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Aus der Dunkelheit

Seit einiger Zeit, vielleicht schon seit Monaten, sträubt sich in mir alles dagegen, noch etwas zu schreiben. Mich an einen neuen (oder gar an einen alten!) Text zu setzen, das hielt ich in meiner oberflächlichen Tagesform und Tageseinstellung für überflüssig und unnötig. Anders gesagt: Was ich zu sagen hatte oder hätte, führte nirgends hin, konnte niemand - und am allerwenigsten mich - mehr zu einer Erneuerung führen.

Denn in meinen Augen geht es immer um die Erneuerung, wenn du schreibst. Wie aber ist diese Erneuerung zu beschreiben?

Am einfachsten liesse sich sagen, es handelt sich dabei um einen Prozess der innerlichen Veränderung, der beim Schreiben stattfindet. Durch und im Schreiben findest du Umstände und Zustände, die dich prägen und handeln lassen, derer du dir aber nur wenig bewusst bist. Das Schreiben befreit Energien und Bilder, als liessest du ein riesiges Schleppnetz über deinen Meeresboden rechen, wirbelt Staub und Unrat auf, und in diesen ist meist das Gold enthalten, das du suchst. Findest du im Unrat und Staub etwas Goldenes, kannst es einfangen und festhalten, kann das deine einzige Chance für Erlösung davon oder daraus, "du" bleiben zu müssen: eine Möglichkeit, in dir anderes zu finden als das Gewohnte, das Gebrauchte.

 

Ich fragte mich, ob ich überhaupt etwas zu sagen hatte. Ich schien nur immer an der gleichen Stelle Schlamm und Schlick aufzuwirbeln. Die Trübung des Textes spiegelte die Trübung meines eigenen Lebens, die Zweckmässigkeit, die Zweckgerichtetheit meines eigenen Lebens angesichts all der Anfragen an und all des Unwissens über das menschliche Erleben und Handeln. Angesichts unserer ungeklärten Situation im "grossen Ganzen", im Universum.

Denn auch davon bin ich heute noch überzeugt, darum geht es letztlich, muss es gehen: Nicht um das leichtmütige Zerstreuen von Bedenken und nicht um die herzlose Romantisierung im Kommerz und nicht um die beissende Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen des "So-Seins", sondern um die Erhellung und Aufklärung unseres Wesens, unseres Daseins, unserer Eindrücke, Instinkte und Beweggründe.

 

Heute früh las ich, wie ich das jeden Morgen zu tun versuche, in Prousts "Le temps retrouvé", dem letzten Band seiner "Suche nach der verlorenen Zeit". Ich war inzwischen an der zentralen Stelle des Romans angelangt, als der Held (das namenlose Ich) im Hof des Prinzen von Guermantes über zwei unebene Steinplatten stolpert, die ihm Venedig im Frühling, den San-Marco-Platz in Erinnerung rufen. In diesem Moment beginnt, begünstigt durch das Warten auf den Einlass, weil das Konzert im Hause Guermantes schon begonnen hat, das Nachdenken über seine immer wieder vergeblichen Bemühungen, hinter die "Hieroglyphen" zu schauen, die ihm etwas sagen zu wollen scheinen. Das namenlose Ich des Romans begreift endlich, dass seine Suche "ausser sich" nach Erkenntnis und schöpferischer Tätigkeit, sein Glaube, die Schönheit eines Kunstwerks sei in der Realität zu finden, ein kolossaler Irrtum war: Die Schönheit und Tiefe liegt nicht im Äusseren, sondern in der Person selbst, die sie empfindet und wahrnimmt.

Die eigentliche Realität, anders ausgedrückt, ist in dir, und nicht ausser dir.

