Aus dem Schreibtagebuch: Sein, wer ich bin

Ich schreibe, weil ich lebe. 

Ich lebe, weil ich schreibe. 

Unterschiedliche Ebenen von Wahrheit… 

Anders gesagt, will ich nicht reden. — 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für mich im mündlichen Ausdruck selbst das wahrhaftig Gemeinte - und fast möchte ich schreiben: das Gemeinteste! -, nicht nur der Ausdruck von Liebe und Zuneigung, sogar einige simple Worte der Freundschaft in meinen Ohren - und nur in meinen, wenn auch potenziell auch in jenen des Zuhörers! - einen sozusagen sofortigen Wertverfall erleidet: weder wahr bleibt noch wirklich gemeint sein kann. Wohlverstanden, ich betone es nochmals: in meinen Ohren…, der Zuhörer mag gehört und verstanden haben, was er vermochte oder wollte… 

Man könnte übertreiben und sagen, dass das hörbare Aussprechen von Wörtern und Sätzen, also mündliche Aussagen in ihrer Unmittelbarkeit und lautlichen Vergänglichkeit für den Ausdruck von Stimmungen und Gefühlen, Zuständen und Feststellungen noch weniger Vertrauen erwecken als die ohnehin unzuverlässigen Wörter, diesen Spiegeln, in die selten jemand hineinblickt. 

Wenn ich etwas sage, erfüllt mich, kaum ist es „raus“, ein Gefühl der Verzweiflung und Scham; eine Scham über die Flucht zurück in Floskeln, deren Leere ich verzweifelt mit Ausdruck zu füllen suche, und eine Verzweiflung über die Flucht nach vorne in ungewohnte Ausdrucksformen, deren Schwere oder besser Schwerfälligkeit ich schamvoll mit Ironie zu heben suche — ich sage nie, was ich wirklich sagen will. 

Aber schenke ich dem geschriebenen Wort wirklich mehr Vertrauen? Es entsteht in meinem Kellerloch, auf der Höhe des Humus sozusagen… Ich lege es auf Augenhöhe (und genauso unmittelbar und plötzlich wie im mündlichen Ausdruck) auf das Papier, wie einen Samen in die Krume oder ein Ei ins Nest, aber im Moment des Lebens oder, schreibe ich schnell und „unter Strom“, des Streuens hat für mich das Wort eine absichtsvolle Präzision aus sich selbst heraus oder (im Falle von Partikeln und Konjunktionen) einen deutlichen Zweck… 

Ich schreibe Zweck, ich schreibe absichtlich… Man ist nie genug misstrauisch!

Denn gerade das ist ja das, was mich im Schreiben leben lässt: Absicht und Zweck sind hier fehl am Platze, denn ich bin kein Verkäufer und kein Politiker…

Oder, um die lange Rede kurz zu machen: im Akt des Schreibens befreie ich mich vom Empfänger, der meine Rede zweckgebunden und beabsichtigt macht. In diesem kurzen Moment bin ich frei, kann ich wahrhaft sein und bin der, der ich grad im Begriffe zu werden bin. —

Noch kürzer liesse sich sagen: auf den Brettern des Papiers bin ich endlich jemand, den anzunehmen ich bereit bin.