Nochmals aus dem Schreibtagebuch

Beginne zu verstehen, weshalb man beim Schreiben oft vom „Handwerk“ redet, - was ich bisher immer verleugnet habe, weil mir alles im Begriff der Schöpfung verschmolz. 

Handwerk meint: ist die Erfindung der Geschichte erst einmal geglückt, ist genug Stoff gesammelt oder angehäuft, steht die Sprache und ihre Personalität, ist meine Aufgabe als Schreibender eine des Ausführens. Dann geht es darum, den ersten Schnitten, den ersten Schlägen, den ersten Strichen treu zu bleiben — in aller Redlichkeit und Achtsamkeit, in Kontrolle und Beherrschung. 

Und wieder kann ich Proust zitieren (es ist erstaunlich):

 

Swann täuschte sich nicht in seinem Glauben, dass die Sonate wirklich existiere. Gewiss, in dieser Hinsicht menschlich, gehörte sie dennoch zu einer Ordnung von übernatürlichen Kreaturen, die wir nie gesehen haben, die wir jedoch trotzdem mit Entzücken wieder erkennen, wenn irgend einem Erkunder des Unsichtbaren eine solche zu fangen gelingt und sie aus der göttlichen Welt, zu der er Zugang hat, herbeizubringen versteht, damit sie einige Augenblicke über unserer scheine. Das hat Vinteuil getan für die kleine Phrase. Swann fühlte, dass der Komponist sich mit seinen Musikinstrumenten bemüht hatte, sie zu enthüllen, sie sichtbar zu machen, ihren Zügen mit einer so zärtlichen, vorsichtigen, empfindlichen und so sicheren Hand zu folgen und treu zu bleiben, dass der Ton sich jeden Moment veränderte, entschand, um einen Schatten anzuzeigen, sich wiederbelebte, wenn sie auf der Stecke eine gewagtere Kontur nachzufahren hatte. Und als Zeichen dessen, dass Swann sich nicht täuschte, wenn er an die wirkliche Existenz dieser Phrase glaubte, hätte jeder ein wenig kundige Musikliebhaber sofort den Betrug gemerkt, wenn Vinteuil aus Mangel an Kraft für das Anschauen und Wiedergeben der Formen versucht hätte, indem er hier und da etwas Eigenes hinzugefügt hätte, die Lücken seiner Sehstärke oder die Schwäche seiner Hand zu kaschieren.