Eine kleine Poetik zum Abschluss des Lyrikjahres

Das Wort muss allein zählen können. Es ist nie willkürlich zu setzen, kann aber zufällig fallen; muss dies manchmal sogar. Steht es allein, kann es sich entfalten; entfaltet es sich nicht, kann es nicht allein stehen - und gehört dann nicht ins Gedicht. 

Der Sinn ist eine Erweiterung des Worts, des Wortgefüges. Das Wort ist die Murmel in unserem Mund; Gegenstand des Spiels. Das Spiel ist das Mittel, mit dem man den König fängt: im guten Gedicht dient es nie dem Zweck oder Sinn, sondern dem Andeuten desselben. 

Nichts wird ausgesprochen: alles ist Andeutung, Verweis.

Explizitheit ist Schlichtheit; Implizitheit ist Strenge. 

Die Bilder sind entweder gewöhnlich-klassisch (der Mond in den Wolken, das Singen der Vögel am Morgen); keinesfalls sollen sie angereichert oder erweitert werden: Poesie ist keine Stickerei, ist kein Kolorieren. Werden die Bilder andererseits im ungewöhnlich-neuen Bereich gewählt (der Mond als Münze im Gesicht des Morgens, die Vögel schreien), sind sie ausdehnbar bis an die Schmerzgrenze: bis zum Verlust jeglichen Sinns. 

Ein gutes Gedicht bewegt sich exakt auf dieser Grenze und hat dadurch Anteil sowohl am Möglichen wie am Ermöglichten. 

Die Ironie hat Bestandteil zu sein; sie ist das Salz des Gedichts. Ein Wort genügt.

Ein Gedicht ist der Zwerg, der dem Riesen auf dem Rücken sitzt: ein Gedicht bezieht sich auf andere, vorgehende - wörtlich oder bildlich. Ohne diesen Bezug ist ein Gedicht verloren, verlassen, verfliegt wie die Spreu. 

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