Am Ende

Am Ende meines Slamauftritts gestern Abend im Hinterhof, ich stand bereits wieder, aber mit weichen Knien, an der Bar, trat ein Mann aus dem Publikum, älter als der Altersdurchschnitt, genau wie ich, also ungefähr 40 oder leicht drüber, zu mir heran und sagte mit viel Gewissheit und Wohlwollen in der Stimme, Sie sollten sich vorher überlegen, für was für ein Publikum Sie Ihre Texte lesen, denn die gehören nicht hierher. 

 

Ich hatte mich gerade über meine erste 10 (Bestnote) gefreut, die natürlich als beste Note (wie auch die schlechteste Note) weg gestrichen wurde, - aber trotzdem, immerhin, hiess das für mich, es gibt jemand im Publikum, der meinen schwierigen Text von den Orangen und den Silberfischen sehr gemocht hatte - und lächelte den Mann an und sagte (sinngemäss), ich überlege mir nicht, was ich lese und für welches Publikum, eine dümmliche Antwort, für die ich mich hätte ohrfeigen mögen, aber sie war draussen, und der Mann meinte darauf, jetzt ganz und gar (für meine Ohren) im Oberlehrerton - und ich danke ihm trotzdem für die Anteilnahme! -, und er siezte mich weiterhin, das habe ich nicht geträumt durch den sich langsam ausdehnenden Biernebel und die Hitze hindurch, er sagte, Sie sollten vorher jeweils hinkommen und ein wenig schauen, wer überhaupt so da ist, vermutlich wollte er mich auf eine unbestimmte Art und Weise trösten, als hätte ich mich entblösst, verletzt, was weiss ich, dabei habe ich nur einen schwierigen, aber wortkräftigen Text gelesen, und ich konnte ihm in meinem Zustand, auf diesem lärmigen und windigen Dach und glücklich darüber, dass ich das Mikrophon nicht verschluckt hatte, nicht zusammen gebrochen oder sonst einer schlimmen Tsetsefliegen-Attacke mitten auf den Brettern, die die Welt bedeuten, erlegen war, doch nicht wirklich diesem gutmeinenden gleichaltrigen ernsthaften und offensichtlich klugen Menschen sagen, dass es mir gerade darum ging, in egal welches Publikum schwierige, wirklich poetische Texte hineinzutragen, hineinzublaffen, hineinzustammeln, vor einem wackelnden Mikrophon, das in seiner metallischen Süsse das Versprechen von Spucke und bitterem Whisky verhiess, Texte, deren enggeknotete Wortansätze und unerwarteten Metaphern im pursten Gegensatz zur leicht verständlichen, kabarettistisch gekonnt und pointiert vorgetragenen Alltags- und Autobiografie-Glosse meiner Mitslammer standen und stehen, denn für mich gibt es keine Limite in der Anwendung von Texten, alle Texte können überall und jederzeit Anwendung finden und die Welt retten, wie Pablo Neruda gesagt haben soll, vermutlich in einem seiner überflüssigen und schwülstigen hochhackig-stolzierende Liebesgedichte eines verschwitzten, bierbäuchigen Machos, nein, für mich geht es nur darum, die Wörter in all ihrer Unverständlichkeit, Unhinterfragtheit und Uneigentlichkeit in die Menschen hinauszusagen, hinauszuwagen, einen Moment den Spalt unserer Wirklchkeitsmauern oder -Leinwände aufzublenden, in ihn hineinzulangen wie in das Staunen eines Kindes, und vielleicht habe ich bei diesem meinem unbekannten Ratgeber und bei jener lieben Seele, die mir wider Erwarten die Bestnote erteilt hat, wer weiss, letztlich gerade dies bewirkt.