstandes

Sprühspuren von Sprachunterworfenen!

 

Redet ihr nur in 

Zarten Unwahrheiten

Blassen Fellationen

Minderen Mutationen

Biederen Mutigkeiten

Wahren Verleugnungen —

 

Das kauterisierte Kauderwelsch

Das wir sprechen

Ist der Hammer auf den Daumen

Stimmt schon — aber

Lieber den Hammer auf den Daumen

Als den Amboss im Herzen.

 

Errichtet nur eure bewusst

Willkürlichen Kauderwelsch-Ambos:

Niemand wird auf sie einschlagen!

Und das Korn eurer Worte

Geht in eurem Rücken auf 

Wie Möwenscheisse — 

Im welschen Flug aus

Metapher und Gelehrsamkeit

Fängt man euch zu Piesacken

 

Mit Pantomime und Pfeife… 

Ruth

Man braucht nicht Gründe

Wie die gebogenen Münder der Schönheit. 

Es gibt keine bessere Ahnung 

Als die letzte Kürze

Wenn an der Wurzel gezogen wird

Die Lust heraus aus dem Abfluss.


Es braucht nicht Stunden

Für die entschlüpfende Lust. 

Es ist alles Beirut. Die krude

Notlose Schädigung bleibt immer der Schrei

Des Esels. Und keine Rute.


Es gibt Anlässe für Küsse. 

Es gibt sie. Sie zerren am Fleisch der Ranzen

Und suchen die ganzen Fluchten 

In den wenigen Teilen die noch

Bei Ruth: Ein Kanal bis zur Wurzel der Berge

Die nicht nach Moab kommen

Nicht bis zu den flach geworfenen Gerstenkörnern. 

Krug mit Scharten, weit oben

Des schartigen Kragens der Krüge

Wegen sich fast das Genick ausrenken!


Hell steigt gegen die Weltalltinte

Der Schatten des Rauchs auf aus ihnen

Ohne Kringel — eine Sort von

Flucht. Und keineswegs

Ohne Absicht wölbt sich

Der irdene Bauch denn

In Erwartung der Keule

Drückt er seine Füllung

An die kühle Wand — eine Sorte von 

Einladung. Und wieder gibt es

Keinen Grund für das Nicken.


Und immer raschelt es

Wie im Unterholz!


Die Kimmen der Henkel

Nicht zu erreichen mit den Augen. 

Wie gerne würde ich mich

Da oben verbeissen

Im irdenen Rand!

Nicken, Schulterzucken, Eindringen

Nur gut dass

Hämmern & Trommeln

Nicken & Schulterzucken

Im Heben & Senken 

Entstehen: im Auf & Ab

Im Da und dann Dort. 


Auch die Kunst

Einzudringen in das Wesentliche des Neben-

Sächlichen aus dem wird das Haupt-

Sächliche im Handumdrehen ist

Ein Ding des Aufhebens oder Umdrehens

Einer Bewegung: wer liebt

Wendet in einem Nicken

Im trommelnden Raum der Stille 

Im klingenden Amboss des Aufschubs

(Noch nicht & doch schon)

Das Gewand seines Körpers herum:

Alles wird sichtbar. Der Lauf des Bluts und

Die Schlange des Darms 

Die Leier der Fruchtbarkeit und

Der Ballon der Reisfelder

In einem Schlag aus Herz und Atem.


Die Furcht davor dass gut nur

Was an- & abschwillt

Ohne sich zu häufen

Häufen zu lassen

& doch den Garten absteckt

Die Sachen verankert

Vielleicht gar verbindet

Im Wesentlichen hält

Mit Schlag & Zug

Diese Furcht bleibt weiterhin

Begründet im Grund

Zwischen Füllung & Erschlaffung. 

Kunststück mit Plätzchen

Ein Kunststück mit Warnhinweis:

Ein Plätzchen mit Verlustgarantie.


Das Zahlwesen ist ein Trompetenstoss

Ins Gras. Albernes Braun der Suppenlöffel. 


Die Wagnisse streben dem nachhüterischen

Krakeelen zu: ein Traum von Gänze.


Die Verdammnis kommt mit Weizenhänden

Und schlägt dem Schilfrohr den letzten Tropfen ab.


Und wo sich krümmt um die markanten

Verfliessenden Tälern der Gewesenheit —


Wer aufbringt auch nur ein Quentchen

An Marketendermehrwort —


Gerinnt das schwarze Blut der Hoffnung —

Entringt sich der saure Atem des Obdachlosen —


Und die Gräser umzüngeln sie voller Erwartung —

Niemand wird mehr sagen können 


Bröckeln fange nicht und japsen finde nicht

Ausser die kunstlosen Rasenflecken im Zug. 

Draussen vor der Tür

Randstand:

Ein Kunststück in den Lappen.

Ein Streichen über Dinge

(Nicht aufrecht noch ehrlich)

Mit all dem Karies der Seele 

Die dir noch möglich ist. 

Ein Ei aus Brüsten

Dort am Rande:

Flach und getürmt.


Oh ja! Randstand wie

Ein Pentekoster wie ein 

Repentekoster. Abgestreifte Zeiten:

Die gezückten Zehen 

Schillern in allen Ululationen

Und über den Schienbeinen der Jünger:

Leichentort im Rollercoaster

Popcorn-Urknall aus

Peripheren Schimären: 


Randstand:

Ein Kühlschrank aus Lippen.

Vorsichtige Schleppen am Rande

(Wo nichts bekannt und nicht enstand)

Pholl in die Seele gebogen

Drall in die Brust gewoben

Höll in die Dinge gehoben

Mall in die Börsen gezogen —


Randstand am Meerbein

Für ein wenig Ursprung. 

Meinen Freunden, den Spatzen

Ein unaufhörbarer Wind

Schient die mutmasslichen

Und wenig linden Aufflüge

Der billigeren Träumereien

Endlich in eine überhaupt nicht

Vorhersehbare aber notwendige

Ja durchaus notwendige

Domänen-Gestalt. Ich allein

Wie ein Dämon und Feckenträger

Trete den Bedenkenträgern

Den Feigenblättlern entgegen:

Mit einem Gesicht wie ein Kind

Sowohl unkund als auch unumwunden

Blecke ich meine Wunden

Wie eine hohle Hand und verströme

Diesen alles überwindenden Wind

Der unverwunden die Gesten fleddert

In all seiner nötigen unangebrachten Macht.

Und meine Freunde die Spatzen

Schaukeln kreischend auf seinen Strängen

Und erfreuen sich keiner Strangulierung.

Und das Bisschen Traumheit

Das mir gegen mein Bekunden

Umgebunden bleibt das 

Strecke ich wie eine hohle Hand

Über die Domänen der Tage aus

Voran den Bürzelflaum. 

Eindeutig dazwischen VI

Herr Heinz ist sich nichts mehr sicher.

Langsam geht sein Hirn

Den Weg aller Schwämme. 

Seine Augen schwirren

Zwischen Hü und Hott.

Seine Wörter gehorchen ihm nur noch

Wenn er nicht daran denkt

Was er sagen wollte — vielleicht

Hat er seinen Willen zulange 

Hinter sich hergeschleift

Im Staub der Koppel. 

Herr Heinz besucht seine Nachbarin

Regelmässig aber er steht nur

Unten in der Küche und neigt seinen Kopf

Über das verfaulte Obst

Dessen Geruch er noch immer liebt. Seine Hände

Sind wie Knöpfe geworden

An denen man in der Kälte lange klaubt. 

Die vierte Stufe von unten wackelt

Und die Fliesen schreien auf

Im Obergeschoss. Die Nachbarin von Herr Heinz

Geht dort oben ihre Runden

Mit Metronomschritten. Sie ist Herr Heinz’

Leiche im Obergeschoss. 

Jedes Mal fällt ihm der Entscheid

Schwerer zwischen dem Wecker und dem Zeitzünder

In den schwarzen Morgenstunden dieses langen Herbstes.

Der Sheriff schaut schon lange nicht mehr vorbei.

Hin und wieder streifen die Schulkinder übers Gelände

Und jagen sich Angst ein. In den Nächten

Glänzt das gelbe Sperrband und knattert im Wind

Und manchmal denkt Herr Heinz

Er sei mit seiner Nachbarin 

Ein noch nicht fertig geschnürtes Geschenk. 

Eindeutig dazwischen IV

Soll man denn 

Nichts mehr sagen?

Die Verstümmelung

Annehmen?

Floskeln erheben

Zur Wahrsprüchen?

Das Unzusammenhängende 

Zusammenhängen?

Den Moment

Da der Finger

Noch im Schraubstock

Zeigt auf das 

Was zu sagen wäre

Mehrfach falten 

Zu einem Papierflieger? 

Ist da nicht

In der Schandgestalt

Doch ein wenig davon noch da

Was zum Singen einlädt

Statt zum als Papiertiger

Fortgeführten Bildersturm?

Müssen die Sätze

Wie Prachtschnäuze

Gezwirbelt werden?

Ist das Wundwasser 

Wichtiger als die Wunde?

Ist das unerigierte Wort

Nur mit dem Viagra der

Formalen Ejakulation 

Auf Aussagen zu versteifen?

Passt die Klinge der Träume nicht mehr

In die Scheide des Sinns?

Eindeutig dazwischen III

Täglich stieg der Pegel

Doch es regnete nicht. 


Ihr Gesicht wie ein Schatten

Auf dem Herz: blau & kühl.

Jedes Zucken ihrer Mundwinkel

Konnte die Zukunft skalpieren.

Das Aufleuchten der Spange

Wie gespiegelte Hieroglyphen. 


In den Nächten dann

Die Übung im Ertrinken. 


Nichts geschah. Die Tage fielen

In langen Strähnen von meinen Lenden.

Ihre Stimme berührte die wund

Gelegenen Stellen: kühl & blau

Verschütteten die Dünen

Wie versprochene Berge 

Langsam Taten & allmählich Raten

Der geschenkten Zeichen & Blicke.


Der Pegel stieg: wenn!

Und der Regen würde kommen:

Dann! Doch blieb

Blau & kühl

Der letzte Tag

Aus. 

Eindeutig dazwischen II

Nichts ist wirklich solange es

Deutlich ist: wo das Grauen beginnt

Am feinstaubfahlen Fenster

Fängt es an mit der Graupelei

Dem eingesäten Korn des dämmernden

Landes — Mischung aus Mordor und Minais Gerais.

Durchkrustete Stuben erhellt

An jedem Ende

Von einem Alltag:

Feuchtes Korn & gebeugte Stirn.

Lange Lineale 

In den Augen

Und alles Kupfer

Hinter dem Fenster: 

Polternde Dämmerung. 

Eindeutig dazwischen I

Es nagt an mir.

Was nagt an dir?

Das Pendeln.


Regelmässig — 

Egal welche Richtung. 

Überall Arme

Zum Empfang. —

Vorgewärmt oder

Abgelärmt: wie es 

Sein sollte: reglose

Ausstreckung in 

Eine Richtung

Die deine zu sein hätte. 

Eine Art Zuneigungs-

Fahne für dich allein:

Einmal Ja — einmal Nein.

Und die knirschenden

Nagenden Zähne ungefletscht

Das wollen wir hier festhalten:

Ungefletscht und quasi spirituell

Reissen das bisschen Fleisch

Vom Stecken deiner Absichten. 

Und kommen schon wieder zurück:

Ewig hungrig. Dann frischt

Der Wind wieder auf — 

Unter der Decke beissen die Wanzen.


Es nagt an dir 

Und fliehen ist unmöglich.

Denn die Flucht ist gut verankert

Im Möglichen: zu gut als dass es

Sie liesse aus der Bucht. Im Wellengang

Aus Bissen & Rissen

Gefällt es dir doch —

Gib es zu: das Nagen ist

Eine nebensächliche

Unumständliche Nagik 

Deines Lebens. Immerhin war

Nag eine grosse Schlange… 

"Der arme Poet"

Gefangen in den Lichtstreifen der Rollläden

Liege ich auf dem Bett und wälze mich darin.

Mein Magen ist flach wie Papier das Wasser gezogen hat.

Mein Geist ist fade und federleicht. Gelegentliche und gleichförmige Gedanken

Halten ihn in der Schwebe der Interesselosigkeit. 

Aufstehen? Wie ein Widergänger hebe ich meinen Oberkörper empor

Aus den dünnen Laken… Man müsste das Fenster schliessen:

Die Luft ist kalt. So stehe ich nicht auf. 

Ich lausche den Schritten des Nachbarn über mir

Beängstigenden Schritten voller Unternehmungslust. 

Ich drehe mich zur Wand und kratze mich dort

Wo das Selbstmitleid seinen Sitz hat. Ich fordere es heraus:

Ich brauche seine Hilfe. Mein Telefon vibriert irgendwo im Raum.

Wie eingeschlafene Glieder regen sich Wörter in mir

Zu einer Art Gebet zu einer Art Verfluchung.

Was für eine plötzliche Leidenschaft & Wut!

Ich werfe mich herum und horche auf den Regenfall.

In der Wand auf Kopfhöhe rieselt und gurgelt es

Dort ist eine Regenrinne… Ich habe Hunger und nichts

Zu essen und denke leise ich liebe dich ich liebe dich

Doch wen genau und lutsche an meinem Daumen 

Statt wie bei Spitzweg an der Feder. 

Meine Lieblingspassage aus "Un amour de Swann"

