Solitudepark

Das ist ein Tag an dem

Baselbieter Väter ihre Kabrios mit ihren Söhnen und ihrer tauben Wildheit füllen

Und im Fahrtaumel von einem Leben als Henry Fonda träumen

Für das ihnen bisher der Mut gefehlt hat

Und was weiss ich wohin fahren

Einfach wohin — 

Der Technik zuliebe dem Getriebe und dem offenen Verdeck

Das ist Freiheit sagen sie sich

Während ihre Frauen zuhause in Stöckelschuhen Terrinnen in sauberen Schürzen zubereiten…

Das ist ein Tag an dem

Ich diese Frau wieder sehe

Mit ihrem von einer rothaarigen Welle daher getragenen Albinogesicht

Diese Frau die mir schon damals wie Gift in die Adern gefahren ist als ich sie

Vor zwei oder drei Jahren hier getroffen habe

Und mein Junge spielt auch heute noch

An diesem Tag im späten Oktober 

Der so viel vom Sommer behalten hat dass man sich zu glauben berechtigt fühlt

Er sei der Sündenfall eines Süchtigen

Und so sehen die Leute heute ja aus

Mein Junge ist auch heute noch gleich wie damals

Eine Art naiver gutherziger hitziger und wehrloser Freak

Der alle mit seinem Spiel und seinen Ideen in den Bann zieht

Bis auf die paar Jungs die es nicht lassen können uns gutmütige

Und selbst im Zorn noch zu jeglicher Anwendung von Gewalt  oder Körperlichkeit zu bewegen sind sodass ich

Wie eine fauchende durchnässte Katze in den Sandkasten einfalle

Um ihn zu retten und diese Frau sitzt wieder dort auf dem Mäuerchen

Vorgebeugt ihrem Albinokind helfend dessen rotumkraustes Gesicht

Vor lauter Vorsicht eine krabbenhafte Gestalt angenommen hat

Und die Stimme dieser Frau in ihren kunstvollen Schlabberjeans und dem Ledergilet über einer verwaschenen rosafarbenen Bluse

Dringt mit dem Kitzeln eines Insekts in meine Ohren die unmittelbar mit meinem Glied verbunden scheinen

Aber damals

An jenem Tag im frühen März

Da man vor lauter Klammheit kaum von Frühling zu sprechen gewagt hätte

Vor drei Jahren oder zwei

War ihre Erscheinung wie ein langsamer Stromschlag

Wie das Auszucken eines Fisches am Trockenen durch meine feucht durchkühlten Glieder eingedrungen

Und ich sah sie zuerst von hinten die einzelnen Rückenwirbel wie Knöpfe durch die weisse Bluse gedrückt

Ihre Hüften zierlich wie ein Eibenstamm — 

Und ich zückte wie immer nach dem Einspielen mit dem Buben meine Pfeife — 

Hatte gerade einen neuen Tabak hineingestopft

Der mit einem bitteren und wilden Beerengeruch meinen Gaumen imprägnierte 

Was sich anfühlt wie

Das Abschleifen von Dielen

Und ich sog gierig und viel zu hastig an meiner Pfeife dass sich der Pfeifenkopf in meiner linken Hand schnell wie ein Glutstück anfühlte

Und ich muss schnell in einen Zustand der fröhlichen Benebeltheit und Entrückung verfallen sein

Mit kreisrunden kreisenden Gedanken im Kopf und wirren eifrigen Wörtern im Heft

Und habe mich an ihre Seite gesetzt

Sie hatte ihre Hochhaken ausgezogen und ihre blauen Adern leuchteten auf dem Rist ihrer schneeweissen Füsse mit der Perlenreihe ihrer weiss lackierten Zehen —

Ihr Mädchen war wie sie

Ein rothaariger Albino —

Und wir begannen eines dieser belanglos-bedeutsamen Gespräche

Wie sie Eltern überall am Rand der Sandkastenarena führen können

Doch fühlte ich bald

An jedem Tag im frühen März

Der von einem feinsten Nebelgetröpfel wie getränkt war so

Dass man niemals an einen Frühling und noch viel weniger

An einen Herbst überhaupt zu denken gewagt hätte

Und der doch wie ein Kiesel im Schuh alles schon bedeutete

Und nicht wie dieser Tag der nochmals viel verspricht und doch in einer kalten nieseligen Nacht endet

Und der Mond im Morgen wie eine umgekippte irdene Schale gehangen hat

Fühlte ich ein dumpfes Hämmern in meinen Lenden und in meinem schweren schwebenden Kopf der an meinem Hals zu zerren begonnen hatte

Wir waren auf merkwürdige Bahnen gekommen

Lag es an ihrem unglaublich raffinierten Händen 

Und ihrer sagenhaft willkürlichen Genauigkeit in jeder Geste oder daran

Dass ich uns allmählich eingenebelt hatte

Und ich hatte Tage danach noch einen sturmen Kopf und Dünnschiss

Ihre Hand lag auf meinem Oberschenkel und meine auf ihrem knochigen blossen Knie

Bis wir merkten dass unsere Kinder nicht mehr spielten sondern uns anstarrten

Wie man Ausserirdische anglotzt

Voller Unglauben und Hoffnung —

Nahmen Zunge und Lippen wieder zu uns und

Brachen in Lachen aus —

Ich tastete nach meiner Pfeife 

Die den Kindern längst als Schaufel diente

Und sie richtete ihre Haare — 

Und heute an diesem Tag

Trafen meine Blicke sie wie Hagelkörner

Und sie strich sich nervös durchs Haar als verfingen sich die Hagelkörner darin wie gefrorene Sahne 

Und erwiderte die Blicke nicht: 

Sie stillte ihr zweites Kind und lächelte wie eine Fruchtbarkeitsgöttin darüber hinweg in eine Honigferne —

Ihre ganze Gestalt glich einem zu lange gegangenen Teig der bereits wieder in sich zusammenzufallen begann

In säuerlichem Seufzen

Herbstlich in jedem Sinn und erst

Als ich meine Pfeife herausklaubte und zu füllen anfing

Wandte sie den Blick zu mir

Aber nichts war mehr gleich

Bis auf unsere beiden Kinder 

Die immer noch miteinander spielten

Im Schatten meines Rauchs und ihrer metallischen Stimme —

Und ihr Lächeln war eines

Das die ganze Wildheit des Lebens zusammenfasste

Ohr ihr weder die Alltäglichkeit noch die Wunderlichkeit zu nehmen

Nein nichts war mehr gleich 

Und als ich den Jungen in seinen Anhänger fixierte und mein rechtes Bein über den Sattel schwang

Stand sie auf und schritt in ihren schweren Schuhen zu mir und blieb stehen

Hob die Hand die nur mit einem Faden am Handgelenk hängen konnte und strich mir die grauen Locken aus der Stirn und ich

Erkannte ihre Krähenfüsse

Als könnt ich sie ändern

Stauen und dämmen zu Mäandern — 

Am Rheinufer schlenderten die Sonntagsfamilien wie für den Winter präparierte Rosenstöcke 

Mit Chassis-Gesichtern und kleinen redundanten Wörtern — 

Und ich dachte 

An jenen Märztag

Der von diesem 

Unternehmungslustigen

Oktobertag…

Der es wie ein 40-jähriger 

Nochmals wissen will

Das Abseitslaufen und 

Das Ausbrechen 

In all seiner 

Aufgeschlossenheit 

Und Bereitschaft…

Aufgeht 

Wie ein Kater —