336. Tagesgedicht: Bibliothek

Das ist die Bank

Der Gesellschaft. Wer hier ist

Hat Anteil am Tag aller.

Mütter stillen ihre Kleinkinder

Dann lesen sie in Modezeitschriften

Das eingeschlafene Kind noch im Arm. 

Unrasierte Arbeitslose

Wühlen in ihren Rucksäcken

Durch die Eselsohrendossiers

Und telefonieren mit der Sozialvorsorgerin.

Ein junger Vater erzählt seinem Sohn einen Bildband

Während der ältere Junge Egoshooter anschleppt.

Eine Yugo-Gang beginnt bei den Anatomiebüchern

Und endet bei den Erwachsenen-Comics

Bis der Arbeitslose sie von dort wegweist.

Die Jungen kennen keine andre Lautstärke ausser Hollern.

Ihr Wortschatz enthält Perlen wie „unsinnig“.

Der Rentner unterrichtet eine reh-äugige Oberschülerin in Italienisch.

Die Frau mit dem Einkaufswagen

Blättert in Gartenratgebern. 

 

In den hellen Räumen 

Von Flüstern und Rufen gleichermassen hallend

Reihen sich die Buchrücken

Als schöne Vorwände 

Unseres Lebens auf. 

Darin - in den Büchern - findet nicht das kleinste Ereignis statt.

Alles geschieht in der Bibliothek so

Als könnte es ohne die Buchrücken

Auch geschehen. Ich denke an ihre ununterscheidbare

Vielfalt. Am Ende eines Tages

So denke ich mir

Während die beiden türkischen Mädchen ihre Facebookseiten aktualisieren

Am Ende eines Tages

Hat sich so viel verändert und abgewechselt in diesen Räumen

Und mir scheint wirklich als seien wir Passagiere das Kleingeld

Das den Tag und die Bank erbaut und stützt

Dass wir pure Zirkulation sind

Und am Ende des Tags denke ich 

Ersetzt all der Wechsel und all die Änderung

Das Fehlen einiger Medien:

Mittler und Mitte…

 

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