Geschehen in der Stube

Eine Deutlichkeit umspielt 

Die Kammer — die Decke 

Voller Reflexe von unten —

Die Wärme bleibt aus —

Die Dornen beginnen sich zu regen

In der Stube — wehren den Händen —

Treiben die Winkel voran 

Mit ihrer spitzen Fülle — 

Und die Ausbreitung der Stille

Nimmt Überhand und macht Fortschritte

Bis dort unten im Schemeldunkel —

Die Formen-Haufen äffen 

Blaffend die ausgestreckten Federn nach — 

Die Wärme nimmt jetzt ab — 

Der Ergebenheitsdünkel sondert

Klickende Laute der Rache ab — 

Und die Deutlichkeit mehrt sich 

Im umbrüsteten Raum da unten

Der letzte Schleim noch nicht trocken — 

Ein müdes Leuchten bricht sich die Sporen

Am zahnweissen Glas des Unterlichts 

 

Im Getrappel beginnender Stiche. 

Zürcher Haiku

Blaue Hemden mit Bier

Und Bonität in Visagen tragen

 

Stirnfalten in Dörfer. 

Das Wachsen der Winden

Die Pausen in deinen Falten 

Werden nicht tiefer davon

Dass du sie mit dem Sandwasser

Des Frühlings flutest oder

Mit geeignetem Schuhwerk ausgerüstet

Die eingenisteten Sporen jagst —

 

Die Risse in deinen Pausen 

Zeigen dir nicht an

Ob und wie

Die knurrenden Formen 

Aus Heimweh und Himmelreich 

Mit ihren surrenden Bügeln 

Die Spannung noch länger aushalten

Als diene verworfenen Hände —

 

Die Stachel in deinen Unterarmen

Kommen nicht nur daher

Dass du wieder einmal nicht

An die Sohlen geglaubt hast

Dem feuchten Sommergras immer noch nicht

Traust oder die Winden immer noch gerne

 

In den Zwischenräumen deiner Zehen wachsen lässt. 

"Moderne" Lyrik. Eine Gegen-Poetik

 

Und wenn ich heute meinen Facebook- Account öffne, erscheinen zwischen Weltuntergangsnachrichten kleine Kunstwerke, welche mein Leben bereichern, mich erden und mich lächeln lassen. (Steffi Seitz, auf http://www.huffingtonpost.de/steffi-seitz/lyrik-im-21-jahrhundert_b_10959786.html)

 

Es ist eine merkwürdige Sache mit der Lyrik, mit den Gedichten. Obwohl selbst Lyriker, verstehe ich sehr wohl die Bedenkenträger, die da unter Lyrik Gefühlsduseligkeit und Weltabgewandtheit, ja vielleicht sogar Esoterik vermuten - irgendetwas Verschwörerisch-Blumenhaft-Meditatives. Die Bedenkenträger, denen man ein Gedicht in die Hand gibt oder schenkt, die verlegen lächeln und antworten: Oh, danke, das werde ich dann in einer ruhigen Minute lesen. Und die ruhige Minute kommt nie - nicht in unserer leistungsorientierten, gerätegelenkten und sofortigen Welt. 

Und der Lyriker sind viele! Menschen ganz unterschiedlichen Alters, mit und ohne Lebenserfahrung - obwohl „Lebenserfahrung“ in unserer mitteleuropäischen Welt inzwischen ja eine Sache ist, die vielen nicht mehr widerfährt, weil sie ereignislos-behütete Leben leben. All diese Menschen haben über die Lyrik, über das „Dichten“ (das viele so oft - allzu oft - im Mund oder unter der Feder führen) ein wenig von sich selbst entdeckt, die eigenen Gefühle verkosten gelernt, das Reden von sich erprobt, wurden also in gewisser Weise ermächtigt. 

Ja, Ermächtigung - der moderne Mensch ist nicht (mehr) ermächtigt, er hält sich nur noch für ermächtigt, lässt sich aber längst von anderen Gegebenheiten steuern, von anderen Wirklichkeiten prägen und beeinflussen. Die Ermächtigung, die wir Menschen des 21. Jahrhunderts erleben, ist eine Ermächtigung zum Konsum, zur Ablenkung und zur Zerstreuung. Nur ja nicht mit sich selbst konfrontiert werden, nur ja nicht in der berühmten Pascal’schen Kammer allein eingeschlossen sein! 

