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Gegenstatik (Poetik)

Die Idee eines statischen Gedichts: mehr Bild oder Skulptur als Film oder Folge - Beschreibung und Fixierung, gelegentlich Vexierung - genügt mir nicht mehr. Gewiss kann ein Gedicht als "Momentaufnahme" ganze Zeitalter durcheilen oder erfassen, nur schon von der Zeitenfolge her. 

Ein solches Gedicht ist in meinen Augen ein wenig wie Giottos "Einzug in Jerusalem", wo im rechten vorderen Bildfeld drei Männer dargestellt werden, die ihre Mäntel ausziehen, um sie auf die Strasse zu legen: der eine breitet gerade seinen Mantel aus, der andere zieht ihn über den Kopf und der dritte schlüpft erst aus den Ärmeln. 

 

Wenn ich auf meine ersten Gedichte zurückblicke, erklangen schon damals Stimmen in ihnen, die nur begrenzt mit mir selbst zu tun hatten. Sie rissen an den dünnen Netzen von Sprache und Sinn, ja von Aussage und Kommunikation, die ich über sie zu spannen versuchte. Noch wollte ich zusammenhalten, was doch von unbewussten und notwendigen Fliehkräften, deren Herrscher ich nicht sein kann noch will, zerpflückt und zerstreut werden will. 

 

So lasse ich nach und nach Freiheit und Bewegung ins Gedicht. Was zuerst noch ein Arrangement von grade so zusammengehaltenen und mehr und mehr fadenscheinigen Bruch-Stücken und Satelliten war, wurde mehr und mehr zu Orbitalschrott: im öden Raum des Gedichts rasen Stückwerk, Stimmen, Zeitenfolgen und Zurichtungen wie wahnsinnig umher. 

 

Die Buchstaben, aus denen die Wörter bestehen, bilden die einzigen Streben, das einzige Gerüst, das diese Raumstation, dieses knirschende Werk aus stinkendem Sumpf, Steampunk und kreischendem Stahl, Schimmeltapeten und Schienbeinschmerzen noch erhalten kann. Und die Klänge, die Laute, die Längen und Kürzen der Worte, die Engen und Höhen der Vokale, das Zischen und Ploppen der Konsonanten sind wie die schnell erlöschenden Funken im Vakuum des weissen Blatts. 

 

Ordnung, Tragbarkeit, Ertragbarkeit, Organisation und Gleichmass: die Welt ist erfüllt davon. Je länger ich schreibe, desto radikaler will ich dieses Gespinst von wirklichem Schein und notwendigem Konsens aufdröseln, auflösen: nichts spielt sich geregelt ab, nichts hat seine Ordnung. Statik und Regel sind nur Ausgeburten von Kontrolle, Kapitalismus und Konformität. 

 

Anders gesagt: da ich nicht frei bin, nie frei sein werde, und du auch nicht, begebe ich mich im Gedicht in die unwirtliche Gegend der Freiheit, hebe die Normen, Vorhaben, Vorgaben und Vorschriften auf. Dort ist wenigstens mein Gedicht frei, spuckender Sputnik im Orbit von Sinn und Sage.