Abschied von Bahm. Das letzte Bahm-Gedicht

Ich ging an dem Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege vorbei und dann

An jenem für die gefallenen SS-Männer und dachte daran, dass die Waldbrüder kein Denkmal haben, 

Die Bäume des Alevi-Friedhofs dämpften den Lärm von der Riia maantee mit ihren Transitlastern aus Polen und Deutschland.

Die alten umgitterten, von Unkraut, Flechten und Moos überwucherten und die neuen geharkten und mit kleinen Bänken bestellten

Grabplätze lagen im Schatten, und die Holzkreuze im hintern Teil waren feucht. 

Mein Sohn rannte mir voraus, er kennt das Grab schon und bringt sehr gerne mittelgrosse Steine

Oder heute eine Handvoll Seeschnecken und Müschelchen für den Block aus Nagelfluh mit,

Den wir vor 18 Jahren schon im Spätsommer durch den ganzen Osten

Hierher gekarrt haben. Die eingelegte Fotografie zeigt dich 1994 in Moskau im VDNH

Vor einem Blumenpanzer. Ich habe lange in deinen Papieren gesucht,

 

Aber dein wundervolles Gedicht über den Park nicht gefunden, in dem sich alles auf H reimte.

Dann standen wir davor, und mein Sohn begann sofort mit der Dekoration, während ich zögerte. 

Dann harke auch ich und denke an unsere Gespräche, in denen

Die Semantik und die Logik neuen Gesetzen unterworfen und

Die Trübungen des Daseins in wenigen hastigen Ärgernissen entmannt oder entsorgt wurden, diese Gespräche, 

Die mir immer wenig mehr als eine Ablenkung bedeutet hatten vom eigenen Schreiben, weil ich den ganzen Wust

An Kamikazespiegeln, Absagen und Digressionen, an Blechbüchsen und Fischgräten, an Compiègnes und Brioni-Inseln,

Diese ganze Komödie aus unklaren Kommuniqués und rumpelnden Särgen, aus billigen Kugelschreibern,

Mostfässern und Nussschalen und Gummihäuten nicht leiden konnte,

Weil mich der ganze Müll, was du wusstest, abschreckte. 

 

All das schien mir unschön. Ich musste lächeln: du liebtest den Schein mehr als die Tat,

Und hast dich einmal, ich weiss es noch genau, du warst zurück aus Zimbabwe,

So in Rage geredet, dass dein Blutdruck in die Höhe schnellte, und die gewohnte Enge in deiner Brust nicht mehr zu ertragen war,

Dass meine Frau dich in die Notaufnahme fahren musste.

Und selbst während dieser Fahrt hast du ununterbrochen weiter geschimpft:

Dieses harlekinsche Sendungsbewusstsein der unzugehörigen und unzüchtigen Tortenjäger,

Wie du die Träumer immer bezeichnet hast, wobei mir nie klar wurde,

Ob du die Schläfer in den Vorstädten oder die Schaffer in den Laborstätten gemeint hast,

Diese gottverdammten Seinsbescheisser können nichts anderes als sich dem Gedanken ausliefern, dass der Schein trügt, 

Und dies trotz ihres Glaubens an den Schein, weshalb sie unerträglicherweise ihr Vokabular davon meist nicht entladen können,

 

Diese magersüchtigen Lemminge… Im Spital hatten sie dich sedieren müssen. 

Dieses Jahr ist auch Elena hier, sie ist jetzt 20 und hat deine breiten Hüften geerbt. 

Mein Sohn war jetzt fertig und wollte gehen. Er zog mich weg von dem Grab und ich

Liess mich ziehen. Am Nordausgang sass ein alter Mann auf einem umgestürzten Grabstein.

Er war nicht allein: viele Dosen leisteten ihm zu seinen Füssen Gesellschaft. 

Da drüben ist das Grab der Familie Riedel, erinnerte ich mich. Eines in Berlin und

Eines hier. Wie lange das alles her ist. Jedes Mal, wenn ich den Friedhof verlasse,

 Überfällt mich eine Nostalgie, die auch mit meiner Unfähigkeit

Bahms Weg weiter zu gehen, vergessen denn nachzuempfinden, zusammenhängt: 

Ich bin nicht bitter und kann das Hässliche nicht lieben. Der Morgen war schon in Hitze übergegangen. 

 

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