Die Lyrikerin, der Lyriker des 21. Jahrhunderts glaubt an die Möglichkeit einer Befreiung aus Hamsterrad und Einkaufszentrum-Glückseligkeit. Er glaubt auch an eine unmittelbare Befreiung durch sein Schreiben, eine Art „self fulfilling prophecy“: über das Schreiben weiss er sich ausgelöst aus dieser Sklaverei der Moderne. Ihre oder seine Gedichte sind Akte der Befreiung. (So redet auch Steffi Seitz im vorangestellten Zitat von „erden und lächeln lassen“: einen Zwischenhalt in der Hektik der vermeintlichen Realität.)

Diese Akte der Befreiung haben aber eine Ähnlichkeit mit der Welt und der Zeit, in der wir leben. Sie wollen Ausschliesslichkeit und „Sofortigkeit“: sie glauben an die Worte, die da stehen, an ihre Richtigkeit, an ihre Relevanz, an ihre Resonanz. Die Lyrikerin und der Lyriker müssen das - da stimme ich schon zu: Glauben sie nicht daran, dass sich letztlich doch was sagen lässt über sich und die Welt, haben sie nichts mehr zu sagen. 

Und doch fehlt da etwas. Es genügt nicht, sich den Seelenkummer oder das Weltenelend von der Brust zu schreiben. Es genügt nicht, einen allzumenschlichen Zustand nochmals allzumenschlich zu umschreiben und das Risiko von Gemeinplätzen einzugehen. Es genügt nicht, in all der Rosenumkränztheit sich der inneren Welt zuzuwenden, dem leidenden, fühlenden Ego - denn darum geht es in unserer Welt weitestgehend nur noch. Es genügt nicht, sich „frei zu schreiben“. Das ist dann nur noch eine Form von (Lebens-) Therapie: die berühmte heilende Kraft des Wortes: „ich schreibe, weil es mir gut tut“. 

Man verstehe mich recht: auch ich schreibe immer wieder, weil ich „was los werden muss“, weil mich „was bedrückt“. Doch sind dies dann selten Gedichte, die ich auch in zehn Jahren noch zu meinen besten zählen werde. Nicht, weil sie persönlich wären - ganz im Gegenteil: sie sind voller Gemeinplätze und Metaphern, die weder wirklich sagen/ausdrücken, was ich „empfand“ - abgesehen davon, dass dieses „Empfinden“ in seiner Sofortigkeit immer ungewiss und unsicher ist -, noch realiter umsetzen, wohin ich wollte. Doch zum „Umsetzen“ später.

Die Lyrik boomt, das ist sicher so und liegt sicher ebenso an der Welt und Gesellschaft, in der wie leben. Doch die Lyrik hat  ein Image-Problem (als ob uns das noch gefehlt hätte!). Dieses Image-Problem hat  seinen Grund gerade in der Art und Weise, wie Lyrik meist betrieben wird - und wie ich sie hieroben zu beschreiben versucht habe. Denn wenn Lyrik für „Gefühle“ stehen soll, für einen „Akt der Befreiung“ im eigentlich ganz und gar Privaten, wenn sie interindividuell nachvollziehbar sein soll wie ein Zeitungsartikel - kann sie nicht mehr wirken.

Wenn ich als Lektor arbeite (und ich tue das immer im Sinne der Autorin, des Autors), stehe ich häufig vor einem Dilemma, das mir Freude und Schmerz bereitet. Freude, weil hier jemand etwas Alt-Neues auszudrücken versucht (Liebe, Trennungsschmerz, Abschiednehmen, Freude über den Frühling und allgemein über die Jahreszeiten); Schmerz, weil es in einer Form daherkommt, die klischierter nicht sein könnte. 

Denn das muss doch mal gesagt werden (jetzt schreibe ich mir etwas vom Herzen): Ja, die meisten Lyrikerinnen reimen; ja, die meisten Lyriker lieben die Inversion in ihren Versen; ja, die meisten Lyrikerinnen neigen zu adjektiven Ergüssen; ja, die meisten Lyriker suhlen sich geradezu in Gemeinplätzen.

Als Lektor und als Leser will ich jedoch nichts davon hören! Als Leser und Lektor will ich endlich, endlich einmal von der Brutalität eines Gedichts mit neuen Metaphern überfahren werden. Als Leser und Lektor will ich endlich, endlich einmal von der Schlichtheit und Strenge der Sprache geteert werden. Als Lektor und Leser will ich endlich, endlich einmal von der Sprache selbst hören, und nicht von der Lyrikerin, dem Lyriker. Als Lektor und Leser will ich endlich, endlich einmal von einer Wendung, einer Floskel, einer Metapher tödlich verwundet werden wie der Heilige Martin mit seinen Pfeilen. 

