"Moderne" Lyrik. Eine Gegen-Poetik

 

Und wenn ich heute meinen Facebook- Account öffne, erscheinen zwischen Weltuntergangsnachrichten kleine Kunstwerke, welche mein Leben bereichern, mich erden und mich lächeln lassen. (Steffi Seitz, auf http://www.huffingtonpost.de/steffi-seitz/lyrik-im-21-jahrhundert_b_10959786.html)

 

Es ist eine merkwürdige Sache mit der Lyrik, mit den Gedichten. Obwohl selbst Lyriker, verstehe ich sehr wohl die Bedenkenträger, die da unter Lyrik Gefühlsduseligkeit und Weltabgewandtheit, ja vielleicht sogar Esoterik vermuten - irgendetwas Verschwörerisch-Blumenhaft-Meditatives. Die Bedenkenträger, denen man ein Gedicht in die Hand gibt oder schenkt, die verlegen lächeln und antworten: Oh, danke, das werde ich dann in einer ruhigen Minute lesen. Und die ruhige Minute kommt nie - nicht in unserer leistungsorientierten, gerätegelenkten und sofortigen Welt. 

Und der Lyriker sind viele! Menschen ganz unterschiedlichen Alters, mit und ohne Lebenserfahrung - obwohl „Lebenserfahrung“ in unserer mitteleuropäischen Welt inzwischen ja eine Sache ist, die vielen nicht mehr widerfährt, weil sie ereignislos-behütete Leben leben. All diese Menschen haben über die Lyrik, über das „Dichten“ (das viele so oft - allzu oft - im Mund oder unter der Feder führen) ein wenig von sich selbst entdeckt, die eigenen Gefühle verkosten gelernt, das Reden von sich erprobt, wurden also in gewisser Weise ermächtigt. 

Ja, Ermächtigung - der moderne Mensch ist nicht (mehr) ermächtigt, er hält sich nur noch für ermächtigt, lässt sich aber längst von anderen Gegebenheiten steuern, von anderen Wirklichkeiten prägen und beeinflussen. Die Ermächtigung, die wir Menschen des 21. Jahrhunderts erleben, ist eine Ermächtigung zum Konsum, zur Ablenkung und zur Zerstreuung. Nur ja nicht mit sich selbst konfrontiert werden, nur ja nicht in der berühmten Pascal’schen Kammer allein eingeschlossen sein! 

Die Lyrikerin, der Lyriker des 21. Jahrhunderts glaubt an die Möglichkeit einer Befreiung aus Hamsterrad und Einkaufszentrum-Glückseligkeit. Er glaubt auch an eine unmittelbare Befreiung durch sein Schreiben, eine Art „self fulfilling prophecy“: über das Schreiben weiss er sich ausgelöst aus dieser Sklaverei der Moderne. Ihre oder seine Gedichte sind Akte der Befreiung. (So redet auch Steffi Seitz im vorangestellten Zitat von „erden und lächeln lassen“: einen Zwischenhalt in der Hektik der vermeintlichen Realität.)

Diese Akte der Befreiung haben aber eine Ähnlichkeit mit der Welt und der Zeit, in der wir leben. Sie wollen Ausschliesslichkeit und „Sofortigkeit“: sie glauben an die Worte, die da stehen, an ihre Richtigkeit, an ihre Relevanz, an ihre Resonanz. Die Lyrikerin und der Lyriker müssen das - da stimme ich schon zu: Glauben sie nicht daran, dass sich letztlich doch was sagen lässt über sich und die Welt, haben sie nichts mehr zu sagen. 

Und doch fehlt da etwas. Es genügt nicht, sich den Seelenkummer oder das Weltenelend von der Brust zu schreiben. Es genügt nicht, einen allzumenschlichen Zustand nochmals allzumenschlich zu umschreiben und das Risiko von Gemeinplätzen einzugehen. Es genügt nicht, in all der Rosenumkränztheit sich der inneren Welt zuzuwenden, dem leidenden, fühlenden Ego - denn darum geht es in unserer Welt weitestgehend nur noch. Es genügt nicht, sich „frei zu schreiben“. Das ist dann nur noch eine Form von (Lebens-) Therapie: die berühmte heilende Kraft des Wortes: „ich schreibe, weil es mir gut tut“. 

Man verstehe mich recht: auch ich schreibe immer wieder, weil ich „was los werden muss“, weil mich „was bedrückt“. Doch sind dies dann selten Gedichte, die ich auch in zehn Jahren noch zu meinen besten zählen werde. Nicht, weil sie persönlich wären - ganz im Gegenteil: sie sind voller Gemeinplätze und Metaphern, die weder wirklich sagen/ausdrücken, was ich „empfand“ - abgesehen davon, dass dieses „Empfinden“ in seiner Sofortigkeit immer ungewiss und unsicher ist -, noch realiter umsetzen, wohin ich wollte. Doch zum „Umsetzen“ später.