Als ob die Musiker viel weniger die Phrase spielten als die von ihr geforderten Riten ausführten, um sie hervorzurufen, und die notwendigen Anrufungen ausführten, um für einige Momente das Wunder ihrer Beschwörung zu erlangen und verlängern, fühlte sie Swann, der sie genauso wenig sehen konnte, wie wenn sie einer ultravioletten Welt angehört hätte, und der bei der Annäherung die Erfrischung einer Verwandlung in der zeitweiligen Blindheit, mit der er geschlagen war, genoss, er fühlte sie gegenwärtig, wie eine Schutz- und Vertrauensgöttin seiner Liebe, und die die Verkleidung dieser lautlichen Erscheinung gewählt hatte, um angesichts der Menge bis zu ihm gelangen und ihn zur Seite führen zu können, um mit ihm zu sprechen. Und während sie vorüber ging, leicht, heilend und wie ein Duft gemurmelt, ihm sagte, was sie ihm zu sagen hatte, und wovon er jedes einzelne Wort überprüfte, ihren schnellen Aufflug schon bereuend, machte er unwillkürlich mit den Lippen beim Vorbeiflug ihres harmonischen und flüchtigen Körpers die Bewegung eines Kusses. Er fühlte sich nicht mehr exiliert und einsam, weil sie selbst sich an ihn richtete, ihm mit halber Stimme von Odette sagte. Denn er hatte nicht mehr wie früher den Eindruck, dass Odette und er der kleinen Phrase unbekannt seien. Denn sie war doch so oft Zeuge ihrer Freuden gewesen! Es stimmt, sie hatte ihn oft vor deren Zerbrechlichkeit gewarnt. Und heute, wo er doch damals in jener Zeit Leiden in ihrem Lächeln, in ihrem klaren und nüchternen Tonfall erahnt hatte, fand er ihn ihr vielmehr die Eleganz einer fast fröhlichen Ergebung. Von diesen Sorgen, von denen sie ihm damals erzählt hatte und die er sie jetzt, ohne dass er von ihnen berührt worden wäre, lächelnd in ihrem verschlungenen und schnellen Strom mitführen sah, von diesen Sorgen, die jetzt die seinen geworden waren, ohne dass er die Hoffnung hegen konnte, von ihnen je befreit zu werden, schien sie ihm wie einst während seines Glücks sagen zu wollen: "Was ist das denn? All das ist nichts." Und die Gedanken Swanns richteten sich zum ersten Mal in einem Anflug von Mitleid und Zärtlichkeit auf diesen Vinteuil, auf diesen unbekannten und feinen Bruder, der wohl auch viel hatte leiden müssen: was war sein Leben für eines gewesen? In welchen Schmerzen hatte er diese Gotteskraft geschöpft, die grenzenlose Fähigkeit zur Schöpfung? Wenn die kleine Phrase ihm von der Eitelkeit seines Leidens erzählte, empfand Swann eine Süsse in dieser Weisheit, die ihm eben noch unerträglich geschienen hatte, als er sie in den Gesichtern der Gleichgültigen zu lesen glaubte, die seine Liebe für eine bedeutungslose Abschweifung hielten. Denn die kleine Phrase sah im Gegensatz, welcher Meinung sie auch immer haben über die kurze Dauer seiner Seelenzustände, in ihnen etwas, nicht wie all diese Leute, weniger Ernsthaftes als das wirkliche Leben, sondern etwas diesem im Gegenteil so Überlegenes, das allein es Wert war, ausgedrückt zu werden. Die kleine Phrase wollte diese Reize, der von einer intimen Traurigkeit bestimmt war, imitieren, wieder schaffen, und hatte sie bis in ihre Essenz, die doch in ihrem jeder Mitteilung verschlossenen Wesen liegt und die jedem anderen als dem, der sie empfindet, beliebig erscheinen mag, eingefangen und sichtbar gemacht. So gelang es ihr, dass ihre Kosten benannt und ihre Süsse geschmeckt wurden von all ihren Zuhörern (und seien sie auch nur ein wenig musikalisch), die diese Zauber dennoch später im Leben in jeder Liebe, die sie an ihrer Seite im Entstehen begriffen sähen, verkennen würden. Und ohne Zweifel lässt sich die Form, unter der sie sie verschlüsselt hatte, nicht rational erklären. Aber seit mehr als einem Jahr, während dem die Liebe zur Musik, die ihm selbst viele Reichtümer seiner Seele offenbarte, wenigstens für eine Weile in ihm enstanden war, hielt Swann die musikalischen Motive für veritable Ideen einer anderen Welt, einer anderen Gattung, von Finsternissen umhüllte Ideen, dem Verstand unbekannt und undurchdringlich, die aber dennoch sehr weohl die eine von der anderen unterschieden sind, unter sich ungleich in Wert und Sinn. Als er nach dem Abend bei den Verdurins sich die kleine Phrase wieder hatte vorspielen lassen, hatte er herauszufinden versucht, wie sie ihn in der Art eines Parfums und einer Liebkosung einhüllte und umfasste, und er hatte festgestellt, dass dieser Eindruck von zurückhaltender und unbeständiger Süsse von dem geringen Abstand zwischen den fünf Noten, die sie ausmachten, und von der steten Wiederholung von zwei davon stammte; aber in Tat und Wahrheit wusste er, dass er nicht über die Phrase selbst nachdachte, sondern über einfache Werte, die für die Bequemlichkeit seines Verstandes die geheimnisvolle Einheit ersetzten, die er wahrgenommen hatte, noch bevor er die Verdurins kannte, als er die Sonate zum ersten Mal vernommen hatte. Er wusste, dass noch die Erinnerung an den Klang des Klaviers den Bezirk, in dem er die Dinge der Musik sah, verfälschte, dass das dem Musiker offene Feld nicht eine armselige Tastatur von sieben Noten war, sondern eine unermessliche Klaviatur, noch fast gänzlich unbekannt, wo nur hier und da, getrennt durch dicke unerforschte Finsternisse, einige der Millionen Klaviaturen aus Zärtlichkeit, Leidenschaft, Mut, Heiterkeit, die sie ausmachen, jede so verschieden von der anderen wie ein Univserum vom andern Universum, entdeckt worden waren von einigen grossen Künstlern, die uns den Dienst erweisen, indem sie in uns die Entsprechung des Themas, das sie gefunden haben, wachrufen, aufzuzeigen, welchen Reichtum, welche Vielfalt ohne unsere Kenntnis diese grosse undurchdrungene und entmutigende Nacht unserer Seele verbirgt, die wir für Leere und Nichts halten. In ihrer kleinen Phrase, obwohl sie der Vernunft eine dunkle Oberfläche bot, fühlte man einen so dichten, einen so ausdrücklichen Inhalt, dem sie eine solch neue, solche originelle Kraft gab, dass jene, die sie gehört hatten, sie auf gleicher Stufe mit den Ideen der Vernunft bewahrten. Swann bezog sich auf sie wie auf eine Anschauung der Liebe und des Glücks, von der er unmittelbar wusste, wie speziell sie war, wie er das von La princesse de Clèves oder von René wusste, wenn sich ihr Name seinem Gedächtnis darstellte. Selbst wenn er nicht an die kleine Phrase dachte, existierte latent in seinem Geist genau gleich wie gewisse andere Begriffe ohne Entsprechung, wie die Begriffe des Lichts, des Tons, des Reliefs, der körperlichen Wollust, die zu den reichen Besitztümern gehören, mit denen sich unsere innere Welt schmückt und wechselt. Vielleicht werden wir sie verlieren, vielleicht werden sie ausgelöscht, wenn wir ins Nichts zurückkehren. Aber solange wir leben, können wir genausowenig so tun, als hätten wir sie nicht gekannt, wie wir auch eine wirkliche Sache nicht leugnen können, genausowenig wie wir zum Beispiel nicht am Licht der Lampe zweifeln können, die man anzündet, vor den verwandelten Dingen unseres Zimmers, aus dem sich bis auf die Erinnerung der Dunkelheit alles Dunkle verloren hat. Dadurch hatte sich die kleine Phrase von Vinteuil, wie ein gewisses Thema aus dem Tristan zum Beispiel, das sich uns auch als einen gewissen Besitz unseres Gefühlslebens darstellt, unserem sterblichen Stand angepasst, etwas Menschliches angenommen, was ziemlich berührend war. Ihr Schicksal war mit der Zukunft verbunden, mit der Wirklichkeit unserer Seele, von der sie eine der spezielleren, eine der unterscheidbarsten Zierden war. Vielleicht ist das Nichts das Wahre, und alle unser Träumen existiert nicht, aber wir fühlen doch, dass diese musikalischen Phrasen, diese Begriffe, die auf sie bezogen sind, dann auch nichts seien. Wir werden vergehen, aber wir haben als Geiseln mit uns diese göttlichen Gefangenen, die unserem Schicksal folgen. Und mit ihnen besitzt der Tod etwas weniger Bitteres, weniger Ruhmloses, vielleicht gar weniger Wahrscheinliches.

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Das Monster aus der Tiefe

Borten aus nussbrauner Anhänglichkeit:

Alle Gefässe zerplatzen

Unterm geringen Druck…

Nicht mehr mit Streifen!

Ein allzu gegenwärtiger Reifen

Um die Körpermitte gelegt… 


Und ich streichle dein ungetrübtes Gesicht

Mit den klaffenden Fangarmen

Dein quallenklares Gesicht

Als könnte sein Entweichen in höhere Schichten

In tintenfreie Schichten

Behindert werden von meinem hirnfarbenen Glibber. 


Du entweichst 

Wie die Sahnevolke im Tee.

Auf meinem Schnabel glänzt

Der Revierruf wie Orangeade —

Wie deine Orangeade und auch

Mein Schnabel ist deinem gleich:

Die zarten Zottel der Lippen 

Die festen Zähne der Bitten

Innen weich & bröcklig & klebrig

(Dem Blütenweiss anhänglich)

Wie die glitzernde Spur der Schnecke

Auf den Flossen der Bergenie

In der Mittagsstunde…


Das Monster aus der Tiefe!

Ein letztes Aufquellen 

Und lautloses Platzen

Im Sinken des organischen Schnees

In das Gedicht vom Meer. 

Regenfalltag

Der Regen fällt. Ernüchterung.

Änderung ist anders. Tatsache.

Es geschehen Fakten:

Das Grün ist auf dem Weg zur Morbidität. 


Die Spatzen scharen sich in Hecken zusammen.

Keiner schlägt mehr Kreise in den Kreis mit seinen Flügeln

Von der Grösse einer Kinderfaust

Halb Bad

Halb Teller. 


Nein. Regen fällt und streift

Eine weitere Hülle über die Dinge:

Darunter die Trunkenheit

Die alles potenzierende. Blank und

Musikalisch geschieht die Welt

Was alle Tage geschieht:

Entzug des Tanzes

Anflug des Biederen:

Die hüpfende Amsel auf dem Rasen

Mit ihrem Schnabel wie

Der Stadtgärtner mit seiner verlängerten Hand.


Regen fällt und hüllt

Nüchtern wie eine Traube

Ein die Tromben der Möglichkeit

In seinen Streifenfaltenplastikbeutel. 

Nordsee, peripatetisch

Der Kram: Zaun aus 

Pünktchen Pünktchen

Über denen der Haken des Krans

Die blauen Serifen der Zeit hebt.

Das klappernde Werk

Aus Stengeln & Stelzen:

Eine Art Schoss

(Staun-offen)

Aus dessen Kieme

Die Perikopen der Söhne und

Die Peristaltiken der Töchter 

Insektenfühlern gleich wachsen: 

Eine Art Schrift

Die Zeile um Zeile legt

In die Container der

Vergangenen Liebe und der weit vom Stamm 

Gefallenen Geständnisse.

Und niemand

(Wie immer 

in Worten: niemand)

Untersucht das Löschpapier

Voller blauer Spuren der Strandläufer.

Enthaltung oder Erhaltung.

Enthauptung (und Aufspiessung) oder

Auflistung (und Aufspiessung).

Die Fühler zittern noch.

Der Haken schwingt aus.

Die Scherben in der Sohle des Gedichts. 

Halbe Sachen. Vorsichtige Lippen. 

Schwere Hoffnung

Die Schwere ist keine Schwere:

Ist Hoffnung. Draussen im Hof

Baden die Spatzen in gelb gesäumten Lachen… 

Denke nicht an die roten Augen der Kenntnis!

Nächtelang starrst du

In die Pupille der Nacht

Schmal & gelb 

Du wirst noch meckern!

Lass der Schwere ihre Schwere:

Man entkommt ihr nicht. 

Lass dich pressen — 

Eine Blüte zwischen Blättern.

Hoffen die Tropfen

Von Spatzen verspritzt?

Wie Perlen fallen sie in den Dreck des Hofs. 

Denke nicht an die roten Augen des Handelns —

An die Schwielen

An den Abrieb

An die Hautfetzen 

Wie Sand gestreut

In deine Kleider — 

Die Blüten & Tropfen

Die Spatzen & Ziegen:

Sinken auch…

Schwere ist Hoffnung:

Da unten ist

Im Spiegel der Lache

Im Kelch der Blüte

Da oben: Aufsteigend

Wie Marilyns Rock

Das Haar gespreitet

Wie der Pilz einer Bombe —

Die Hoffnung ist Ausdehnung

Nach der Schwere.

Es geht nicht anders. 

Haushalt

Im Rücken der Küchen

Ist Gefahr. Sternblau

Fällt das Haar in die Suppe

Nach oben verdreht

Stellt der Schuh-Haken

Seinen Mann — bis in die Eichel

Der Memmen. 

Ausgespuckt

Treibt das Heldentum

Der Buchhalter in Richtung

Der ungewürzten Grenzen. 

Was Gefahr ist

Weiss das Salz

Fast so gut wie

Das Kraut. Das Haar

Dieses Eva-Gut

Steht nicht in Widerspruch

Zur Wirbelsäule…

Der geriebene Rettich

Aus dem die Träume sind

Schreibt an seinem jüngsten Werk:

Fliedermäuse in Hosendeutsch

Sternschrot für den Sauerteig. 

Du Hausfrau wirst noch lange…

Ach Gefahr: simple Türe

Zum Wirbel der Zahlen im Schopf

Des Mülls aus Los & Lot. & Alles

Ungekünstelt & ungekocht. 

Lehren

Kein Kiesel gewährt Schutz.

Ohne Nabel streckt sich die Ebene.

Darüber die Sterne wie Strudel.

Randlos weitet sich das Wort.


Selbst die Wut saugt die Ebene auf.

Liegt saubrer und gemacht da.

Das Menschliche am Gras: hier stehe ich…

Keine Heere. Doch Kampfeslärm:


Die schweren Tropfen von Weib und Wall.

Peitschenschläge und Kindeslachen.

Vernunft ist nur ein anderer Name für

Feigheit. Die eingeebnete Sonne


Im Augenstern des Lehrers.

Aufgeschnürt die Schuhe.

Rede von der Musterung ist nicht zu meistern

Ohne die Speicherung des strahlenden Worts. 

Was es ist (Inventur)

Es ist nicht was es ist

Es ist nichts

Es ist nicht

Es ist was es nicht ist


Es ist gratis

Es ist notwendig

Es ist Nabi

Es ist nutzlos


Es ist Lagos

Es ist Asphalt

Es ist masoretisch

Es ist Butter


Es ist sühnelos

Es ist Lack

Es ist Wagen

Es ist Marder


Es ist Muckis

Es ist Murmeln

Es ist Koho geri

Es ist aber


Es ist Franse

Es ist das Stahlauge von James Stewart

Es ist Wald

Es ist Amen


Es ist Nutria

Es ist wagen

Es ist Lagenübung

Es ist blöder Fuzzi


Es ist Diensthabender

Es ist Genussschein

Es ist kaheksa

Es ist Muttern


Es ist apokryph

Es ist Albertine

Es ist Stallung

Es ist Kyrie


Es ist Gazelle

Es ist Wallung

Es ist fussen

Es ist natürlich


Es ist Transe

Es ist Herr Meier

Es ist näher

Es ist Schwäher


Es ist leer

Es ist Lack

Es ist Laminat

Es ist Porsche


Es ist polygam

Es ist Markus

Es ist wahrscheinlich

Es ist Nukleus


Es ist bucklig

Es ist Genuflexion

Es ist Scham

Es ist nur


Es ist Schur

Es ist müssig

Es ist russig

Es ist Lukmanier.

Was es tut (Inventur)

Es tut weh

Es tut nicht mehr

Es tut fort

Es tut jäh


Es tut rücksichtslos

Es tut afrikanisch

Es tut überbrückend

Es tut kantisch


Es tut willig

Es tut gut

Es tut Schaum 

Es tut noch kaum


Es tut beissen

Es tut seichen

Es tut siechen

Es tut Daigg


Es tut feig

Es tut Rost

Es tut Milch

Es tut feilen


Es tut Muster

Es tut imprévu

Es tut noch mehr

Es tut noch weh


Es tut konzentrisch

Es tut in Massen

Es tut in Massen

Es tut alltäglich


Es tut Zäune

Es tut Bärte

Es tut Särge

Es tut Okto-Pussy


Es tut Vater

Es tut langsam

Es tut impro

Es tut schnuppe


Es tut weh

Es tut normal

Es tut falsch

Es tut Viagra


Es tut Zahnfleisch

Es tut vagina dentata

Es tut Sporen

Es tut spuren


Es tut gut

Es tut nicht

Es tut bebend

Es tut schön.

Saul 

Ich sitze hier

Du stehst dort.

Du reichst mir nicht

Bis ans Herz

Das donnernd schweigt. 

Meine Kehle ist trocken vom Schreien

Meine Zunge ist bitter vom Wein.

Spiel! Spiel!

Klimper! Klimper!

Alle blicken auf uns.

Blicken auf uns wie

Auf zwei Findlinge

Mitten in der Auffahrt der Geschichte. 

Dein Klimpern ist nichts als 

Sentiment. 

Meine Kehle bebt gurgelnd vom Affekt

Vom Schrecken Gottes.

Du Bube Bube

Was weisst du mit deinem harmlosen Grillengezirpe

Vom Geist? Hm? Hm?

Sandalenträger!

Schürzenjäger!

Schäfchenpfleger!

Ich hasse Schafe!

Ich hasse Esel!

Ich hasse Buben!

Ich hasse Frauen!

Ich hasse den Geist!

Moment Moment

Lasst mich Atem fassen und Geist

Und du 

Spiel! Spiel! 

Nein! Nein! 

Leg deine Klampfe weg du Sau!

Niemand wünsche ich den Geist

Er ist wie ein Blitz

Der alles wandelt

In hellste Kohle und dein Gesicht

Bricht in Scherben wie ein künstlicher Topf.

Ja! Ja! So ist es! So geschehe es!

Es geschieht! Ich habe Hitze!

