Paratonnerre

Seine Frau sitzt an seiner Seite

Ihr Gesäss drückt gegen seine Hüfte

Auf der schmalen Couch

Auf der er liegt mit einem Buch in der Hand

Und einigen Gedanken im Kopf

Die er bisher durch den Tag gerettet hat.

Auf das Dach prasselt der Regen

Inständig und ergeben

Man hört es in der Stille.

 

Seine Frau sitzt an seiner Seite

Er hat das Buch sinken lassen

Und wartet auf ihr erstes Wort.

In ihm beginnen sie bereits zu quellen

Unruhe hat seine Zunge gepackt

Er presst sie gegen Zähne und Gaumen.

 

Seine Frau sitzt an seiner Seite

Und dreht wie eine Eule ihren Kopf

Mit den leuchtenden grauen Augen

Und wendet dann ihren Oberkörper

Der Druck an seiner Hüfte vergrössert sich

Und schweigt immer noch. Dann

Erlischt das Licht in ihren Augen

Und ihr Gesicht sinkt zu ihm herab

Ihre Lippen kommen auf ihn zu

Wie sich bäumende Wellen oder sich bauschende Wolken

Unerbittlich und inständig

Und er denkt für einen kurzen und blinden Augenblick

Denkt er Nein.

 

Seine Frau sitzt an seiner Seite

Und er richtet sich auf

Um das Gewicht von Hüfte und Lenden zu nehmen

Dieses wortlose Gewicht eines Körpers

Dessen Mitteilungen er lange schon vermisst und verkennt -

Unter ihren tropfenden Küssen

Spannt sich auf seinen Lippen ein Lächeln

Und kurz nimmt sie

Wie um Atem zu holen

Und er stellt sich eine Hyäne vor

Die den Kopf blutüberströmt und hechelnd sogleich wieder in die Bauchhöhle ihres Opfers tauchen wird

Ihres Opfers denkt er sich

Das schon halb verwest ist

Das von den Löwen als milde Gabe Geiern und Gierigen berlassen wurde

Aber längst hört er den Regen seines eigenen Bluts

Hinter seinen Ohren rauschen und steigt mit seiner Zunge in ihren Rachenraum.

Seine Gedanken zucken in verschiedene andere Richtungen

Als sie sich erhebt

Die Lichter löscht

Zucken in Richtungen

Als mässen sie die Spannweite der Hoffnungen -

Die Hoffnung auf eine Rede von sich und zu sich

Die Hoffnung auf ein ganz und gar leidendes Dasein

Auf eine Objektivität des Subjekts -

Während ihr Küssen ihn befällt

Wie Pilzsporen und der Putsch seines Blutes

In seinem Glied sich zu sammeln beginnt

Wie Pilzsporen bedecken sie sein Denken unter sich zu

Und leidenschaftlich flüstert er

„Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue“

Und während seine Hände bereits unter ihrer Bluse nach Knöpfen suchen

Die wie harte Tumoren auf ihrer Brust blühen

Als kennten sie ihr Schicksal anders -

Wären sie doch Leuchttürme oder Sirenen oder

Augen! - Schweigt sie weiterhin

Und legt ihren schweren Körper leicht auf ihn.

 

Dann entlädt sich ihr Leib

Wiederholt auf ihn niederstossend

Und erschüttert ihn

Mit kleinen verästelten verzerrenden Schocks

Und sein Schweiss überschüttet sie

Wie das Wasser einer brechenden Dachtraufe.

 

Er sitzt an der Seite seiner Frau

An ihrem schmerzhaft weissen Körper

Der wie ein blanker Spalt in Zeit und Raum ist

Eine Wunde der Offenbarung

Inartikuliert und dringlich

Und er denkt mit rostigem Hohn und erdigem Zungenlappen

Nach über den blindesten wortlos-langen Augenblick des Tages.

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