Ja, die Lyrik muss mehr wirken: denken wir an all die grossen Gedichte, die uns nicht mehr losgelassen haben, seit wir sie gehört haben (Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört, hungernd hysterisch nackt). 

Ja, die Lyrik muss mehr wollen: mit jedem Gedicht muss der Lyriker, die Lyrikerin noch weiter hinaus in die unerforschten Grenzgebiete der Sprache oder des Sagens, an die „final frontier“ des Sprachraums vorstossen. Es muss ihr und ihm ein Wollen, ein Müssen sein, das Gedicht wie einen Nagel in die Wand der Wirklichkeit zu treiben, die uns umschliesst. (Und das kann man jetzt gerne für „Esoterik“ halten!)

Denn im „Umsetzen“ einer Idee oder eines Gedankens liegt die eigentliche Lyrik. Nicht im (Her-) Zeigen und Aussprechen, sondern im Aufzeigen und in der Entfremdung liegt die Kraft guter moderner Lyrik, wenn alle die traditionelle Schlacke von Adjektiven und Reimen und Inversionen und Gemeinplätzen abgelegt sind: entstehen Gedichte, die der Lyrikerin selbst fremd sind; entstehen Gedichte, die dem Lyriker Furcht einflössen. 

Das aber ist ein Ziel, das sich nicht mit Zielorientierung verträgt. Womit ich wieder an den Anfang meiner Tirade zurückkomme: die Bedenkenträger, von denen ich dort sprach, all unsere besten Freunde, die unser Schreiben belächeln als ein Hobby, eine Schrulle oder was noch, diese Bedenkenträger haben ein Anrecht auf solche Gedichte, die über die Autorin selbst hinauswachsen, eben: mehr sind. Als Lyrikerinnen aber dürfen wir ihr rational-weltliches Argument nach Verständlichkeit und nach Inhalten nicht (niemals) ernst nehmen: Lyrik ist nicht Zweckware, Lyrik ist nicht Gebrauchsgut.

Oh, sie darf und kann gefallen und schmecken, aber sie sollte nicht auf billige Unterhaltung aus sein, auf unmittelbare Befriedigung unserer „Erdungs“-Wünsche, auf eine direkte Streicheleinheit für unsere „Seelen“. Lyrik mit Zukunft, könnte man diese Tirade zuspitzend beenden, muss sein wie ein schreckliches Bild aus einer Kriegsregion (dem Ich oder dem Wir, dem Ihr oder dem Du), das uns nicht mehr los lässt; muss sein wie ein Einblick in einen blutigen Operationssaal, auf dem zufälligerweise ein Regenschirm auf eine Nähmaschine trifft; muss sein wie ein spasmischer Körper im Schmerz oder in der Lust. 

 

FAKT III

Als würde auf mich getreten

Und die Äste der Linde wüchsen

Unter mir — ein zuckerloses Plappern

Im Zitronenlicht des sirupblauen Himmels —

Rache an den Füssen nehmen 

Die sich am Abdomen unternehmerisch

Reiben und in den Hemingway für eine

Notwendige Sterilisierung eintauchen und dann

Fast nicht mehr gewölbt 

Nicht einmal mehr ein bisschen Buckel

Einschlüpfen in die Welt des drucklosen

Aufquellens: all die Mitteilungen

Unterm Himmel mit seinem Lindengelb

Und im Kleeparcours und all die Röhrlinge

Im Schatten bauchig aufgestellt

Worunter die schabenden Gespräche 

Der Kriechtiere nippen am Tropfen meiner Spucke —

Als stehe jemand auf mich

Mitten im Lauf angehalten

Mit Ekel im Gesicht und riebe

Seine Sohle an der Hose trocken —

Aber auch diesem Reiher 

Kann ich zuvorkommen

Wernn er schläft und die Lindenäste

 

Anders wüchsen als gewohnt. 