Die Lyrik boomt, das ist sicher so und liegt sicher ebenso an der Welt und Gesellschaft, in der wie leben. Doch die Lyrik hat  ein Image-Problem (als ob uns das noch gefehlt hätte!). Dieses Image-Problem hat  seinen Grund gerade in der Art und Weise, wie Lyrik meist betrieben wird - und wie ich sie hieroben zu beschreiben versucht habe. Denn wenn Lyrik für „Gefühle“ stehen soll, für einen „Akt der Befreiung“ im eigentlich ganz und gar Privaten, wenn sie interindividuell nachvollziehbar sein soll wie ein Zeitungsartikel - kann sie nicht mehr wirken.

Wenn ich als Lektor arbeite (und ich tue das immer im Sinne der Autorin, des Autors), stehe ich häufig vor einem Dilemma, das mir Freude und Schmerz bereitet. Freude, weil hier jemand etwas Alt-Neues auszudrücken versucht (Liebe, Trennungsschmerz, Abschiednehmen, Freude über den Frühling und allgemein über die Jahreszeiten); Schmerz, weil es in einer Form daherkommt, die klischierter nicht sein könnte. 

Denn das muss doch mal gesagt werden (jetzt schreibe ich mir etwas vom Herzen): Ja, die meisten Lyrikerinnen reimen; ja, die meisten Lyriker lieben die Inversion in ihren Versen; ja, die meisten Lyrikerinnen neigen zu adjektiven Ergüssen; ja, die meisten Lyriker suhlen sich geradezu in Gemeinplätzen.

Als Lektor und als Leser will ich jedoch nichts davon hören! Als Leser und Lektor will ich endlich, endlich einmal von der Brutalität eines Gedichts mit neuen Metaphern überfahren werden. Als Leser und Lektor will ich endlich, endlich einmal von der Schlichtheit und Strenge der Sprache geteert werden. Als Lektor und Leser will ich endlich, endlich einmal von der Sprache selbst hören, und nicht von der Lyrikerin, dem Lyriker. Als Lektor und Leser will ich endlich, endlich einmal von einer Wendung, einer Floskel, einer Metapher tödlich verwundet werden wie der Heilige Martin mit seinen Pfeilen. 

Ja, die Lyrik muss mehr wirken: denken wir an all die grossen Gedichte, die uns nicht mehr losgelassen haben, seit wir sie gehört haben (Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört, hungernd hysterisch nackt). 

Ja, die Lyrik muss mehr wollen: mit jedem Gedicht muss der Lyriker, die Lyrikerin noch weiter hinaus in die unerforschten Grenzgebiete der Sprache oder des Sagens, an die „final frontier“ des Sprachraums vorstossen. Es muss ihr und ihm ein Wollen, ein Müssen sein, das Gedicht wie einen Nagel in die Wand der Wirklichkeit zu treiben, die uns umschliesst. (Und das kann man jetzt gerne für „Esoterik“ halten!)

Denn im „Umsetzen“ einer Idee oder eines Gedankens liegt die eigentliche Lyrik. Nicht im (Her-) Zeigen und Aussprechen, sondern im Aufzeigen und in der Entfremdung liegt die Kraft guter moderner Lyrik, wenn alle die traditionelle Schlacke von Adjektiven und Reimen und Inversionen und Gemeinplätzen abgelegt sind: entstehen Gedichte, die der Lyrikerin selbst fremd sind; entstehen Gedichte, die dem Lyriker Furcht einflössen. 

Das aber ist ein Ziel, das sich nicht mit Zielorientierung verträgt. Womit ich wieder an den Anfang meiner Tirade zurückkomme: die Bedenkenträger, von denen ich dort sprach, all unsere besten Freunde, die unser Schreiben belächeln als ein Hobby, eine Schrulle oder was noch, diese Bedenkenträger haben ein Anrecht auf solche Gedichte, die über die Autorin selbst hinauswachsen, eben: mehr sind. Als Lyrikerinnen aber dürfen wir ihr rational-weltliches Argument nach Verständlichkeit und nach Inhalten nicht (niemals) ernst nehmen: Lyrik ist nicht Zweckware, Lyrik ist nicht Gebrauchsgut.

Oh, sie darf und kann gefallen und schmecken, aber sie sollte nicht auf billige Unterhaltung aus sein, auf unmittelbare Befriedigung unserer „Erdungs“-Wünsche, auf eine direkte Streicheleinheit für unsere „Seelen“. Lyrik mit Zukunft, könnte man diese Tirade zuspitzend beenden, muss sein wie ein schreckliches Bild aus einer Kriegsregion (dem Ich oder dem Wir, dem Ihr oder dem Du), das uns nicht mehr los lässt; muss sein wie ein Einblick in einen blutigen Operationssaal, auf dem zufälligerweise ein Regenschirm auf eine Nähmaschine trifft; muss sein wie ein spasmischer Körper im Schmerz oder in der Lust.