Klopstockisch

Wie gut ist es, dass Entwicklungen nie versiegelt bleiben, sondern immer wieder erbrochen werden.

In der erneuten Beschäftigung mit Klopstock, den ich seit meiner Studienzeit, seit meiner ersten Interpretation seiner Ode „An Fanny“, die damals schon (und um wie viel mehr heute, im „reifen Mannesalter“, da alles Vergangene mit jedem Schritt ins Alter und Sterben schwerer und wirkmächtiger wird!) meine eigene unglückliche Gymnasten-Liebe vorspiegelte, allerdings in nicht gänzlich unverständlicher, aber doch nachvollziehbarer religiöser Überhöhung, seit jener Zeit also liebe, und nach jahrelanger Einstaubung im Akt des eigenen Schreibens, zeigt es sich, dass sein Siegel, das auf meiner Lyrik aufgeprägt ist, erstaunlich und begeisternd (ein Wort, das sich bei Klopstock aufdrängt!) dauerhaft ist.

Gleichzeitig wird deutlich, wie notwendig die Eröffnung dieses Siegel, seine Zerstörung geworden ist. Erst im Aufbrechen dieses Siegels, in der Einsicht in die Botschaft, die sich hinter ihm verbirgt, eröffne ich mir eine enthemmtere, eine aktivere Umsetzung des nicht nur Bewahrten, sondern bereits unbewusst Praktizierten.

Was Klopstock mir (auch unbewusst) vermittelt hat:

-.- die Neigung zu rhetorischer Überhöhung, zum Hohen Stil,

-.- der manchmal übermächtige Hang zu Partizipien,

-.- die Substantivierung der Infitive,

-.- die Häufung von „empfindenden“ Adjektiven und

-.- die Suche nach einer im Bild gefangenen, aber deutlichen Bewegung, sowohl im Verb, als auch im Adjektiv,

Und vieles andere, das mir erst langsam bewusst wird, gehört für mich unumkehrbar und unvermeidlich zur Modernität der Lyrik, hat seine Kraft sicherlich bis in das Fin de siècle hinein entfaltet, um dann in der absurden Abstraktheit postmoderner Lyrik unkenntliche Urständ zu feiern, und ist in meiner Lyrik bisher nur in Ansätzen ausgespielt und durchgespielt worden.

Diese Einsicht ruft nach einer Erneuerung meiner Poetik, und kann nur durch meine Prosa-Efforts bereichert werden, deren Rhythmisierung ebenfalls ganz und gar klopstockisch ist.