365. Tagesgedicht: Die Flucht ist kein Verbrechen

Mein Herz zieht sich zusammen

Wie bei einer Lüge oder einer plötzlichen Wahrheit

Passt sich einer Enge an

Die aus Langeweile und Untätigkeit besteht:

In der alles falsch wird

Was ich bin und wurde - 

Zu der ich nicht und niemals

Stehen kann: Nicht-Leben ist. 

 

„Flucht ist kein Verbrechen“

Stand auf einem Transparent am Bahnhof Sins.

 

Meine Eltern wie Muscheln auf dem Fels

In der Brandung mit Namen Veränderung -

Die mit Kränen hantiert

Und mit gesichtslosen Bauten die Stadt zum Schlafort

Zum Totort zu entwerten - 

Die eine Erstarrung und Lähmung ist

Ein Festhalten und Festschreiben

Und weder Öffnung noch Offenbarung. 

 

„Die Flucht ist kein Verbrechen“

Stand auf einem Transparent am Bahnhof Sins.

 

Doch sind es Menschen.

Die in dieser Enge und Lähmung nicht leiden:

Ein Wunder fast. Ist die Lähmung und Enge nur

In mir? Der Mangel an Gesicht

Mein Mangel? Die Trägheit und Langeweile

In mir verwurzelt? Die Veränderung

Die mich zu befreien scheint eine Lüge?

Ist nicht die Suche nach Sicherheit allein wahrhaftig?

 

„Die Flucht ist ein Verbrechen“

Steht in den Gesichtern meiner Eltern.

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