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Eine Stimme ruft

Schreiben braucht Mut. Ausdauer. Oder vielleicht nennst du es besser Überwindung, "gegen den inneren Sauhund ankämpfen".

 

Denn nichts ist schwieriger als der Trägheit, der Erschlaffung zu entrinnen, dem Schaukeln und Schunkeln im vertrauten Kreis. Du kennst die Abläufe, die Aufgaben, jedes Ding hat seinen Platz, du selbst brauchst die immer gleichen Sinnbrüche und Handgriffe. Die dir auch bei dem helfen, was du kannst.

 

Deinen Gedichten geht es gleich: du bestimmst mit einer gewissen geübten Nonchalance, die inzwischen fast zur Frivolität, zum Übermut zu werden droht, ihre Stimme und ihren Lauf, ihre Spasmen und ihre vorausberechneten Finsternisse. Ein wenig wie das Einstimmen eines Orchesters, nur tritt kein Dirigent aus dem Dunkeln auf die Plattform hinaus, ein allgemeines Gefiedel, aber keine Sinfonie.

 

Doch in einem Moment der Unaufmerksamkeit beginnst du eine Geschichte. In einer Sprache, mit einer syntaktischen Zerrissenheit, auf die du dich vielleicht immer schon vorbereitet hast. Die Stimme, die Person fast eines gebrochenen, eines verlassenen, vielleicht gar eines verlorenen Menschen; allein zuhause. Ungewiss, ob es überhaupt noch Menschen gibt.

 

Du gibst dieser Stimme ganz nach, alles geschieht "automatisch".

 

"Und es dauerte so gesegnet lange" (um Hamsuns "Hunger" einmal zu zitieren), doch dann bricht der Strom ab, du selbst oder die Stimme sind erschöpft.

 

Und nun, fast ein Jahr später, - heute - bist du selbst mehr oder weniger in derselben Situation: zuhause nicht eingesperrt, aber doch vorerst "kaltgestellt" bis auf weiteres. Der Text, die Stimme rufen dich schon lange: kalt und fast närrisch geworden inzwischen, verstümmelter denn je, hilfebedürftiger denn je.

 

Wie nur die Kraft aufbringen, diese Stimme wiederzugewinnen, den Mut, dir diese Stimme wieder anzueignen? - Du bist satt, die Kinder sind um dich, du musst die Rechnungsaufgaben deines Sohnes überprüfen, die Zeichnung deiner Tochter bewundern und kritisieren…

 

Ja, es ist wirklich Überwindung: allem entgegen aus dem Teich deiner gewohnten Sprache und Sprach-Mechanismen heraussteigen, und dieser Stimme dienen, deren Geschichte du ja noch nicht einmal kennst, liegt sie doch ganz und gar verborgen in ihrer synkopierten, schluchzenden Sprechweise.

 

Am Anfang wird es sein wie eine neue Laufstrecke, wie eine neue Gymnastikübung: Deine Glieder sind noch steif und unbegeugt dafür, deine Beine erstaunt und jedesmal schwerer über jede unerwartete, weil ungewohnte Steigung…

 

Doch wenn du dich überwindest - bitte überwinde dich! -, wirst du diese Stimme wieder finden. Und ihre Geschichte dazu. Denn sie will erzählt werden. Dir und den andern, die sie hören können.