Restheimat

Deutsch und deutlich
drängt mich ein widerstand
ausgedehnt wie der reif auf dem umbruch
aber unmarkiert
hinein in den verlust der gesichtsmuskeln -- 
wenigstens brennen die schlüssel 
nicht länger wie dietriche!
 
einen augenblick lang
schreckt mich nichts mehr -- 
weder die blaue visage der schuld
noch die rote wange der wut -- 
ich bin nadel und nagel -- 
ausgestreckt wie ein zeichen im schnee
und fühle die härte meiner tränen 
die mein gesicht durchstechen
und die eisige hose meines urins an den beinen. 
 
aber dann ist es schon zu spät
aber dann ist es auch schon aus -- 
kein notnagel wird mich mehr befreunden
keine notnadel ausschlagen
bis in den orient. die schlösser
in ihren irdenen fassungen 
brechen ohne widerstand heraus
ganz unabhängig vom sprachschlüssel
und durch das kaninchenlochgrosse auge der türen
die mich in den feldern erwarten
erspähe ich den rest heimat
hingespritzt wie der sinnlose samen der habenichtse
auf die dunkle leinwand der habenden 
und ganz ohne berge

 

und ganz ohne dich -- 

Cowboy

Aufwachen aus dem blinden 

Vorgesehenen und noch nicht

Zermahlenen Zeichen — bildgebender

Zahnradlauf hinab in die Wagenburgen

Des Zuträglichen. Ich als minimale 

Lösung von vermauerten Träumen. 

 

Seht wie die Skelette auf der Suche nach Kristallen

Pendeln über die Weiden des Alltags!

 

Ich als Lösung von eben erbauten 

Unruheläufen — im Rücken die Donners

Und im Initialen die Aufstiege zum Erträglichen. 

Aus dem bildenden Vorgeschehen 

Heraus ist nicht zu erzählen: bleibt

Die Stunde in ziffernloser Kauerhaltung. 

 

Seht wie die Skelette in der Zentralperspektive

Hüpfen zwischen den mittäglichen Zeichen!

Rauschen/Herbst

Bäume werden Menorahs — 

Das ganze Licht kommt jetzt 

Durch und durch. Was brannte

Verklumpt und erdig liegt es da. 

 

Die Zeit nimmt immer mehr ab

Auch sie verklumpt 

Wie der Zucker im klammen Kellerloch. 

 

Ein rasender Spott ruht auf dem Land: 

Die Bräune breitet sich aus

Und das Rauschen von salzigem Licht 

Noch mit Milde aber bald

Wie ein Springflut bis ins Hirn

Das bereits zum Saugen die Lippen spitzt. 

 

Und von den Bäumen hängen 

Die Sterne wie Früchte und tropfen

Ihr altes Licht auf uns 

Die wir über unsere Madrassen hinweg

Umarmungen versuchen 

Zum Jahrhundertklang des Herbstes. 

Gehobener Schatz

Ein maler beschreibt wie er eine japanische mit den kalligraphien einer freundin auf der Pariser mülldeponie sucht
Da steigt dein bild in mir auf aus der nacht und ich hatte alles vergessen und sogar meine träume steigt auf aus meinem traum von der eigenartigen farbe deines gesichts und der scheuen mutwilligkeit deines lächelns
Und ich versuche während mir der metallische und saure reiz von müll in die nase steigt nicht mich zu erinnern
Das wäre wie die suche des malers nach der rolle mit kalligraphien seiner japanischen freundin vergebliche liebesmühe
Aber doch den fahlen anschein der orte im traum
Immer die gleichen: der kiesige Strand eingeklemmt zwischen mauer und turm die leicht abschüssige wiese vor den ebenerdigen balkonen und das unendliche dickicht danach das zum versumpften fluss führt
Und dein gesicht im traum von dieser eigenartigen farbe die sonst der haut der rothaarigen eigen ist eine art schilffarbenes licht
Das ich nie berührt habe und nie mehr berühren werde und ich sehe aus dem zugfreister 
Den reiher mit eingezogenem hals auf dem reifacker stehen während mein nachbar mich in die rippen stösst um bequemer zu sitzen und entweder ein sehr seltsames parfum trägt oder sich einfach wieder mal nicht gewaschen hat heute früh
Und ich könnte das gesicht nicht beschreiben ausser den zarten krähenfüssen und den tiefer werdenden lachfalten um den mundwinkeln die du damals und im traum nie hast
Und doch bewegt es die dampfenden Komposthaufen und die schutthaufen der geschichte meiner seele bis auf den kalkigen untergrund
Der vermutlich auch einfach aus dreck und scheisse geformt ist
Und ich fühle die trauer aufsteigen die freudige trauer darüber dass
Liebe nie vergeht und ich 
Wenigstens wenn ich das schwitzen eines hartkäses sehe
Eines Cantals zum beispiel mit seinem rosamilchigen grobporigen fleisch
Ein wenig von der essenz und der konsistenz deines gesichts und des traums heraufrufen kann
Und ich öffne das buch nochmals und begebe mich auf die suche nach dem wort aus dem bericht des malers
Über den verlust der rolle mit japanischen kalligraphien seiner freundin
Das dein gesicht nur für kurz gehoben hat
Aus dem gewirr und gewimmel
Unter all den vergessenen und vergessenswerten gesichtern meines lebens. 

Rollen der Köpfe