Wo lebt die Poesie?

I

 

Poesie entsteht dort

Wo das Schöne sich mit dem Hässlichen mischt

Wie der Schweiss mit den Tränen - 

Entsteht dort wo der Schmerz zu Mut wird

Die Wahrheit zum Glauben - 

Die Poesie ist meine

Kirche des Möglichen…

 

Sie lebt von jedem Wort

Das hergestellt für Jähes

Sie lebt in jedem Wort

Wie Karies in den Zähnen

Sie lebt mit jedem Wort

Das als Sichtbeton auf die Rosen eindrischt:

Die Poesie ist meine 

Sichel fürs Tägliche…

 

Sie lebt für jedes Wort

Das durchdringt zu Tauben.

 

II

 

Poesie ist Beschneidung

Poesie ist Entscheidung

Poesie ist Schmerz

Poesie ist Ausscheidung

Poesie ist Entleibung

Poesie ist Nerz

 

Poesie ist Infarkt

Poesie ist Jahrmarkt

Poesie ist Insult

Poesie ist erstarkt

Poesie ist entsargt

Poesie ist Unschuld

 

Poesie ist Berserk

Poesie ist Bergwerk

Poesie ist Gneist

Poesie ist Nährwert

Poesie ist Kerbwerk

Poesie ist Geist

 

Poesie ist Kotzen

Poesie ist Kosten

Poesie ist Bersten

Poesie ist Stutzen

Poesie ist Nutzen

Poesie ist Trester

 

III

 

Von Michel Butor geht die Legende, er gehe durch Genfs Strassen in einem weiten Overall, einem Handwerker- oder Mechaniker-Overall, dessen viele Taschen voller Bücher seien - gehe in einem Kleidungsstück also, das die Bücher in das tägliche Leben holt, weil sie am eigenen Körper wie zusätzliche Glieder getragen werden können. 

Vor einigen Jahren habe ich begriffen, dass ich nur eines sein kann und sein werde: ein Dichter - und stehe zu diesem Wort mit dem magischen, leicht megalomanischen und verführerischen Klang. Ich sagte mir, ich will nicht nur Dichter sein: ich will dichterisch leben - oder eben: poetisch leben.

Wie Butor will ich das Gedichtetragen, das Gedichtevortragen, das Gedichteschreiben, das Gedichtebetreiben - leben

Wenn ich sage: dichterisch leben, dann meine ich eben nicht den Elfenbeinturm oder den hohen Stil oder sonst eine schwülstige, weltabgewandte Form der Literatur - ich meine eine ganz alltägliche Haltung: wie ein Schienenleger, eine Kassiererin, ein Mathematikprofessor, ein Polier, ein Müllmann, ein Laborant, eine Testmaus, eine Hausfrau, eine Kleinkinderzieherin oder Hebamme, eine 5. Klässlerin, wie ein Rentner, ein Milchbauer, ein Metzger, ein Drehteilelieferant, ein Bettler und ein Banker - nur schreibe ich Gedichte. Das ist nicht nur meine Arbeit, und ich bin mir nicht nur der Gabe bewusst (auch das ein hohes Wort, gewiss), weder schäme ich mich ihrer noch werde ich darüber hochmütig, denn sie ist - mehr als Arbeit: ist Lebens-Aufgabe. 

Rinn unterdess, o Leben. 

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