Schreibtagebuch: Lyriker und Prosaiker

 

Die Sprunghaftigkeit, die Unvorhersehbarkeit (nahe an der Willkür) des kindlichen Erzählens fasziniert mich deshalb, weil ich selbst in Sprüngen denke und schreibe. Das Fragmentarische, das mir so liegt, das Nicht-Chronologische und Nonlineare, das in ständiger Digression wurzelt, - man könnte es auch „Unbestand“ oder „Zentrumslosigkeit“ nennen, - dieses zerfetzte und zerfetzende Erzählen ist der Grund meiner Lyrik. - Ein Prosaiker flieht nicht: ein Prosaiker bringt alle Geduld auf, eine kenntliche, geradlinige, nachvollziehbare Spur zu hinterlassen. Ein Prosaiker zieht eine Erzählung in all ihren Facetten durch, erzählt ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit, er geht den ganzen Weg einer Geschichte. Ein Lyriker meidet keine Durststrecke, um seine Sprünge möglichst kraftvoll umsetzen zu können - in den Lücken, die sich daraus ergeben, hofft er, liegt der Sinn seiner Schrift. Ein Prosaiker meidet keine Durststrecke, um seine Linie fortzuspinnen. Ich habe mich oft gefragt, wie Spinnen einen Faden vom Ende des Raums zum andern oder manchmal sogar von einem Laternenpfahl zum andern (über die Strasse hinweg!) ziehen können… Der Prosaiker klettert hinunter, hinüber und wieder hinauf (mit dem Risiko, überfahren oder vertreten zu werden), der Lyriker wartet einen günstigen Wind ab (mit dem Risiko, von einer Schwalbe im Flug geschnappt zu werden)… - Natürlich ist das sträflicher dualistischer Idealismus und Unsinn. Ein McCarthy ist das beste Beispiel, dass eine Geschichte in Fragmenten und Bruchstücken erzählt werden kann, der sogar Poesie und Philosophie nicht unmöglich sind (Die Strasse); dass diese Erzählform von der Welt und der Weltsicht bzw. dem Erleben der Protagonisten bedingt sind, macht diesen Ansatz nur noch glaubwürdiger…