FAKT I oder Schneckenliebe

Deine Schleimspur 

Hongzimtenbitter

Verführt und führt 

Zu dir lang und in die Senkrechte

Jetzt schon in den Kreis

Einbiegend zu mir und ich

Kann ihn nicht schliessen

Kann ihn nicht schliessen

Schon deinen Schwanz vor mir 

Langsam locken und enger wird

Der Kreis bis ich ganz

Zu dir aufgestossen bin 

Mit meinem raspelnden Mund

Voller glänzenden Kotze

Und ich anrasple von hinten 

Deine Wildtierstreifen anknabbere 

Lau und einer von uns 

Einen steifen Faden vertäut am Baum

Und wir sind Moby Dick

Schlung um Schlung

Fallen in die Tiefe und dort

Mit unseren nicht allzu sanften Lippen

Küssen und küssen und küssen 

Die Schlünde die Schleusen schon offen —

Stülpen unterm Kinn die Schläuche aus

Jetzt schon Feuerwehrmänner

Schadensbegrenzung pendeln am silbernen Faden

Wie Fliegen im Kreis die sich selbst finden müssen

Sich finden und selbst küssen und das Gut

Von mir und das Gut von dir einander

Zuraupen unter unseren beissen Lippen

Perlfarbene Blüte ein Mondpendel 

Von Faltern umbrummt und ich 

Lasse mich fallen ins raschelnde Laub

Und hätte gerne den silbernen Faden 

 

Aufgezehrt das Gut von dir in mir

Jericho

Die dünne Scherbe 

Ansetzen am Rad des Walls.

Mit ihr die Sehnen durchtrennen

Die alles ermöglichen:

Die Gegenwart vor dem Fenster

Und das Fehlen der Trompete —

Und danach jedermann auf seine Art. 

 

Das Loch weiten mit aller Kraft

Und die Spatzen sammeln wie

Zu weit geflogene Golfbälle

Und durch das Loch wursteln:

Von drüben sollen sie

Rahabs Schnur bringen —

 

Und danach jedermann auf seine Art. 

Danke, ab hier übernehmen wir I

Gepanzert ist die Mehrheit 

Aus Lippendienst und in Kanonen-

Konserven erhalten für

Die endlich rollenden Ausnahmezustände —

„Dies ist nicht länger eine Demokratie“

 

Die Bücher entfalten ihre vielen Köpfe und

Die Haselnussbäume kriechen

Ihre Fühler ausgestreckt 

Mit der nötigen Langsamkeit

Über die vermüllten Plätze und

Im Asphalt steht in Raupenschrift 

Was der Mehrheit anstelle an der Minderheit

Geschieht: „Dies ist nicht länger…“

 

Lange gerollt mit viel Ballast

Aus züngelnden Vergleichen und zündenden

Analogien — und die Brücken behangen 

Mit Love-Charms — doch jetzt ist es

Ein anderer Frühling mit metallenen

Flügeln und andere Blüten werden übers GPS

Anvisiert: „Dies ist nicht länger eine Demokratie“

 

Aus dem Strudel des Eigentums und 

Den Sahnekirschen der Beschwichtiger 

Wurde der Eclair der Affichage und selbst

Der Whooper erhält nun sein lange ersehntes

 

Rohr: „Dies ist nicht länger eine Demokratie“

Nach Sibirien!

Die Gemeinplätze deines Albtraums 

Sauber und willig — viele haben dran schon geschabt

Mit ihren Pantoffeln und viele haben sie genossen

Mit ihren Lederzungen — der Albtraum selbst 

Niemals stubenrein und selbst dein Stubenreim

Domestiziert ihn nicht: überlebe erst einmal

Die eigene schnelle Bereitschaft und

Den eigenen Dreck der sich 

Verfangen verfängt und verfangen wird

In den Haaren deiner Gosche — der Albtraum 

Lebt von dem Willen zur Sauberkeit und von der

Werbenden Billigkeit — so lange bis du

Du selbst ihn sagst

Mit Worten aus Stacheldraht

Willig wie hervorquellende Därme 

Sauber wie ein Fusspilz — mit Worten

Wie Oger-Zahnstocher und über die 

Gemeinplätze wird niemals niemand 

Mehr gehen: Pantoffeln werden 

In die Wüste geschickt und die Reime

Nach Sibirien. 

Das Weltall ist ein öder Ort

Heulend stossen wir aus

Nicht anders als Fakire

Blut schiesst aus unsere Schoss

Den ungedemütigten Wind.

 

Und im Moment der Schwerelosigkeit

Aufgeblasen wie das Glas des Himmels

In der schon verzischenden Hitze

Bricht die Spitze unserer Veilchen-Eier. 

 

Heulend stossen wir ab

Nicht anders als Echsen

Die Lehmgeburten auf Asphalt

 

Die unumstülpten Worte. 

Rollen der Köpfe