Artikel mit dem Tag "Schreibtagebuch"



19. Juli 2015
Meine Gedichte sind Briefe; ursprünglich Liebesbriefe. Oder Tagebucheinträge. Eher selten handelt es sich dabei um Reden, Voziferationen; doch in letzter Zeit häufiger. Sie sind also stumme Zeugen. Dem Blatt und weniger der Zunge verpflichtet. Zuerst. Natürlich wohnt in ihnen der Laut genauso wie in jedem Buchstaben, in jeder Ziffer. Ist er denn auch berechnet, mitgerechnet? Geht mein Gedicht aus dem Laut oder aus dem Blatt hervor; aus dem Wort oder dem Inhalt? Ich beschreite beide Grenzen,...
20. März 2015
Wörter in ihrer ganzen Allgemeinheit in Gedichte schlagen wie Nägel in lose Bretter: und doch sieht jeder sein eigenes Bild an einem Ballonfaden im Wind hin- und herschwanken.
17. März 2015
Poesie ist ein Flug & Flux. — Ich stelle sie mir wie einen Habicht vor, der plötzlich und immer jetzt aus der Höhe der Abstraktion in den Grund der Fakten und Akte schiesst, dabei den Staub der Alltäglichkeit so aufwirbelnd, dass er sich eine Weile nicht wieder auf die Sachen und in die Rachen legt. — Oder wie eine Forelle, auch sie in schiessender Bewegung, nach einem Insekt springend über der festen und fliessenden Fläche, ein heller Blitz aus Schuppen, ein lautes Klatschen auf...
12. Februar 2015
Schöpfen ist grosszügig. Das mag wie ein abgenutzter Gemeinplatz klingen. Ist es aber nicht. Je breiter der Pflug ist, mit dem du die Erde aufreisst; je mehr Fleisch du auf die Knochen deiner Geschichte pflastern kannst; je weiter und länger deine Geschichte in der Zeit vor- und zurückreicht; je mehr Personal sie verschleisst oder mindestens benötigt; je öfter du noch weiter ausholen musst, als du ursprünglich wolltest; je tiefer die Furche wird, die du unschuldig und ahnungslos zu...
14. Dezember 2014
Ich schreibe, weil ich lebe. Ich lebe, weil ich schreibe. Unterschiedliche Ebenen von Wahrheit… Anders gesagt, will ich nicht reden. — Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für mich im mündlichen Ausdruck selbst das wahrhaftig Gemeinte - und fast möchte ich schreiben: das Gemeinteste! -, nicht nur der Ausdruck von Liebe und Zuneigung, sogar einige simple Worte der Freundschaft in meinen Ohren - und nur in meinen, wenn auch potenziell auch in jenen des Zuhörers! - einen sozusagen...
02. Dezember 2014
Alles ist Fachsprache. Willst du etwas nicht nur beschreiben, sondern es im Wort erfassen, es benennen, bist du hilflos: es fehlt dir der Wortschatz. Überall lauern so Wortfallen; ohnmächtig suchst du in deinen Wörterbüchern und findest nichts. Als gäbe es keine Wörter für alle diese Gegenstände, für alle diese Körperteile; aber du kannst die Wörter dafür nicht erfinden, du wüsstest nicht einmal, wo beginnen.
10. November 2014
Die ganze Wut, zu der du fähig bist, die ganze Bitternis, Bosheit und Brutalität, in ein Gedicht legen — so, dass man es nicht sieht, aber fühlt: schwer und bedrückend, fast nicht auszuhalten, ein Magengeschwür im Gedicht.
27. Oktober 2014
Du wirst nach der Absicht hinter einem Text gefragt. Du antwortest, da sei keine Absicht dahinter. Du meinst, was du sagst. Wenn es Absicht gibt, dann ist sie im Schreiben entstanden. Du willst nur schreiben. Du schreibst, das ist Absicht genug. Du bist keiner, der auf dem Silbertablett Geschichten präsentiert. Du sehnst dich nach einer Sprache, die nicht mehr zeigt, nach einer Sprache, die ist, nach einer dinglichen Sprache. Deshalb vielleicht schreibst du: die Dinge in Sprache bannen. Mehr...
18. Oktober 2014
16. Oktober 2014
Die Erzählstimme wechseln: lange in einer sehr genauen, aber porösen Art schreiben, die nicht zu viel von allem will oder gar kann, eine Stimme führen, die ununterbrochen wachsam ist, die jeder Abweichung ausweicht, weil sie eine Lüge ist, und dann mit einem Hüftschwung der Wörter hinüberwechseln in die andere Wagenspur, wo die Wörter rinnen und springen, und keines mehr wiegt als das nächste oder das vorhergegangene, weil ihnen alle die ähnliche und verräterische Kraft innewohnt,...

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