Hitze… Der Geist der Geist

Weicht von mir… Daran glaubt ihr…

Der Geist ist noch jetzt

Bei mir wie eine scharfe Scherbe

Die ich austrage in meinen Eingeweiden. 

Komm her Bube!

Deine helle Stimme dringt nicht zu mir!

Du musst anders singen!

Hast du denn keinen Wind in deiner Kehle?

Nein du bist ein Gebäck: ein Windbeutel.

Daran finden die Mädchen gefallen

Wenn sie zu deinen Ehren 

Ihre Kränzchen abhalten

Und Geld für dich sammeln…

Mein Herz! Mein Herz!

Ich hasse dich Bub

Du bist nicht wirklich

Und hör endlich auf mit diesem Geklingel!

Ich will meinen Geist hören

Wie er rumort und rumpelt 

In der Geschichte und durch die Geschichte

Und nicht dein Geklingel du Esel!

Nicht dein Gesäusel du Vogel!

Still jetzt. Still jetzt. Ich übergebe mich. 

Das sind Klänge. 

Wie sie das Leben schreibt.

Nicht dein Gesäusel.

Im Land Allein

Im Land Allein

Gibt’s keinen Schein — 

Stein auf Stein häuft sich

Auf die Brust.

Summe beläuft sich

Auf Null. Alles zählt:

Jedes Detail. Sprache

Ist keine Lust.


Im Land Allein

Ist alles Wein — 

Zahl um Zahl läuft sich

Im Wettkampf tot.

Zukunft besäuft sich

Mit Furcht. Und angezählt

Sind die Dinge. Denken

Ist keinem Fort.


Im Land Allein

Brüllt nur das Schwein —

Stadien-weit erkauft sich

Die dünne Luft

Ihren Zoll. Man rauft sich 

Im Sand. Niemand wählt

Den Knauf des Himmels. Fühlen 

Ist eine Gruft. 

Wem es nutzt (Inventar)

Es nutzt dem Blick

Es nutzt für das Augenwischen

Es nutzt dem Schlick

Es nutzt für die Schraubenwinden


Es nutzt der Steife

Es nutzt um zu leugnen

Es nutzt dem Streifen

Es nutzt um zu beugen


Es nutzt dem Barfüssigen

Es nutzt für die Untertänigen

Es nutzt dem Verflüssigen

Es nutzt für die immer wenigen


Es nutzt dem Verlust

Es nutzt um zu lieben

Es nutzt dem Ablassen

Es nutzt um zu sieben


Es nutzt dem Erfassen

Es nutzt für das Eignen

Es nutzt dem Verguss

Es nutzt für das Schweigen. 

Was in Zellen dringt

Was ausgesprochen wird

Dringt wie ein Schatten in die Zellen ein.

Drängt sich vor ins Blutlicht. 

Bevor es zu einem Platzen kommt

Beginnt die Verdünnung - scheint’s. 

Noch ist nichts getan

Noch ist gar nichts getan

Und das wolkendurchbrochene Licht

Vokabular der Verstockung

Dingt 

Und drängelt sich vor.

Ich wollte helfen

Ich wollte ja schon helfen

Aber ich fiel hin

Auf dem Teppich der Tatsachen:

Auch die in Krumen und Krächen

Krämerhaft am Aufstehen

Das für Aufsteigen gehalten wird

Gehalten werden kann

Gleichwie der Kirchturm im Dorf zu bleiben hat.

Zellschleier in Muttenzerkurve:

Die Zeit dingt in der Hure des Umstands. 

Die ersten Spritzer werden die letzten Ritzen erreichen:

In 500 Jahren dann — 

Guten Morgen

Niemand mehr da!

Wo seid ihr abgeblieben?

Weshalb stinkt es denn hier überhaupt nicht?

Was ich aussprach

Drang in die Zellen

Ein. Schatten

Mit kleinen Reflexen…

Es schien wie Leben. 

Die Hilfe kommt zu spät

Die Kinder kommen zu spät…

Vielleicht noch die Glocken

Wenn die Balken endlich

Nachgeben und der Rost

Das Bessere

Der Streben

Gefressen hat. 

Aber das wäre ein Fall 

Für Bienen und Falken —

Nicht für das

Was ausgesprochen

Scheint. 

Nachleben

Fast nichts wird.

Alles verbrennt im Nahleben. 

Üben die Tauben in ihrem Ruf

Etwa Nachsicht? Die Störche

In ihrem Klappern etwa

Ungeduld? Frage nicht

Was deine Hand für dich tun kann

Sondern du für sie zu tun bereit bist!

Die Verfassung garantiert 

Die Unverletzlichkeit der Fährten. 

Wer streicht denn nicht

Umher mit aufgesetztem Nachtsichtgerät un verkohltem Gesicht

Auf der Suche nach dem letzten Wilden?

Auf den Höhen die Wimpel der Freudenfeuer

Wie die Augen einer Armee von Spinnen — 

Nah am Leben sein… 

Die Wurzeln der Eibe krallen sich in die Erde:

Haben sie dadurch die Erde erfasst?

Die Lende des Lebens stakst vorüber

Mit vorausnickendem Gehorsam. 

Fasst sie! Fasst den Frevler!

Und ist Nachsicht besser 

Als Vorsicht und Tageslicht nicht

Zuträglicher als Nachtlicht. Die viehischen

Fernen umstreichen uns keckernd mit erhobenem Schwanz

Und die Wüstenei streut Nissen in unsere Haare. 

Wer hat gesagt

Dass alles gut wird — 

Welche Idiotin hat das

Wider besseres Wissen

Unsere Schöpfe verwirbelnd

Wieder & wieder

Behauptet?

Nichts ist zu behaupten hier. 

Fass dir mal an die Eier: 

Sind sie noch da?

Die Blüten sind auch nur

Passagiere. Vögel können auffliegen. 

Tinte verblasst und Liebe ist

Wie ein Schluck Wasser. 

Boat people

Lubrifikation des Gespürs:

Eine Art Kaffeesatz der Vorahnkerung.

Gewiss gibt es die Durchdringung der Enge…

Ebenso sicher ist auch

Die Bezwingung des Leichtmuts.

Bin ich der Leichtmatrose der Antizipation

Als der ich selbst den Hecken erscheinen werde?

Den von Spatzen geenterten Hecken…

Nichts geht über die Süffigkeit einer Erkenntnis

Die auf der Vorstufe zur Einsicht inne hält!

Seht die Berberitze! Ihre Dornen

Scharniere aus Sommervögeln!

Der Wind striegelt mein Haar

Wie ich meine Worte im Schilf

Dessen Schöpfe bald wieder zu Berge stehen werden.

Mancher Berber und mancher Laffe

Wird sich noch seinen Verstand an mir

Ritzen! Im erfüllten Ruderboot

(Ein Boot weil ohne Ruder)

Stehe ich und betrachte die ersten Rippen

Die der Wind dem Wasser zufügt:

Die Zeit der Lerche wird noch kommen.

Und die Wanderzeit ist immer. 

Mein Gespür ist lubrifickiert 

Und meine Hand

Wie ein Stempel

Wie ein Hebel

Fabriziert über den Linien des Hefts

Eine Landschaft

Aus verblassendem Möwenflug: 

Wer schleppt mich hierher?

Meine Hände sind tintig

Von all dem Öl

Aus Leichtmut und Frühling und Grasflut

In der Durchbohrung der Enge. 

Die Reling ist hoch wie der Bambus. 

Der Kwasstrinker

Die Salatblätter sind angebissen.

Die Probabilitäten haben die Probe 

Wahrscheinlich

Bestanden. Niemand weiss es noch genau.

Es herrscht der Kwasstrinker.

Das Gefährt der Briganten steht leuchtend am Zaun.

Die Randenfäuste rollen

Wie Granaten

Vor der einen Grossmutterhand in die andere Grossmutterhand.

Zum Teufel damit! Die Gefässe der Sprache

Halten dem Druck gerade noch stand. 

Der Kwasstrinker fährt sich übern Schnauz

Und kotzt 100 Kilometer in die Runde. 

In den Ballungszentren schleichen die Historiker

Um die Salatblätter

Die nur noch Brei. 

Der Entlassungsschein

Ist klein wie ein Spickzettel.

Bei den Briganten ist die Tasse 

Und der Zucker und die Elektrifizierung.

Das Gesäss des Kwasstrinkers 

Gebiert die Herrschaft des Volkes.

Der Teufel versucht eine letzte Ehrrettung.

Die Prüfungen können nur garantieren

Dass geprüft wurde. Die Schulabgänger 

Kümmert es nicht und auch die Chauffeure nicht.

Aber die Seele

Die Seele kriecht nackig 

An den Tischbeinen hinauf

Bis sie zum ersten Blatt kommt

Das nach Eisen schmeckt und Tränen. 

Benommen fällt sie hinab ins Beet

Hinab durch Stühle und Flöten

Ins Beet. Die Briganten nicken im Schlaf

Über den Kinderfäustchen des Kwasstrinkers. 

Gethsemane (Frühling ist nicht VI)

Alle reden durcheinander.

Das Imperium lächelt.

Die Strassen führen zum Weg.

Jeder für sich.


Das Leiden singt und spricht nicht.

Könnt ihr nicht eine Stunde wachen?

Der Tag ist eine Nacht.

Jeder für sich.


Die Boote sind immer überfüllt.

Das Imperium lächelt.

Der Weg ist Heimat.

Jeder für sich.


Die Seele ist eine Kruste von Salz.

Könnt ihr nicht eine Stunde wachen?

Traumverwurzelte Türen ihr!

Jeder für sich.


Wer weiss wohin sich wenden?

Das Imperium lächelt.

Alle sagen das gleiche.

Jeder für sich.


Und drüben dringt aus dem Erdreich

Schon wieder ein Stein hervor

Aus der Furch. Lies ihn auf.

Jeder für sich. 

2 Einträge aus dem Schreibtagebuch

Wörter in ihrer ganzen Allgemeinheit in Gedichte schlagen wie Nägel in lose Bretter: und doch sieht jeder sein eigenes Bild an einem Ballonfaden im Wind hin- und herschwanken. 

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Lamblien

Ihr steht wirklich auf der untersten Entwicklungsstufe!

Abgründe des Lebens:

Flirrende Gedankenlosigkeit

In Finsternis Zotteln und Vertikeln. 

Euer Garten ist unten beim Dreck.

Wer auf euch scheisst

Hat nicht verstanden:

Darum geht es ja gerade!


Ich seid nicht schwer

Für zu leicht befunden steht an der Wand

Und sinkt ab wie ein Felssturz.

Still ist es bei euch da unten. 

Aber ihr seid zuhause:

Nicht in den Vororten

Wo man noch leer schlucken kann

Im Zentrum und im Trog des Körpers.


Für euch ist gesorgt.

Mögen andere bauen buddeln und ballen.

Ihr seid Schwarzfahrer der Entwicklung

In der Agglomeration aus Scheisse und Sättigung.

Und während der Körper Pässe fährt

Und von der Gewichtsverlagerung in den Kurven kotzt

Düst ihr mal schnell an den Ballermann

In der ninivitischen Kloake: frei und bereit

Für die nächste Wirtschaft und das nächste Geschäft.


Euer Garten ist eine flimmernde Dunkelheit.

Ein Sein jeneits des Seins: 

Ein versportes Plankton-Nichts

Ein verbohrtes Zysten-Wort

Wuchernd im Pendelverkehr 

Der Konsumation. Leviathan

Ist nicht euer Feind: 

Ihr überlebt auch seinen Bauch. 

Flug & Flux

Poesie ist ein Flug & Flux. — Ich stelle sie mir wie einen Habicht vor, der plötzlich und immer jetzt aus der Höhe der Abstraktion in den Grund der Fakten und Akte schiesst, dabei den Staub der Alltäglichkeit so aufwirbelnd, dass er sich eine Weile nicht wieder auf die Sachen und in die Rachen legt. — Oder wie eine Forelle, auch sie in schiessender Bewegung, nach einem Insekt springend über der festen und fliessenden Fläche, ein heller Blitz aus Schuppen, ein lautes Klatschen auf den Schild der Wirklichkeit, ein Durchbrechen dieses Schilds. — Poesie ist eine Bombe, die im Alltag den Alltag vernichtet. 

Saul-Orpheus

Du Saul du

Vom Bösen vom bösen Geist

Du mit deiner Botschaft 

Von Vorhäuten und für Fuhrleute!

Deine ganze Art ist die 

Eines Storchs: stolz und scheu. 

Du bist nicht länger unter uns. 

Man kann dich schon gar nicht mehr sehen!

Dein Gimpelgenicke vom Esel herab

Ist nichts anderes als ein Vorhofgackern

Aus Furcht vor Liebe 

Und Angst vor Tat.

Lass uns endlich in Ruhe 

Mit deinen Scharaden in denen 

Die Wut einer Turteltaube

Von der Ohnmacht des Siechen

Begattet wird! Du Abhängiger

Du Unsänger! Du Saul du!

Das Kreissen das du verbreitest

Kann uns nicht länger rühren

Das Hassen das du ausdehnst bis an die Ränder unserer Töpfe

Kann uns nicht länger stechen. 

Sieh doch unsere Häuser!

Sieh doch unsere Wege!

Sie doch unsere Füsse!

Sie doch unsere Rücken!

Und keine Saite 

Die dir der kleine Schwule dort

Anschlägt 

Kann dich begeistern 

Kann dir beipflichten

Kann dich befreien

Kann dir einrichten

Ein Herz von Verständigkeit — 

Dir bleibt allein

Die Grube deiner Raserei

In die du dich wirfst 

Wie in die Arme einer Wöchnerin.

Du Saul du

Vom Falschen vom falschen Geist

Deine Stimme ist zu hart und rau und faulig!

Geh aus unseren Ohren

Mit deinen Worten wie

Hartes Brot und struppiges Gras. 

Hyperventilation

Die Nadel sticht

Genau daneben. Auch getroffen. 

Die Präzision dieses Stichs ist Absicht. 

Blut wölkt in die Kammer

Hinter dem Stich. Stumpf ist die Nadel

Die einen Fadenkurs stechen will

Grün wie das Moos an der Rinde gen Norden

Und rot wie die Talgkruste auf der Warze. 

Im Vorhof steht eine Frau — 

Ein Besen. Ihre Reisigstimme

Kratzt auf den Platten des röhrenden Winters. 

Zeit vergeht wieder. 

Ein weiches Nadelspitzenbett

Und du beisst in ein Gebäck

Das bröckelig bricht vor deinen Lippen.

Die Kammer in der sich Blut in Flocken ausdehnt

Fasst dich schon nicht mehr.

Was wunder wenn man bedenkt

Dass ein ständiges Danebenstechen

Der Präzision nur zuträglich sein kann. 

Und der Schmerz nicht anders als der Verlust wie eine

Dumme Kuh!

Ihren Seichstrahl in Plötzlichkeit und ohne Absicht

Wie einen Seilstrang

Auf dich richtet 

Und du dich zu fragen hast

Ob das Ernst oder Trug sei

Dass die Tinte schneller trocknet als Blut

Und die Bullen hinter dir her donnern

Auf ihren Pumps wie der eigene Atem

Am gespitzten Hyperventil der altväterlichen Bergzitze. 


(Für Thomas Kunst)

Vierzehn

Die Kraft wenn nicht stehlen so doch stehlen.

Die Unkräftigen stehen auf

Molluskenhaft und muschelbleich

Unblickend und mit den Zähnen klickend

Stehen auf mit Sohlen wie Engerlingen. 

Die Kraft ist barfuss. Merkt euch das!

Nun noch vor dem Tau fallend am Bahnübergang

Pressen sich alle gelb zusammen und stehen

Als Wolke gedrängt (wer hat hier dazwischengerufen: in Hosen!) — 

Eine sengende Scheide zur Aufnahme bereit

Des Kampfes und der familiären Rede… 

Das locker gefügte Erd-Reich umschliesst die Knöchel

Wie mit Mutterhänden. Die Kraft ist immer barfuss.

Trage deine Füsse bis an das Stehlen! 

