Draussen sein (ein Bahm-Gedicht)

Auch meine Mutter war so eine Pflanze, bei jeder Berührung oder Rührung verliess sie den Alltag,

Als flüchtete sie aus einem Stall, setzte sich in ihre Ecke, kratzte an ihrer Stirne herum, 

Mit vor wortloser Panik bebenden Lippen, als flüsterte sie mit der Erinnerung an ihre Entjungferung,

Und ich war ein Insekt in Winterstarre, um das man vorsichtig herumzutappen hat, 

Es könnte einen unvermutet anspringen wollen, auch wenn es beim Versuch bleiben musste, sagte Bahm

Und rieb sich das Kinn, ein Staubkörnchen, das sich ohne jedes äussere Dazutun zur Staubratte auswachsen würde,

Und ich stelle mir heute vor, dass sich diese Stille im Haus und im Hirn 

Wie das Kratzen von Bartstoppeln auf Seidenwäsche angehört haben muss, 

Aber ich habe nur Bilder im Kopf und kaum Geräusche, weil die Stille 

Ewig dauerte und elend machte, und als ich grösser wurde, begann ich

 

Zaubersprüche zu erfinden, über das kiesige Schweigen gemurmelte Bejahungen, wenn man so will, Flüche

Und vorauszusehende Hindernisse in die Sprache flechtend, Wäscheleinen und Stolperdrähte, und so, mein Lieber, 

Überwand ich die staubkörnige Ruhepresserei voller Dampfbügeleisendämpfen, nicht aber schadlos, lernte ich damit doch

Das Krakeelen der Poeten, und Bahm stimmte sein herrliches Lachen an, das ich so sehr vermisse,

Auch heute noch vermisse, ein Lachen ohne zurückgeworfenen Kopf, das erst nur ein Gluckern war

Und dann zu einer dröhnenden Brandung wurde, meine Kinder reden heute noch von dem Mann,

Der wie eine Welle lachte, lachte und sich dabei leicht nach vorne bog, aus der Couch halb aufgeschossen, 

Das spitze Gesicht wie ein Vogel über den Beistelltisch und die Gläser darauf geneigt, 

Oh wie ich die Stillen hasse, wie ihre Vorsicht, ihre Umsicht verachte, ihre schüchterne

Arroganz in der Bewahrung des Eigenen, des unbedingt allein Eigenen, des Kieselstein-Seelchens,

 

Die sich gegen die Zudringlichkeit von Welt und Ding zu wehren versucht, denn Welt und Ding sind,

Sie aber nicht oder noch nicht oder gerade eben gewesen, indem sie alles in sich aufsaugt, die Liebkosung und

Den Kuss, und gibst du einer die Hand, verschwindet selbst deine eigene, fleischige, anwesende

Hand im Nebel der Achtsamkeit, als sei auch sie Teil der Verletzung durch Leben und Mutter und Armut und

Lärm, Neutralisierung oder Ernüchterung durch Einverleibung, könnte man sagen, und natürlich

Können auch sie nicht ohne Worte, natürlich brauchen auch sie diese flatternden Zweige der Gegenwart, 

So praktisch zum Aufflug, die billige Sprache der Draussenheit, aber für sich, aber für sich, nur

Im Umklammern der Wortbitzen, die sie im Kauern und Harren in der Stille und Winterkälte

Aus ihren enger werdenden Herzen klauben und wie Perlen sanft an ihren Schössen reiben,

Nur im Behalten der weiss-schleimigen und doch steppen-trockenen und unfruchtbaren

 

Einsprengsel, gleich einem verhegten Hag, im Erhalten dieses geringen, dünnen Impulses

Gewinnen sie etwas Eigenes, so glauben sie, etwas Eingesickertes, das sich in ihnen wnadelt

Zu kostbarem tiefen Lebensdrang, doch nicht hinaus wollen sie dann, sondern noch tiefer,

Noch schmäler und ferner wollen sie vordringen, und immer ohne Schreien und ohne Prahlen, denn ihnen

Ist ja alles Prahlen, alles Schreien, und so schwanken sie wie Jotams Bäume hin und her, 

Auf dass der Bocksdorn sie berge, dieser struppige, ruppige Kerl voller Einfälle jenseits

Von Vernunft und Traum, der überall wächst, ungepflegt und ungehegt, wild

Wie die Wutwörter, die sie in keusche Säugwörter abändern, der überall wächst, der Dorn, wachsen und schwanken

in seinem feurigen, trockenen Schatten, draussen gegen ihren Wunsch, und ich weiss nicht, was sie fürchten,

Denn hörte ihnen jemand zu, müsste sich die Welt ändern, gäbe es kein Draussen mehr.