Der Held begreift in diesen Momenten, dass es sich bei seinem Scheitern am Text, seinen wiederholten Niederlagen bei der Schaffung eines Kunstwerks, seiner scheinbaren Unfähigkeit zu schöpferischer Tätigkeit um eine Ausflucht, um eine Feigheit und Schwäche gehandelt hat. Die Aussenwelt, die er zu entziffern versucht hat, darf nicht der Anlass sein für sein Kunstwerk. Was diese Aussenwelt in ihm drin anrichtet, auslöst, hinterlässt und anstiftet: das ist das Thema seines Kunstwerks.

"Ce que nous n'avons pas eu à déchiffrer, à éclaircir par notre effort personnel, ce qui était clair avant nous, n'est pas à nous. Ne vient de nous-même que ce que nous tirons de l'obscurité qui est en nous et que ne connaissent pas les autres."

 

 Ich glaube, jede*r Schreibende kennt dieses Wissen, Drängen und Betteln in sich um Äusserung, um Schöpfung und Entstehung. Und jede*r Schreibende kennt die Ausreden, das Abwenden, das Verschieben jenes verhängnisvollen Moments, da du dir selbst im Text gegenüberzustehen hast. Da du in die eigene Dunkelheit oder gar Finsternis hinabblicken kannst.

Wenn du dich dann doch einmal und endlich hingesetzt hast, alles Vordergründige und unmittelbar sich Aufdrängende erfolgreich von dir geschoben hast - der WhatsApp-Chat, die Emails, die du noch nicht beantwortet hast, die Online-Schachpartie, die gerade am Laufen ist, die neuesten Nachrichten zum Corona-Virus kurz vor der endgültigen Ausgangssperre -, braucht es kaum eine Viertelstunde, um in diesen hellen, beruhigenden Abgrund zu tauchen, der nur ganz am Anfang finster und abweisend scheint.

Das Schönste an diesem Schöpfungsprozess ist das Nichtwissen, wohin er dich führt. Ich habe schon oft ein Gedicht mit einer konkreten Idee im Kopf begonnen und musste dann mittendrin realisieren, dass das Gedicht in eine ganz andere Richtung wollte, in die richtige Richtung. In die Richtung der Erneuerung, der Veränderung.

Was für eine Sehnsucht ich habe nach Veränderung! Obwohl und vielleicht gerade weil ich derzeit finde, an einem sehr guten Ort in meinem Leben angelangt zu sein. Auch dies bietet wieder Stoff für neue Gedichte.

 

Im letzten Sommer habe ich mit mehreren "Romanen" oder besser Romanprojekten begonnen. Eines davon trägt den Titel "Den Wald im Rücken" und umfasst vielleicht zwei A4-Seiten Text. Es handelt (voraussichtlich) von einem Mann allein in einer Wohnung, der verwahrlost und vereinsamt. Vielleicht hat ihn seine Frau oder Freundin verlassen, vielleicht ist sie gestorben. Von Anfang war mir klar, wie "wichtig" dieses Projekt, die darin gefundene Sprache und Sichtweise für mich war. Ich konnte mich mit diesem Mann sehr gut identifizieren, auch wenn er eine weitaus verwirrtere, unsichere, wütendere Version meiner selbst war (oder ist). Ich konnte an diesem Menschen zeigen, was mit Menschen passiert, wenn sie ihre Lebensmitte verlieren - was mir in den letzten Jahren passiert war.

Mehr noch aber konnte ich diese beginnende Erzählung, die noch kein Ziel, vergessen denn Zweck kannte, in meine Vorliebe der Endzeit-Erzählungen einfügen: vielleicht würde es in dieser Geschichte auf einmal keine Menschen mehr geben. Oder schlimmer noch, die Menschen hätten jegliche Kommunikationsmöglichkeit miteinander verloren, ein wenig wie in der uralten Geschichte vom Turmbau zu Babel: eine Verwirrung des Menschen angesichts seines Übermuts.

 

Ich habe mir vorgenommen, diesen Roman in dieser Zeit zu schreiben, in der wir besser zuhause bleiben und uns und andere schützen.