Es gibt Kunst I

Es gibt Kunst, die immediat wirkt, die einen wie eine Ohrfeige trifft, die lange noch nachhallt und auch viel später noch Entdeckungs- und Erweckungserlebnisse bereiten kann. Davon ist Konzeptkunst nicht prinzipiell ausgeschlossen, doch werkelt der moderne Konzeptkünstler meist lange an seinem Konzept und führt es keuchend so weit über den Überbau hinaus, dass man mit Fug und Recht von abstrakter Kunst zu reden beginnen kann. Dazu gehört auch Anatoly Shuravlev, der letzthin in Biel ausgestellt hat, wenn ich auch letztlich zweifle, wie überbaut sein Überbau ist und ob es sich dabei nicht eher um ein loses Kartenspiel handelt, das Seriosität vortäuschen soll. Die Idee, in grossformatigen schwarzen Flächen winzige Bilder einzufügen ist nichts mehr als "lustig", verführt zum Schmunzeln, aber eben nicht zu mehr (eines der Bilder heisst Big Panic und zeigt en miniature das Bild eines angreifenden Weissen Hais). Seine Kunst ist unsinnlich - selbst wenn er die Salle Pomona in seine zeitweiligen visuellen Wunde verwandelt, was an sich ein starkes Bild ist (auf Kopfhöhe ein breiter Strich, die schwarze Farbe ist in vielen Varianten hinuntergeflossen, in dem Strich und in die Streifen sind winzige Bildchen geklebt), ist das zu abstrakt, zu kalt. Und was können die vielen kleinen Bildchen, die wie Nagelköpfe auf diese Farbspur gedrückt sind, denn mehr sein als eine weitere Erinnerung und Hommage daran, wie überflutet unsere Welt vom Bildlichen ist - so überflutet, dass wir nicht mehr sehen, was wir sehen... Das ist reichlich platt, wenn auch vielleicht in der Kälte der Darstellung, der vermutlich gewollten Objektivität durch die Verkleinerung der Motive sich eine grosse Spannungsweite aufbauen könnte: die Spannung zwischen Vielfalt & Sichtbarkeit, zwischen Gross & Klein... Wirklich sinnlich ist seine Kunst nur einmal - in der Anlehnung an Malewitschs Quadrat, das er fast orientalisch einhüllt oder -rahmt. Aber auch das ist einfach ein Teil des Parcours eines modernen russischen Künstlers, scheint mir, - dass er mindestens einmal mit dem berühmten Quadrat "gespielt" haben muss, wobei Ironie und Sarkasmus hineinfliessen sollten. Das ist schon fast keine Bezugnahme mehr, sondern pure Unterhaltung, und Kunst sollte nicht zur Spassigkeit verkommen. Shuravlevs Werke aber scheinen nach dem Durchgang durch seine Bieler Ausstellung vor allem eines zu sein, beliebig.