Die Wohnung (Traum 7)

Dieses Haus gibt es nicht wirklich.

Das rede ich mir ein

Jedes Mal

Wenn es an dieser belebten Strasse

In meinem Traum steht — 

Mit seinen eingeworfenen Fenstern

Dem blinden Erdgeschoss

Dem seitlichen Eingang

In der Schlucht eines Ehgrabens…

Es steht immer in einem anderen Land

In dem ich noch nie war und vermutlich auch nie sein werde

Denn es gibt dieses Land nicht wirklich

Das nehme ich an

Jedes Mal 

Wenn das Haus an dieser immer anders belebten Strasse 

In meinem Traum steht —

Manchmal ist die Treppe hinauf in den ersten Stock

Eine Aussentreppe wie in manchen Berner Bauernhäusern

Ein andermal ist sie

Wie eine Leiter innen an der Mauer entlang

Die von Schimmel ganz schweissig ist

Und man weiss nicht genau

Ob man auf- oder absteigt 

… Und wer ist denn hier jetzt man?…

Die Wohnung…

Wenn man von einer Wohnung überhaupt sprechen kann

Es ist auf den ersten Blick mehr ein ehemaliger Schankraum

Mit einem parallel zur Strasse verlaufenden Tresen

Der die ganze Breite des Raums einnimmt.

Der Raum selbst ist mit Matten ausgelegt

Mit Reismatten oder sonnengebleichten Teppichen

Die immer aussehen wie abgezogene Häute oder trockengelegter Sumpf

Und während durch die Fenster

Das Geräusch der Strasse dringt

Mit ihrem Rumpeln und Pumpeln

Dem Kreischen der Tram und der Klageweiber und der Vogelhändler

— Und ich darf nicht vergessen zu sagen

Dass die Fensterscheiben einige Male auch 

Mit Zeitungsfetzen oder Packpapier zugeklebt 

Oder aber ganz aus Milchglas sind

Und nur von aussen zerschlagen aussehen

Und dann das Licht durch sie fällt durch diese ausgeschlagenen Scheiben

Wie durch Oberlichter und auch der Lärm 

Eine befremdliche Harmlosigkeit erhält

Wie von oben einfallendem Mondlicht —

Während der Raum also vom Klang erschüttert wird

Trete ich ein in ihn

Vorsichtig und wachsam

Als trete jemand in seine eigene linke Herzkammer

Und ich sehe vorm innern Auge die Kritzeleien auf den Säulen des Eingangs

Toni Kaufmann du Vollidiot

Oder

Toni Kaufmann steck dir deinen Besen doch in den Arsch

Und schüttle abwehrend den Kopf…

Aber…

Diese Wohnung ist anders

Immer ist diese Wohnung anders

Vielleicht ist es ja auch keine Wohnung

Vielleicht ist es ein Gebetsraum

Vielleicht ist es ein Archiv oder eine Apotheke

Und ich glaube von fern das Rattern der Züge zu hören

Wie damals im Schatten des Finanzministeriums

Dieses weissen Wals dessen Amberkopf halb in die Seine ragt

In meinem überheizten Zimmerchen 

Das auf die Gleise des Gare du Nord hinausgab

Und die Lautersprecherdurchsagen

So heisst es in meinem Traum

Die Lautersprecherdurchsagen sagen

Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt und informieren Sie die Bahnhofpolizei über herrenlose Gepäckstücke Regenschirme und Melonen…

Ja diese Wohnung

Gibt es nicht wirklich

Rede ich mir ein

Aber es kitzelt mich 

Im Hals wie kurz vorm Weinen

Das ist eine Spinnenhaut erkläre ich meinem Sohn während ich über diese Wohnung nachdenke die Spinne schlüpft aus ihrer Haut weil sie wächst aber er versteht es nicht er kennt nur das aus dem Ei schlüpfen… - 

Diese Wohnung ist wie

Kleine Gesten zwischen Liebenden

Der zufällig-planmässige Weg einer Ameise

Das gleichzeitige Gähnen eines alten Paars

Und ist bewohnt…

Wessen Wohnung ist es denn?

Und dann während mich vieles erinnert und alles befremdet

Sehe ich in einem Winkel einen schwarzen Körper liegen

In einer pompeiischen Stellung

Und höre den Chor der Fliegen um die Amphore mit Lilien

Und ich strecke die Hand aus

Mit trockenem Mund strecke ich die Hand aus

Wie ein Kind das die Kellerstiege hinunterkommt

Hinunter in den erdigen Geruch der Ewigkeit 

In das langsam huschende Füsseln der Asseln

Zu den alten Lappen der Spinnweben

Die wie abgeflatterte Signalwimpel an allen Ecken und Ende hängen und zittern

Obwohl ich mich zu atmen hüte

Und ich strecke die Hand aus

Und da liegst du 

Schwarz wie Lava

Und mit wie ein Auge geweitetem Schritt

Deine Vagina wie eine knospende Kartoffel auf den Hurden 

Streckst du mir deinen silbernen Kitzler entgegen

Gross wie das Stümmelchen des Erstgeborenen.