Tagesgedicht mit "Als"

Ein milchig-verwaschener Morgen

Als wäre Sommer - nichts

Übrig von dem Zutrauen

Das warm pochte in den Schläfen

Und als ich auf den Balkon hinaustrete

Bläst der Wind kalt an meine nackte Brust.

 

Als der Wuschelkopf meines Jungen

Die Treppe hinaufkriecht wie jeden Morgen

Muss ich lächeln und fahre ihm durchs Haar

Wie jeden Morgen. Das dumpfe Wummern

Das meinen Schlaf erschüttert und mir 

eine Ausrede für den Auszug aus dem Ehebett geliefert hat

Ist noch da - irgendwo auf dem Dach

Oder in der Wand ein Ventilatormotor. 

 

Wir sind wie versehrt

Hier mitten im Leben

Als hätten wir seit dem ersten Kuss 

Geschlafen und fänden uns in einer Welt

Die Sehnsüchte und Wünsche nicht kennt

Nicht mehr zurecht

Da unsere eigene Welt uns über unsere Wünsche und Sehnsüchte

Getäuscht hat: als hätten wir je

In der gleichen Welt gelebt…

 

Meine Frau geht und ich

Beginne einen weiteren Tag 

Zu zweit: mein Sohn und ich - 

Und hin und wieder der rosa Elefant

Der meine Tochter ist… Später

Als ich die Toiletten und das Bad putze

Spielt der Junge und eine Wärme 

Schleicht sich an: Ohnmachts- und Heldenschreie

Mischen sich mit 

Fahrzeuggeräuschen und Feuerwehrsirenen

Schlachtlärm mit Todesverzweiflung

Es wird verhaftet 

Geschossen und geschlachtet.

 

Und ich denke 

Auf dem Weg in die Bibliothek 

Als mein Junge eine Biene gerettet hat

Aus dem Brunnen bei der IBZ

So schiebe ich meine Welt vor mir her

Den ganzen Tag: was soll ich nur tun?

 

Ich werde sie nicht los - 

Als könnte die echte Welt sie auslöschen! -

Und ihre Wertosigkeit leuchtet mir nicht ein…

Genau wie die Werthaltigkeit deses bleichen Tags

Mich an das Maulwurfsgesicht Oswald Grübels gemahnt

Das nicht leuchtet wie dieser Tag - 

Ich trage sie mit Leichtigkeit mit mir

Diese Welt 

Diese botschaftslose Welt

Ein Fötus und doch

Voll ausgewachsen

Amöbisch und doch 

Wie in Stein gemeisselt

Mit einer Leichtigkeit 

In den Augen dieses Tags

Als wüchse mir am Kinn ein Pickel

Als mehrten sich die Warzen auf meinen spröden Handflächen…

 

Ich werde sie nicht los

Weil es sie nicht gibt

Hier mitten im Leben

In sich gekrümmt 

Wächst sie weiter

 

Lauwarm wie die Sonne heute.