Tag der Poesie. Ein Rückblick

Herbst auf dem Münsterplatz

Touristengruppen mit ihren Führern schon auf

Es wird ihnen schon verkündet

Geschichtliches in Dosen so gross

Wie die unkrautlosen Pflastersteine

Rostig wie der Münsterbau - 

Niemand zückt noch die Kamera - 

Man kann den Gang des Menschen 

An solchen Samstagmorgen

An diesen Touristen und an den frühen Rentnern

Studieren und wie wichtig dabei

Das Schwenken der Arme ist. 

 

... So begann gestern mein "Tag der Poesie". Es war sehr schön, das Erlebnis wert. Ich habe den Sonettenkranz von Inger Christensen kennen gelernt, "Das Schmetterlingstal", das von der Schauspielerin Sandra Löwe vorgetragen und vor allem "erklärt" wurde: wieder ein Zeichen, dass ich reifer geworden bin, eine ganz und gar anders geartete Lyrik als meine, die sich mir dann plötzlich in der verwandten Gedichtform des Sonetts öffnet, zu erkennen und zu schätzen. (Und auch das erste Mal, dass ich auf dem Münsterturm war.) Dann habe ich mich auf den Weg gemacht und gelesen. So stand ich an vielen Stellen der Stadt im Niesel, in plötzlicher Sonne, im Putsch: 20 Minuten stehender Vortrag meiner ausgewählten Gedichte (von Brecht über W.C. Williams zu Thomas Kunst und Clemens Brentano, auch von mir zwei bescheidene Beiträge dabei). Es hat mir gut getan, ich bin nicht mal heiser geworden, wenn auch müde. Dann zurückgekehrt auf den Münsterplatz, den Abschluss noch gehört und nach Hause (und von da gleich an die Vernissage von Lichtfeld 13). 

 

Und hier das Gedicht, das ich auf dem Münsterplatz noch geschrieben habe. 

 

Lesen in den Strassen:

Die Eile am eigenen Körper erleben

Wie die Fassaden das Pflaster und die Brunnen - 

Das eine kurze Lächeln

Über mein Dastehen oder

Hoffe ich über einen Vers - 

Denn so gross ist die Aufmerksamkeits-Spanne der Eiler.

 

Habe also Verse gesät.

Im Lärm der Schritte und im Kreischen der Trams

Und einmal sogar zum schreienden Spiel zweier Mädchen - 

Einige Eiler blieben länger als ein Gedicht

Aber nie länger als zwei Gedichte.

Im Eilen fällt das Innehalten schwer. 

Habe ich die Lächeln gezählt?

Dürfte ich sie nehmen

Als Ringe eines Erkennens

Auf tiefem Vorbei-Eilen?

Nehmen zu mir in einen weiteren Vers

Der sich ausbreitete auf meiner Zunge?

 

Meist waren es zu meinem Erstaunen die Männer

Die ihren Schritt verlangsamten

Und von den Frauen wieder in die Wirbel des Einkaufes

Mitgerissen wurden. Vermutlich nur deshalb

Weil ihnen am Einkaufen und seiner Sinnhaftigkeit weniger lag

Und sie lieber im Büro die Zeit verbrächten um nicht

Die Zwangsveranstaltung mitmachen zu müssen

Die ihre Frauen für nötig halten. Ein Vers also

Zur Linderung eines zusätzlichen Zwangs…

 

Lesen in den Strassen:

Ich hätte die Lächeln zählen müssen

Denn zuviele der Eiler hatten Gesichter wie Eier.

Aber hatten sie denn Eier?

Ich will Verse machen

Einzelne

Die ihnen die Gesichter erweckten

Und die Eier härteten. 

 

Ah, und was ich jetzt schon weiss: ab sofort gibt es einen monatlichen "Poesiesamstag", den ich genau gleich, vielleicht logistisch etwas ausgereifter, begehen werde (Plakate, Karten etc.). Ich freue mich schon darauf. Es dürfte dann jeweils der 3. Samstag im Monat sein - mehr demnächst "auf diesem Kanal"...! 

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