363. Tagesgedicht: Album (Luziphrastisch III)

Florenz im Frühsommer.

In ihrer Haltung

In ihrer Mimik

So viel

Unbefangenheit

So wenig

Vergangenheit.

Der Schalk ist Ausdruck

Nicht nur 

Von Gegenwart:

Von Voraussetzungslosigkeit.

Ihre Erstarrung unglaubwürdig:

Bewegung ist in ihnen

Regung - wie der Wind

Im Gefieder einer toten Taube.

 

Und doch ist da zu sehen

Was sie jetzt sind: wurden.

Was zu sehen ist

Enthält wie Altarbilder

Die in den dunklen Kirchen

Mittels Einwurf einer Münze

Zu erleuchten sind

Den ganzen Strom der Zeit

In der Gleichzeitigkeit des Möglichen

Und der Stadien ein und derselben Bewegung.

 

Es ist das einzige vollständige Album.

Einige Fotografien flattern heraus

Und ein Gedicht über San Miniato. 

(Das andere über Simone Martinis Verkündigung

Im Vorraum zu den Toiletten

Wurde nie geschrieben.)

 

Frühsommer in Florenz.

Die Mimik und Haltung ist sichtbar.

Das Vertrauen in sich und die Zeit.

Doch ist das Glück nicht sichtbar.

Vielleicht ist es der Strom der Zeit.

 

Das Album liegt geschlossen im Schoss.

Beim Heraustreten aus den dunklen Kirchen

(Dunkel auch vom Weihrauch)

Hat das toskanische Licht

Eine Qualität des Irdischen 

Wie Wund- oder Weihwasser. 

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