Was es braucht

Es braucht einen Zweig zum Fliegen

Es braucht Dornen für Trauben

Es braucht Welpen für Geier

Es braucht Wut für Wissen


Es braucht einen Vogel zum Leben

Es braucht einen Busch für Taube

Es braucht Dornen fürs Feuer

Es braucht einen Kopf für Küsse


Es braucht eine Tür zum Klopfen

Es braucht Wut für Koben

Es braucht Handwerk für Leier

Es braucht Böcke für Schüsse.

Zwielicht oder Morgenröte

Und was bin ich für eine Dämmerung?

Bin ich Zwielicht oder Morgenstern?

Keinen Moment stelle ich in Frage meine Gabe!

Eine Baggerschaufel ist sie

Ein Mühlrad

Eine Takelung

Eine Egge

Ein Böög

Eine Sichel

Eine Speiche

Der Bauch einer Geige

Ein Mühlstein

Die Nadeln auf Dünen

Ein Kauenkorb und ein Teerfass — 

Wenn sie nur leuchtete!

Ja es ist Zwielicht

Ja ich bin Zwielicht

Und nicht Morgenröte.

Ich habe zwar den Schemel zerschlagen

Unter dem meine Gabe blakte

Doch bleiben meine Wörter 

Nah beim Nest.

Es ist immer noch zu früh im Jahr um aus

Zu schwärmen…

Und kein Land braucht meine Stimme

Auf dass ich es erwecke… 

Rede ich also für mich?

In die eigene Verborgenheit hinein

In den rein privaten Vorhof

Des Hafens meiner geraubten Schiffe

Des Gartens meiner namenlosen Büsche?

In die eigene Verjagtheit hinein

Ins Innere der Finsternis

Wo schon wieder ein wenig Licht glimmt?

Ich schaue hinaus…

Auf mein Land im Dämmer…

Könnt ich es hinein begleiten in die Schwärze

Mit meiner Baggerschaufel seinen Weg weiten?

Patriotismus?

Ein Land lieben!

Vom Federweissen des Stolzes und der Erinnerung trunken sein!

Wir errichten jenen Denkmälern

Die im Krieg an Lungenentzündung sterben

Oder an Herzattacken Wasserhoden Wundbränden Fussschüssen und ganz allgemein an Krebs oder Zahnweh

Aber nicht jenen die von Schrapnellen zerfetzt

Von Stacheldraht ausgeweidet und von Gas erstickt wurden

Denn bei uns gibt es all das nicht… 

Unser friedliches verschontes Land

Das nur Ländchen ist

Das lieben! Die Menschen darin

Mit ihren kümmerlichen Sorgen

Mit ihren sicheren Geistern

Mit ihrem körperlichen Wohlstand — 

Sich nehmen wir an aus Petersburg

Aus einer lecken Mansarde oder einem schimmligen Kellerloch

Von Leukämie aufgezehrt Hierhin zurücksehnen?

Ein Land lieben… Es gibt überall 

Hügel mit Pappeln und Rapsfeldern die weithin gleissen

Flüsse die dunkel den Schnee durchbohren

Die weichen Horizonte der Moränenwälder

Und die Berge… die werden auch noch erodieren… 


Was dann

Lieben?

Die Kinder dieses Landes vielleicht

Ihnen das Zuviel nehmen

Denn nur wer zuwenig hat

Kann lieben

Denn nur wer den Mangel kennt

Kann dichten. 

143. Viertelstundgedicht

Noch bin ich nicht gestorben!

Noch gleicht die Farbe der Frauenstrümpfe 

Nicht ihrer Augenfarbe und noch mischt sich

Der Gedanke an ihre Schenkel

Nicht mit meinem Hunger.

Aber mein Mund wässert und schmeckt

Fest in Trauer

Freude in Sorge

Münz in Wort —


Elend ist es nicht zu essen

Elender ist es keine Wörter zu haben dafür


Noch lebe ich!

Ich widme mich 

Den Tränen für Gezeiten

Den Backenzähnen für die Mechanik

In der ich rolle 

Seit dem ersten Schrei —

Am Anfang weiss man nicht um diese Gischt

Und staunend blickt man in die Gesichter der Eltern

Von Sorge und Trauer versiegelt

Fast als kennten sie nicht

Die Freude das Fest und die Worte jeden Tages

Und die Leichtigkeit des Lebens —

Das Spiel ist nicht mehr Illusion für sich

Und für sie 

Sie spielen nicht 

Sie träumen nicht

Wie die Kinder…


Wo ist diese Wasserscheide und wann

Dieses Pogrom das einen ins Ghetto der Wirklichkeit treibt?


Elend ist es nicht zu essen

Elend ist es keine Wörter zu haben dafür

Am Elendesten ist es zu spüren

Dass sie diese Lufthappen andeuten

Wie sehr all dies unwichtig ist

Unwichtig und unwirklich


Während ich meinen Gürteldorn hinter dem letzten Loch einsteche

Und die Hosen über die Hüften hochziehe. 

Über Grosszügigkeit

Schöpfen ist grosszügig. Das mag wie ein abgenutzter Gemeinplatz klingen. Ist es aber nicht. 

Je breiter der Pflug ist, mit dem du die Erde aufreisst; je mehr Fleisch du auf die Knochen deiner Geschichte pflastern kannst; je weiter und länger deine Geschichte in der Zeit vor- und zurückreicht; je mehr Personal sie verschleisst oder mindestens benötigt; je öfter du noch weiter ausholen musst, als du ursprünglich wolltest; je tiefer die Furche wird, die du unschuldig und ahnungslos zu graben begonnen hast, fast im Spiel — desto besser ist ihr Gutsein. 

Das ist Grosszügigkeit. Und es ist einfach: einfach fahren lassen. 

Mancher würde sagen, das sind nur Intarsien, und Intarsien sind doch letztlich nutzlos, vielleicht sind sie nicht einmal schön oder unterhaltend. Aber willst du einen simplen Fichtentisch, der als Prototyp für den ersten vom Menschen geschaffenen Tisch herhalten könnte, oder willst du eine neue Version aus der Werkstatt von Jacob schaffen, wie sie in einer Parallelwelt stehen könnte?

Aus dem Schreibtagebuch: Sein, wer ich bin

Ich schreibe, weil ich lebe. 

Ich lebe, weil ich schreibe. 

Unterschiedliche Ebenen von Wahrheit… 

Anders gesagt, will ich nicht reden. — 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für mich im mündlichen Ausdruck selbst das wahrhaftig Gemeinte - und fast möchte ich schreiben: das Gemeinteste! -, nicht nur der Ausdruck von Liebe und Zuneigung, sogar einige simple Worte der Freundschaft in meinen Ohren - und nur in meinen, wenn auch potenziell auch in jenen des Zuhörers! - einen sozusagen sofortigen Wertverfall erleidet: weder wahr bleibt noch wirklich gemeint sein kann. Wohlverstanden, ich betone es nochmals: in meinen Ohren…, der Zuhörer mag gehört und verstanden haben, was er vermochte oder wollte… 

Man könnte übertreiben und sagen, dass das hörbare Aussprechen von Wörtern und Sätzen, also mündliche Aussagen in ihrer Unmittelbarkeit und lautlichen Vergänglichkeit für den Ausdruck von Stimmungen und Gefühlen, Zuständen und Feststellungen noch weniger Vertrauen erwecken als die ohnehin unzuverlässigen Wörter, diesen Spiegeln, in die selten jemand hineinblickt. 

Wenn ich etwas sage, erfüllt mich, kaum ist es „raus“, ein Gefühl der Verzweiflung und Scham; eine Scham über die Flucht zurück in Floskeln, deren Leere ich verzweifelt mit Ausdruck zu füllen suche, und eine Verzweiflung über die Flucht nach vorne in ungewohnte Ausdrucksformen, deren Schwere oder besser Schwerfälligkeit ich schamvoll mit Ironie zu heben suche — ich sage nie, was ich wirklich sagen will. 

Aber schenke ich dem geschriebenen Wort wirklich mehr Vertrauen? Es entsteht in meinem Kellerloch, auf der Höhe des Humus sozusagen… Ich lege es auf Augenhöhe (und genauso unmittelbar und plötzlich wie im mündlichen Ausdruck) auf das Papier, wie einen Samen in die Krume oder ein Ei ins Nest, aber im Moment des Lebens oder, schreibe ich schnell und „unter Strom“, des Streuens hat für mich das Wort eine absichtsvolle Präzision aus sich selbst heraus oder (im Falle von Partikeln und Konjunktionen) einen deutlichen Zweck… 

Ich schreibe Zweck, ich schreibe absichtlich… Man ist nie genug misstrauisch!

Denn gerade das ist ja das, was mich im Schreiben leben lässt: Absicht und Zweck sind hier fehl am Platze, denn ich bin kein Verkäufer und kein Politiker…

Oder, um die lange Rede kurz zu machen: im Akt des Schreibens befreie ich mich vom Empfänger, der meine Rede zweckgebunden und beabsichtigt macht. In diesem kurzen Moment bin ich frei, kann ich wahrhaft sein und bin der, der ich grad im Begriffe zu werden bin. —

Noch kürzer liesse sich sagen: auf den Brettern des Papiers bin ich endlich jemand, den anzunehmen ich bereit bin. 

Aus dem Schreibtagebuch: nicht beschreiben, benennen!

Alles ist Fachsprache. Willst du etwas nicht nur beschreiben, sondern es im Wort erfassen, es benennen, bist du hilflos: es fehlt dir der Wortschatz. Überall lauern so Wortfallen; ohnmächtig suchst du in deinen Wörterbüchern und findest nichts. Als gäbe es keine Wörter für alle diese Gegenstände, für alle diese Körperteile; aber du kannst die Wörter dafür nicht erfinden, du wüsstest nicht einmal, wo beginnen.

Die Wohnung (Traum 7)

Dieses Haus gibt es nicht wirklich.

Das rede ich mir ein

Jedes Mal

Wenn es an dieser belebten Strasse

In meinem Traum steht — 

Mit seinen eingeworfenen Fenstern

Dem blinden Erdgeschoss

Dem seitlichen Eingang

In der Schlucht eines Ehgrabens…

Es steht immer in einem anderen Land

In dem ich noch nie war und vermutlich auch nie sein werde

Denn es gibt dieses Land nicht wirklich

Das nehme ich an

Jedes Mal 

Wenn das Haus an dieser immer anders belebten Strasse 

In meinem Traum steht —

Manchmal ist die Treppe hinauf in den ersten Stock

Eine Aussentreppe wie in manchen Berner Bauernhäusern

Ein andermal ist sie

Wie eine Leiter innen an der Mauer entlang

Die von Schimmel ganz schweissig ist

Und man weiss nicht genau

Ob man auf- oder absteigt 

… Und wer ist denn hier jetzt man?…

Die Wohnung…

Wenn man von einer Wohnung überhaupt sprechen kann

Es ist auf den ersten Blick mehr ein ehemaliger Schankraum

Mit einem parallel zur Strasse verlaufenden Tresen

Der die ganze Breite des Raums einnimmt.

Der Raum selbst ist mit Matten ausgelegt

Mit Reismatten oder sonnengebleichten Teppichen

Die immer aussehen wie abgezogene Häute oder trockengelegter Sumpf

Und während durch die Fenster

Das Geräusch der Strasse dringt

Mit ihrem Rumpeln und Pumpeln

Dem Kreischen der Tram und der Klageweiber und der Vogelhändler

— Und ich darf nicht vergessen zu sagen

Dass die Fensterscheiben einige Male auch 

Mit Zeitungsfetzen oder Packpapier zugeklebt 

Oder aber ganz aus Milchglas sind

Und nur von aussen zerschlagen aussehen

Und dann das Licht durch sie fällt durch diese ausgeschlagenen Scheiben

Wie durch Oberlichter und auch der Lärm 

Eine befremdliche Harmlosigkeit erhält

Wie von oben einfallendem Mondlicht —

Während der Raum also vom Klang erschüttert wird

Trete ich ein in ihn

Vorsichtig und wachsam

Als trete jemand in seine eigene linke Herzkammer

Und ich sehe vorm innern Auge die Kritzeleien auf den Säulen des Eingangs

Toni Kaufmann du Vollidiot

Oder

Toni Kaufmann steck dir deinen Besen doch in den Arsch

Und schüttle abwehrend den Kopf…

Aber…

Diese Wohnung ist anders

Immer ist diese Wohnung anders

Vielleicht ist es ja auch keine Wohnung

Vielleicht ist es ein Gebetsraum

Vielleicht ist es ein Archiv oder eine Apotheke

Und ich glaube von fern das Rattern der Züge zu hören

Wie damals im Schatten des Finanzministeriums

Dieses weissen Wals dessen Amberkopf halb in die Seine ragt

In meinem überheizten Zimmerchen 

Das auf die Gleise des Gare du Nord hinausgab

Und die Lautersprecherdurchsagen

So heisst es in meinem Traum

Die Lautersprecherdurchsagen sagen

Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt und informieren Sie die Bahnhofpolizei über herrenlose Gepäckstücke Regenschirme und Melonen…

Ja diese Wohnung

Gibt es nicht wirklich

Rede ich mir ein

Aber es kitzelt mich 

Im Hals wie kurz vorm Weinen

Das ist eine Spinnenhaut erkläre ich meinem Sohn während ich über diese Wohnung nachdenke die Spinne schlüpft aus ihrer Haut weil sie wächst aber er versteht es nicht er kennt nur das aus dem Ei schlüpfen… - 

Diese Wohnung ist wie

Kleine Gesten zwischen Liebenden

Der zufällig-planmässige Weg einer Ameise

Das gleichzeitige Gähnen eines alten Paars

Und ist bewohnt…

Wessen Wohnung ist es denn?

Und dann während mich vieles erinnert und alles befremdet

Sehe ich in einem Winkel einen schwarzen Körper liegen

In einer pompeiischen Stellung

Und höre den Chor der Fliegen um die Amphore mit Lilien

Und ich strecke die Hand aus

Mit trockenem Mund strecke ich die Hand aus

Wie ein Kind das die Kellerstiege hinunterkommt

Hinunter in den erdigen Geruch der Ewigkeit 

In das langsam huschende Füsseln der Asseln

Zu den alten Lappen der Spinnweben

Die wie abgeflatterte Signalwimpel an allen Ecken und Ende hängen und zittern

Obwohl ich mich zu atmen hüte

Und ich strecke die Hand aus

Und da liegst du 

Schwarz wie Lava

Und mit wie ein Auge geweitetem Schritt

Deine Vagina wie eine knospende Kartoffel auf den Hurden 

Streckst du mir deinen silbernen Kitzler entgegen

Gross wie das Stümmelchen des Erstgeborenen. 

Schönheit des Atoms

Boxer!

Ich bin ein Boxer

Im Ernst jetzt

Ich habs im Eingeweide

Hier hier und hier

Ich beginne mit kleinen 

Kurzen tastenden Schlägen

Die den Leser heranlocken

Memmenhafte Schläge wenn man so will

Zeh an Zeh stehen wir dann tänzelnd

Wie zwei Hunde die sich beschnuppern

Und er wischt mir mit einem linken Haken ans rechte Ohr

Ein einziges Dröhnen in der Birne

Und ich senke 

Nur kurz

Meine Deckung und da

Kommt auch schon der Uppercut

Und schleudert mein Hirn 

Wie einen offenen Gulaschtopf

Auf meine Schulterblätter

Ich trippele taumelnd weg und weiter

Und er dringt auf mich ein

Zeh an Zeh

Und ich vergesse jede Rücksicht

Und bearbeite seine Nieren

Mit Schlägen wie Löffel

Denn jetzt brennt’s in mir 

Es ist wie Kotzen

Einfach mit den Armen

Mein letzter Punch hebt ihn von den Brettern und

Ich sehe das feine Rinnsal an seinem Kinn

Und er umklammert mich

Rasselnd keuchend

Wie eine Kuh

Rutscht an meinem Nacken herum 

Es ist schwer ihn von mir zu stossen

Verdammt glitschiger Aal fauche ich

Und rücke ihn in die Banden

Bevor ich aushole 

Sein Kopf fliegt verformt wie ein Wal am Strand bis ans Schlüsselbein hinüber und zurück

Und dann starren wir uns an

Mit geplatzten Lippen

Und zuschwellenden Augen

Aus unseren Cornern heraus 

Und ich weiss

Dass mein Eingeweide jetzt

Wie der Motor einer Bolide röhrend

Angesprungen ist und dass auf das Eingeweide jetzt

Verlass ist und ich springe auf

Dem Leser entgegen

Bereit für 10 Runden

Und pfeife auf Technik

Beinarbeit und Finten

Verlasse mich ganz 

Auf die Stamina 

Meines Worts. 


