Die Sitzer (Rimbaud)

In einer längeren Übersetzungs-Session habe ich gestern endlich "Les Assis" von Rimbaud übersetzt oder besser: übertragen. Ich bin mit dem Ergebnis einigermassen zufrieden, kann mir aber gut vorstellen, in einigen Wochen nochmals darüber zu sitzen, um es weit freier (auch viel mehr in einem Metrum, das mir besser liegt) zu formulieren. (Den Originaltext findet ihr hier.)


Schwarz von Geschwulsten, pocken-narbig, grün beringten

Augs, am Gluteus spasmisch Knollenfinger lauern;

Stirnbein gepflastert mit Griesgram, dem unbedingten,

Wie die leprösen Blüten auf den alten Mauern. 


Haben gepfropft in einer Fallsucht-Liebe

Ihre Gerüste auf das grosse Nacht-Gerippe 

Ihres Gestühls; und ihre Beine schlingen wie Triebe

Morgens und abends sich um Obein-Krippe.


Diese Vergreisten waren immer stuhlverzopft

Fühlten die regen Sonnen Häute pergamentieren

Oder am Fenster äugend auf den Schnee der tropft

Zitternd vor Schmerz mit Zittern gleich den Krötentieren.


Wohl sind gesinnt die Stühle diesen Herren: braun-

Schlüpferisch schmiegt das Stroh sich an die Lenden-Hörner

Altsonnen-Seelen flammen auf im Windel-Saum-

Ähren-Gezöpf worin kaum erst gegärt die Körner. 


So tun die Hocker: Knie am Zahn und grün und klimprig,

Klammrige Finger unterm Sitz ins Trommeln tunken,

Hörn Barkarolen-Takt-Tristesse zu die pimprig,

Kürbissen gleich die Köpfe schunkeln liebes-trunken.


Wehe ihr schreckt sie auf! Was für’ne Pleite heissa!

Grollend wie nasse Katzen tauchen sie dann auf 

Dehnen die Schulterblätter langsam oh Scheisse!

Hosenbund bläht sich überm Schwulst der Lenden auf.


Solltet sie hören wie sie ihre Glatzen kesseln

Auf das Gemäuer tappen mit den Wendel-Sohlen;

Rockknopf-Pupillen die wild die Augen fesseln

Glotzen euch an vom Grund der Gänge unverhohlen. 


Zücken sie dann die unsichtbare Hand die tötet:

Kehren sie wieder triert ihr Blick dies schwarze Gift

Das der geschlagnen Hündin Leidens-Aug gerötet,

Schwitzt ihr im entsetzlich-engen Trichter-Griff. 


Hat sich’s gesetzt, die Flossen unter Drecksmanschetten,

Grübeln sie nach darüber wer sie aufgeschreckt,

Während sich regen früh und spät die Mandel-Ketten 

Unter dem fliehend-magern Kinne wie verreckt. 


Wenn der gestrenge Schlaf die Hirne dann gebannt

Träumen sie auf den Arm gestützt, vom Stuhl besamt

Liebschaften da die Stühle sanft am Gängelband

Werden von aufgeblähten Pulten eingerahmt.


Tintige Blumen kommagleich die Stempel neigend

Wiegen sie ein, gekauert entlang der Kannen

Gleich Gladiolen-Zeiger mit Libellen-Reigen.

— Und ihre Schwänze sträuben sich an Ährengrannen.