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Ausweichen, ablenken

"Ich habe oft gesagt, dass das Unglück der Menschen von einer einzigen Sache her kommt, und die ist nicht in Ruhe in einem Zimmer bleiben zu können." Blaise Pascal

 

Als Religionslehrer erlebe ich immer wieder, wie Schüler*innen sich einer Aufgabe, die sie fordert (und vielleicht hin und wieder auch überfordert), zu entziehen versuchen: sie haben plötzlich schrecklichen Durst, müssen plötzlich ganz dringend aufs WC oder kommen nach vorne, um wie verrückt ein Bleistift zu spitzen. - In der vergangenen Woche habe ich ähnliches Verhalten auch bei meinem eigenen Sohn festgestellt, besonders das verzweifelte Bleistiftspitzen hat mich betroffen gemacht, aber auch amüsiert.

 

Dabei handelt es sich um natürliche Fluchtreaktionen, die wir Menschen dann entwickeln, wenn wir uns einer Aufgabe, einer Arbeit nicht mehr entziehen glauben zu können: Nur alles mögliche Unwichtige, aber gerade in diesem Moment sehr wichtig gewordene Unwichtige, vorher noch schnell erledigen. Am besten so, dass diese Unwichtigkeit vielleicht sogar den Beginn der Arbeit, die vor einem liegt, verhindert oder wenigstens in zeitlich weite Ferne zu rücken versteht.

 

Und hier trifft Pascals oben zitierter Ausspruch den Kern der Sache. Die menschliche Natur ist eine fliehende, eine fortschreitende, eine weiterentwickelnde. Der Mensch ist kein bleibendes, ruhendes Wesen. Unterhaltung, Ablenkung, Zerstreuung - aber um keinen Preis das tun, was zu tun ist. Dies selbst dann nicht, wenn dir die Katastrophe in die Visage starrt.

 

Alle Eltern mit Teenagern kennen das Erstaunen, ja Entsetzen über die Unordnung, das Chaos im Zimmer ihrer Teenies, und mancher von uns hat vielleicht schon gesagt: Wie kannst du nur darin leben? - Die Menschen sind Künstler des Aushaltens von Unaushaltbarem, seien es Krankheit und Behinderung, Armut und Verwahrlosung, Unbildung und Unwissen. - Unterscheidet uns nur Körperbau, Grösse und Gehirnmasse von den Kakerlaken?

 

Alles, was eine geistige Anstrengung erfordert, vom Lesen eines in langen Perioden geschriebenen Buches über das Verfassen eines Entschuldigungsbriefes, das Lösen einer arithmetischen Aufgabe, das Nacherzählen einer Geschichte, das Gestalten eines Gefühls mit Farben, bis hin zur (Er-) Findung einer eigenen schöpferischen Ausdrucksweise (vom Tanz über das Singen bis zu wissenschaftlicher Untersuchung); aber auch alles, was eine körperliche Anstrengung erfordert, die über das gewohnte Mass an Leistung hinausgeht - wie gerne "verschlaufen" wir uns vor solchen Herausforderungen, wie gerne weichen wir aus oder suchen das Weite davor.

 

Es ist diese Furcht, aus der eigenen "Komfort-Zone" heraus zu müssen: mehr tun, mehr erleiden, mehr von uns selbst verlangen lassen zu müssen als gewohnt. Und jetzt, eingeschlossen in unseren Häusern, in Gegenwart von unseren "Liebsten" oder allein, nachdem manche im Garten Ordnung geschaffen haben, andere endlich einmal so richtig sauber gemacht haben zuhause, neue Kochrezepte ausprobiert haben, die Möbel gerückt, die Bücher abgestaubt sind: gilt es Ernst, gilt es, die Enge des Pascal'schen Zimmers auszuhalten.

 

Gewiss, du kannst immer noch deinen täglichen Lauf machen, mit deinen Kindern spazieren gehen, Einkäufe machen; du kannst immer noch Filme von Internet-Plattformen streamen, dich mit den herzigen oder galgenhumorigen Youtube-Vlogs oder -Videos amüsieren - doch wäre es nicht Zeit, dir selbst in die Augen zu sehen, dich selbst wahrzunehmen? Hältst du das aus?

 

Wenn ich jetzt mich endlich zum Schreiben durchringe, den Anlauf über diese Predigt hier nehme, dann auch, weil ich nur allzu gerne ausweiche, mich ablenke, meine Vorhaben verschiebe und davon träume, wie schön es wäre, sie dann irgendwann realisiert zu sehen - und vielleicht noch berühmt damit zu werden. Auch ich kann nicht einfach "ruhig in einem Zimmer bleiben".

 

 

Und bevor ich wirklich schreibe, wirklich wirklich, denke ich daran, wie uns das Hollywood-Ideal immer wieder vor Augen gehalten wird: Wenn du es wirklich willst, dann kannst du es auch und wirst damit Erfolg haben. (Was auch immer das sein mag, Erfolg.) Wie uns Motivatoren einreden, ab einer gewissen Übung im Geigespiel oder im Haikuschreiben, ab der 1'000sten Stunde zum Beispiel, würdest du ohnehin ein Virtuose, ab der 10'000sten Stunde komme der Erfolg von alleine. Und du fragst dich, was ist wirklich so derart wichtig, dass du Tausende von Stunden darin investieren würdest…