Ich stehe auf 

Schwinge meine beiden Wörter aneinander 

Dem werde ich es zeigen.

Die ganze Wut... - Schreibtagebuch

Die ganze Wut, zu der du fähig bist, die ganze Bitternis, Bosheit und Brutalität, in ein Gedicht legen — so, dass man es nicht sieht, aber fühlt: schwer und bedrückend, fast nicht auszuhalten, ein Magengeschwür im Gedicht.

Nicht hören

Du willst es nicht hören.

Nicht nochmals. Und überhaupt

Das ganze Selbstdarstellungs-

Ding! Du kannst es nicht

Hören. Nochmals wäre

Das Ende. Doch das sage ich dir:

Das Atmen des Gegenübers

Dringt wie Teppichklopfen

Rasch und kurz

Bis an dein Ohr. 

Höher fast schon biergelb sprühend

Und du sagst

Prustend

Ringt das Warten um die Arten

Mit Basedow’schen Augen

Von ergänzten und

Gänzlichen Aufgaben —

Alles eine Sache der 

Eigenherdung und Eingemeindung. 

Nicht nochmals kann es geschehen

Dass hinter dem Plastik der Platitüden

Den Armen auf dem Rücken

Den eröffneten Drüsen

Die Schulterblätter sich

Rotierend lösen. 

Störe mich nicht. Die Darstellung dessen

Was in mir klopft

Wie das Aufheulen eines zurückgeschobenen Stuhls

Nimmt alles

Was auf die Haut des Ranzens passt

Über den Scharten 

Die meine Beschläge geschlagen

Mit in die Keller der Eigenheit.

Du kannst hören weder

Die Eigenwerbung

Die im Gaumen der Wörter platzt

Noch die simpeln wenigen Takte

Aus Ehrlichkeit und Strenge. Du bist

Wie die Luft

Die aus den Schildern der Ventilatoren

Sauer und fade

Stammt. Alles

Was in dich tropft

Wie das Aufbäumen eines zurückgezogenen Kalkvorhangs

Ist hier drin. Die Glocke am Hals des Tiers

Klingt weil seine

Hörner es nicht können. 

Du kannst nicht länger

Bis an das Tor

Meiner Gegenwart 

Horchen! Ich bin eines Vaters Geist

Hinterm Schädel der Intentionen.

Stimmt alles? Küss mich jetzt

Auf die Stirn

Wo es schmerzt: 

In die Falte 

Die sich öffnet

Wenn ich dich 

Sehe. Und ziehe nicht

Am Reissverschluss 

Unseres Rendez-vous. 

Schreibtagebuch vom 27. Oktober 2014

Du wirst nach der Absicht hinter einem Text gefragt. Du antwortest, da sei keine Absicht dahinter. 

Du meinst, was du sagst. 

Wenn es Absicht gibt, dann ist sie im Schreiben entstanden. Du willst nur schreiben. Du schreibst, das ist Absicht genug. 

Du bist keiner, der auf dem Silbertablett Geschichten präsentiert. 

Du sehnst dich nach einer Sprache, die nicht mehr zeigt, nach einer Sprache, die ist, nach einer dinglichen Sprache. 

Deshalb vielleicht schreibst du: die Dinge in Sprache bannen. Mehr willst du nicht. 

Und weil du die Menschen nicht verstehst, - und hier baust du an deinem eigenen Mythos, deiner eigenen kleinen Lüge, würde man dir erwidern -, kannst du auch keine Menschen beschreiben. 

Absicht ist für dich ein Ekelwort wie Sinn. Darum geht es dir nicht. Du willst keine Absicht, du willst keinen Sinn. 

Du willst dieses Schweben in der Sprache. Das willst du allein. Den Zustand, nicht das Ergebnis. Und manchmal erlebt das ein Leser über deinen Text, wenn er genauso gestimmt ist wie du, genauso schwingt. 

Aber auch das ist wahrscheinlich nur Selbst- und Lebenslüge: jeder Schreiber will geliebt werden. Du willst es nicht? Kannst du nicht auch mit- und fürs Parkett spielen?

Weshalb bist du besser als andere? Ja, jetzt schweigst du. Recht hast du. 

Empfehlungen (an einen Schweizer und an Schweizer Erzähler)

Du musst nicht hinausgehen:

Du bist ein Schweizer. Vergiss es nicht.

Du bist nicht wirklich. Du hast die Gicht:

Du kennst doch nur die Nähen!


Du musst nicht noch mehr flehen:

Du bist ein Schweizer. Vergiss es nicht. 

Du bist beweglich. Begrenz dich nicht. 

Du kannst überall nähen. 


Herrgott! Vergiss es! Lass dich doch fort!

Besitzest niemals das Eigne - trenn dich -

Die Frauenröcke dort wehen!


Und aufgebrochen der Schweizer Hort

In Floskeln-Schonung. Geh jetzt endlich!

Spürst du nicht auch hier Wehen?

Die Erzählstimme wechseln

Die Erzählstimme wechseln: lange in einer sehr genauen, aber porösen Art schreiben, die nicht zu viel von allem will oder gar kann, eine Stimme führen, die ununterbrochen wachsam ist, die jeder Abweichung ausweicht, weil sie eine Lüge ist, und dann mit einem Hüftschwung der Wörter hinüberwechseln in die andere Wagenspur, wo die Wörter rinnen und springen, und keines mehr wiegt als das nächste oder das vorhergegangene, weil ihnen alle die ähnliche und verräterische Kraft innewohnt, jene Kraft des Erzählens, das nicht evoziert, sondern beschreibt. Und trotz dieses Verrats an der vorhergegangenen Stimme glücklich sein, befreit, sich lockern und hüpfen, bevor man sich wieder der Strenge und Schlichtheit übergibt. 

TIXE I

Du bist verändert. —

Das ist erst der Anfang:

Ich zehre mich auf.


Ich bin in einen Zustand geraten — 

Ich unterbreche mein Lachen 

Wenn ihr geht

Und hebe es dort wieder an

Wenn ihr kommt

Wo ich es habe steigen lassen

Egal

Ob ihr euch noch erinnert

An den Witz oder die Geschichte

Je erlebter umso erfundener.


Meine Visage erblüht 

Wie jene Rose 

Die eine rote Robidogtüte ist

Im Knopfloch der Geschäftsfrau.

Ihr junger Pitbull erwürgt sich fast

Um an meinem Schritt zu riechen. 


Du bist verändert. —

Das ist noch nicht das Ende:

Ich nähre mich selbst.


Ich unterbreche meine Wanderung nicht

Die eine Wandlung ist —

Wie der ausrangierte Bürostuhl 

Auf dem anfangs Strassenarbeiter und Schulkinder 

Ihre Drehungen vollführten und irgendwann

Muss seine Lehne einen Knacks gekriegt haben

Und ist hoffnungsvoll nach hinten gekippt wie jemand

Der den Himmel besser sehen möchte

Aus dem ihm der Regen ins Gesicht prasselt

Aber er blieb einsatzbereit der Stuhl

Sitzbereitschaft nennt man das wohl

Noch im ersten Schnee

Wanderte aber die Strasse hinunter

Verlor dabei nach und nach seine fünf Rädchen

Und steht jetzt nachdem eine Krähe

Ihren Schnabel oder eine Katze

Ihre Krallen daran erprobt hat

Halb ausgeweidet

Wie ein Himbeereis mit Rahm

Mit ein paar Hundekotsäcklein

Unter einem zum Schutz eingezäunten Nussbaum

Und lässt sich immer noch drehen…

Hat also immer noch

Etwas zu verlieren… 


Du bist verändert. —

Ich suche den Eingang zum Ausgang

Und wehre mich nicht mehr

Gegen den Khat

Auf dem ich kaue

Seit du anders bist

Als ich es mir wünsche —

Gegen die lehmbittere Ankunft dort

Wo das grüne Licht 

Wiederweltlich

Anzeigt das Knospen 

Das zu erbrechen

Nur mir gegeben ist. 


Jenes Knospen das

Knorpelweich wie die Fleischhaut der Baumnüsse

Dem Zermatschen unter meinem Schritt

Widerstrebt 

Während meine Kinnladen noch zittern

Lüstern und flügellahm

Vom Weg der Dinge. 

Neue Kapitel aufschlagen

„Ein neues Kaptitel (er-) öffnen oder aufschlagen.“ Das heisst, ins Leere gehen, die Leere wagen; das wusste ich. Begriffen habe ich es erst heute. Ich hatte eine ungenaue, aber drängend-bestimmte Idee, was in dem Kapitel, das ich am Freitag vergangener Woche begonnen habe, geschehen sollte. Doch wusste ich davon nichts. Ich schreibe jeden Tag, und im Schreiben selbst, — und mag das Geschriebene selbst mir nicht genügen, mir nicht „richtig“ genug sein — entsteht eine neue Handlung, entstehen neue Atmosphären und Szenen. Die in sich selber wirken, auf sich selbst wirken, sich selbst weiterentwickeln: ein Verschlag ruft nach einem Kamin, ein Kamin nach einem Ofen und ein Ofen nach… einer Töpferwerkstatt. 

Das ist Freiheit. Das heisst es, das Leere wagen; jetzt weiss ich es. Wirklich. 

Über die "dichterischen" Dichter

Was anders als Luft

Man beschreitet sie nicht

Sie kleiden uns nicht

Helfen auch nicht vorm Bullen

Sind doch unsere Wörter. 

... wie

Ein Gedicht brennt

Wie Salz auf trockenen Lippen

Und die Stücke der Erdnüsse in den Mulden der Backenzähne

Lassen den Mund weiter wassern

 

Ein Gedicht brennt

Unfertiger geht’s nicht

(Wie ein leeres Bücherregal)

 

Wie die vollen dunkel behaarten Unterarme einer schönen Frau

In deren volles dunkel umkräuseltes Gesicht man nicht blickt

Weil die eine Handspanne entfernten Knie beredter sind

In ihren vollen Konturen und ihrem vielversprechenden Plot

 

Ein Gedicht brennt

Wie Frühstückskrümel vom Samstagmorgen auf der Haut des Sonntagmorgens

Wenn deine Frau herüberlangt in einem Verlangen

Aus Hygiene und Verzweiflung

 

Und man drückt es hinunter

In den sich regenden Schritt und die beginnende Glut

Errötet auf den Backenzähnen

Und wartet ein Verglimmen oder ein Erschlaffen ab

Auf dass man die Anzeichen zu sehen und lesen vermöchte

Nochmals aus dem Schreibtagebuch

Beginne zu verstehen, weshalb man beim Schreiben oft vom „Handwerk“ redet, - was ich bisher immer verleugnet habe, weil mir alles im Begriff der Schöpfung verschmolz. 

Handwerk meint: ist die Erfindung der Geschichte erst einmal geglückt, ist genug Stoff gesammelt oder angehäuft, steht die Sprache und ihre Personalität, ist meine Aufgabe als Schreibender eine des Ausführens. Dann geht es darum, den ersten Schnitten, den ersten Schlägen, den ersten Strichen treu zu bleiben — in aller Redlichkeit und Achtsamkeit, in Kontrolle und Beherrschung. 

Und wieder kann ich Proust zitieren (es ist erstaunlich):

 

Swann täuschte sich nicht in seinem Glauben, dass die Sonate wirklich existiere. Gewiss, in dieser Hinsicht menschlich, gehörte sie dennoch zu einer Ordnung von übernatürlichen Kreaturen, die wir nie gesehen haben, die wir jedoch trotzdem mit Entzücken wieder erkennen, wenn irgend einem Erkunder des Unsichtbaren eine solche zu fangen gelingt und sie aus der göttlichen Welt, zu der er Zugang hat, herbeizubringen versteht, damit sie einige Augenblicke über unserer scheine. Das hat Vinteuil getan für die kleine Phrase. Swann fühlte, dass der Komponist sich mit seinen Musikinstrumenten bemüht hatte, sie zu enthüllen, sie sichtbar zu machen, ihren Zügen mit einer so zärtlichen, vorsichtigen, empfindlichen und so sicheren Hand zu folgen und treu zu bleiben, dass der Ton sich jeden Moment veränderte, entschand, um einen Schatten anzuzeigen, sich wiederbelebte, wenn sie auf der Stecke eine gewagtere Kontur nachzufahren hatte. Und als Zeichen dessen, dass Swann sich nicht täuschte, wenn er an die wirkliche Existenz dieser Phrase glaubte, hätte jeder ein wenig kundige Musikliebhaber sofort den Betrug gemerkt, wenn Vinteuil aus Mangel an Kraft für das Anschauen und Wiedergeben der Formen versucht hätte, indem er hier und da etwas Eigenes hinzugefügt hätte, die Lücken seiner Sehstärke oder die Schwäche seiner Hand zu kaschieren. 

Vakuum VI

Ich-der-Astronaut

Geschützt in seiner

Aura-Atmosphäre

Nähere mich nicht

Der Aussätzigen

In ihrer knöchellangen gelben Pelerine

In ihren Militärstiefeln

Die hinter sich herzieht

Ihren zweirädrigen Einkaufswagen

Und mir bis zur Brust reicht. 

Ich nähere mich nicht.

 

Mein Einsatz dauert an.

Ich werde ihn nicht verspielen.

 

Die Züge der Menschen 

Erfüllt wie ein sturmgeschwollener Strom

Kuhfladenbreit

Mit Schubladenkinnladen

Stehen mir bis zum Hals.

Ich sehe ihre wutlos-weisse Lippen

Bewegen wie Messingscharniere.

 

Ich trete nicht ein.

Nein das tue ich nicht. 

 

Ich-der-Infektiologe

Unter-Gummi

Beruhige meine Atmung.

Ich erinnere mich nicht mehr

An das Zischen der Schleusen.

Die Ohren schmerzen.

Und der Himmel stürzt mir entgegen. 

Hier flappen die transparenten Türen bereits in Streifen

Wie Algen in mein Gesicht. 

Der Streuselmutterkuchen zerbröselt unter den Nägeln

Die abgeschabte Haut flockt in den seltenen Vers der Freude

Das Elixir der Scham gluckert im weit verzweigten Röhrensystem

Der Destillationsapparatur

Und die Beschlagenheit der Silben kristallisiert sich in den Fieberkurven aus Grossomodo und Quasimodo

Und ich sehen mich so sehr nach 

 

Mary — wo bist du — Mary!

 

Meine Narben sind die Kiemen meiner Sehnsüchte nach Entwindung

Und die Nähte verwachsen über den umgedrehten Gelenke. 

In dieser Provinz kann man sich nur noch betrinken

Vor dem Kauplus schwanken und den Wetterbericht auf diplomatische Frequenz- und kolchosrestliche Atmosphärenschwankungen abhören:

 

Wir alle sind Waldbrüder! 

Waren es…

 

Ich-der-Gallige

Nuckele an der Brust der Eigenliebe

Stille die Furcht

Mit dem Schall der Unbedenklichkeit ihrer Höflichkeit

Und die alte Damen mit dem Helm-Haar und den Mühlstein-Augen versteht nicht

Das Mahlen meiner Kiefer noch 

Den Öl-Sirup meiner Antworten.

Der Hass zerfällt in seine Genome 

Die mich in der Kehle kitzeln.

 

Ich würge an der kurzfristigen Kost der Menschlichkeit.

 

Ich-die-Wiederaufbereitungsanlage 

Jurassischer Instinkte

Verschüttet unter den Verschickungen des Intellekts 

Überfaltet vom Kalkgestein der Liebeswürdigkeit

Von Gräten und Knorpeln lyrischer Beharrlichkeit

 

Ich-der-Steher

Mit dem Traum vom Seher…

 

Ich-der-Kellner

Unter meinem Schlips und meinen gants-gallants

Schnecken-Wickeln 

Öffne meinen Schritt 

Wo mein Feuer-Zeug

Funken-springend

Klickt und lösche eure Kandelaber an

Unterm Schemel der Zivilisation — 

Die Druckwelle stösst mich durch die Drehtüre 

Manschettenlos und ohne Zweifel noch Phantasie

In den Tümpel des Tempels 

Wo ich im grünlauen Wasser treibe

Und in meinem Mund eine Libelle wächst…

 

Als ich die Augen öffne

Häutet der georgische Wein

Die Kröten in meinem Hals.

