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Lebendig werden

Ich glaube, im Anfang jeder Lesebiografie steht die Neugier. Die Neugier von Kindern und Jugendlichen, in Geschichten etwas zu "erleben"; in andere Welten abzutauchen, sich andere Persönlichkeiten und Schicksale anzueignen. Natürlich auch die Neugier, sich Wissen anzueignen: über Dinosaurier, das Weltall, Motoren und Pferde. Es handelt sich dabei durchaus um ein erstes Herausgehen aus sich selbst, ein Fremd-Gehen. Um den Erwerb von Parallel-Erfahrungen, bei manchen von uns vielleicht sogar bewusst Parallel-Welten, Flucht-Welten. Die Bücher bereichern dabei das eigene Erleben, vergrössern die Welt-Kenntnis, erhöhen die Aufmerksamkeit für das Fühlen, Denken und Erleben anderer.

 

Für mich selbst, der früh Geschichten und bald auch Gedichte zu schreiben begonnen hat, war schnell klar, dass die gelesenen Geschichten und später Gedichte zwar "stimmen", will heissen: mich erreichen und betreffen konnten. Aber ich erlebte immer wieder eine Enttäuschung: niemand erzählte von mir, von meinem Erleben - in den Büchern war alles "geborgt" für die Lesezeit -, und noch wichtiger: niemand erzählte in meiner Stimme, es waren nicht meine Worte, nicht meine Bilder… Sehr selten nur gab es Entsprechungen, die ich so dringend benötigte oder zu benötigen glaubte: als schriebe jemand in meiner Stimme, an meiner Stelle, in meiner Sprache, mit meinem Vokabular, mit meiner Ironie, mit meinem Witz oder Humor, mit meiner Sentimentalität. (Und später: mit meiner Wut, meiner Demut, meinem Ungenügen.)

 

Woher dieses Bedürfnis kommt, diese Suche nach einem Ausdruck meiner selbst? Ich nehme an, es wurde direkt befeuert von den Lese-Erlebnissen: die möglichen Welten, die ich in Büchern erlebte, befruchteten nicht nur meine eigene Welt, sondern weckten den Eifer, diese Möglichkeit(en) auf mein eigenes Erleben zu übertragen, aus meiner eigenen Möglichkeit Welt und Bild zu schaffen. Und als Jugendlicher dann natürlich: die Liebe, die in jedem Menschen nach Ausdruck, nach schöpferischer Behändigung verlangt.

 

Und heute? - Wenn ich heute schreibe, dann geht es um die Aktivierung meiner Lebensfähigkeit, meiner Empfindungsfähigkeit. Nicht als Selbstzweck, quasi im modernen Sinne der Selbstverwirklichung, sondern als Lebenswirklichkeit: im poetischen Sagen vergegenwärtige und aktiviere ich Traumata, Träume, Taten und prägende Erlebnisse, verwandle sie in Metaphern und Erzählungen von anderen. Ja, von anderen: das Fremde der Sprache, diese Lücke zwischen Empfinden und Ausdruck, verwandelt wiederum das, was ich sage, in das, was jemand anders sagt. (Rimbaud lässt grüssen.) - Das ist ja letztlich das Spannende, das Eifer-antreibende Geschehen: sobald das Gesagte aus dir heraus ist, gehört es nicht länger dir, lässt dich anders erscheinen als du eigentlich zu sein glaubst.

 

Nun könntest du natürlich einwenden: Ja, wenn es dir nicht gelingt, genau das zu sagen, was du willst / wolltest, was bist du denn für ein Schreibender, für ein Loser?! - Darauf kann ich einerseits nur zustimmend nicken und andererseits auffordern, mach es mal besser. - Denn hier beisst sich die schreibende Schlange in den Schwanz: C. F. Ramuz soll einmal gesagt haben, eigentlich schreibe ich immer am gleichen Roman. Will heissen, jeder Roman ist nur annähernd perfekt, vollendet. Will heissen, deshalb beginnt mit dem nächsten Roman sofort die nächste Annäherung an die Vollendung, an die Perfektion. - Und natürlich steht dahinter immer der gleiche Wunsch, der Wunsch nach dem Ausdruck meiner selbst.

 

Und erst im Ausdruck meiner selbst - der bei mir anscheinend nur über die Sprache (und auch da nur in Annäherung an Perfektion) funktionieren kann - aktiviere ich mich selbst, werde ich lebendig, wie ich sonst nie und nirgends lebendig werde.

 

 

Wenn du also ein Gedicht von mir liest, kann es dir schal oder unausgegoren oder unverständlich vorkommen. Aber sei dir dessen gewiss: der Moment, in dem es entstanden und geschaffen wurde, ist einer der wenigen Momente meines Lebens, während derer ich ganz und gar lebendig war. Ja, leider immer wieder: war.