Ich hatte einen Traum

Ich hatte einen Traum

In dem mein Sohn

An einem Tigergehege

Einen Fehltritt tat und 

Da er noch sehr klein

In den schmalen und tiefen Wasserspalt

Zwischen Plattform und Gitter fiel

Und darin versank. Noch jetzt

Da ich dies schreibe

Kommen mir die Tränen - 

Wie nur ihn da rausholen?

Ein Erwachsener könnte höchstens versuchen

Mit dem Arm in den Spalt zu langen.

Ich bin aufgewacht von diesem Traum.

 

Ich rette nicht einmal eine Libelle

Die in einen hohen Saal geflogen ist.

Sie brummt von einer Wand zur andern

Klatscht gegen die Fenster und klebt dann

Weit oben und ruht aus

Nur um erneut aufzuprallen.

 

In den letzten Nächten war in meinem Schlafzimmer

Ein Nachfalter gefangen. Tagsüber fand ich ihn nicht.

Kaum hatte ich jedoch kurz nach Mitternacht das Licht gelöscht

Begann er seine Exerzitien: diesen kriechenden Flug das milchig schimmernde Nachtfenster hinauf

Und den vielstössigen Fall daran hinunter.

Vermutlich ruhte er tagsüber zwischen den Lamellen des Radiators.

Ich konnte ihn nicht sehen wenn er begann

Stellte ihn mir aber vor

Mit seinem behäbigen behaarten Körper 

Den gelbrauen und vielfältig gezeichneten Flügeln

Wie er mit der Beharrlichkeit

Die bei Menschen mit Talent Ausdauer heisst

An seiner unmöglichen Rettung 

Arbeitete. Jetzt ist er

Verstummt. Ich schlafe wieder -

 

Schlafe weiter… Die Träume sind jetzt wieder

Wie Silberfische auf den Platten des Badezimmers.

Sie weichen den Füssen aus

Obwohl ich ihr Sehvermögen und ihre Weitsicht bezweifle. 

Nur letzthin kroch beim Frühstück ein mehr als ameisengrosser an meinem rechten Fussknöchel hoch. 

 

Ich freue mich für die Silberfische

Die frei sind und manchmal zertreten

Und nicht für die Träume

Die es nicht sind und uns zertreten.

 

Ich rede manchmal tagelang kaum eine Handvoll Wörter:

Ich habe ja auch nichts zu sagen

Obwohl mich die Neigung meiner Tochter stört

Ihr helles Unterleibchen über den Hintern hinunterzuziehen - 

Obwohl mich die Neigung meiner Frau stört

Ihren warmen bleichen Körper in den Morgenstunden an mich zu pressen - 

Obwohl mich die Neigung dieser Gesellschaft stört

Nur Ziffern und Summen und Dienst und Lohn als Wirklichkeit anzunehmen…

 

Ich verneige mich nur

Vor den Zurückgezogenen

Vor den Pennern

Vor den der Welt abhanden gekommenen

Vor den Träumern

Die alles aufgegeben haben.

Ich kenne sehr wenige davon

Denn es hat mit Risiko zu tun

In die Möglichkeit

Hineinzugehen. Vom Ausgang

Aus der Unmündigkeit

Wissen wir ja auch nicht mehr

Als die Insekten.

 

*  *

  *

 

Ich bin hart geworden

(Verhärtet sagt man dazu)

In den letzten Monaten und Jahren

In der Einsamkeit mit meinem Freund

Meinem einzigen Vertrauten dem Blatt

Und sei diese Einsamkeit auch eine Gemeinschaft oder Gesellschaft

Ja fast Kommunion. Doch da

Wo die Panzerplatten aufeinandertreffen

Ist dieser Spalt - diese Ritze

Durch die wie ich annehme Insekten atmen:

Dahinein schieben die Träume ihre Klingen

Dahinaus pressen sich die Gedichte

Die mit der mechanischen und repetitiven

Unermüdlichkeit von Insekten

Die um ihren möglichen Tod nicht wissen

Dagegen gestossen sind

Bis sie an die Ritze gelangten

Und unerwartet hier draussen sind

Meist unrettbar deformiert und defloriert. 

 

Härte aber

Bewahrt nicht

Vor dem Fall

Und auch nicht

Vor dem Bruch.

Fürchtet ihn.

 

Geduld aber

Bewahrt nicht

Vor dem Erfolg 

Und auch nicht

Vor dem Mangel.

Fürchtet ihn. 

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