Das richtige Wort

Ein aufgeräumtes (und nicht angeräumtes) Vokabular ist Vorbedingung allen Schreibens. Der französische Rapper McSolaar hat einmal gesungen, wer ihn beneide, beneide seine Bibliothek. Ich würde dem hinzufügen: der beneidet meine Nachschlagewerke. Und meinen Mut, über diese hinauszugehen (manchmal).

Vom welschen Dichter Ramuz weiss man, dass er manchmal stundenlang auf ein Wort gewartet haben soll. Vorher hat er den angefangenen Satz nicht weiter geschrieben. Und um bei Ramuz zu bleiben: immer wieder packt mich eine grundlegende Wut, dass gewisse Wörter von alleine „hochkommen“ oder sich anbieten. Ich nenne sie die „Verwandten und Bekannten“ (frei nach E.A. Milne). Gehören vielleicht zu meiner Persönlichkeit, siehe unten. In einer gewissen Weise konstituieren sie mich sicherlich (betrifft übrigens auch die Syntax: man beachte das späte „sich“ im folgenden Satz!). Und Ramuz hat ja im Höhepunkt seines Schaffens sich von seinen „personnages“ zu verabschieden versucht: Ich habe eine lange Liste von Wörtern, von denen ich mich gerne verabschieden möchte. Keines ist ein Helvetismus. Das ist bezeichnend…

 

Als Dichter suche ich das richtige Wort, den Pfeil, der ins Schwarze trifft. Das richtige Wort ist der direkteste Weg: die Fluglinie des Gedankens zum Ausdruck.

Dieses Wort aber findet sich entweder lange nicht oder im Gegenteil sehr schnell. Dann keimt sofort Misstrauen auf. (Zu schnell, sagt die Schreibinstanz und blättert in den Wörterbüchern.)

 

Beispiele sind hier hilfreich. Ich schreibe folgenden Satz:

„Sein Atmen klang am Ende / Wie das ripschende Geräusch / Auf der Haut eines Luftballons.“

Ich suche „ripschen“, welches (auch typisch: „welches“ statt zweimal „das“ ist für einen Schweizer guter Stil, aber ich vermute, dem ist in Deutschland nicht so) mir das treffende lautmalerische Wort für das Geräusch scheint, das eine Hand oder Haut allgemein auf einem Luftballon verursacht. Nirgends zu finden! (Ripsen finde ich, für „reissen“ - im Internet finde ich im „Rheinischen Wörterbuch“ ähnliche Wortbedeutungen.)

Als jemand, der nicht die Standardsprache spricht (und sich diesem Minderwertigkeitskomplex trotz langjährigem Aufenthalts in Deutschland nicht entledigen konnte, noch nicht), ist mein erster Reflex: gibt es nicht, existiert es nicht; habe ich vielleicht erfunden. Kann gut sein.

Jetzt stehe ich vor einem Satz, der genau das wieder gibt, was ich sagen will: in Kürze und ohne Konjunktionen und Nebensätze. Aber er ist standardsprachlich nicht akzeptabel.

Ein Risiko, das gering ist - wenige lesen meine Gedichte, und die meisten „verstehen“ sie nicht. Trotzdem steigt der Bildungsbürger in mir auf die Barrikaden: „Das kannst du nicht schreiben!“

Ich quäle mich eine Viertelstunde, blättere, blättere, rätsele, spreche laut, schweige. Endlich ringe ich mich zu einer Lösung durch. Jetzt steht da (und ich bin damit einverstanden):

„Sein Atmen klang am Ende / wie das Geräusch einer Hand / Die über die Haut eines Luftballons fährt.“

Moment einmal: „fährt“? Heisst das nicht „streicht“?… Und wieder geht es los…

 

Was ich damit sagen will? Es gibt das richtige Wort nicht. Aber es gibt Annäherungen, beste Lösungen. Und dabei spielt das Lautempfinden eines jeden Dichters eine ganz eigene Rolle - nicht so sehr die sprachliche Verankerung in der Muttersprache oder Schulsprache, als vielmehr das eigene Lautbild. So sage ich seit früher Kindheit „g’worde“ statt „worde“ (für „geworden“) und habe mir das in den letzten Jahren „ausgetrieben“ - nur um es in der Sprache meines Sohnes Urständ feiern zu hören! Das ist sprachliche Tiefenpsychologie: Wörter nehmen Wege, die sich uns entziehen - und wie viel mehr noch „eigene“, muttersprachliche Wörter, - das sind wahre Maulwürfe (auch im geheimdienstlichen Wortsinn).

 

Was aber hier auch nochmals angesprochen werden muss, ist das Gefühl, das für einen „diglossischen“ Dichter konstituierend ist, in einem fremden Idiom heimisch zu sein. Es verstärkt den Fremdheitseffekt, den Verfremdungseffekt der Sprache zusätzlich. Ein nicht muttersprachlicher, will in meiner Situation heissen: nicht standardsprachlicher Dichter kann sich nie sicher sein, dass er grammatisch und lexikalisch richtig liegt. Positiv gewendet, sind das ideale Bedingungen für eine sprachskeptisch geprägte Freiheit des Schreibens…

Dies eröffnet neue Horizonte. So fällt es mir zum Beispiel sehr zunehmend leichter, französische Wörter in meinen Gedichten einzubauen (man denke an das Berndeutsche, das Wörter wie „touchiere“ kennt). In einem jüngeren Gedicht steht „Der Raum plant“, und die meisten deutschsprachigen Leser werden „planen“ (also vorhaben, beabsichtigen) lesen, während ich - in schneller Setzung dieses Wortes - ans französische Wort „planer“ (also schweben, gleiten) gedacht habe, aber den Gleichklang der beiden Wörter als Schönheit und Überraschung empfinde (für mich und den vorgewarnten Leser).

 

Und zuletzt - und das ist im Kontext des „muttersprachlichen“ Schreibens sehr wichtig - gibt es noch die Lieblingswörter, die zu Fetischen, aber streng gehütet und wenn möglich gemieden werden: Tröckne, Heuet, Putsch, Sommervogel, Schärmen, Gunten. Und mein Lieblingswort: Dole (Gottseidank, ich habe mich gerade vergewissert: steht im Variantenwörterbuch, bedeutet: Sinkkasten, Gully…). Und es gibt, auf der gleichen Ebene, noch die alten, guten deutschen Wörter - Lache für Pfütze, zum Beispiel…

Das sind keine richtigen, aber gute und spezielle, kostbare - magische Wörter. Ich hüte sie. Ich brüte sie aus, und nur selten finden sie den Weg in ein Gedicht oder eine Geschichte. Und dann recken sie stolz ihre fremdartig-vertrauten Köpfe wie Mohnblumen im Weizenfeld und nicken mir zu: haste gut gemacht, danke!

 

Ja, ein Dichter ist je stärker Widerstandskämpfer, der sich gegen Maulwürfe zu wehren hat, umso ferner er der Standardsprache ist…

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