 

In aller Deutlichkeit 

Erkenne ich den Mann mit dem Schnurrbart

Der mich anlächelt mit seiner Zuvorkommenheit

Mit seinen märchengrünen Zähnen und sich bückt

Um in einer seiner roten Taschen

Nach einem Plastikmythos zu wühlen

Mit dem er verkleiden könnte

Die Mitteilung vom Wetter

Die Botschaften des Gesunden Menschenverstandes

Die Bekömmlichkeit des Dialekts. 

 

Irgendein Halli-Galli wird mich schon noch einfallen

Bevor sie den ersten Schritt hinter den 101. Kilometer getan haben

Und aus dem Weichbild ihrer Dorfstädte hinausgetreten sind 

In den Permafrost

Vor die Palisaden

Meines Garnknäuel-Biotops.

 

Bis der Anblick deiner Gestalt

Den Harm auflöst

Den ich mir angetan habe und antue

Wie den Helm eines Omon-Mannes
In Lächeln und Charme. 

Das Gerede von der Tiefe der Poesie

 

All das Gerede von der Tiefe der Poesie im Gegensatz zur seichten Prosa, von ihrer Bildlichkeit, die überhöht, von ihrer Kompaktheit, ja kristallinen oder diamantenen Natur, die unser Bewusstsein ritzt, trifft nicht den Kern der Sache: Poesie entspringt aus Betrachtung, Prosa aus der Wiedergabe: Prosa ist Mitteilung, Poesie ist Hineinnahme. In dieser Hineinnahme behält das Bild, das Ding, was in der Beobachtung eindringt in Geit und Gedicht, seine Wirklichkeit, sein reales Wesen und Dasein: bedeutet und ist. In der Prosa ist es, statt zu bedeuten, ein Teilstück, ein Rädchen, ein Werkzeug, das antreibt, und kann erst im Rahmen der Erzählung zu einer Bedeutung finden, die aber gänzlich fiktionaler bleiben wird. 

Zusammenfassung

Doch ist’s ein Kampf

Wahr sein und offen

Allen ein Krampf

Wollen nicht hoffen…

 

Wahr sein und offen!

Wort ist ein Ding:

Wollen nicht hoffen

Dass ich schon sing…

 

Wort ist ein Ding!

Niemand kann’s hassen

Dass ich schon sing

Floskel-belassen

 

Niemand kanns hassen

Doch ist’s ein Kampf

Floskel-belassen

Allen ein Krampf.

Nochmals Klopstock

Dass ein Gedicht für mich erschüttern, nicht einfach nur rühren, nicht einfach nur Sympathie bewirken soll — diese lächelnde Zustimmung, die alles nicht ganz Unangenehme, einigermassen Brauchbares und nicht ganz Berauschendes in uns auslöst, oder diese freudige Erwartung, die aller Unterhaltung innewohnt, die nur Versprechen und nicht auch Verheissung ist —, dass ein Gedicht zu einem deutlichen Ja oder Nein, zu einer instinktiven Reaktion und einer Verschiebung von Massstäben und Werten, einer potenziellen Änderung des Lebens führen soll, auch dies liegt an Klopstock.

Klopstockisch

Wie gut ist es, dass Entwicklungen nie versiegelt bleiben, sondern immer wieder erbrochen werden.

In der erneuten Beschäftigung mit Klopstock, den ich seit meiner Studienzeit, seit meiner ersten Interpretation seiner Ode „An Fanny“, die damals schon (und um wie viel mehr heute, im „reifen Mannesalter“, da alles Vergangene mit jedem Schritt ins Alter und Sterben schwerer und wirkmächtiger wird!) meine eigene unglückliche Gymnasten-Liebe vorspiegelte, allerdings in nicht gänzlich unverständlicher, aber doch nachvollziehbarer religiöser Überhöhung, seit jener Zeit also liebe, und nach jahrelanger Einstaubung im Akt des eigenen Schreibens, zeigt es sich, dass sein Siegel, das auf meiner Lyrik aufgeprägt ist, erstaunlich und begeisternd (ein Wort, das sich bei Klopstock aufdrängt!) dauerhaft ist.

Gleichzeitig wird deutlich, wie notwendig die Eröffnung dieses Siegel, seine Zerstörung geworden ist. Erst im Aufbrechen dieses Siegels, in der Einsicht in die Botschaft, die sich hinter ihm verbirgt, eröffne ich mir eine enthemmtere, eine aktivere Umsetzung des nicht nur Bewahrten, sondern bereits unbewusst Praktizierten.

Was Klopstock mir (auch unbewusst) vermittelt hat:

-.- die Neigung zu rhetorischer Überhöhung, zum Hohen Stil,

-.- der manchmal übermächtige Hang zu Partizipien,

-.- die Substantivierung der Infitive,

-.- die Häufung von „empfindenden“ Adjektiven und

-.- die Suche nach einer im Bild gefangenen, aber deutlichen Bewegung, sowohl im Verb, als auch im Adjektiv,

Und vieles andere, das mir erst langsam bewusst wird, gehört für mich unumkehrbar und unvermeidlich zur Modernität der Lyrik, hat seine Kraft sicherlich bis in das Fin de siècle hinein entfaltet, um dann in der absurden Abstraktheit postmoderner Lyrik unkenntliche Urständ zu feiern, und ist in meiner Lyrik bisher nur in Ansätzen ausgespielt und durchgespielt worden.

Diese Einsicht ruft nach einer Erneuerung meiner Poetik, und kann nur durch meine Prosa-Efforts bereichert werden, deren Rhythmisierung ebenfalls ganz und gar klopstockisch ist.

IRRE oder Die Launen eines Gedichts

Behändige

Was dich bändigt:

Sandbänke und Unterspülungen.

Dein Griff hindert

Die Wendung. Führe Kühlung

Dem Mütchen zu: krumen-nah

Und doch nicht da

Erwägst du Inseln

(Irre Kapseln)

In inständiger Innervation

Und Kehraus des Unwirsch-Guten —

Nimm dich in die Hand — du

Arzneimittelschrank des Bögelns.

Du legst dir ein Geschirr an

Das nicht von hier. Flirren

Eines Bogens: kretine Krusten

Säumen die Kreten über die gespannt deine

Batteriebetriebene Ohnmacht —

Geweisselte Wand

Hinter der du das zu vermuten gelernt hast

Was dich zu versuchen reizt

Bewertete Irrsal

Deren Kurs du zu beeinflussen gelernt hast

Ohne ihn äffend eine Spur zu ändern —

Geisseltierchen und Irrlichter

Die dem Ahnen bahnen

(Rotes Rinnsal)

Fahrtenfurten zu

Inseln aus Brisen und Binsen…

 

Lauf! Sommerregen…

Fluten haben Humus geleckt

Und die Friedensglocke schwankt tonlos im Gust

Und dein Gesicht

Schön wie die Ottobraunstrasse

Schön wie die Meretoppenheimerstrasse

Löst sich auf in meinem —

Lauf unbedacht auf Würde

Im Rücken

Die galoppierenden Wellblechhütten Harares — du

Die pochenden Opernbreschen Rimbauds — ich

(Und lange nicht zum letzten Mal!)

Und vor uns

Die Unmittelbarkeit fallenden Wassers

Halb Rutsche

Halb Peitsche —

Ein Lauf ohne Blick auf

Würde und Werden —

 

Aus Irrsal und Wirrnis

Wachs und Horn:

Mutterknochen des Materiellen

Der im Staub noch atmet…

Kreta ist nicht fern

Kreta ist nie fern…

Und die trotz allen Handels

Und trotz allen Handelns

Depletierten Vorratskammern der Plether

Trotzen weder der Geradlinigkeit

Semitischer Erzählung

Noch der abgebrochenen Prophetenrede

Wiederkehrender Geschehnisse und Gedächtnisse

Indogermanischen Erfahrens…

 

Habt ihr das Geräusch des Wassers gehört?

Frosch oder Ikarus?

Kennt ihr den Wert

Eines Froschgesangs?

Kennt ihr den Wert

Eines ikarischen Gesangs?

Hat nur Ikarus

Und der Frosch kaum

Würde?

 

Die Sandbänke wachsen:

Es wird Sommer…

Auf den Fensterbänken

Der Saharastaub

Und in den Gestern hängen

Den Abziehbildchen gleich und den Blattknoten ähnlich

Dringend und engend

Die letzten Hasenpfoten

Kommerzieller Umnutzung —

 

Immer noch träume ich

Von diesem kutschenreinen Saal

Von diesem milchtropfenden Gaul

Von diesem unzeitigen Mahl

Von diesem ungefallenen Pfahl —

Wie eine tönerne Tatze

Schlägt dieser Traum

An die Glocke der Entrinnung

Und währenddessen

Wächst in mir

Der umgedrehte Pelz eines Igels

Und vor dem Schnauben des Gauls

Der selten ist wie ein weisser Rabe

Wirbelt auf der Nebel

Zu galaktischen Blattern…

 

Ich sehe es

Ich sehe es

Wie durch den Boden einer Flasche

Bevor sie kreischend aufsetzt auf dem Strand

Sehe ich es

Und in die Reglosigkeit unserer Leben fällt

Als schöbe das Nebelhorn das Schiff voran

Die Fliegenklatsche der Liebe…

Ja

Ich habe es gesehen

Sehe es noch

Wie durch das Mass einer Hand und ihre leuchtenden Fingerkuppen hinweg

Die Kruppe der unausweichlichen

Unabwendbaren

Unverwindbaren

Unumwendbaren

Baren Füsse der Tatsachen

Weggewischt

 

Und da hinein

Schwing ich

Die Fessel der

Verheutigung.

Tagesgedicht mit "Als"

Ein milchig-verwaschener Morgen

Als wäre Sommer - nichts

Übrig von dem Zutrauen

Das warm pochte in den Schläfen

Und als ich auf den Balkon hinaustrete

Bläst der Wind kalt an meine nackte Brust.

 

Als der Wuschelkopf meines Jungen

Die Treppe hinaufkriecht wie jeden Morgen

Muss ich lächeln und fahre ihm durchs Haar

Wie jeden Morgen. Das dumpfe Wummern

Das meinen Schlaf erschüttert und mir 

eine Ausrede für den Auszug aus dem Ehebett geliefert hat

Ist noch da - irgendwo auf dem Dach

Oder in der Wand ein Ventilatormotor. 

 

Wir sind wie versehrt

Hier mitten im Leben

Als hätten wir seit dem ersten Kuss 

Geschlafen und fänden uns in einer Welt

Die Sehnsüchte und Wünsche nicht kennt

Nicht mehr zurecht

Da unsere eigene Welt uns über unsere Wünsche und Sehnsüchte

Getäuscht hat: als hätten wir je

In der gleichen Welt gelebt…

 

Meine Frau geht und ich

Beginne einen weiteren Tag 

Zu zweit: mein Sohn und ich - 

Und hin und wieder der rosa Elefant

Der meine Tochter ist… Später

Als ich die Toiletten und das Bad putze

Spielt der Junge und eine Wärme 

Schleicht sich an: Ohnmachts- und Heldenschreie

Mischen sich mit 

Fahrzeuggeräuschen und Feuerwehrsirenen

Schlachtlärm mit Todesverzweiflung

Es wird verhaftet 

Geschossen und geschlachtet.

 

Und ich denke 

Auf dem Weg in die Bibliothek 

Als mein Junge eine Biene gerettet hat

Aus dem Brunnen bei der IBZ

So schiebe ich meine Welt vor mir her

Den ganzen Tag: was soll ich nur tun?

 

Ich werde sie nicht los - 

Als könnte die echte Welt sie auslöschen! -

Und ihre Wertosigkeit leuchtet mir nicht ein…

Genau wie die Werthaltigkeit deses bleichen Tags

Mich an das Maulwurfsgesicht Oswald Grübels gemahnt

Das nicht leuchtet wie dieser Tag - 

Ich trage sie mit Leichtigkeit mit mir

Diese Welt 

Diese botschaftslose Welt

Ein Fötus und doch

Voll ausgewachsen

Amöbisch und doch 

Wie in Stein gemeisselt

Mit einer Leichtigkeit 

In den Augen dieses Tags

Als wüchse mir am Kinn ein Pickel

Als mehrten sich die Warzen auf meinen spröden Handflächen…

 

Ich werde sie nicht los

Weil es sie nicht gibt

Hier mitten im Leben

In sich gekrümmt 

Wächst sie weiter

 

Lauwarm wie die Sonne heute. 

Schreibtagebuch: Lyriker und Prosaiker

 

Die Sprunghaftigkeit, die Unvorhersehbarkeit (nahe an der Willkür) des kindlichen Erzählens fasziniert mich deshalb, weil ich selbst in Sprüngen denke und schreibe. Das Fragmentarische, das mir so liegt, das Nicht-Chronologische und Nonlineare, das in ständiger Digression wurzelt, - man könnte es auch „Unbestand“ oder „Zentrumslosigkeit“ nennen, - dieses zerfetzte und zerfetzende Erzählen ist der Grund meiner Lyrik. - Ein Prosaiker flieht nicht: ein Prosaiker bringt alle Geduld auf, eine kenntliche, geradlinige, nachvollziehbare Spur zu hinterlassen. Ein Prosaiker zieht eine Erzählung in all ihren Facetten durch, erzählt ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit, er geht den ganzen Weg einer Geschichte. Ein Lyriker meidet keine Durststrecke, um seine Sprünge möglichst kraftvoll umsetzen zu können - in den Lücken, die sich daraus ergeben, hofft er, liegt der Sinn seiner Schrift. Ein Prosaiker meidet keine Durststrecke, um seine Linie fortzuspinnen. Ich habe mich oft gefragt, wie Spinnen einen Faden vom Ende des Raums zum andern oder manchmal sogar von einem Laternenpfahl zum andern (über die Strasse hinweg!) ziehen können… Der Prosaiker klettert hinunter, hinüber und wieder hinauf (mit dem Risiko, überfahren oder vertreten zu werden), der Lyriker wartet einen günstigen Wind ab (mit dem Risiko, von einer Schwalbe im Flug geschnappt zu werden)… - Natürlich ist das sträflicher dualistischer Idealismus und Unsinn. Ein McCarthy ist das beste Beispiel, dass eine Geschichte in Fragmenten und Bruchstücken erzählt werden kann, der sogar Poesie und Philosophie nicht unmöglich sind (Die Strasse); dass diese Erzählform von der Welt und der Weltsicht bzw. dem Erleben der Protagonisten bedingt sind, macht diesen Ansatz nur noch glaubwürdiger… 

Erwartung und Sendung

Du sollst nichts wollen.

Du bist wie Knollen

Die lang erwarten

Im Dreck die Feuchte

Das Licht. Verkralle

Dich nicht im Harten.

Ein Netz von Heute -

 

Du sollst nichts sagen.

Du bist ein Schragen

Auf dem der Zorn

Die Zweifel begattet

Von Pilzen. Dorn-

Geweih der Brunft -

Als ob du’s bräuchtest!

 

Du sollst nicht säumen.

Du sollst nicht bäumen

Auf gegen Mond -

Du fällst als Falte

Ins Beet der Fron:

Es keimt das Korn

Wo sprang Vernunft.

 

Hirsch-Sprung (Sharon Olds)

Dann sieht das Bild auf der Etikette unseres Lieblingsrotweins

Aus wie mein Ehemann, der sich von einer Klippe abstößt

In seiner Inbrunst sich von mir zu befreien.

