Ich bin ein uneigentlicher Mensch

Schreibe ich ein Gedicht, zählt allein die Sprache. Schreibe ich eine Erzählung, zählt allein der Inhalt; mit ihm, Logik und Wahrscheinlichkeit. Doch diese sind mir unbekannt, unnatürlich. Ich denke logisch, ich handle (meist) mit einem Blick auf die Wahrscheinlichkeit oder Nachvollziehbarkeit meiner Taten, aber in mir ist weder Wahrscheinlichkeit noch Logik zuhause. Als sei ich noch ein Kind, in dessen Welt noch alles möglich ist und alles zu gleichen Teilen wahrscheinlich und unwahrscheinlich; und doch handle ich (wieder: meist) „erwachsen“.

Die Figuren, die ich zeichne in einer Geschichte, haben keine Individualität; ich selbst spreche ihnen als erster alle Individualität ab. Das kann mit dem mangelnden Vertrauen in die eigene Wirklichkeitsbindung, in die eigene Erfindungsgabe zusammenhängen…

Es ist mir ein seltsames Schweben eigen. Wenn man Freunde oder Bekannte fragte, würden sie wahrscheinlich behaupten, ich habe ganz klar die oder jene Ansichten und äusserte sie auch deutlich. Einer aber, denke ich, würde sicherlich bemerkt haben, dass viele meiner Äusserungen komisch und indirekt, merkwürdig verklausuliert sind; vor allem, wenn sie spontan sind.

Dieses Schweben trage ich ins Gedicht. Dort kann es sein, dort gibt es das Jein, das ich in mir habe. Das Deutliche kann dort ins Wort treten - über die ungefüge, unregelmässige und schmutzige Türschwelle, die ich bin. Dort allein, im Gedicht, findet dieses Schweben, diese ewige Veränderung Ruhe, ist das Uneigentliche zuhause.

Seit meiner Jugend aber träume ich von einer eigenen Welt, in der, was mir wahrscheinlich und logisch - natürlich ist, es auch sein kann. Einer Welt, die in nichts hinter der Glaubwürdigkeit der realen Welt zurücksteht, aber sich nur in Ansätzen, in diesem mir eigenen Schweben noch daran orientiert.

Ja, Wahrscheinlichkeit hat mit Wahrnehmung zu tun. In der Wahrnehmung spielen sich zwei Prozesse ab: ich lese den Sinn heraus, von dem ich annehmen kann, dass er allen erkenntlich ist, die gewöhnliche Welt mit ihren gewohnten Handlungsweisen und Verhaltensmustern, und ich verstehe es; dennoch gibt es immer noch den - eigentlichen Sinn dahinter, der unmittelbar, durch meine erste Natur (wie Pascal sagen würde) wahrgenommen wird, nicht im Lesen, sondern im Erkennen.

Vielleicht fällt mir das Erzählen deshalb so schwer, weil ich ein uneigentlicher Mensch bin, dem der Vergleich, das Bild näher ist als das Gemeinte, Gegenwärtige oder Gegenständliche selbst. Die eigentliche Welt ist mir uneigentlich, und die uneigentliche eigentlich. Wird es der uneigentlichen je gelingen, eigen, authentisch und wahr zu sein, - wäre es möglich, dass mein Bild eines Baumes nicht gar so weit von dem Bild eines Baumes anderer Menschen abwiche?