Sein Fell ist rau und rosig, sein Gesicht

Ruhig, verzückt, grübelnd,

Der Bogen jede seiner Stangen reicht zurück

Bis zu seinen Hüften, wie das Modell seines Gehirns, archaisch,

Unhandlich. Er trägt ihre knochige Schale

Gerade als er aufsteigt vom Rand des Abgrunds,

Traumhaft. Entkommt jemand

Hüpft mein Herz auf. Selbst wenn ich es bin vor dem man entkommt

Bin ich zur Hälfte auf der Seite des Verlassenden. Es ist so still

Und leer seit er gegangen ist. Ich fühle mich wie eine Landschaft

Ein Grund ohne Gestalt. Sauve

Qui peut – lasst jene die sich retten können

Sich retten. Ich sah einmal einen Kaltnadelstich von jemand

Kleinem gekreuzigt

Auf dem Geweih eines Damhirsches.  Ich fühle mich wie sein Opfer

Und er scheint mein Opfer. Ich mache mir Sorgen die ausgestreckten

Beine des Hirschbullen seien in der falschen Richtung gebogen als er

Sich hinweg wirft. Oh mein Kumpel. Ich war eitel von seiner

Treue als wäre es

Ein Kompliment eher als ein Zustand

Teilweisen Schlafes. Und schrieb ich über ihn fühlte er

Es sei notwendig herumzugehen

Mit den Büchern auf seinem Kopf wie ein Stapel

Von Postur-Bänden, oder wie das Gestell des Geweihs

Aufgehängt dort wo der Jäger das Wildfleisch

Mit dem Sauvignon runterspült? Oh spring

Spring! Vorsicht vor den Felsen! Muss der alte

Schwur ihm noch Glück wünschen

In seinem neuen Leben, sogar sexuelle

Erfüllung? Am Anfang fürchte ich ja als ich

Uns noch nicht auseinander halten kann. Unter seinem zottigen

Bauch liegen in der Ferne die gleichmässigen Punkte

Eines Weinbergs, seine Reben, nicht vernichtet, seine Wurzeln

Sauber, seine Flaschen anwachsend an den Enden seiner

Lötrohre wie dunkles, grünes, wankendes Stöhnen.

Das richtige Wort

Ein aufgeräumtes (und nicht angeräumtes) Vokabular ist Vorbedingung allen Schreibens. Der französische Rapper McSolaar hat einmal gesungen, wer ihn beneide, beneide seine Bibliothek. Ich würde dem hinzufügen: der beneidet meine Nachschlagewerke. Und meinen Mut, über diese hinauszugehen (manchmal).

Vom welschen Dichter Ramuz weiss man, dass er manchmal stundenlang auf ein Wort gewartet haben soll. Vorher hat er den angefangenen Satz nicht weiter geschrieben. Und um bei Ramuz zu bleiben: immer wieder packt mich eine grundlegende Wut, dass gewisse Wörter von alleine „hochkommen“ oder sich anbieten. Ich nenne sie die „Verwandten und Bekannten“ (frei nach E.A. Milne). Gehören vielleicht zu meiner Persönlichkeit, siehe unten. In einer gewissen Weise konstituieren sie mich sicherlich (betrifft übrigens auch die Syntax: man beachte das späte „sich“ im folgenden Satz!). Und Ramuz hat ja im Höhepunkt seines Schaffens sich von seinen „personnages“ zu verabschieden versucht: Ich habe eine lange Liste von Wörtern, von denen ich mich gerne verabschieden möchte. Keines ist ein Helvetismus. Das ist bezeichnend…

 

Als Dichter suche ich das richtige Wort, den Pfeil, der ins Schwarze trifft. Das richtige Wort ist der direkteste Weg: die Fluglinie des Gedankens zum Ausdruck.

Dieses Wort aber findet sich entweder lange nicht oder im Gegenteil sehr schnell. Dann keimt sofort Misstrauen auf. (Zu schnell, sagt die Schreibinstanz und blättert in den Wörterbüchern.)

 

Beispiele sind hier hilfreich. Ich schreibe folgenden Satz:

„Sein Atmen klang am Ende / Wie das ripschende Geräusch / Auf der Haut eines Luftballons.“

Ich suche „ripschen“, welches (auch typisch: „welches“ statt zweimal „das“ ist für einen Schweizer guter Stil, aber ich vermute, dem ist in Deutschland nicht so) mir das treffende lautmalerische Wort für das Geräusch scheint, das eine Hand oder Haut allgemein auf einem Luftballon verursacht. Nirgends zu finden! (Ripsen finde ich, für „reissen“ - im Internet finde ich im „Rheinischen Wörterbuch“ ähnliche Wortbedeutungen.)

Als jemand, der nicht die Standardsprache spricht (und sich diesem Minderwertigkeitskomplex trotz langjährigem Aufenthalts in Deutschland nicht entledigen konnte, noch nicht), ist mein erster Reflex: gibt es nicht, existiert es nicht; habe ich vielleicht erfunden. Kann gut sein.

Jetzt stehe ich vor einem Satz, der genau das wieder gibt, was ich sagen will: in Kürze und ohne Konjunktionen und Nebensätze. Aber er ist standardsprachlich nicht akzeptabel.

Ein Risiko, das gering ist - wenige lesen meine Gedichte, und die meisten „verstehen“ sie nicht. Trotzdem steigt der Bildungsbürger in mir auf die Barrikaden: „Das kannst du nicht schreiben!“

Ich quäle mich eine Viertelstunde, blättere, blättere, rätsele, spreche laut, schweige. Endlich ringe ich mich zu einer Lösung durch. Jetzt steht da (und ich bin damit einverstanden):

„Sein Atmen klang am Ende / wie das Geräusch einer Hand / Die über die Haut eines Luftballons fährt.“

Moment einmal: „fährt“? Heisst das nicht „streicht“?… Und wieder geht es los…

 

Was ich damit sagen will? Es gibt das richtige Wort nicht. Aber es gibt Annäherungen, beste Lösungen. Und dabei spielt das Lautempfinden eines jeden Dichters eine ganz eigene Rolle - nicht so sehr die sprachliche Verankerung in der Muttersprache oder Schulsprache, als vielmehr das eigene Lautbild. So sage ich seit früher Kindheit „g’worde“ statt „worde“ (für „geworden“) und habe mir das in den letzten Jahren „ausgetrieben“ - nur um es in der Sprache meines Sohnes Urständ feiern zu hören! Das ist sprachliche Tiefenpsychologie: Wörter nehmen Wege, die sich uns entziehen - und wie viel mehr noch „eigene“, muttersprachliche Wörter, - das sind wahre Maulwürfe (auch im geheimdienstlichen Wortsinn).

 

Was aber hier auch nochmals angesprochen werden muss, ist das Gefühl, das für einen „diglossischen“ Dichter konstituierend ist, in einem fremden Idiom heimisch zu sein. Es verstärkt den Fremdheitseffekt, den Verfremdungseffekt der Sprache zusätzlich. Ein nicht muttersprachlicher, will in meiner Situation heissen: nicht standardsprachlicher Dichter kann sich nie sicher sein, dass er grammatisch und lexikalisch richtig liegt. Positiv gewendet, sind das ideale Bedingungen für eine sprachskeptisch geprägte Freiheit des Schreibens…

Dies eröffnet neue Horizonte. So fällt es mir zum Beispiel sehr zunehmend leichter, französische Wörter in meinen Gedichten einzubauen (man denke an das Berndeutsche, das Wörter wie „touchiere“ kennt). In einem jüngeren Gedicht steht „Der Raum plant“, und die meisten deutschsprachigen Leser werden „planen“ (also vorhaben, beabsichtigen) lesen, während ich - in schneller Setzung dieses Wortes - ans französische Wort „planer“ (also schweben, gleiten) gedacht habe, aber den Gleichklang der beiden Wörter als Schönheit und Überraschung empfinde (für mich und den vorgewarnten Leser).

 

Und zuletzt - und das ist im Kontext des „muttersprachlichen“ Schreibens sehr wichtig - gibt es noch die Lieblingswörter, die zu Fetischen, aber streng gehütet und wenn möglich gemieden werden: Tröckne, Heuet, Putsch, Sommervogel, Schärmen, Gunten. Und mein Lieblingswort: Dole (Gottseidank, ich habe mich gerade vergewissert: steht im Variantenwörterbuch, bedeutet: Sinkkasten, Gully…). Und es gibt, auf der gleichen Ebene, noch die alten, guten deutschen Wörter - Lache für Pfütze, zum Beispiel…

Das sind keine richtigen, aber gute und spezielle, kostbare - magische Wörter. Ich hüte sie. Ich brüte sie aus, und nur selten finden sie den Weg in ein Gedicht oder eine Geschichte. Und dann recken sie stolz ihre fremdartig-vertrauten Köpfe wie Mohnblumen im Weizenfeld und nicken mir zu: haste gut gemacht, danke!

 

Ja, ein Dichter ist je stärker Widerstandskämpfer, der sich gegen Maulwürfe zu wehren hat, umso ferner er der Standardsprache ist…

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Traktat über die Angst

Wie der Tod ist auch die Angst ein Tabu. Wer zum Tod nicht stehen kann, wird nie die Angst erwähnen können. Wer die Angst nicht erwähnen kann, wird sie immer erleiden müssen. Wer die Angst erleiden muss, wird sich nie von ihr befreien können. Wer sich nicht von ihr befreien kann, wird nie leben, immer sterben.

Erwähne ich die Angst, gestehe ich ihr eine Existenz zu, mit der ich nicht einverstanden sein kann. Erwähne ich die Angst, gestehe ich eine Existenz ein, mit der ich nicht einverstanden sein will. Erwähne ich die Angst, gestehe ich mir eine Existenz zu, zu der ich trotz Einspruchs bereit sein muss. Erwähne ich die Angst, gestehe ich Existenzen zu, an denen ich trotz Einsicht noch keinen Anteil haben kann.

Angst hat mit Einspruch und mit Einsicht zu tun. Angst, denke ich, ist Einspruch und Einsicht.

Mut aber, auch Gleichmut, seltener Demut, entwindet der Angst ihren Schrecken. Ohne Einspruch und ohne Einsicht lässt es sich handeln.

Helden sind daher immer lächerlich. Ihre Tat ist keine Überwindung. Ihre Tat ist immer Verstümmelung.

Penthesileas Tod gründet im Unverständnis: horror pulchritudinis, in der Einsicht: horror homini, und im Einspruch: horror vitae. Achills Tod gründet in der Hybris. Penthesileas Tod lehnt jegliche Sinnstiftung ab, Achills Tod fügt sich ein in die konflikthafte Sinnhaftigkeit jeglichen geschichtlichen Geschehens.

Beider Tod ist letztlich lächerlich, zugegeben. Vielleicht ist sogar jeder Tod lächerlich.

Wer die Angst erwähnt, wiederhole ich, setzt sich ihr aus. Wer die Angst erwähnt, leistet Trauerarbeit. Er nimmt Abschied vom Erwiesenen, Gewohnten, Vernünftigen. Er gibt der Frage Raum, die unser Leben von jeglicher Finalität befreit. Er findet in diesem Raum die Schönheit residieren, den lebendigen Tod und das tödliche Leben. Ist er kein Held, was ihm zu wünschen wäre, wird er der Dualität, der Linearität und der Realität abtrünnig.

Seine Einsicht begabt ihn zu Potenzen, deren Existenzen niemand nährt. Sein Einspruch ermöglicht ihm Sinn, deren Existenz niemand nutzt. Sein Handeln ist weder eines, das leidensfähig, noch eines, das leidlos ist. Die Lächerlichkeit seines Beginnens, das immer eines bleiben wird und muss, schützt ihn vor Hybris und vor Verstümmelung. Er wird zur Frucht des unfruchtbaren Feigenbaums.

Das Fragen nach der Schuld jedoch überlassen wir den Theologen.

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Jeder Trottel... - Aus dem Englischen

Jeder Trottel schafft’s in den Ozean hinein

Aber es braucht eine Göttin

Um aus einem herauszukommen.

Was für Ozeane gilt gilt natürlich auch

Für Labyrinthe und Gedichte. Wenn du zu schwimmen beginnst

Durch Brandungs-Rhythmen und durch den Seetang der Metaphern

Musst du ein guter Schwimmer sein oder eine geborene Göttin

Um aus ihnen herauszukommen.

Schau nur die Seeotter an die wild wippen

Da draußen in der Mitte des Gedichts

Sie schauen so eifrig und ruhig aus beim Spielen da draußen wo das Wasser sich kaum noch bewegt

Du könntest wohl durch all die Wellen und Felsen zu ihnen hinauskommen

In die Mitte des Gedichts und sie berühren

Doch wenn du es im gesegneten Wasser lange genug versucht hast

Genug um wieder zurück zu wollen

Dann erst beginnt der Spaß:

Außer du bist ein Seeotter oder ein Dichter oder etwas Übernatürliches

Wirst du ertrinken mein Lieber wirst ertrinken.

Jeder Grieche kann dich in ein Labyrinth hineinbringen

Aber es braucht einen Helden um aus einem herauszufinden.

Was für ein Labyrinth gilt gilt natürlich auch

Für die Liebe und die Erinnerung. Wenn du dich zu erinnern beginnst.

 

(Jack Spicer)

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Widerstand

Ich widerstehe

Dem bekannten Wort

Dem blossen Staunen

Dem bekleideten Gefühl -

Ich liefere nicht freiwillig ab

Den Zehnten der Hoffnung.

 

Ich widerstehe

Dem folgsamen Reim

Den blassen Launen

Dem beschreibenden Kalkül -

Ich nehme nicht freiwillig teil

Am Sabbath des Defizits.

 

Dies ist mein Ja-Wort.

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Dichterisch leben

Dichterisch leben: Das Gedicht leben. Eine Arbeit und Aufgabe wie jene des Schienenlegers, der Kassiererin, des Mathematikprofessors, des Poliers, des Müllmanns, der Laborantin, der Testmaus, der Hausfrau, der Kleinkinderzieherin oder Hebamme, der 5. Klässlerin, des Rentners, der Milchbäuerin, des Metzgers, der Drehteilelieferantin, des Bettlers und der Bankerin - nur schreibe ich Gedichte.

 

Gedichte lassen sich nicht bezahlen. Gedichte sind nicht dinglich, obwohl sie manifest und konkret sein können. Gedichte kommen vom Rande her. Gedichte entstehen am Rande. Gedichte sind der Abgrund unserer Gegenwart. Gedichte sind notwendig.

 

Gedichte verdeutlichen, wer wir sind. Gedichte verdeutlichen, wer wir sein könnten. Gedichte verdeutlichen, wer wir sein werden.

 

Gedichte benutzen die Sprache, wie wir sie nicht benutzen: wir brauchen Aussagen; Gedichte kommen mit dem Sagen aus.

 

Ich selbst lebe in der Unmöglichkeit, mich auszudrücken. Aber in den unzähligen Gedichten, die ich jeden Tag zu schreiben oder zu schreiben beginnen bemüht bin, gebe ich meiner Gegenwart - und mit ihr auch eurer Gegenwart - eine Ausdrucksmöglichkeit und eine Vielfalt an sprachlichen Möglichkeiten, die unsere Gegenwart sonst nicht hat.

 

Überhaupt geht es mir eigentlich nur um die Möglichkeiten. Nicht um die Potenzen, die Wahrscheinlichkeiten, die Taten oder Tatsachen, die Fakten: ich schaffe mit Möglichkeiten Tatsachen: jetzt und hier im Gedicht.

 

Heisst das - leben? Es ist eine - meine Möglichkeit. Ich will sie keinesfalls verstreichen lassen.

 

Rinn unterdess, o Leben.

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Wo lebt die Poesie?

I

 

Poesie entsteht dort

Wo das Schöne sich mit dem Hässlichen mischt

Wie der Schweiss mit den Tränen - 

Entsteht dort wo der Schmerz zu Mut wird

Die Wahrheit zum Glauben - 

Die Poesie ist meine

Kirche des Möglichen…

 

Sie lebt von jedem Wort

Das hergestellt für Jähes

Sie lebt in jedem Wort

Wie Karies in den Zähnen

Sie lebt mit jedem Wort

Das als Sichtbeton auf die Rosen eindrischt:

Die Poesie ist meine 

Sichel fürs Tägliche…

 

Sie lebt für jedes Wort

Das durchdringt zu Tauben.

 

II

 

Poesie ist Beschneidung

Poesie ist Entscheidung

Poesie ist Schmerz

Poesie ist Ausscheidung

Poesie ist Entleibung

Poesie ist Nerz

 

Poesie ist Infarkt

Poesie ist Jahrmarkt

Poesie ist Insult

Poesie ist erstarkt

Poesie ist entsargt

Poesie ist Unschuld

 

Poesie ist Berserk

Poesie ist Bergwerk

Poesie ist Gneist

Poesie ist Nährwert

Poesie ist Kerbwerk

Poesie ist Geist

 

Poesie ist Kotzen

Poesie ist Kosten

Poesie ist Bersten

Poesie ist Stutzen

Poesie ist Nutzen

Poesie ist Trester

 

III

 

Von Michel Butor geht die Legende, er gehe durch Genfs Strassen in einem weiten Overall, einem Handwerker- oder Mechaniker-Overall, dessen viele Taschen voller Bücher seien - gehe in einem Kleidungsstück also, das die Bücher in das tägliche Leben holt, weil sie am eigenen Körper wie zusätzliche Glieder getragen werden können. 

Vor einigen Jahren habe ich begriffen, dass ich nur eines sein kann und sein werde: ein Dichter - und stehe zu diesem Wort mit dem magischen, leicht megalomanischen und verführerischen Klang. Ich sagte mir, ich will nicht nur Dichter sein: ich will dichterisch leben - oder eben: poetisch leben.

Wie Butor will ich das Gedichtetragen, das Gedichtevortragen, das Gedichteschreiben, das Gedichtebetreiben - leben

Wenn ich sage: dichterisch leben, dann meine ich eben nicht den Elfenbeinturm oder den hohen Stil oder sonst eine schwülstige, weltabgewandte Form der Literatur - ich meine eine ganz alltägliche Haltung: wie ein Schienenleger, eine Kassiererin, ein Mathematikprofessor, ein Polier, ein Müllmann, ein Laborant, eine Testmaus, eine Hausfrau, eine Kleinkinderzieherin oder Hebamme, eine 5. Klässlerin, wie ein Rentner, ein Milchbauer, ein Metzger, ein Drehteilelieferant, ein Bettler und ein Banker - nur schreibe ich Gedichte. Das ist nicht nur meine Arbeit, und ich bin mir nicht nur der Gabe bewusst (auch das ein hohes Wort, gewiss), weder schäme ich mich ihrer noch werde ich darüber hochmütig, denn sie ist - mehr als Arbeit: ist Lebens-Aufgabe. 

Rinn unterdess, o Leben. 

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Einige lieben Gedichte

I

 

Im Wüsten Schönes lieben:

Die meisten wollen unterhalten

Werden und nicht betrachten

Die wüsten Halden. Triebe

Des Schönen erst entfalten

Sich im Verfall und sachten

Getrotz. Die vielen Hiebe

Der meisten rollen ungestaltet

Ab in den Grund für Schlachten.

Wenn Lüste stets nur blieben

Auf Zungen! Würdet ihr das achten?

 

Was schön verwüstet Triebe

Des Guten. Sollen munter halten

Etwa die Volkstums-Trachten?

 

II

 

Einige lieben Gedichte.

Andere lieben schweigend anderes.

Unaussprechlich ist das andere nicht

Und kann benannt werden. Es ist

Unmittelbar und jetzt vorhanden.

Das Staunen darüber fällt nicht schwer.

Die Gedichte lieben lieben

Was unaussprechlich ist

Mehr als das andere

Staunenswert Einsichtige und Benannte.

Sind hinter dem Spiegel suchende Kinder. 

In dem Staub dahinter oder

Der blassen Wand dahinter

Finden sie lichtscheue hässliche Lebewesen und

Lebensweisen und auch die wenigen Körner

Des über das Unaussprechlichen Sagbaren. 

Mögen sie nie aufgeben!

Mögen sie sich vermehren!

Für jene

Die was ist annehmen

Weil darüber was wäre

Nur geschwiegen werden kann. 

 

III

 

Ich gebe euch nicht was ihr wollt.

Das kennt ihr doch schon und verlangt es wieder.

Ich sehe so vieles verzollt

Das ohne Berechtigung. So verschieden

Ists nicht was ich lieb’ und wird doch gemieden.

 

Und sei es auch so! Was mir rollt

Durchs Hirn und auf Zunge ist wüst und nieder.

Ich sehe es niemals entrollt

In Fahnen und Schildern und Liebesliedern

Für Feste und Handgriffe unters Mieder.

 

Das Schöne als solches gewollt

Auf dass das Getrennte getrennt ist wieder!

Das Heitere werde geholt

Auf dass es die Trauer erneut vetriebe!

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Neue Haikulehre

Aus der Beschäftigung mit der Haikulehre von Takahama Kyoshi, der in einer Zeit der Erneuerung des Haiku (Anfang des letzten Jahrhunderts) dezidiert für eine konservativere, traditionellere Form des Haikus eingetreten ist, und seiner Tochter Inahata Teiko ist in mir der Wunsch nach einer Revision meiner Haikulehre entstanden.

Ich habe diese also nun überarbeitet. Für alle Haikuliebhaber oder -Poeten ist sie jetzt erstmals vollständig. Soweit ein poetisches Ergebnis oder eine Poetik je vollständig und gültig sein kann in dieser fliessenden Welt. 

 

Erst Bescheidenheit

Schlichtheit und Strenge lassen

Im Ding aufscheinen

Was wir in ihm verborgen

Was wir für es entdecken.

Erkenne im Ding

Tiefern Sinn deines Lebens

Und teile ihn mit

Auf dass andre ihn sähen

Auf dass sie sich erkennten. 

Lass das Eigene

Von dir in das eine Ding

Fallen und keimen

Unterm Brennglas deiner Sicht

In der Wärme deines Worts.

Werde allgemein

Um besonders zu werden.

In jedem zu sein

Muss deine Aufgabe sein: 

Menschenwürde bewahren. 

 
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Bashos Oku no Hosomichi

Ich habe gerade beim Surfen nach einer Textstelle die Online-Ausgabe des Haiban-Meisterwerks "Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland" gefunden. Es sei allen zum Lesen empfohlen unter diesem Link!

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Kollegenbeschimpfung

Korinthenkacker! Apothekerseelen! Karnevalsverweigerer!

Hier schiebe ich meine vom Fenstersims schwieligen Ellbogen euch ins Gesicht!

Hier drücke ich euch meinen Pantoffelheldenschmerbauch euch in die Weichen!

Hier nehme ich euch mit meinem dem Schlechten gewidmetem Interesse am menschlichen Verfallen den Atem!

Eure Geschichten sind Valium und kein Bonanza!

Kann man denn eure Ariadne noch ficken?

Hat denn eure Persiphone noch frühlingshafte Locken an denen zu ziehen jeder Liebhaber harten Sex’ verlockt wäre?

Klar müsst ihr bei solchen verbildeten und hodenlosen Schwänzen euren Minotaurus suchen im Labyrinth!

Eure Gedichte sind keine Bananen - sind Dahlien!

Schrebergärtner! Aus euren Versen jodelt die Gewöhnlichkeit und der mangelnde Trotz - 

Die Wörter werden sonntagsmalerisch herausgeputzt entweder

Der Schönheit halber

Der man leider nicht mehr an den Hintern langt

Oder des Spiels halber

Das weder die Nase bluten macht

Noch Blase und Darm entleert.

 

„Oh du ich habe deine Verse so schön gefunden so treffend und genau beobachtet!“

„Und diesen Wortwitz!“ - „Und die unerwartete Pointe zum Schluss!“

„Wie viel Empathie aus diesem Gedicht spricht!“

„Und diesen Rückbezug auf die Gegenwart!“

 

Ich rufe euch zu

Gedicht ist Schmerz

Totgeburt

Down

Ruhr

Epilepsie

Tripper

Apoplexie und Insult!

 

Gedicht ist viraler Infekt bis zur Aphasie!

Gedicht ist Demenz bis zur Religiosität!

 

Schönheit

Denkt daran

Während ihr eure Tischdecken zurechtrückt

Die Tulpen büschelt

Die Türvorleger staubsaugt

Die Krawatte bindet

Die Visitenkarte einsteckt

Die Bankverbindung nennt

Den Badge einscannt

Schönheit ist 

Wüst und beschädigt

Lädiert und wund

Von der Penetration des Lebens!

 

Oh!

Ich falle!

Zerschlage mir den Schädel am Rinnstein des Sinns!

Hilfe!

Ich höre die Hufe der Parzen!

Ich schwöre bei Klopstock

Grasblättern und gelber Joppe

Dass meine Kotze hier und jetzt

Sich mit den Ruisseaux de Paris mischt

Und ohne mein Dazutun

Von meinem hybriden SUV-Pegasus

Der surrend mir übers rechte Handgelenk rollt

An eure Schienbeine spritzt!

Ich bin gut versichert ja ich bin ja Schweizer!

 

Doch jetzt gestatten Sie mir…

Ich habe ein Rendez-vous

In der poetischen Muttenzerkurve - 

Muss noch ein paar Fackeln zünden!

 
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Ich hatte einen Traum

Ich hatte einen Traum

In dem mein Sohn

An einem Tigergehege

Einen Fehltritt tat und 

Da er noch sehr klein

In den schmalen und tiefen Wasserspalt

Zwischen Plattform und Gitter fiel

Und darin versank. Noch jetzt

Da ich dies schreibe

Kommen mir die Tränen - 

Wie nur ihn da rausholen?

Ein Erwachsener könnte höchstens versuchen

Mit dem Arm in den Spalt zu langen.

Ich bin aufgewacht von diesem Traum.

 

Ich rette nicht einmal eine Libelle

Die in einen hohen Saal geflogen ist.

Sie brummt von einer Wand zur andern

Klatscht gegen die Fenster und klebt dann

Weit oben und ruht aus

Nur um erneut aufzuprallen.

 

In den letzten Nächten war in meinem Schlafzimmer

Ein Nachfalter gefangen. Tagsüber fand ich ihn nicht.

Kaum hatte ich jedoch kurz nach Mitternacht das Licht gelöscht

Begann er seine Exerzitien: diesen kriechenden Flug das milchig schimmernde Nachtfenster hinauf

Und den vielstössigen Fall daran hinunter.

Vermutlich ruhte er tagsüber zwischen den Lamellen des Radiators.

Ich konnte ihn nicht sehen wenn er begann

Stellte ihn mir aber vor

Mit seinem behäbigen behaarten Körper 

Den gelbrauen und vielfältig gezeichneten Flügeln

Wie er mit der Beharrlichkeit

Die bei Menschen mit Talent Ausdauer heisst

An seiner unmöglichen Rettung 

Arbeitete. Jetzt ist er

Verstummt. Ich schlafe wieder -

 

Schlafe weiter… Die Träume sind jetzt wieder

Wie Silberfische auf den Platten des Badezimmers.

Sie weichen den Füssen aus

Obwohl ich ihr Sehvermögen und ihre Weitsicht bezweifle. 

Nur letzthin kroch beim Frühstück ein mehr als ameisengrosser an meinem rechten Fussknöchel hoch. 

 

Ich freue mich für die Silberfische

Die frei sind und manchmal zertreten

Und nicht für die Träume

Die es nicht sind und uns zertreten.

 

Ich rede manchmal tagelang kaum eine Handvoll Wörter:

Ich habe ja auch nichts zu sagen

Obwohl mich die Neigung meiner Tochter stört

Ihr helles Unterleibchen über den Hintern hinunterzuziehen - 

Obwohl mich die Neigung meiner Frau stört

Ihren warmen bleichen Körper in den Morgenstunden an mich zu pressen - 

Obwohl mich die Neigung dieser Gesellschaft stört

Nur Ziffern und Summen und Dienst und Lohn als Wirklichkeit anzunehmen…

 

Ich verneige mich nur

Vor den Zurückgezogenen

Vor den Pennern

Vor den der Welt abhanden gekommenen

Vor den Träumern

Die alles aufgegeben haben.

Ich kenne sehr wenige davon

Denn es hat mit Risiko zu tun

In die Möglichkeit

Hineinzugehen. Vom Ausgang

Aus der Unmündigkeit

Wissen wir ja auch nicht mehr

Als die Insekten.

 

*  *

  *

 

Ich bin hart geworden

(Verhärtet sagt man dazu)

In den letzten Monaten und Jahren

In der Einsamkeit mit meinem Freund

Meinem einzigen Vertrauten dem Blatt

Und sei diese Einsamkeit auch eine Gemeinschaft oder Gesellschaft

Ja fast Kommunion. Doch da

Wo die Panzerplatten aufeinandertreffen

Ist dieser Spalt - diese Ritze

Durch die wie ich annehme Insekten atmen:

Dahinein schieben die Träume ihre Klingen

Dahinaus pressen sich die Gedichte

Die mit der mechanischen und repetitiven

Unermüdlichkeit von Insekten

Die um ihren möglichen Tod nicht wissen

Dagegen gestossen sind

Bis sie an die Ritze gelangten

Und unerwartet hier draussen sind

Meist unrettbar deformiert und defloriert. 

 

Härte aber

Bewahrt nicht

Vor dem Fall

Und auch nicht

Vor dem Bruch.

Fürchtet ihn.

 

Geduld aber

Bewahrt nicht

Vor dem Erfolg 

Und auch nicht

Vor dem Mangel.

Fürchtet ihn. 

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Nichtigkeits-Gedicht

Plötzlich ist alles nicht nur nicht

Nichtig mein Freund

Als hätt eine Taube draufgeschissen

Sondern in hohem Bogen

Überflüssig als würfe man

Die Säue zu den Perlen:

Die einen zwiebelgleich wachsend um ein Schmutzkorn

Die andern auf Laufsteghacken wühlend nach der Nuss.

 

Ein Gaul steht auf der Wiese des Taus

Den Kopf auf Halbmast. 

Ein Tau entwächst der Flanke einer Ulme

Darunter ein ewiges Licht mit rottenden Rosen.

 

Die Blösse der Sau und die Hülle des Korns:

Wie seltsam ist es doch

Dass die Schrauben in meiner Kindheit

Mehr und mehr von Nieten ersetzt wurden

Und ich dennoch mein Freund davon träume

Den Getriebekasten vorsichtig zu öffnen um nochmals 

Die Schreie meiner Mutter oder meines Bruders zu hören. 

 

Giftgas. Horrorberichte aus Syrien - 

Darunter ein riesiges Bild von einem Bikinimodell 

Mit Gasmaske. 300 Hektoliter radioaktives Löschwasser

Ins Meer ausgelaufen - daneben ein kleines Bild 

Für kostenloses unbegrenztes Kommunizieren in alle Netze. 

 

Über dem Teich steigt Nebel auf. Dort

Wo die Seerosenblätter ihn bedecken

Nicht. Entlang des Schafgeheges ein Plakat:

Minipredigt.ch - an jedem Sonntag neu.

 

Die Garagentore spucken

Wie die Zugbrücken des Mittelalters

Ihre SUVs aus und die Elektrovelofahrer

Rasen visierlos ihrer Bürodusche entgegen.

 

Mein Apparat besteht aus Nadelstichen

In den Fladen des Gewohnten und doch

Glänzen die Knöpfe wie Schweisstropfen

Mein Freund - und manchmal glaube ich gar

Sie nähten daran - nähten daraus

Einen Schneuztuch-Lappen

Der mir in der Hosentasche nässend aufquillt.

 

Richtig ist mein Freund

Dass ich zwar hier lebe

Aber nicht hier bin

Wie das Korn oder die Nuss

Ein Versprechen einlösbar erst

Wenn besudelt oder verbuddelt.

Ich habe keine Ahnung 

Ob die Stickerei

In den Teig des Alltags

Oder die Brüterei

Über den Einzelteilen

Zu etwas mehr Verwirrung beitragen kann

Aber was ich weiss ist mein Freund

Dass jedes aufgenommene Korn

Und jede ausgegrabene Eichel

Trotz Seerosen und Allradantrieb

Nicht nichts bedeuten wird.

Bis dahin bleibe ich nackt

Und wiege meine Hüften zum Klackern der Wörter.

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